Zeit für Depressionen

Die Meldungen in den Medien häufen sich seit geraumer Zeit: Acht von zehn Deutschen empfinden ihr Leben als stressig, jeder Dritte fühlt sich unter Dauerdruck. Bereits jeder Fünfte leidet unter gesundheitlichen Stressfolgen, die von Schlafstörung bis zum Herzinfarkt reichen. Hauptfaktoren für den Anstieg sind heute der Job und finanzielle Sorgen.

Angst_2.jpgDie Meldungen in den Medien häufen sich seit geraumer Zeit: Acht von zehn Deutschen empfinden ihr Leben als stressig, jeder Dritte fühlt sich unter Dauerdruck. Bereits jeder Fünfte leidet unter gesundheitlichen Stressfolgen, die von Schlafstörung bis zum Herzinfarkt reichen. Hauptfaktoren für den Anstieg sind heute der Job und finanzielle Sorgen.

Burnout-Krankschreibungen innerhalb der letzten fünf Jahre stiegen um 17 Prozent. “Kaum jemand kann noch richtig abschalten – und dieses Leben auf Standby macht die Menschen krank”. (Aus einer aktuellen TK Studie) Die Veränderungen in der Arbeitswelt – Zeitdruck, hohe Verantwortung und Komplexität der Arbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Veränderung des Arbeitsklimas, Flexibilisierung, Arbeitsverdichtung, Stellenabbau, Outsourcing, Fusionen, Verlagerung usw. – sind dafür verantwortlich. Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen nehmen seit zehn Jahren besonders stark zu. (Aktueller Bericht d. Berufsverbands der Psychologen). Laut WHO soll dieser Trend bis 2020 die depressiven Verstimmungen bereits nach den Herzerkrankungen an die zweite Stelle geschoben haben.

Körper und Psyche reagieren also massiv. Sie stellen ihr “normales” Funktionieren ein und fallen unangenehm auf. Die gegenwärtig vorhandenen Arbeits- und Lebensverhältnisse sind von einer Qualität, auf der die Mehrzahl der Menschen sich keine angemessene Grundlage für ein “gutes Leben” mehr ermöglichen kann. Im Gegenteil, sie machen sie krank.

Lieber Depression als Rebellion

Depression ist häufig eine “normale” regressive Reaktion auf die überfordernden Zumutungen, denen wir ausgesetzt sind. Allerdings nur, wenn einem die progressive Rebellion nicht mehr in den Sinn kommt oder dieser Sinn gar neue Ängste schürt.

Wir €“ Körper und Seele – sind “traurig” darüber,

- dass wir immer mehr unseren Zeittakt von außen vorgesetzt bekommen

- dass wir mitten im Wohlstand Angst vor Altersarmut haben “müssen”

- dass unser (Selbst-) Wert über unsere Leistung(-svergleich) definiert wird

- dass wir andere ausstechen müssen

- dass wir nie ankommen, sondern dauernd zur Hinterherhetzerei verurteilt sind.

Warum machen wir das? Sind wir denn blöd?

Um dieser Frage nicht zu schnell zuzustimmen: Nein, sind wir nicht, denn solange wir in dem Schwimmbecken “Freier Markt” strampeln, bleibt uns nichts anderes übrig, als daueraktiv um sich zu schlagen. Denn sonst reißt der kalte Strudel uns in die Tiefe, sinken wir hinab. Oder in einem anderen Bild formuliert – aber nicht optimistischer stimmend: wir werden andernfalls herausgedrängt und an das karge Ufer der “Ausgeschlossenen und Überflüssigen” gespült. Mensch aus der Mittelschicht sieht es ja in der Bekanntschaft €“ wenn er genau hinschaut.

Das macht Angst, immer wieder.

Wir, Wir? Die Arbeitslosen, die prekär Beschäftigten, die Manager, Freiberufler, der Gewerbetreibende, die betuchte Hausfrau? Wer ist “wir”?

Ja, auf eine Art sind wir es alle, alle die in diesem System leben und arbeiten. Wir alle sind darin gestaltend tätig und auch zugleich gefangen. Dennoch sind wir sehr unterschiedlich von den “modernen Erfordernissen” auf je andere Weise existenziell betroffen (bevorteilt und benachteiligt). Das macht den Unterschied ums Ganze. Es gibt daher logischerweise Kritiker und Befürworter dieses “freien Schwimmwettbewerbs”.

Das trennt uns voneinander! (Wir sind also kollektiv betroffen und doch unvereinbar.)

Sucht sucht

Die zweite denkbare, regressive Reaktion der Menschen, die hoch im Kurs steht, ist die Sucht.

Nicht aufhören können, kein gesundes Maß finden, aktivitätsfixiert sein, mehr und mehr (“Stoff”) brauchen, nicht den wirklichen Schaden sehen wollen/können…..

Spreche ich über suchtabhängige Menschen oder über ein unersättliches System (das ständig wachsende Rendite sucht und braucht)? Über beides. “Diese Menschen” passen in dieses System, sie leben darin “ihr” Leben. Sie wissen und können es (bisher) nicht anders. Wir Menschen können es (bisher) nicht anders. Bei Menschen aus früheren Epochen und in anderen (geschützteren) Kulturen ist das anders, sie konnten oder können noch (!) anders.

Können wir vielen vielen, einzelnen Süchtigen in süchtigem Milieu €“ in einem Suchtsystem ist Suchtverhalten der Normalzustand – von unserer Abhängigkeit befreit werden? – Nein! Lächerlich ist diese Frage.

Verzicht, Ausstieg, Entsagung, Abstand, Besinnung, Kur, “Erholung”, Auszeit wären die nötigen Schritte.

Doch welcher wirklich Süchtige will das schon? Und wer der “Mächtigen” würde das goutieren können?

Und wer geht zur Kur (bzw. bekommt sie genehmigt)? Der Krankgewordene, der Geschädigte, und noch genauer, nur der ausreichend Geschädigte mit Krankheitseinsicht. Er erhält wenigstens die Chance auf zeitweiligen Ausstieg/Umstieg. Das ist allerdings pervers. Wir anderen, die noch glauben mithalten zu können, wir machen weiter, wir “wollen” ja fit bleiben und wieder mitmachen (wie Miriam Meckel bspw). Die unerschütterbaren Propagandisten des Systems motivieren schon wieder: “Nicht schlapp machen, nicht zurück schauen, wir müssen weiter!” Sie suchen schon wieder optimistisch neue Betätigungsfelder. “Innovation, Innovation, Bildung, Bildung” lautet ihr gegenwärtiger, rettender Schlachtruf. “Prävention” rufen sie neuerdings auch. Das verspricht ein zukünftig lukratives Geschäft zu werden.

Und außerdem, Bildung erweitert um Prävention, das ist das Idealpaar mit goldener Zukunft: beide zusammen sind “unendlich”, kennen kein “genug” und sind deshalb wie geschaffen zur Stabilisierung von Suchtsystemen.

Terminkalender und Handy als Überlebensader der Zeitoptimierer

Wer keinen Terminkalender und Handy hat, lebt nicht (in dieser Welt), weil vieles ohne ihn stattfindet, weil er eben “Wichtiges” verpasst oder vergisst.

Wer nach Terminkalender “lebt”, der arbeitet nur ab. Der spürt logischerweise vom (unplanbaren) Leben wenig. Sein Handy sorgt für permanente Erreichbarkeit und damit für weiteres Anhäufen von Tagesaufgaben und Terminen und Selbstbestätigungseinheiten. Ist doch klar, dass das Spontane, Lebendige so zu kurz kommt. Aber “sie” €“ die “Zeitmanager”- können es sich noch erlauben, das nicht zu bemerken (obwohl periodisch viele Ex-Kollegen als Manageraussteiger ihre Erweckungsbücher schreiben). Denn im Innersten denken/fühlen diese “Zeitoptimierer” eigentlich, dass die Arbeit schon das Leben sei. Obwohl sie nach außen zumeist verlockend behaupten, durch mehr Zeitmanagement dem übrigen Leben zum Recht verhelfen zu wollen. Aber ich kenne niemand, dem das auf diese Weise gelungen ist.

Mit Flexi-Mobilität in die Depression

Solange wir Werte wie Tempo, Kurzfristigkeit, Flexibilität (Reibungslosigkeit), Mobilität, Multifunktionalität, Universalität (!) so überzeugt undiskutiert hochhalten, gibt es keine Lösung! (Kleiner Hinweis an die Mediziner- u. Psychologenzunft durch den Ulmer Soziologen Richard Peter: “Wenn man permanent unter Existenzangst leidet, hilft die beste Entspannung nicht mehr.”). Solange das uns als erstrebenswerter “Fortschritt” erscheint und verkauft wird, solange haben wir es nötig, den fortgesetzten Dauerstress (Rente mit 70 übertrumpfen) in “lebenslanges Lernen” umzutitulieren.

Die Gegenwerte wie Eigenzeit, Reifungszeit, Kontinuität (Geschichtsbewusstsein), Regionalität, Beständigkeit und Sesshaftigkeit (Raumbewußtsein) werden bisher geopfert auf dem Altar des heiligen “globalen Wettbewerbs” samt seiner expansiven Freizeitindustrie.

Aber diese “Opferpflicht” tut den zwangsbeteiligten Menschen erkennbar Gewalt an. €“ Sie werden so (logisch !) mehr und mehr heimat-, d.h. orientierungslos, bindungsunfähig, trauergestört (dafür aber lösungsfixiert) und oberflächlicher, durch den stets lauernden Wechselzwang.

Der Wunsch, im schneller drehenden Hamsterrad

- weiter funktionieren zu wollen (fortgesetzte Verdrängungsleistung),

- die Depression (unfreiwillige Verlangsamung) und

- die vermehrte Flucht in die Sucht (nach Geld, Waren, Prestige)

alle drei werden nicht ewig tragen.

Das ist doch tröstlich.

Verdrängungs-Funktionieren oder Depression oder Sucht

Dieser große Verlust (es ist ein wesentlicher Enteignungs- und Entfremdungsvorgang) wird durch keine “Innovation” ausreichend kompensiert und macht deshalb viele “traurig” (Soll das jetzt mein Leben sein?) €“ auch wenn ihnen das nicht bewusst ist, auch wenn ihr “Kopf” hilflos mit “Es gehe einem ja noch relativ gut.”. zu trösten versucht. Und viele andere halten es ja auch aus, kränkeln eben nicht. €“ Dennoch bleibt festzuhalten: Depression ist eine “natürlich-vernünftige” Folge! Das weiter Im-Hamsterrad-Funktionieren-Können sollte dagegen endlich auf seinen versteckten Krankheitsgrad untersucht werden.

Andere lässt dieser fundamentale oben beschriebene Verlust, dieses letztliche Zeit-Defizit, süchtig werden, süchtig nach verheißendem Ersatz, nach dem Dauerersatz “Erfolg” bspw.. Das €“ dieser vertiefte Einstieg ins Suchtsystem – ist ihre persönliche, häufig gut angepasste, Form des “Ausstiegs”.

Sucht ist ein naheliegendes, allerdings selbst-schädigendes, Kompensationsbemühen.

Sich-Wehren folgt danach – ——Eventuell.

Ist diese Sicht zu pessimistisch? Hätte ich das Positive mehr herausstellen sollen….?

Photo: Gerd Altmann, via pixelio.de

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Lieber Herr Albern,

    wie haben Sie es nur geschafft, so viele klare und richtige Sachen über die Depression, den Stress und die Sucht zu sagen, ohne auch nur einen Blick auf das Anti-Stress und Suchtkontrollhormon Serotonin zu werfen?!

    Ich weiß, dass die Depression eine komplexe Krankheit mit einem eigenen Gedächtnis ist, das den Menschen immer wieder überfallen kann, auch wenn er mental-hormonell gut eingestellt ist. Aber ohne eine gut funktionierende serotonerge Situation zu schaffen,eine Depression erfolgreich angehen zu wollen ist wie jemanden, dem man mit der Faust immer wieder auf die Nase schlägt, zu fragen, wie er sich denn fühlt!