Das Gilgamesch-Epos
(Tafel I,II, Zeilen 33 -40)
Kaum dass Aururu dieses hörte,
Schuf sie sich im Herzen, was Anu befahl;
Aururu wusch sich die Hände,
Kniff sich Lehm ab, warf ihn draußen hin.
Enkidu, den gewaltigen, schuf sie, einen Helden,
Einen Sprössling der Nachtstille, mit Kraft beschenkt von Ninurta,
Mit Haaren bepelzt am ganzen Leibe;
Mit Haupthaar versehen wie ein Weib.
Das wallende Haupthaar, ihm wächst` s wie der Nisaba.
Auch kennt er nicht Land noch Leute,
Bekleidet ist er wie Sumukan,
So verzehrt er auch mit den Gazellen das Gras,
Drängt er hin mit dem Wilde zur Tränke,
Ward wohl seinem Herzen am Wasser mit dem Getier.
(Tafel I,IV, 1 bis 15)
Es kam das Getier, fand sein Wohlsein am Wasser.
Aber Enkidu, der dem Steppenland entsprossen ist,
Er verzehrt auch mit den Gazellen das Gras,
Trinkt mit dem Wild an der Tränke,
Ward wohl seinem Herzen am Wasser mit dem Getier.
Ihn sah die Hure, den Wildmenschen,
Den würgerischen Menschen aus dem Innern der Steppe.
“Dies ist er, Hure! Mach frei deine Brust,
Deinen Schoß tu auf, dass deine Fülle er nehme !
Scheue dich nicht, nimm hin seinen Atemstoß !
Sieht er dich erst, so wird er dir nah`n.
Dein Gewand entbreite, dass auf dir er sich bette,
Schaff ihm, dem Wildmenschen, das Werk des Weibes:
Dann wird sein Wild ihm untreu, das aufwuchs mit ihm in der Steppe.
Tafel II, Zeile 214 bis 241 und nach Lücke von 10 Versen Zeile 19 (Yale-Tafel)
Sie stießen zusammen auf dem Markte des Landes
Enkidu sperrte das Tor mit dem Fuß,
Dass Gilgamesch eintrat, gab er nicht zu.
Da packten sie sich, gingen in die Knie wie Stiere,
Zerschmetterten den Türpfosten, es erbebte die Wand !
Gilgamesch und Enkidu. €“
Ja, sie packten sich, gingen in die Knie wie Stiere,
Zerschmetterten den Türpfosten, es erbebte die Wand !
Als Gilgamesch ins Knie sank, am Boden den Fuß -
Da verrauchte sein Zorn, er wandte seine Brust.-
Sobald er gewandt seine Brust,
Sprach Enkidu zu ihm, zu Gilgamesch:
“Wie so einzig gebar deine Mutter dich,
Des Geheges Wildkuh, Rimat- Ninsun !
Erhöht ist über die Männer dein Haupt,
Dir bestimmte Enlil der Leute Königtum !
Die Fürsten der Welt überragt deine Kraft.”
(Lücke) -
Sie küssten einander und schlossen Freundschaft.
(nach Professor Dr. Albert Schott, Reclam)
Analyse
Nach der im Prolog vernommenen Zusammenfassung des Epos, wobei noch der Bau von Uruk und der dazu gehörenden herrlichen Stadtmauer zu erwähnen wäre, erscheint nun in der Folge der von Gilgamesch und vom Volk ersehnte Freund, nämlich Enkidu. -
Wie er aber in dieser Sage auftritt, das erinnert doch sehr an die Beschreibung der Erschaffung des Menschen im AT, wo ebenfalls Lehm der Stoff ist, aus dem der Mensch geformt wird. – Vorausgegangen, und im Epos genau beschrieben, war der Umstand, dass in Uruk Unruhe herrschte. Gilgamesch ließ, so heißt es, die Geliebte nicht zum Mann, den Mann nicht zum Vater; jederzeit “raste die Trommel”, herrschte also Unrast. Der Held Gilgamesch war also auch ein Unsteter, wie es bei Königen, Diktatoren, Machthabern so oft vorkommt, die auf der Höhe ihrer Macht dem ungestümen Vorwärtsdrang nicht wehren können.
Wahrscheinlich führte er viele (unnötige!) Kriege oder er vollzog zu eigenmächtig das Gesetz des “jus primae noctis”, was zur Unruhe im Volk führen mochte, wir wissen es nicht genau. Auf jeden Fall musste jetzt ein Freund her, einer, der ihn ablenkte, mit ihm zusammen Dinge besprach und unternahm. Wie einfühlsam und sittlich richtig diese Wahrnehmungen schon damals!
Aururu, eine Muttergöttin, wird von Anu, dem Gottvater, beauftragt, dem unsteten von seinem Weg abkommenden Gilgamesch einen Gefährten zur Seite zu stellen, nämlich Enkidu, eine wild mit den Tieren lebenden behaarte Gestalt, kräftig wie Ninurta (Kriegsgott), mit Haaren wie Nisaba (Getreidegöttin), bekleidet wie Sumukan (Tiergott).
Er lebt in der Wildnis mit den Tieren, ist genau so schnell wie diese und wird von einer Dirne erst zum richtigen Menschen erkoren, wie wir aus den Zeilen der Tafel I,IV aus Zeile 1 €“ 15 sehen. Jetzt lehnt ihn das Wild ab, da er “sechs Tage und 7 Nächte sein Liebesspiel über ihr raunte” (holla!), wie es heißt. Als Freund und Helfer von Gilgamesch besteht er heldenhafte Taten. Aus Tafel II, Zeile 214 bis 241 und der Yale- Zeile 19 können wir erkennen, wie spannend der oder die Dichter damals den Zweikampf der beiden Helden beschrieben; man muss sich das immer als gesprochene, gesungene, gehörte Lyrik vorstellen mit den zwei Hebungen pro Zeile, dann wirkt alles viel wirklicher!
Erstaunlich ist, wie sich die Menschen im fruchtbaren Zwischenstromland damals die Entwicklung des Menschen vorstellten und wie der Mensch als einzelnes Wesen, als Diener der Gesellschaft und schon (!) als Machthaber, als Ego also sich darstellt, was eine literarische Meisterleistung ist. Wie überhaupt das ganze Werk, über Jahrhunderte hinweg sich weiter entwickelte bis hin zur Zeit von Babylon. Wohltuende und entzückende Berichte über die Natürlichkeit der Erotik, über entstehende Freundschaft, über ein heldisches Leben und vieles mehr. Die Nähe zum AT wird oft berührt, vor allem durch die Schilderung der Sintflut am Ende.
Die beiden Helden dieses Epos werden ihre Taten vollbringen, einer stirbt früher, der andere wird weise, ruhiger und tritt zurück nach langer Reise in die Gemeinschaft von Uruk als dessen guter König. Demnächst folgt der Schluss des Epos in Auszügen. Wer mehr erfahren möchte, kann sich in einigen Büchern oder übers Internet informieren.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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