Kinostart für “Almanya”: “€˜Integrationsarbeit’ war für uns nie ein Beweggrund.”

In ihrem Film “Almanya – Willkommen in Deutschland” befassen sich die Drehbuchautorin Nesrin Samdereli und Regisseurin Yasemin humorvoll mit dem Leben einer Gastarbeiterfamilie, die in den 60er Jahren in die Bundesrepublik kommt. Im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten sprechen die Schwestern darüber, welche eigenen Erfahrungen in den Streifen, der

rrhr.jpgIn ihrem Film “Almanya – Willkommen in Deutschland” befassen sich die Drehbuchautorin Nesrin Samdereli und Regisseurin Yasemin humorvoll mit dem Leben einer Gastarbeiterfamilie, die in den 60er Jahren in die Bundesrepublik kommt. Im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten sprechen die Schwestern darüber, welche eigenen Erfahrungen in den Streifen, der seine Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale feierte, eingeflossen sind.

“Integrationsarbeit’ war für uns nie ein Beweggrund”, stellt Nesrin Samdereli gleich zu Beginn heraus. “Wir wollten vielmehr eine humorvolle, komplexe Familiengeschichte erzählen, die möglichst viele Facetten des  Deutsch-Türkischen Zusammenlebens hier in Deutschland zeigt.” Denn: Nicht alle Menschen würden hier an den Aufgaben scheitern. Vielmehr gäbe es sehr viele, die eher den Gewinn, als den Verlust sehen würden.

Vieles sei ihnen beiden genauso wie im Film passiert. Zum Beispiel Weihnachten, das wurde auch in der Familie Samdereli groß gefeiert. “(…) aber man kann sagen, dass es sehr komisch und sehr enttäuschend zugleich war.” Insgesamt sei es einfach gewesen, die Perspektive der Protagonisten einzunehmen. “Man muss nur mit genug Distanz betrachten, da fällt einem sofort allerhand Skurriles auf. Das könnte man, glaube ich, mit jedem Land und jeder Kultur so machen.”

An diesem Donnerstag, 10. März, startet der Streifen im Kino. Lesen Sie hier das gesamte Interview.

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  1. SARRAZIN TOTLACHEN
    Das nationale Klosett ist unteilbar

    Darf man das? Zu einem ernsten, schwierigen Thema wie das der Integration eine Komödie abliefern? Wenn man kann, schon. Die Samdereli-Schwestern (Yasemin und Nesrin) können es. Sie lassen den Enkel einer türkischen Großfamilie, Cenk (Rafael Koussouris), den Großvater (Vedat Erincin) nach der Geschichte seiner Einwanderung fragen. Denn den kleinen Cenk quält die Generalfrage vieler Türken der dritten Generation: Bin ich nun Türke, Deutscher oder was? Und während die Einwanderung in immer neuen Rückblenden erzählt wird, entrollen die Schwestern (Buch und Regie) die Szenen einer Reise der Familie “nach Hause”, in die Türkei, in der niemand mehr dauerhaft leben will. Aber Opa hat dort, sagt er, ein Haus gekauft. Also ab nach Anatolien. Am besten mit Sarrazin, auf dem Kino-Sitz festgeschnallt.

    Es ist der fremde Blick der Einwanderer auf das unglaubliche Deutschland der Fünfziger Jahre, der den Film beseelt: Ein Klo, auf dem man sitzen soll, wo anderer Leute Hintern sich auch schon rumgedrückt haben? Ekelhaft, unhygienisch! Fettes Schweinefleisch? Widerlich. Und dann die schreckliche Religion: Sie trinken des Sonntags das Blut ihres Gottes und essen sein Fleisch, die Deutschen! Alles Kannibalen! Und doch, überall kannst du Cola kaufen, so viel wie du willtst und Opa steuert auf seiner ersten Heimreise einen Mercedes nach Anatolien, da können die Nachbarn mal gucken. Es ist der wunderbar verkehrte Blick, der die damals noch junge Oma zum zweiten Mal mit Ekel und Schrecken auf ein Klo blicken lässt, auf eben der ersten Heimreise in die Türkei. Denn jetzt hat sie sich an das städtische, das deutsche Sitz-Klo gewöhnt und findet das dörfliche, türkische Hock-Klo einfach hinterwäldlerisch.

    “Klüng-Plüme-Klünge-Plümme-Ling, Plüm-Klüngeling” lautmalert der deutsche Text von “Kling-Glöckchen-Klingelingeling”, wenn die türkischen Kinder ihren Eltern ein echt deutsches Weihnachtsfest abgerungen haben: Geschenke wollen sie schließlich auch. Dieses erfundene, lautmalerische Deutsch ist es, das dem Zwerchfell die schlimmsten Attacken versetzt – und die Bilder dazu: Als Oma (Demet Gül), jung und hübsch, dem deutschen Kaufmann ihren Wunsch nach Brot gestisch erklären will und der in dieser komischen Plüm-Klüngeling-Sprache antwortet. Glücklich kehrt sie mit Milch zurück: Süt heißt das auf gut Türkisch und bei Edeka in Neukölln können sie es immer noch nicht, außer sie haben einen der jungen Türken aus der dritten Generation eingestellt. Doch schon die zweite, erzählt der Film, weil sie deutsche Schulen besucht hatte, diente den Eltern als Dolmetscher. So muss die Tochter der Mutter den ärztlichen Befund übersetzen: Sie bekommt ein Baby, das vierte Kind. Jetzt darf Sarrazin aus dem Kino raus, damit er sich nicht zu sehr ängstigt. Alle anderen dürfen lachen. So herzhaft wie Fatma, die sich einfach über das kommende Kind freut.

    Manchmal stolpern die witzigen Dialoge über die großartigen, zuweilen dramatischen Bilder, die der Kameramann Ngo the Chau dem Film schenkt. Weil das ernsthafte Bild auch gut ohne den Text klar käme. Aber ob der Einfall, die Tür von Opas Haus in der Türkei scheinbar ins Nichts öffnen zu lassen vom Kameramann oder den Samdereli-Schwestern stammt, ist egal: Die Tür der Fassade ohne Haus dahinter öffnet sich nicht nur zum Blick auf eine der großartigen anatolischen Landschaften, sondern auch auf die große, fröhliche Familie an einem reich gedeckten Tisch, an dem wir alle auch gerne säßen und lachen würden bis wir krumm sind und der Sarrazynismus sein wohl verdientes Ende gefunden hat.

    Veröffntlicht Sonntag, den 13. Februar 2011 in Readers Edition