Im Mai des Jahres 73 nach Christus haben Menschen ihren Todesmut auf die Spitze getrieben. Die Erhebung des jüdischen Volkes gegen die römischen Besatzer war gerade niedergeschlagen, der Tempel in Jerusalem von den Legionen des Titus zerstört worden, da flüchteten sich die letzten tausend Aufständischen auf die Bergpyramide von Masada unweit des Sees, den schon die Alten das Tote Meer nannten, weil sich dort keine Form von Leben entwickeln kann. Drei Jahre lang widerstanden sie der Belagerung. Ohne den letzten Sturmangriff abzuwarten, entschlossen sie sich, statt zu kapitulieren sich gegenseitig zu töten.
Nachdem die römischen Soldaten die Festungsmauern erklommen hatten, fanden sie nur Sterbende oder Leichen vor. Für die Aufständischen gab es nur die Wahl zwischen Sklaverei und Schande oder dem Tod. Für sie war der Tod die letzte Zuflucht. Ist der Tod eine Wahlmöglichkeit unter mehreren, so sind die anderen meist weniger präzise und vor allem schwieriger zu vergleichen. Denn nur der Tod ist unumkehrbar. Alle anderen Möglichkeiten lassen mehrere Türen offen, sie schließen nicht aus, dass noch unvorhersehbare Entwicklungen kommen könnten. So hart die gegenwärtigen Lebensbedingungen auch sein mögen, die Zukunft ist nie ganz festgelegt. Nur der Tod vernichtet jede Zukunft.
Das Verhalten der Widerstandskämpfer von Masada lehrt uns paradoxerweise, den Tod niemals als Helfer anzusehen. Das gilt auch für Urteile in der Rechtsprechung: Der Tod ist ein zu großes Geheimnis, als dass er in den Katalog der Strafen gehörte.
Kommentare
Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.