Das Gilgamesch-Epos
(Tafel V, Ninive-Tafel I, Zeilen 1- 9)
Still standen sie am Rande des Waldes,
Staunen immer wieder an die Höhe der Zedern,
Staunen zugleich an den Eingang des Waldes.
Wo Chumbaba zu gehen pflegte, war eine Fußspur,
Die Wege sind gerichtet, schön gemacht ist die Bahn.
Sie sehen den Zedernberg, die Wohnstatt der Götter,
Irninis Weihesitz.
Angesichts dieses Berges trägt die Zeder ihre Fülle,
Ist ihr Schatten so wonnig, reich an Erquickung.
Ineinander verschlungen war das Dornbuschwerk,
verfilzt das Gehölz.
(Tafel VI, I, Zeile 1-11)
Seinen Schmutz wusch er ab, reinigte sein Wehrgehänge,
Seinen Haarschopf schüttelt` er sich in den Rücken,
Warf die unreinen Kleider ab, zog sich saubere an,
Mit dem Mantel umhüllt` er sich, hat den Gürtel um.
Wie Gilgamesch die Königsmütze sich aufgesetzt,
Erhob zu Gilgameschs Schönheit
Ihre Augen die fürstliche Ischtar:
“Komm, Gilgamesch ! Du sollst mein Gatte sein !
Schenk, o schenk mir deine Fülle !
Du sollst mein Mann sein, ich will dein Weib sein !
Ich will dir bespannen lassen einen Wagen von
Gold und Lasurstein,
Mit goldenen Rädern und Hörnern von Mondstein” !
(Gleiche Tafeln, Zeile 31-41)
Dann wird dich nehmen, wer immer Lust hat !
Ein Ofen bist du, der das Eis nicht (schmilzt) !
Eine unfertige Tür, die Wind und Blast nicht abhält !
Ein Palast, der niederschmettert den Helden,
Ein Elefant, der da abreißt seine Decke !
Erdpech, das seinen Träger besudelt,
Ein Schlauch, der seinen Träger durchnässt !
Ein Kalkstein, der die steinerne Mauer sprengt,
Ein Jaspis, der das feindliche Land herbeilockt !
Ein Schuh, der seinen Besitzer kneift !
(Gleiche Tafeln, Zeile 91-99)
Ischtar tat zum Reden den Mund auf
Und sprach zu Anu, ihrem Vater:
“Mein Vater ! Schaff mir den Himmelsstier,
Dass er Gilgamesch töte in seinem Hause !
Schaffst du mir aber den Himmelsstier nicht,
Son zerschlag ich die Türen der Unterwelt,€¦”
(Tafel XI, Zeile 145-154)
Wie nun der siebente Tag herbei kam,
Ließ ich eine Taube hinaus;
Die Taube machte sich fort – und kam nicht wieder:
Kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um.-
Eine Schwalbe ließ ich hinaus;
Die Schwalbe machte sich fort €“ und kam wieder:
Kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um.-
Einen Raben ließ ich hinaus;
Auch der Rabe machte sich fort; als er sah, wie das Wasser
sich verlief,
Fraß er, scharrte, hob den Schwanz €“ und kehrte nicht zurück.
Analyse
Sie sind nun also als Freunde vereint, Gilgamesch und Enkidu und sie bestehen manche Abenteuer. Erst einmal beseitigen sie Chumbaba (Chuwawa), den Wächter des Zedernwaldes. Jetzt können die wertvollen Zedern gefällt werden, was für die damalige Zeit von sehr großer Bedeutung war. Wir denken dabei auch an den späteren Tempelbau Salomos, wo Zedernholz eine besondere Rolle spielte.
Aber dann, als Inana- Ischtar Gilgamesch, den Helden zur sexuellen Vereinigung bittet, wird sie von Gilgamesch in unglaublicher Art und Weise mit schlimmen Beschimpfungen abgewiesen. -
Dies ist eine hochinteressante Stelle im Epos und stellt wahrscheinlich den beginnenden Übergang von einer bisher starken Verehrung der weiblichen Gottheiten bis zu den auch heute noch geltenden männlichen Systemen der Religionen dar. -
Jetzt aber wird Inana-Ischtar (sumerisch: Irnini) böse und bittet Gottvater Anu, den Himmelsstier herabzuschicken, damit er das Land verwüste. Aber Gilgamesch und Enkidu besiegen auch den Stier und Gilgamesch ist nun der totale Held. Da stirbt Enkidu auf Wunsch der Götter (wegen des besiegten Himmelsstieres) und Gilgamesch ist sehr verstört.
Nach einer gewissen Trauerzeit über den verlorenen Freund macht er sich auf eine lange abenteuerliche Reise, um Utnapischtim, den Fluthelden zu besuchen, der ein Schiff gebaut hatte und wie Noah im AT die Sintflut überstand.
Nach beschwerlicher Wanderschaft, wobei er auch auf Skorpion-Menschen (?) und eine weise Schenkin trifft, (die Bier brauen kann!), die er sowohl nach dem Weg zu Utnapischtim befragt als auch nach dem Sinn von Leben und Tod (!), wird er von Urschanabi (dem Fährmann) zu Utnapischtim gerudert. – Dieser weiß viel über Leben und Tod, denn er hat, wie gesagt, die Sintflut überstanden. -
Die Unsterblichkeit, die Gilgamesch erfragt und sucht (alte Sehnsucht der sterblichen Menschheit!), findet er natürlich nicht, und auch das “Kraut der Jugend” wird ihm schließlich, endlich erhascht, von einer Schlange entwendet (immer wieder die Schlange in der Religion!). – Als Weiser kehrt Gilgamesch (in der elften Tafel!) nach Uruk-Gart zurück und ist nun der menschliche König für Volk und Stadt.
Die zwölfte Tafel stammt aus späterer babylonischer Zeit, dort besucht Gilgamesch das Totenreich, das bedeutet vielleicht, dass diese Tafel wie ein Anhang verwendet wurde. Erstaunlich aber, dass vor fast dreitausend Jahren (in der babylonischen Zeit) die Dichter den literarischen Weg in die Unterwelt gingen, genau wie später Homer, Vergil, Dante und selbst wir heute im katholischen Glaubensbekenntnis immer wieder beten: “hinabgestiegen in das Reich des Todes,” . -
Dieses herrliche, über viertausend Jahre alte Gedicht aus dem Zweistromland, das viele Erzählungen enthält, die auch verändert im AT erwähnt werden, und trotzdem ganz eigenartige Weisheiten enthält, ist ein Kulturgut ersten Ranges und sollte auf jeden Fall immer in den Unterrichtsplan der Oberstufe eingebaut werden.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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