Der US-Staat war schon immer ein Paradies für Waffenjunkies. Der klassische Texaner gilt gemeinhin als Sinnbild des selbstbestimmten Amerikaners, der sein Schicksal und auch das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Eine Waffe zu tragen gehört ebenso zum guten Ton wie das Recht auf Selbstjustiz.
Die Gesetzesvorlage, wonach es bald erlaubt sein soll, Waffen auf dem Unicampus tragen zu dürfen, passt genau in das europäische Bild vom stereotypen texanischen Neuzeit-Sheriff. Für uns Europäer ist alleine das schon schwer zu begreifen. Noch sinnentleerter allerdings sind die politischen und gesellschaftlichen Argumentationen einer dergestalteten Auffassung von öffentlicher Sicherheit. Das Credo “Sicherheit durch mehr Waffen für jedermann” birgt schon eine gewisse Komik in sich, zumindest vom fernen Europa aus gesehen. Natürlich trägt die mächtige Waffenlobby das Ihrige dazu bei, doch das Fundament dieses Selbstverständnisses fußt vor allem auf der Verfassung, wonach jeder US-Amerikaner das Recht auf Selbstverteidigung durch Waffen zugesprochen bekommt. Die offensive Politik der hiesigen Waffenlobby sorgt lediglich dafür, dass dieses Recht zur gefühlten Pflicht umgedeutet wird.
Beleidigung für die Zivilisation westlich-demokratischer Prägung
Die gesellschaftliche Sicherheitsdoktrin, man könne zukünftig Massaker von geistig verwirrten Personen an den Unis am besten dadurch verhindern, mehr Studenten und auch Professoren mit Handfeuerwaffen auszustatten, hat schon etwas sehr spezielles in sich. Speziell im Sinne von besonders, und speziell im Sinne einer ungeteilten Ignoranz des Hausverstandes. George Orwells These, wonach dem Volk glaubhaft gemacht werden kann, dass 2 plus 2 auf das mathematische Ergebnis 5 hinauslaufen würde, gewinnt in diesem Zusammenhang eine ganz neue Qualität.
Texas steht nur stellvertretend für das tief in der amerikanischen Gesellschaft verankerte Selbstverständnis vom Recht auf Waffenbesitz zur Selbstverteidigung. Diese mittelalterliche Auslegung von einem selbstbestimmten Leben in Sicherheit ist eine Beleidigung für die Zivilisation westlich-demokratischer Prägung. Es bleibt dabei: 2 plus 2 ergibt 4.
Photo: Gideon Tsang, via flickr
Es ist wirklich eine Schande für unsere Welt, dass es nicht gelingt, solche Tollheiten in die historische Versenkung zu befördern. Mit den U.S.A. sitzen wir in Euroa da allerdings in einem Boot, es sind a weitgehend unsere eigenen ausgewanderten Vorfahren, die dort zwar den Grundgedanken der Demokratie ein wenig ausgebaut haben, aber bis heute keinen respektablen Rechtsstaat auf die Beine gebracht haben.
Kein Grund, allzu stolz auf unseren Status zu sein. Europa ist auch reformunfähig, besonders was die Herstellung einer lebendigen Demokratie angeht. Vielleicht kann es in so großen Einheiten wie den U.S.A. und der EU gar keinen grundlegenden Fortschritt geben. Hoffen wir auf die Entwicklung neuer regionaler Kulturen, wenn unser heutiges Gesellschaftssystem sich einmal endgültig zu Grunde gerichtet hat.