Die Arabische Welt ist befeuert von den ermutigenden revolutionären Aufständen der jahrzehntelang Unterdrückten – zuerst in Tunesien, dann in Ägypten – inzwischen von einem tiefgreifendem Wandel ergriffen worden. Ein Prozess, der höchstwahrscheinlich schwerlich wieder rückgängig zu machen sein wird. Ob dieser Einschnitt indes auf längere Sicht hin betrachtet nun tatsächlich imstande sein wird, einen Paradigmenwechsel in Gang zu setzen, welchem letzlich eine der Arabischen Welt adäquate, mit dem Islam kompatible, Ausprägung der Demokratie entspringt, steht jedoch dahin. Zu wünschen ist dies allemal.
Der Blick auf die Arabische Welt
Blickten wir in Europa und speziell auch in Deutschland nun wachen Verstandes auf die aufregenden und sicherlich Epoche machenden Ereignisse in der Arabischen Welt, könnten wir uns quasi am Ende selbst darin erkennen. Das Bild, welches so von uns, respektive dem Westen entstünde, wäre – wage ich zu behaupten – ein, wenn nicht ganz und gar unschönes, zumindestens aber ein, weil manch Verdrängtes schemenhaft zeigendes, verschwommenes bzw. gar doppelt belichtetes. Aber versuchen wir überhaupt diesen Blick zu wagen? Die meisten von uns kennen wohl allenfalls Teile dieser nun vom Umbruch erfassten Arabischen Welt höchstens von einem dort genossenen Urlaub her. Und davon wieder nur die touristisch bzw. geschichtlich interessanten Plätze. Günstig, um eben bloß nicht billig zu sagen, sind diese Urlaubsdestinationen zumeist ebenfalls noch. Und das zählt.
Vorurteile gegenüber Arabien und der Beitrag des Westens am Niedergang der Zivilisation dort
Davon einmal abgesehen – erst recht nach der Diffamierung des Islam, in dem man nach den Terroranschlägen von 9/11 via der geradezu inflationär benutzten Verwendung des, zumal für ungeübte Ohren, doch so ähnlich klingenden Begriffs “Islamismus” der Eindruck entstehen konnte, diese Religion stünde unmittelbar mit dem Terrorismus in Verbindung – geniessen die Arabische Welt und die Araber selbst wohl keinen besonders guten Ruf den Ländern des Westens. Vorurteile. Vor allem verbreitet in jenen Staaten, die in Kolonialzeiten arabische Länder ausgebeutet, terrorisiert und dort Millionen Menschen umgebracht hatten.
Besagter schlechter Ruf ist indes nichts Neues. Schon Jean-Paul Sartre schrieb seinen Zeitgenossen knallhart ins Stammbuch: “Der Westen hat die Araber oft als Untermenschen auf der Stufe eines höheren Affen behandelt.” Die Kolonialisierung Arabiens warf die davon betroffenen Gesellschaften um hunderte Jahre in ihrer Entwicklung zurück: “Wenn man vom Niedergang der arabischen Zivilisation spricht, kommt man nicht umhin zu bedenken, dass der Westen dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Bei seinen Abzug aus diesen Kolonien hat er ausgeplünderte und ausgeblutete Länder hinterlassen.” (Wikipedia)
Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln und die Heuchelei
Jene Länder hätten also tatsächlich allen Grund nicht gut auf den Westen zu sprechen zu sein. Jean Ziegler hat dazu ein interessantes Buch geschrieben: “Der Hass auf den Westen”. Ziegler schreibt über einen wachsenden Hass der Armen und Entrechteten auf den Westen. Genährt durch gegenseitiges Unverständnis, das Bewußtsein jahrhundertelanger Verachtung und Unterdrückung. Die spätere Politik des Westens bezeichnet Ziegler als “eine Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln”. Im Zuge dessen wie zum Behufe der Rohstoffsicherung oder oft beschworener geostrategischer Stabilität wegem ging der Westen jahrzehntelange Bündnisse Diktatoren und autokratischen Herrschern in der Arabischen Welt und anderswo ein. Und unterstützte deren Regime mit Milliardensummen. Doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Auch muss, wer mit dem Teufel speisen will, einen langen Löffel haben. Den hatte der Westen: beziehungsweise glaubte er auch auf lange Sicht hin zu haben. Nun jedoch haben die letztlich mit Hilfe des Westens unterdrückten Araber begonnen die korrupten Regime hinwegzufegen. Damit stossen nun auch die langen Löffel des Westens ins Leere. Und plötzlich steht der Westen ziemlich lächerlich, wenn nicht sogar nackt da. Jedenfalls dann, wenn die westlichen Demokratien bass erschrocken nun auf einmal den demokratischen Wandel in der Arabischen Welt begrüssen und ihre Hilfe dabei anbieten. Die Heuchelei des gleichzeitig Demokratie predigenden und ihm genehmen, weil seinen Interessen dienenden, Diktaturen stützenden Westens wird nun überdeutlich und für jedermann sichtbar. Vor allem die USA quälen sich mit nun mit schmerzhaften Spagats. Wie wir am Beispiel Bahrein sehen können. Die USA rufen zu Gewaltfreiheit und zur Einhaltung der Menschenrechte auf. Andererseits bangen sie um ihren Militärstützpunkt im Königreich. Die Glaubwürdigkeit des einstigen Weltgendarms erleidet so beinahe täglich Kratzer.
Westliche Werte?
Die Revolutionäre in der Arabischen Welt sollten deshalb genau hinsehen, welche Hilfe der Westen ihnen nun geben möchte und selbst entscheiden, was davon anzunehmen ist und was besser nicht. Die demokratischen Werte des Westens haben bekanntlich schon zu bröckeln begonnen. Womöglich befindet dieser sich bereits im Zustand der Postdemokratie. Per definitionem “Ein politisches Entscheidungssystem, indem die Demokratie abgeschafft ist, die Verpackung aber die alte bleibt, damit keine Aufregung entsteht” (Wikipedia).
Was all das mit uns zutun hat
Wir im Westen haben allen Grund die umwälzenden politischen Veränderungsprozesse in der Arabischen Welt einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Niemand von uns sollte sich arrogant der Illusion hingeben, all das hätte überhaupt nichts mit uns zutun. Im Gegenteil: Die Veränderungen, auch wenn der Ausgang des Prozesses längst nicht abzusehen ist, dürften für die gesamte Welt möglicherweise gravierend zu Buche schlagen. Wer sich angesichts der aus Nordafrika nach Europa herüberschwappenden Flüchtlingswelle (im Moment hauptsächlich aus Tunesiern gespeist) in unüberlegte Abwehrreaktionen hineinsteigert, sollte bedenken, dass der Westen für so manche Fluchtgründe mit Verantwortung trägt (Unterstützung von Diktaturen, Nichtgewährung fairen Handels, Ausplündern von Rohstoffen, dem Leerfischen von Fanggründen vor der afrikanischen Küste seitens EU-Fischer und den damit verbundenen Arbeitsplatzverlusten sowie der Steigerung von Armut in den davon betroffenen Ländern Afrikas).
Die protestierenden Massen auf dem Tahrir-Platz in Kairo sind längst zu einem Fanal eines beginnenden Wandels über Ägypten hinaus geworden. Jahrzehntelage Ausbeutung der Mehrheit der Bevölkerung, deren jahrzehntlange Unterdrückung, eine ausufernde Korruption, einhergehend mit einer sich ständig ansteigenden, schier unglaublichen Bereicherung weniger ohnehin schon reicher Familien Ägyptens brachten das Fass zu Überlaufen. Die Millionen, die Husni Mubarak verjagten, haben unsere Bewunderung verdient. Über 300 Menschen haben ihren mutigen Protest mit dem Tod bezahlt.
Maßlose Bereicherung auch bei uns
Um so beschämender für uns, die wir womöglich schon in postdemokratischen Zeiten lebend, noch jede Menge Möglichkeiten haben, unseren Protest auszudrücken! Wenngleich die unsrigen Zu- bzw. Missstände und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft freilich nicht mit denen in Tunesien oder Ägypten zu vergleichen sind: Der Unterschied zwischen Arm und Reich vergrößert sich auch hier zusehends. Maßlose Bereicherung und Vernichtung öffentlichen Eigentums finden auch hier statt. Fraglos ist unser Land ein Land mit nicht geringer Korruption. Nur sticht diese halt eben nicht so leicht ins Auge. Denn sie kommt bei uns nur in diffizileren Formen vor. Der dadurch verursachte Schaden allerdings dürfte immens sein. Auch und gerade für die Demokratie. Denn demokratische Kontrollen werden abgebaut, behindert oder von Parlamenten und Regierungen gar nicht mehr wahrgenommen. Nicht zuletzt zeigt die Causa zu Guttenberg einmal mehr wie sehr wir bereits auf den Hund gekommen sind. Zu Guttenberg hat bisher nichts Weltbewegendes geleistet. Statt die Kunduz-Affäre aufzuklären ließ der ein paar Bauernopferköpfe rollen. Im Fall der “Gorch Fock” mit Vorbehalt einen. Zu Guttenberg sprach offen aus, dass wir Kriege auch zur Rohstoffsicherung führen. Ein Skandal, weil mit unserer Verfassung unvereinbar. Allein dafür hätte er sein Posten räumen müssen. Nun – Ironie des Schicksals – wird er wohl über die Plagiate in seiner Doktorarbeit stolpern. Lesen Sie dazu auch die NachDenkSeiten (NDS).
Der deutsche Michel
Dennoch staunt man Bauklötze. Denn Spiegel Online registriert: Auch jetzt kann der momentan seinen Doktortitel nicht benutzende Karl-Theodor zu Guttenberg noch “überirdische Popularitätswerte” einfahren. Sagt diese Tatsache nicht sehr viel über unser Volk aus? Hier wird wie in so vielen anderen Dingen mit einer Oberflächlichkeit zu Werke gegangen, die schwer zu denken gibt. Nach dem Motto: Der sieht gut aus, kann mehr als drei Sätze geradeaus sprechen. Ergo, ist er ein guter Minister. Grauslig! Ebenso läuft es in bei anderen Sachen. Von den Mainstream-Medien jahrelang gehirngewaschen und von offensiver Meinungsmache mit beängstigendem Erfolg auf falsche Fährten geführt, bekommt der deutsche Michel nicht mit, wie er übers Ohr balbiert wurde und wird. Macht man ihn gar glauben, ihn beträfe das ja alles nicht, wird er ohne Weiteres zum Mittäter. Jean-Paul Sartre skizzierte “den Kollaborateur als einen Menschen, der sich den vollendeten Tatsachen füge”.
Die Möglichkeit einer Flucht
Doch Defätisten hielt er entgegen: “In einem Turm gefangen kann der Mensch nicht ohne Weiteres flüchten. Aber er kann planen zu flüchten. Er kann sich mit der Möglichkeit einer Flucht beschäftigen. Der Mensch kann sich jederzeit über Situationen hinauswerfen, selbst wenn er dabei scheitert. Das Scheitern ist nicht der Gegensatz zur Freiheit, sondern eine menschliche Möglichkeit, die sich aus seiner Freiheit ergibt. Die Dinge leisten uns keinen Widerstand. Durch unsere Entwürfe können die Dinge zu einem Widerstand werden.” Sartre nennt ein Beispiel: “Der Felsen zum Gipfel kann mir nur Widerstand leisten, wenn ich mir vorgenommen habe, den Gipfel zu erklimmen.” (Quelle: Wikipedia)
Fakt ist:
Zur Verteilung der Vermögen in Deutschland (Quelle: OECD): “Die obersten 20 Prozent der Vermögensverteilung besitzen rund 80 Prozent des Nettogeldvermögens (Bruttogeldvermögen minus Konsumentenkredite). Während allein die obersten 10 Prozent zwei Drittel besitzen. Die untersten 25 Prozent besitzen übrigens nicht nur kein Nettogeldvermögen, sondern sie verfügen sogar über ein negatives Nettogeldvermögen – sprich, sie haben mehr Schulden als Guthaben. Zwei Drittel der Deutschen verfügen laut DIW über gar kein oder ein sehr geringes Nettogeldvermögen.” (Kommentar von Jens Berger via NDS)
Die Lämmer schweigen. Der Schlüssel…weg?
Dessen eingedenk sei eine Frage erlaubt: Wo ist der deutsche “Tahrir-Platz”? Ich fürchte, wir werden eine Weile danach suchen müssen. Der (unterdrückte, gebeutelte) Deutsche sitzt wohl – um frei mit Sartre zu sprechen – nicht nur in einem Turm gefangen, sondern kann letztlich auch nicht aus selbigem flüchten, weil er diese Flucht erst gar nicht plant. Stattdessen äfft er das Schweigen der Lämmer nach. Auch liebt es der deutsche Michel ordentlich. Deshalb ging er auf Nummer sicher: Vorauseilenden Gehorsams sperrte er sich kostensparend gleich selber ein. Den Schlüssel warf er…weg?
Zum Schluss bleibt nur der Blick vom deutschen Turm nach Kairo. Was mögen die Menschen auf dem Tahrir-Platz gedacht haben, bevor sie die Flucht aus ihrem “Turm” wagten? Vielleicht dies: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!
Sehr interessanter Artikel!
Der Michel wird über kurz oder lang nicht am Aufwachen vorbeikommen. Dann kann er auch den Schlüssel finden.