Cyberwar nicht mehr nur ein Science-Fiction-Szenario? Oder warum gerade jetzt mit einem Krieg im Internet nicht zu rechnen ist.
Zitat:
Facebook und Twitter sind fast überall auf der Welt zu erreichen, so dass es zunehmend schwerer wird, das Internt zu sperren, ob es in China ist, in Ägypten, in Tunesien oder sonst wo auf der Welt, das ist auch ein kleines bisschen unser Verdienst.” (Bundeskanzlerin Merkel auf dem Münchner Sicherheitskongress 2011)
Was ist ein Cyberwar
Im Kosovo Krieg von 1999 wurde laut Militärexperten der erste Cyberwar geführt. Während die NATO Bomben fielen, griff die Allianz gleichzeitig die Luftabwehr der Jugoslawischen Armee digital an und störten diese empfindlich mittels des Einsatzes von hochfrequenten Mikrowellen. Zeitgleich wurde auf Servern Jugoslawischer Banken eingebrochen und die Konten der Familie MiloÅ¡ević und anderer Regierungsmitglieder sabotiert. Während der NATO Angriffe wurden auch Strom- und Telefonnetze gestört. Zu einem Cyberwar zählen die Experten weiterhin die Militärspionage, das Verändern von Medieninhalten, beispielsweise bei Webseiten (defacement) und das Social Engineering mittels Falschmeldungen oder Propaganda.
Klassische Cyberwar Szenarien beginnen sogar schon etwas früher mit dem Einbringen von Spionage Hardware (Keyloggern) oder den gezielten Denial-of-Service-Attacken. Aber auch materielle Angriffe durch Bomben oder physikalische Sabotagen gehören dazu. Die eben dargestellten Szenarien umreißen also, dass solch ein Cyberwar nur als Teil eines größeren Angriffs gesehen werden kann.
Seit “Cablegate” im letzten Jahr, bei dem die Onlineplattform Wikileaks mit über 250.000 teils mehr oder weniger geheimen Dokumenten an die Öffentlichkeit ging, spricht man selbst schon in den Fernseh- Abendnachrichten der westlichen Welt vom drohenden Cyberwar. Und es war auch Top Thema auf der gerade gelaufenen “Sicherheitskonferenz” in München.
Aber ist es wirklich so einfach einen Staat mittels Cyberwar anzugreifen oder gar lahm zu legen? Wichtige Infrastrukturen oder gar sicherheitskritische Anlagen mit digitaler Steuerung müssen ohne Internet auskommen. So jedenfalls nach in Deutschland geltenden Sicherheitsregeln. Es gibt trotzdem immer wieder Möglichkeiten solche Anlagen anzugreifen. Stuxnet beispielsweise wurde auch mittels einem verseuchten USB Stick übertragen. Absolute Sicherheit gibt es also auch hier nicht. Auch durch das so beliebte Outsourcing von IT Dienstleistungen sind viele technischen Abläufe der Regierungsarbeit durch privatwirtschaftliche Unternehmen abgedeckt. Im Idealfall der neoliberalen Lehre liegt die Last also auf mehreren Schultern verteilt. Diese Unternehmen können sich Ausfälle dann schlicht nicht leisten und sichern sich häufig mehrfach (redundant) gegen Ausfälle und ähnliches ab.
Digitaler Ausnahmezustand
Wenn also von Cyberangriffen berichtet wird, ist das erste Gebot wie immer: Ruhe bewahren und klaren Kopf behalten. Meistens handelt es sich sowieso nur um ein fehl gelaufenes Script eines Administratoren oder den berühmten Sonnenspiegelungen statt eines Atomangriffs. Selbst IT Experten bezweifeln, dass man eine alleinstehende Cyberattacke wirklich als solche auch sofort erkennen könnte. Denn es geht auch hier wieder ganz klassisch darum: “Wer hat die Definitionsmacht”, und wer entscheidet zum Beispiel wann eine konzertierte politische Meinungsäußerung, die in Mode gekommene Online Demo, als DDoS Angriff gewertet wird. Gerade wie der Fall Wikileaks gezeigt hat, sucht man sehr schnell nach Gründen gewisse Dienste in Netzwerken abzustellen oder wie gerade im Nahen Osten ganz das Internt nach außen zu kappen.
Wikileaks veröffentlichte als geheim eingestuftes Material und wird sofort, durch den Einsatz von technischen Mitteln, massiv behindert. Der unbedarfte Internetbenutzer soll die Wikileaks Webseite nicht mehr einfach durch eintippen des Namens erreichen. Aber sehr schnell verbreiteten sich sogenannte Spiegelserver, die den Inhalt der Wikileaks Seiten unter einer weiteren einfach zu erreichenden Webadresse im Netz bereitstellen. Kleine Anleitungen oder einfache Banner zum Anklicken machten den Besuch bei Wikilieks wieder für jeden möglich. Grundsätzlich war es jedem Webserver Betreiber möglich, eine Webseite mit dem Namen wikileaks.meineseite.de oder ähnlich einzurichten. Die Namen und Links zu diesen Spiegelservern verbreiteten sich dann über Foren und Blogs, Facebook und die anderen Sozialen Netzwerke sehr zügig. Daraufhin sperrte MasterCard und Paypal Wikileaks und Unterstützern wie der Wau Holland Stiftung die Konten. Als dies wiederum im Internet bekannt wurde, gab es einen Sturm der Entrüstung bei den Wikileaks Sympathisanten. Die Bürgerrechtsbewegung Anonymous, die sich schon häufig mit Scientology angelegt hat, stellte dann unter einem weiteren Pseudonym, den Anonops (Von Anonymen Operatoren) ein kleines Java Programm online, das auf jeder PC Plattform lief und es zuließ, gezielt eine Nachricht an eines oder oder mehrere Internetadressen zu senden.
Es war voraus zusehen, dass die Server der beiden Firmen die Wikileaks unter Druck setzten, unter der Last der Anfragen zumindest Probleme mit der Erreichbarkeit der Startseite bekommen würden. Das ist so wie ein realer Flashmob oder Spontandemonstration vor einer Bankzentrale, der sich kurz bildet und dann langsam wieder abebbt. Der Internetriese Amazon war teilweise auch betroffen, musste jedoch nicht einen Dienst oder Server vom Netz nehmen. Amazon ist einer der weltgrößten Anbieter von virtueller Hardware, dem sogenannten Cloud Service. Amazon nahm sich während der Angriffe einfach etwas mehr Rechenleistung aus dieser Maschinenwolke.
Diese virtuelle politische Äußerung vieler Menschen wurde dann als DDos Angriff diffamiert. Denn ein originärer DDOS ” Angriff wird von einer Person oder Gruppe mittels infizierter Rechner ausgeführt. Ohne, dass der Besitzer weiß was sein Rechner gerade tut. Diese ferngesteuerten Maschinen nennt man in Fachkreisen deswegen auch Zombies. Die Benutzer, die sich aber Software nachinstallieren und dann einen Knopf drücken, wissen doch meist recht genau was sie gerade tun.
Virtuelles Säbelrasseln
Wie sich nun im Nahen und Mittleren Osten, insbesondere auch in Tunesien und Ägypten gezeigt hat, ist dass ehemalige Militär- und Forschungsnetz zum immer noch rasant wachsenden Kommunikations- und Meinungs- Medium gemausert. In Tunesien ging die Regierung gegen das Netz vor und versuchte die Kommunikation zu unterbinden oder wenigstens zu stören, zum Beispiel durch vermeintliches Homosexuellen Outing mittels gestohlener Zugangsdaten zu den Facebook Profilen von Oppositionspolitkern. Ägypten leistete sich dann doch lieber den Kommunikations-GAU und trennte das nationale Netz vom Internet. Und später, als immer noch Bilder und Informationen an die Weltöffentlichkeit drangen, schalteten sie auch noch das Mobilfunk Netz ab. Übrigens mit Beteiligung der Weltfirma Vodafone. Schon damals bei den iranischen Massendemonstrationen wurde das Internet massiv gestört, um keine Informationen oder gar Bilder an den Rest der Welt gelangen zu lassen. Die Telekommunikationsanlagen im Iran sind größtenteils von Siemens oder Siemens Nokia Network (NSN) aufgebaut worden. Auch mit deutschen Steuern subventioniert.
Diese illustre Gesellschaft traf sich also letztens in München und möchte uns mehr Überwachungsstaat verkaufen, weil ja ein nicht näher zu bezeichnender Cyberwar praktisch vor der Haustür oder besser, dem Internetmodem steht. Denn laut des Bundes Innenministers wird das Regierungsnetzwerk im Sekundentakt angegriffen. Von wem, oder wie diese Angriffe stattfinden mag er uns aber nicht verraten. Es geht also beim vermeintlichen Cyberwar nur darum für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und damit eine Erklärung für Zensurmaßnahmen in der Schublade zu haben. Genau deswegen bekennt sich die Bundesregierung zu einem offenen Internet mit politischer Reißleine. Das berühmte “Ja, aber..”. Und nun auch noch die UNO, die sich einmischt. Dort argumentiert man mit dem Genozid in Ruanda. Via Radio wurde damals zum Völkermord aufgerufen. Den meisten Menschen dürften aber die Verstrickungen von Staat und Medienapparaten Weltweit bekannt sein. Oder welche Medien Gruppen in der 1. Welt die Sender aufbauten und förderten. Zur Ausweitung der Hörerschaft teilte die Regierung damals noch kostenlos Radioapparate an lokale Behörden und Gemeinden aus. Das Geld dafür stellte die Internationale Gemeinschaft zur Verfügung.
Netz der Dinge – Immer alles Kontrollieren
Während die Ingenieure von einem ganz neuen Netz der Dinge träumen, gab das Fraunhofer Institut zeitgleich zur Sicherheitskonferenz bekannt jeglicher Netzwerkfähigen Hardware einen einmaligen Security Schlüssel zuweisen zu können. Noch nach Jahren oder tausenden Kopien, ist nachvollziehbar mit welcher Hardware die Datei erstellt wurde, ist immer nachvollziehbar. Natürlich werden auch hier wieder die üblichen Propagandafloskeln wie beispielsweise Urheberrechtsverletzungen vorgeschoben. Aber die lückenlose Überwachung wäre damit perfekt. Dabei hat sich bisher in Wirtschaft und Wissenschaft die Erkenntnis breit gemacht, dass eine starre Organisation eher hinderlich ist. Ägypten hat es vor gemacht, nicht nur in Extremsituationen können sich Menschen recht gut selber organisieren und helfen. Feste Strukturen behindern eher das soziale Verhalten des Einzelnen. Bei dem Erdbeben in Haiti und anderen Katastrophengebieten, wo die Internationale Gemeinschaft gerne sofort hilft, sitzen die Menschen dann im Dreck warten auf die versprochene Hilfe sehen aber nur gepanzerte Konvois an sich vorüber ziehen.
So schlimm kann es zum Glück in Europa gar nicht mehr werden. Denn wenn hier in Europa mal für ein paar Stunden das Licht ausgeht, liegt das meist am maroden Leitungssystem und ist von “Neoliberalen Kostensparen-Terroristen” verursacht worden. Und auch die geplagte Mehrzahl der Kunden von großen Telefon und Internet Service Anbietern wissen längst: ein paar Tage ohne Internet und Telefon ist ärgerlich aber davon geht die Welt nicht unter. Nein, die meisten Menschen haben in dieser Zeit sicher recht anregende, analoge Gespräche geführt. Es braucht also keine großen Regulatoren oder Behördliche Wasserköpfe um eine gewachsene Struktur ein zu hegen. Nehmen wir die neoliberalen doch einfach beim Wort.! Außerdem gibt es ja schon Bestrebungen ein für alle Menschen freies Kommunikationsnetz auf zu bauen. Helfen auch Sie mit.
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