Ich habe von Leuten gehört, die immer sonntags nach dem Ende des obligatorischen “Tatort€ bzw. von “Polizeiruf 110€³ rasch ins Bad flitzen, um sich einen Eimer zu holen. Sie können sich gewiss denken, wozu. Ein Tipp: 21.45 Uhr kommt nämlich “Anne Will€€¦
Wer träumt denn da noch vom Kommunismus?
Die Talkshow behandelte – wie immer – auch gestern wieder eine uns allen auf den Nägeln brennende Frage der Zeit. Diesmal lautete die sie: “Wirtschaftsboom und Jobwunder – wer träumt da noch vom Kommunismus?€ (zu sehen via ARD-Mediathek; Wdhlg. heute 16.30 auf Phoenix).
Schon die erste beiden Begriffe “Wirtschaftsboom€ und “Jobwunder€ hatten das Zeug dazu, Heiterkeit zu verbreiten. Das konnte ja noch lustig werden! Dann wurde es aber doch erst einmal bitter ernst. Klar, denn es ging ja in der Sendung in erster Linie (und zwar sehr durchsichtig zu, wie sooft bei “Anne Will€) darum, der LINKEN-Vorsitzenden Gesine Lötzsch nochmal ordentlich Einen einzuschütten. Man nennt das auch Nachtreten. Sie hatte es sich ja verdient, indem sie das böse “K€-Wort gebraucht hatte! Schlimmer noch: Sie hatte einen Beitrag für die “junge Welt€, überschrieben mit “Wege zum Kommunismus€, verfasst hatte.
Anpappendes
Der Kommunismus pappt der linken Frontfrau Gesine Lötzsch nun an, wie – mit Verlaub: Berliner Hundekot am Schuh. Kaum glaubt Frau Lötzsch den Unrat abgestreift zu haben, kippen bestimmte Medien schon wieder nach: ihr vor die Füsse. Selbstredend wollte da auch Anne Will nicht abseits stehen und kübelte deshalb fleißig mit und nach. Was – wen wundert’s? – dabei freilich besonders hartnäckig pappen bleibt am Lötzsch’schen Schuh ist das Wort KOMMUNISMUS. Da kann sie – und können andere – noch so vehement beteuern (und so steht es ja auch schwarz auf weiß in der “jungen Welt€ zu lesen), sie und DIE LINKE hätten den Demokratischen Sozialismus im Sinn. Es hilft nichts: Da muss sie – und DIE LINKE mir ihr – nun durch.
Ehrlich und töricht zugleich
Zweifellos hätte Gesine Lötzsch besser auf den Weg achten und sich und der LINKEN die leidige und lästige “K€-Diskussion ersparen können. Dann wäre sie wohl nicht voll hineingetappt in die widerlich anhaftende Masse. Und damit nicht in die Falle, die nur allzu gerne einige Medien und diverse Politiker über ihr und der Partei DIE LINKE würden zuschnappen sehen. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Gerade in der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise, deren Ursachen zweifelsohne im System des Kapitalismus – welchem Krisen immanent sind – zu suchen und auch zu finden sind, müssen Fragen nach gesellschaftlichen Alternativen zum Kapitalismus gestellt werden dürfen. Denn diese Gesellschaftsordnung ist offenbar mitnichten das Ende der Geschichte, wie Fukuyama, meinte. Wer, wen nicht DIE LINKE, steht auf der Suche nach einer gerechterer Gesellschaft immer wieder vor der Frage nach geeigneten Wegen danach zu suchen?! Doch die Zeit, die Gesine Lötzsch dafür (noch dazu in einem “Superwahljahr€!) wählte, muss in diesem Falle dann doch als unglücklich bezeichnet werden. Wen dies im vorliegenden Falle auch für die Ehrlichkeit einer Gesine Lötzsch sprechen mag: man müsste ihr (unüberlegtes? Handeln) eigentlich zugleich mindestens politisch als töricht bezeichnen.
Oskar Lafontaine parierte die Will’schen Angriffe intelligent
In der gestrigen “Anne Will€-Show hatte deren Namensgeberin in Oskar Lafontaine (Fraktionschef DIE LINKE im Saarländischen Landtag) glücklicherweise einen Gegner, der die Angriffe der abermals giftig blitzenden ARD-Moderatorin, intelligent zu parieren verstand. Zwar musste er (und so kennt man “Lafo€) zu diesem Behufe hin und wieder ein wenig vom Grundtenor der polemisch-provokant gestellten Will-Fragen abweichend antworten. Um z. B. etwa erst einmal den Begriff des Kommunismus zu erläutern bzw. dessen geschichtliche Abstammung oder Berufung auf das Urchristentum darlegen. Als wohltuend empfand ich, dass Lafontaine – der sicherlich das Lötzsch-Essay zum jetzigen Zeitpunkt unglücklich empfunden haben dürfte – Parteidisziplin (im Gegensatz zu diversen Plappermäulern in der Partei DIE LINKE, die aus Freude, einmal im SPIEGEL hofiert zu werden, nicht an sich halten können) wahrte und sich loyal hinter Gesine Lötzsch und ihren Aufsatz stellte. Lafontaine, der alte Parteifuchs und brillianten Rhetoriker, wäre gewiss geschickter zu Werke gegangen als Lötzsch. Schon deshalb, weil Oskar Lafontaine die zu Hysterie neigende deutsche Presse zur Genüge kennt. Warum ihr also unnötig Angriffsfläche bieten? Lafontaine hat recht, wenn er anmerkt, dass eine derartige Kommunismus-Hysterie wie sie derzeitig in der BRD hochgekoch wird, in Frankreich, Italien oder Spanien höchstens Achselzucken und Verwunderung hervorriefe.
Brüderle kennt die Wirtschaft!
Dagegen geht es hierzulande – erst recht bei “Anne Will€ – wie üblich eher holzschnittartig und bisweilen burlesk zu. So konnte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gestern nahezu unwidersprochen von Anne Will sein Märchen vom derzeitigen und dem bald schon nahenden (am Donnerstag will er neue Zahlen verkünden) noch stärkeren Wirtschaftsaufschwung verbreiten. Nichts weiter als unterirdische Hurrapolitik! Fast fühlte man sich da an DDR-Propaganda erinnert, nach der es bekannlich mit der Wirtschaft und dem Lande immer besser schneller, höher und weiter voranging. Glaubt der Mann eigentlich selber daran? Der größte Brüderle-Kracher auf einen Einwand aus der Runde: “Wirtschaft muss man schon kennen!€ So kann nur ein Weinverkoster reden. Schließlich, so Brüderle, wirke doch die Politik der Bundesregierung bereits. Heisst: Nur Geduld, Leute, lasst uns nur machen. Seht: Die Arbeitslosenzahlen sinken. Nie gab es so viel Arbeitsplätze wie heute. Wir sind auf einem guten Weg. Und wieder die alte Mär: Sozial ist, was Arbeit schafft. Unsäglich!
Die Realität
Unbestritten gibt es einen Aufschwung (auch bedingt durch ein Nachholeffekt nach dem Durchschreiten des schwersten Teils der Krise). Aber ebenso unbestritten ist, was Talk-Gast Aelrun Goette, die Filmemacherin, bei ihrer Arbeit erfuhr: Dieser Aufschwung kommt nicht bei allen Menschen an.
Der “Paternoster-Effekt€
Was auch der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge (stiess später zur die Will-Runde) in seinen Forschungen bestätigt findet. Butterwegge war es gestern auch, der ( ganz im Gegensatz zu Moderatorin Will) darauf hinwies, dass geschickte Rechnungen und “Bereinigungen€ seitens der Bundesregierung dafür verwantwortlich sind, dass wir momentan so “wenig€ Arbeitslose haben. Überdies habe zwar die Beschäftigung zugenommen; man dürfe jedoch dabei nicht vergessen, dass die Zahl der prekarisierten Arbeitsverhältnisse (die Gründung einer Familie nicht zulasse) hierzulande immer weiter zugenommen habe. Butterwegge war es auch, der in seinen Arbeiten der These vom “Fahrstuhl-Effekt€ (wonach in einer Gesellschaft entweder alle noch oben, oder alle nach unten fahren) widerspricht. Der an der Universiät zu Köln arbeitende Politik- und Sozialwissenschaftler spricht deshalb auch viel passender vom “Paternoster-Effekt€ in der gegenwärtigen Gesellschaft: Die Einen fahren immer weiter hinauf, die Anderen hinunter ins Abseits. Rainer Brüderle, der Kraft seiner Wassersuppe (€Wirtschaft muss man schon kennen!€), die bundesdeutsche Welt wider der Realität rosarot sieht, hielt Butterwegge Bedrückendes entgegen: In der BRD wurde 800.000 Menschen der Strom abgestellt und 400.000 weiteren der Gashahn zugedreht (sie konnten die Rechnungen nicht mehr bezahlen).
Ihnen wurde damit – meinerseits einmal zynisch ausgedrückt – sogar eine Möglichkeit genommen Suizid zu begehen. – Was soll man denen – pardon: schon wieder zynisch – nun raten: Nehmt stattdessen doch den Zug?
Jan Fleischhauer: Vom Saulus zum Paulus
Dass ein “linker Politikwissenschaftler€ (Anne Will) wie Christoph Butterwegge in einer ARD-Talkrunde nicht allein geduldet und ertragen werden darf, ist klarer wie Kloßbrühe. Als sozusagen Guten, vom Saulus (Alt-68er) zum Paulus (SPIEGEL-Autor) gewandelten – zur Vernunft gekommenen – inwischen “per Zufall zum Konservativen€ gewordenen Menschen hatten die Programmverantwortlichen Jan Fleischhauer eingeladen. Fleischhauer kann nun überhaupt nicht begreifen, wie Leute vom Kommunismus träumen können. Fleischhauer kam rasch (für SPIEGEL-Autoren) nicht unüblich) mit einem Totschlagsargument: Was wäre hierzulande wohl für ein Aufruhr, wenn sich (anspielend auf eine von Lötzsch ins Auge gefasste, dann aber abgesagte Podiumsdiskussion bei der u. a. die Ex-RAF-Terroristin Viett anwesend war) ein konservativer Politiker etwa mit dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders getroffen hätte? Was natürlich wie die Faust aufs Auge und den “Ursinn€ dieser “Anne Will€-Sendung passte: Die Gleichsetzung von Rechten und Linken bezüglich ihrer Gefährlichkeit. Und damit wiederum die (gewünschte?) Diffamierung von Linken und der Partei DIE LINKE.
Niemand wird bestreiten, dass die 68er unsere Gesellschaft zum Besseren verändert haben und deshalb in Gänze gesehen gut für unser Land waren. Aber unter diesen Altlinken der Ersten Stunde gab es sicherlich auch genügend naive Spinner, Machtgeile (Joschka Fischer ist nur ein Beispiel) und Wirrköpfe, die einfach nur dabei sein wollten. Jan Fleischhauer mag gewiss gute Gründe dafür gehabt haben, sich von dieser Zeit und der damit einhergehenden Gesinnung abzuwenden. Aber ob er als Autor des (neoliberale) Meinung machenden, auf weiten Strecken zum Kampagne-Medium (Albrecht Müller) verkommenen SPIEGEL entgültig gut (im Sinne der Allgemeinheit) aufgehoben ist, darf man indes bezweifeln.
Fazit:
Die Sendung war im Grunde überflüssig. Nötig wäre eine “Anne Will€-Talkshow gewesen, die die wirklich drängenden Fragen unserer Zeit behandelt. Dazu gehört m. E. auch das Nachdenken über die Schaffung einer möglichen, gerechteren Gesellschaft. Der Kapitalismus – das hat er samt der vielen Toten, die er forderte und tagtäglich weltweit fordert, bewiesen – ist nicht fähig eine solche zu schaffen. Interessant war gestern die Bemerkung Brüderles bei “Anne Will€, wir in der BRD hätten gar keinen Kapitalismus (den er auch nicht wolle), sondern vielmehr die Soziale Marktwirtschaft. Dazu ist zu sagen: Die Soziale Marktwirtschaft mag für die BRD lange Zeit ein sogar gar nicht so schlecht funktionierendes Mäntelchen gewesen sein, das man sich hauptsächlich der nahen DDR wegen überwarf, um den Kapitalismus schicker als er in Wahrheit ist und gar nicht böse aussehen zu lassen. Die Zeiten sind aber spätestens seit 1990 und dem Untergang der DDR vorbei. Selbst Heiner Geißler merkt an: Die Soziale Marktwirtschaft gäbe es doch längst gar nicht mehr.
Sei’s drum. Immerhin ist gestern bei “Anne Will€ die Diffamierung der LINKEN und das Streben nach einer gerechteren Gesellschaft nicht so gelungen, wie vielleicht gedacht. Zwar unternahm Anne Will mehrfach den Versuch “Kommunismus€-Fallen aufzustellen und setzte andere nur allzu durchsichtige Versuche in der Art von “Haltet den Dieb!€ ins Werk, aber Oskar Lafontaine tappte nicht hinein. Dank dem “Saarländer€ und der Gäste Aelrun Goette und Christoph Butterwegge wurde der Fokus immer wieder auch auf Missstände unserer Gesellschaft gerichtet. Und die machten deutlich: So wie jetzt kann es nicht weitergehen. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auf. Brüderles schöne neue Welt existiert. Aber eben nur für eine Minderheit der Gesellschaft. Deshalb brauchen wir eine andere Gesellschaft. Und mehr Sendeplatz im deutschen Fernsehen, um darüber zu diskutieren, wie die aussehen soll! Über die wirklich wichtigen Sachen also. Doch dürfen wir darauf hoffen, dass das eintritt? Hoffen, ja!
Apropos Eimer: Viele Zuseher mussten diesen Behälter gestern möglicherweise nur halb voll ins Bad zurück tragen. Immerhin! Alte “Anne Will€-Zuschauer-Hasen sind für gewöhnlich Schlimmeres gewohnt€¦
Auf den Punkt geschrieben. Aber nach Will erwartet uns Jauch: Vom Regen in die Jauche?