Blöde Doktorarbeit!

Ist nun der Lack ab vom fränkischen Freiherrn zu Guttenberg, nachdem ans Licht kam, dass er in seiner Doktorarbeit bei Professsor Dr. Peter Häberle an der Universität Bayreuth mit dem Allerweltsthema  ”Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU” wahrscheinlich mindestens 24 längere Textteile aus fremden Veröffentlichungen

5351473994_f1036d26de.jpgIst nun der Lack ab vom fränkischen Freiherrn zu Guttenberg, nachdem ans Licht kam, dass er in seiner Doktorarbeit bei Professsor Dr. Peter Häberle an der Universität Bayreuth mit dem Allerweltsthema  ”Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU” wahrscheinlich mindestens 24 längere Textteile aus fremden Veröffentlichungen von  Juristen und Journalisten wortwörtlich abgekupfert hat?

In der Presse wird gerügt, dass zu Guttenberg die Quellen nicht zitiert hätte. Wie konnte er denn? So dumm ist kein Schreiber, dass er, wenn er unanständiger Weise ganze Passagen fremder Texte als seine eigenen ausgibt, dem Leser noch in der Fußnote mitteilt, wie er dem Autor auf de Schliche kommen kann. Das ist zu vergleichen mit der Zumutung an den Dieb eines Automobils, deutlich sichtbar am gestohlenen Fahrzeug ein Schild mit dem Hinweis anzubringen, von wem er es geklaut hat. Nur wenn man ” wie unser Gesetzgeber – fremdes Sacheigentum höher wertet als geistiges Eigentum, kann man die dreiste Übernahme fremder Gedanken als nicht ganz so schlimm ansehen.

Verteidigungsminister zu Guttenberg weist den ganz offenbar berechtigten Vorwurf des Rechtsprofessors Andreas Fischer-Lescano aus Bremen, ein dreistes Plagiat abgeliefert zu haben, als “abstrus” zurück und erklärt: ” Ich bin gern bereit zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berück-sichtigen.” Ungefragt erklärt er auch, dass ihm niemand zugearbeitet gehabt hätte. Welch stümperhafter Vernebelungsversuch! Es geht nicht um Zitierweisen oder überhaupt um offene Bezugnahme auf übernommenes fremdes Gedankengut. Es geht nicht um handwerkliche Fehler bei der Erstellung der Arbeit. Vielmehr geht es darum, dass zu Guttenberg bei den von ihm bewusst begangenen Täuschungen unvorstellbar dumme Anfängerfehler gemacht hat.

Wer eine solche Arbeit selbst schreibt, wird m.E. kaum darauf verzichten, bei der Übernahme interessanten fremden Gedankenguts, das er als Eigengewächs ausgeben will, wenigstens wortwörtliche Textübernahmen zu vermeiden. Ein paar verbale Veränderungen und schon hat der Leser es schwer, den Urheber zu finden! Es kommt ja auch wirklich oft vor, dass bei Allerweltsthemen mehrere Menschen auf gleiche Gedanken kommen. Ich weiß aus meiner Zeit als Wissenschaftlicher Assistent an der Ruhr-Universität Bochum von Fällen, in denen wissenschaftliche Arbeiten noch viel dreister übernommen wurden, so etwa wenn ein fleißiger Fachautor einfach einen ganzen bis dahin wenig beachteten Fachbeitrag eines verstorbenen Jura-Professors aus einem Fachblatt übernahm und wortwörtlich in einem anderen Blatt unterbrachte, um der langen Liste seiner Publikationen noch einen Aufsatz hinzu zu fügen (es fiel später selbst bei der Bewerbung um hohe Ämter nicht auf).

In den sechziger Jahren habe ich selbst auch halbherzig an einer Promotionsschrift gearbeitet, halbherzig, weil ich das System von Promotion und Habilitation längst als überholt erkannt hatte. Was ist das auch für eine Zumutung, sich ohne einen inneren Drang auf ein Thema zu stürzen, das nichts Neues hergibt!

In den allermeisten Fällen haben die Doktoranden keine große Wahl als bei anderen Autoren einfach abzuschreiben, weil das Thema längst ausgelutscht ist.

Was wohl wird in Helmut Kohls Doktorarbeit an neuen Gedanken enthalten sein, in der er das Thema bearbeitete: “Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945″?

Aus Geltungsgründen und zur Verbesserung der beruflichen Chancen suchen jedes Jahr allein bei den Juristen Tausende die Promotion. Man kann gewiss lange suchen, bis man bei den Ergüssen, die daraus resultieren wirklich einmal einen verwertbaren neuen Gedanken findet.

Jeder weiß, dass es regelrechte “Doktorschmieden” gibt wie weiland die beim Arbeitsrechtler Prof. Dr. Herrschel in Köln, wo auf besonderen Gehalt der Arbeiten nicht geachtet wurde.

Was wohl wird zu Guttenberg an neuen Erkenntnissen über die “Entwicklungsstufen von Verfassung und Verfassungsvertrag” beiderseits des Atlantik wohl ausgegraben haben, was nicht bereits hundertmal von anderen, auch von sehr ingeniösen Köpfen, hin und her gewälzt und ausgequetscht worden ist!? Mein Erwartungshaltung ist so gering, dass ich mir nicht die Mühe mache, mir ein Exemplar zu besorgen. Zu Guttenberg spricht seltsamer Weise von einer “Neuauflage” seiner Promotionsschrift. Sie wurde doch in der vorliegenden unzulänglichen Form gebraucht, um ihm die Doktorweihen mit summa cim laude zuzusprechen. Da ist nichts wiederholbar.

Es gibt sie allerdings hier und da doch: die begeisterte Arbeit junger Forscher an ihrem Promotionsthema.

In einigen Fällen war die intensive Arbeit an dieser Aufgabe die Basis für spätere weitere Arbeiten und das Fundament für eine universitäre Karriere. Ich denke da an den bekannten Rechtsprofessor Dr. Schuster, der in seiner Doktorarbeit das Merkmal der Autochthonie der Staatsgewalt in den Staatsbegriff getragen hat. Die überwältigende Großzahl der Arbeiten bei den Juristen ” und wir man hört auch bei den Medizinern ” ist keinen Pfifferling wert.

Das System des Erwerbs angeblicher wissenschaftlicher Qualifikation durch die Promotion verleitet die meisten Beteiligten zur Übernahme fremden geistigen Eigentums, im Zweifel sind sie natürlich geschickter als zu Guttenberg. Da all das ziemlich sinnlos ist, werden die schweren Fehler, die zu Guttenberg in seiner Arbeit gemacht hat (oder hat machen lassen), ihn nicht so in Bedrängnis bringen, dass er deswegen sein Amt aufgeben müsste.

Aber der Lack hat einen ganz schweren Kratzer bekommen. Zu Guttenberg ist indes als Minister für die Verteidigung unseres Landes nur, das aber ganz sicher, nicht mehr tragbar, weil er öffentlich erklärt hat, dass die Bundeswehr auch dazu da sei, in aller Welt die wirtschaftlichen Ressourcen für unser Land, bzw. “den Westen”, zu sichern. Aber da dringt die Kritik über das Internet kaum hinaus. Nicht einmal die “Taz” hält es in der aktuellen Situation für nötig, an diese verfasungsfeindlichen Äußerungen des Ministers zu erinnern.

In den sechziger Jahren war ich nicht der Einzige, der das überkommene System der Herausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses für falsch hielt. Viele, die solche Machwerke wie Kohl und wohl auch zu Guttenberg natürlich leicht und besser hingekriegt hätten, haben bei dem Titelrummel nicht mitgemacht. Aber unser System hat sich auch im Bereich der Wissenschaften  als nicht reformierbar erwiesen. Klar, dass dann auch zu Gutenberg unbedingt seinem langen Namen noch den Onkel Doktor voranstellen musste.

Aus erster Quelle weiß ich, wie der bedeutende Münsteraner Zivilrechtler Prof. Dr. Harry Westermann einen Rechtsanwalt, in allem einschließlich seiner Doktorschrift und sogar seiner fremd bezogenen Digestenexegese ein rechter “rite”-Kandidat, im Rigorosum öffentlich fragte: “Warum müssen Sie denn überhaupt Dr. jur. werden? An der Universität kann Sie niemand brauchen, und nur für die Schau sollten wir so etwas nicht zulassen.”

Photo: Bundeswehr-Fotos, via flickr

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Herr zu Guttenberg hat sich heute auf den Weg nach Afghanistan gemacht – er müsse dringend die deutschen Soldaten besuchen. Anders als sonst zu solchen Anlässen, waren diesesmal keine Journalisten erwünscht. Meine Güte, wozu solch ein Krieg alles gut ist.
    Man kann sich eigentlich nur noch schämen.