Revolution im Nahen Osten: Offenes Zeitfenster und Israel weiter auf dem Holzweg? – Ein Einwurf

Wir sind derzeit Zeugen eines historischen Moments. Die arabische Welt ist im Wandel. Diktatoren, Despoten, autokratische Herrscher – wie auch immer – werden von deren Untertanen von ihren prunkenden protzigen Thronen gefegt. Im Augenblick richten wir unseren Fokus auf Libyen und dessen irren Diktator Gaddafi, der sich wild und deswegen

219562_R_by_mundm_pixelio.de.jpgWir sind derzeit Zeugen eines historischen Moments. Die arabische Welt ist im Wandel. Diktatoren, Despoten, autokratische Herrscher – wie auch immer – werden von deren Untertanen von ihren prunkenden protzigen Thronen gefegt. Im Augenblick richten wir unseren Fokus auf Libyen und dessen irren Diktator Gaddafi, der sich wild und deswegen unberechenbar Massen mordend gegen den (obgleich wohl nicht mehr abwendbaren?) Sturz vom güldenen Throne wehrt. Der Westen wirkt nach den revolutionären Ereignissen in Tunesien und Ägypten nun eine weiteres Mal einigermaßen ratlos und heuchlerisch. Vor allem die EU: Hat man sich doch bisher des Terrorunterstützers und brutal herrschenden Diktators – ohne Skrupel dabei zu empfinden – bedient (und gut dafür entlohnt (bestochen), damit er uns potentielle Flüchtlinge aus Nordafrika vom scheinbar so sauberen demokratischen Halse hält und den einst als das Böse schlechthin geltenden Gaddafi deswegen hofiert wo man nur konnte (lächelnd mit dabei als Türöffner: Schröder, Sarkozy, Berlusconi u.s.w.). Pfui Deibel…

Begreift Israel seine Chance?

Aber der historische Moment ist längst noch nicht vorbei. Es kann noch einiges passieren. Wohin das am Ende führt – wer von uns kann das sagen? Jedenfalls ist das historische Zeitfenster momentan noch weit geöffnet. Wie, und ob, darf vielleicht nun auch einmal gefragt werden, gedenkt Israel das offene Fenster zu seinem und seiner arabischen Nachbarn Gunsten – zwecks Schaffung eines Friedens für alle – zu nutzen? Ich erlaube mir zu bezweifeln, dass Israel imstande sein wird, die sich im Augenblick eigentlich wie auf einem – wenn vielleicht nicht gerade goldenen – so doch aber mindestens auf einem silbernen Tablett darbietenden Möglichkeiten als Chance zu eignem Handeln zu begreifen, an dessen Ende immerhin nichts weniger als ein Frieden für alle und die Zweistaatenlösung stehen könnte. Leider, muss man sagen, wird Israel diesen Mut höchstwahscheinlich nicht aufbringen können. Ein großer Fehler. Nicht nur historisch betrachtet.

Israel in den “Fesseln einer Traumatisierung” gefangen

Einerseits ist die momenane israelische Regierung zu rechts und konservativ verstockt, als dass sie in Lage dazu wäre, hier die nötige Initiative zu ergreifen. Anderseits sieht etwa der Historiker und Publizist Moshe Zimmermann die Ursachen weitaus tieferliegend. Nämlich in der Tatsache, dass Israelis nicht selten den Holocaust dazu benutzten, um Misstrauen gegen jeden zu schüren. Darüber hinaus attestiert Zimmermann seinen Landleuten in seinem gleichnamigen Buch eine “Angst vor dem Frieden”. Zimmermann meint damit wohl die auch von anderen kritischen Israelis so gesehene Tatsache, dass das seit seiner Gründung in seiner weiteren Geschichte immer wieder von außen bedrohte Land quasi in den “Fesseln einer Traumatisierung” (Neues Deutschland) gefangen ist. Und dass Israel sich so sehr mit dieser pathologisch gewordenen Bedrohung identifiziert und sich demzufolge wohl auf immer und ewig in der Rolle des ständigen Opfer eingerichtet hat, dass es dem Land nun beinahe unmöglich scheint in anderen – womöglich aus der Bedrohung herausführenden – Kategorien, im positiven Sinne visionär,  zu denken.

Norman Paech: Die Besatzungspolitik und ihre militärischen Exzesse zersetzen Israels Demokratie

Anhaltspunkte dafür lassen sich auch aus einem ebenfalls in ND erschienenen Text von Norman Paech herauslesen. Dieser befasst sich unter der Überschrift “Die Revolution und ihre falschen Partner” u. a. auch mit den Auswirkungen der arabischen Revolutionen auf Israel sowie den eventuellen Reaktionen der “einzigen Demokratie” im Nahen Osten (eine Bezeichnung des Westens, die bei näherer Beschäftigung damit auch nur bedingt zu halten sein dürfte: schließlich sind dort längst nicht alle Menschen so gleich, wie es den Anschein hat) darauf.  Die stramm rechts ausgerichtete israelische Regierung hat offenbar Angst vor einem Demokratisierungsprozess bei seinen arabischen Nachbarn. Norman Paech registriert bei den Israelis “die Unfähigkeit, auf eine demokratische Bewegung mit den mit demokratischen Angeboten zu antworten”. Dies zeige, so Paech weiter, “wie weit die Besatzungspolitik und ihre militärischen Exzesse bereits die eigne Demokratie zersetzt” hätte. Deshalb wäre es seiner Meinung nach, “notwendig, dass sich die Revolution nicht nur auf die arabischen Nachbarn ausdehnt, sondern auch auf Israel”, so der emeritierte Professor für Öffentliches Recht an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg und ehemaliger außenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Deutschen Bundestag in seinem ND-Artikel.

Die Misere Israels rührt aus dem Anachronismus des zionistischen Wahns und seiner kolonialen Besatzungspolitik (Norman Paech)

Anzeichen für positive Signale dahingehend lassen sich derzeit nicht ausmachen. Ganz im Gegenteil: Laut Paech lässt Israel die “Angst vor dem Frieden” (Moshe Zimmermann) weiter in den festgefahrenen, in schweren Traumatisierungen gründenden, Mustern denken. So rät etwa der scheidende israelische Generalstabschef Gabi Ashkenasi seinem Land, sich auf einen Mehrfrontenkrieg vorzubereiten. Norman Paech dazu: “Die ganze Misere Israels, seine Angst vor der Demokratie bei den Nachbarn, rührt aus dem Anachronismus des zionistischen Wahns und seiner kolonialen Besatzungspolitik. Er treibt das Land immer wieder in kriegerische Abenteuer, befreit es aber nicht aus seinem Käfig.”

Dieser Tage scheiterte eine Resolution des Weltsicherheitsrates, welche den aggressiven und völker-, wie menschenrechtswidrigen seitens Israels vorangetriebenen Siedlungsbau auf palästinensischem Boden verurteilte (auch Deutschland hatte dafür gestimmt) am Veto der USA.

So kommt Israel nie aus seinem Käfig

Wir konstatieren: Israel kam im Sinne einer vermeintlichen Sicherheit bislang bestens mit Diktaturen und Autokratien in seiner Nachbarschaft aus. Angst hat Tel Aviv ironischerweise dagegen augenscheinlich ausschließlich vor Demokratien. Da hat das Volk bekanntlich eine Wahl. Wenn aus demokratischen Wahlen aber Gruppen wie die palästinensische Hamas als Sieger hervorgeht, dann erkennt Tel Aviv (und der Westen) sie kurzerhand einfach nicht an. Solches Handeln mag aus Sicht Israelis zwar verständlich sein, “aus seinem Käfig” (Norman Paech) befreit eine solche Politik Israel nicht. Vielmehr bugsiert sie Israel immer weiter auf dem Holzweg voran, auf dem sich das Land viel zu lange schon befindet.

Wir erleben gerade einen historischen Moment. Dank der bedeutenden Umbrüche in der arabischen Welt hat sich ein Zeitfenster geöffnet. Wann endlich schaut auch Israel heraus und lässt sich angesichts der gravierenden Veränderungen, dadurch hereinwehenden frischen Luft der Lust auf Demokratie in seiner unmittelbaren Umgebung mutig anstecken?

Photo/Quelle: mundm via Pixelio.de

Kommentare

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  1. Ach Herr Claus-Dieter Stille, auch wenn ich noch nicht genau weiß, ob ein Aufstand gleich eine Revolution ist, finde ich Ihren Blick durch das Zeitfenster ermutigend. Meinen Sie, dass der Gaza-Streifen mit dem Westjordanland zum Frieden findet, wenn Israel damit aufhört, Dummheiten zu machen. Waren es nicht die Nationalsozialisten, die hinter jedem Unheil die Juden vermuteten?

    Mit wem müsste Israel den Frieden schließen? Wahrscheinlich mit den Arabern.
    Und mit wem müssten die Araber den Frieden schließen? Wahrscheinlich nicht nur mit Israel, sondern auch mit den Arabern.

    Geht es bei den revolutionären Aufständen wirklich darum, dass die unterdrückte Mehrheit der Araber endlich einen Frieden mit Israel haben will? Ich würde es mir wünschen. Dann könnte Israel endlich die Golanhöhen aufgeben und den Armeedienst schlagartig auf sechs Monate verkürzen.