Das Gilgamesch-Epos
(Erste Tafel , Zeilen 25- 41)
Komm und lies gründlich die Lapislazuli-Tafel,
Die erzählt, wie er, Gilgamesch, durch alle Beschwernisse zog!
Überragend ist er, weit voran den Königen, der
Rumreiche von schöner Gestalt,
Der heldenhafte Abkömmling von Uruk, der stößige Stier.
Er geht voran, ist der Allererste;
Er geht hinterher, ist die Stütze seiner Brüder,
Ein starkes Kampfnetz, der Schirm seines Heerbanns;
Eine wilde Wasserflut, die Steinmauern zerstört,
Spross des Lugalbanda, Gilgamesch, der an Kräften Vollkommene,
Kind der erhabenen Kuh Rimat-Ninßun.
Der Wildstier Gilgamesch, der Vollkommene, Ehrfurchtgebietende,
Der fand die Eingänge in das Gebirge,
Der dürstete nach den Zisternen am Rande des Steppenlandes.
Der die See überfuhr, das weite, zum Sonnenaufgang liegende Meer.
Der die Weltränder ins Auge fasste, überall das Leben suchend,
Der in seiner Stärke gelangte bis hin zum fernen Utnapischtim.
Der die Städte wiederherstellte, die die Sintflut vernichtet hatte.
(Nach Albert Schott, Reclam)
Analyse
Wenn man das hier Geschriebene liest, es stammt aus verschiedenen Tafeln aus der Zeit vom 21. vorchristlichen Jahrhundert bis zum 6. Jahrhundert v.Chr., gelangt man in einen ganz eigenen Rhythmus. Meist sind es zwei starke Hebungen, die den Reiz des Vorwärtstreibens ausmachen. Das wurde stilistisch möglich gemacht, weil die Übersetzungen der letzten Zeit dermaßen sorgfältig und dem damaligen Ton angepasst vorgenommen wurden. Prof. Albert Schott hat hier seinerzeit wohl den größten Beitrag geleistet. Und auch die Worte selbst, vielmehr die damalige Vorstellung von der Welt in Worte gefasst, alles ist verständlich.
Nur die Bezeichnung des Helden Gilgamesch (als Stier, als Wildstier!) ist für uns ungewöhnlich, wird aber sogleich verständlich, wenn man die Bedeutung des Rindes für die damalige Bevölkerung betrachtet (Lieferung von Fleisch und Milch, Zeichen der Stärke und Fruchtbarkeit beim Stier) und diese Bezeichnung symbolisch deutet.
Ebenfalls zu erklären wären die im Epos auftretenden Namen. Gilgamesch selbst, er ist der sagenhafte König von Uruk aus der Zeit um 2750-2600 v. Chr., Lugalbanda ist einer seiner Vorgänger (evtl. Vater), also ebenfalls ein König und die Mutter Rimat-Ninßun, (die Kuh!), sie wurde als Göttin verehrt (hier wird die Vergöttlichung der Kuh spürbar wohl als Symbol für Mutterschaft oder auch mütterliche Leitung; das Hin- und Her zwischen Gilgamesch und seiner Mutter im Epos, die später auftretende Beziehung zwischen seinem Freund Enkidu und der Tempel- Dirne wird heute von den analytischen Psychologen als menschwerdende erotische Beziehung gedeutet, als Beginn von Kultur, von Ichbezogenheit und von Miteinander, von Verbund des irdischen Lebens mit Religion). – Utnapischtim (aus Schurrupak) ist ein Flutheld, vergleichbar dem Noah des Alten Testamentes, er baute in der Sage ein Schiff, das der Sint-Flut trotzte.
Soviel für`s erste vom Gilgamesch-Epos, einem der ältesten literarischen Werke der Welt aus sumerischer und akkadischer Dichtung entstanden, deren Wert so hoch geachtet wurde, dass sie über Jahrhunderte hinweg immer wieder kopiert und ergänzt wurde ohne den eigenen Charakter zu verlieren. Die kulturellen und religiösen Werte dieser Zeit sind beispielgebend wohl auch für das AT, für unsere heutigen Werte und deshalb allein schon wäre ein so vernichtender kriegerischer Angriff auf dieses Land, den Irak nämlich, mit verheerender Zerstörungen der kulturellen Zeugnisse zu verhindern gewesen, aber was weiß schon ein damaliger amerikanischer Präsident von alter Kultur, der schon beim (im Fernsehen gezeigten!) überschäumenden Einschenken seines Bieres ehrfurchtsvoll an die Sumerer hätte denken sollen, denen er dieses herrliche Getränk verdankt. Die Sumerer haben das Bierbrauen entwickelt.
Darüber, und über mehr noch, wird in weiteren Folgen des Epos ausführlich gesprochen werden.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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