Auf den Spuren der Literatur – Teil 7

Kapitel 46 aus Tao-Te- King Wenn das Erdreich den Weg hat, Stellt man das Rennpferd zum Dunggeben ein. Wenn das Erdreich nicht den Weg hat, Züchtet man Kriegspferde selbst in der Vorstadt. Kein Frevel größer, Als seinen Wünschen nachzugeben. Kein Übel größer, Als nicht Genügen kennen. Kein Makel größer, Als

Lesepause-mittel11111.jpgKapitel 46 aus Tao-Te- King

Wenn das Erdreich den Weg hat,

Stellt man das Rennpferd zum Dunggeben ein.

Wenn das Erdreich nicht den Weg hat,

Züchtet man Kriegspferde selbst in der Vorstadt.

Kein Frevel größer,

Als seinen Wünschen nachzugeben.

Kein Übel größer,

Als nicht Genügen kennen.

Kein Makel größer,

Als nach Gewinn zu streben.

Wahrlich:

Wer Genügen kennt am Genügenden,

Wird ständig genug haben.

Laotse

Dem Kreisrichter Du zum Abschied

Drei Fürstentümer um den Turm, die Mauern

Fünf Furten ” durch die Nebel geht die Sicht.

Der Abschied steht bevor; es zwingt uns beide

Zum steten Wandern die Beamtenpflicht.

Solange in der Welt zwei Freunde leben,

Sind sie wie Nachbarn noch am Himmelsrand.

Drum lasst uns nicht am Scheideweg verweilen,

Mit Kindertränen nässen das Gewand!

Wang Bo

Aus den Grenzgebieten

Über den Pässen der selbe Mond,

Der zur Qin -, zur Han-Zeit dort stand;

Zehntausend Meilen sind sie marschiert,

Keiner den Weg heim fand. -

Wachte der fliegende General

Noch wie einst in der Drachenstadt,

Es wagte sich über die Berge von Yin

Kein hunnisches Pferd mehr ins Land!

Wang Changling


Analyse

Dichtung im alten China, das ist Lyrik, die ihre lange Entwicklung besitzt und schließlich von den Kaisern bis zu den Beamten betrieben wurde. Im Beispiel von Laotses Gedicht ist mit dem Weg natürlich der rechte Weg gemeint.

Während in den vorchristlichen Jahrhunderten mehr philosophische Betrachtungen, durch Konfuzius und Laotse bedingt, in den Dichtungen ihren Platz fanden, entwickelte sich, wie gesagt, eine Dichterkaste, hier Beamte, Ritter, Verteidiger also des Reiches, die der chinesischen Lyrik ihre Bedeutung gaben und ihr ebenso das Ansehen verdankten.

Das Typische dieser Dichtung war die Veränderung von ritterlichem und teils romantischem Inhalt hin zu reinen schönen, oft archaisch anmutenden Versen. – In den zwei Beispielen hier fühlt man einerseits direkt den Abschiedsschmerz, im zweiten Beispiel ist es die ritterliche Etüde, der Stolz auf eine mögliche Verteidigung des Reiches, dem sich “kein hunnisches Pferd” mehr zu nahen wagt, die zu spüren ist. -

Laotse, aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., vertritt die Genügsamkeit und Zurückhaltung, also die Maße (etwa wie im Abendland der Minnesang oder die ritterliche Dichtung). – Im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung jedoch sprechen die Dichter um Li Bei , Wang Bo oder Wang Changling eine Sprache, die uns näher ist, also dem Lyrischen, dem sprachlichen Genuss verpflichtet mit ihren 5-silbigen Versen und dem schönen, oft wehmütigen Ton, ritterlich, dem Reich verpflichtet, wie schon angedeutet.-

Bleibt noch zu erwähnen, das selbst Mao Zedong noch dichtete und gerne gelesen wurde, was sehr verwundert ob seiner oft skrupellosen Politik. – Da sieht man wieder, Dichtung lässt nicht unbedingt auf den Charakter des Dichters schließen.

Dichtung ist eine Kunst, auch die des Verstellens im schönen Wort.

Klaus Grunenberg

Photo: birgitH, via pixelio.de

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