Die Organisatoren hatten nur knappe zwei Wochen Zeit für die Planung der Anti-Atom-Proteste vom 26. April in gleich vier deutschen Großstädten. Indes: Sie wurden ein Riesenerfolg für die auf Grund gefährlicher Klientel-Politik von Schwarz-Gelb wieder auf den Plan gerufene und durch die schreckliche Erdeben-Tsunami-Atom-Katastrophe in Japan noch einmal zusätzlich erstarkte deutsche Anti-Atombewegung.
Die Bürgerbeteiligung, gespeist aus nahezu allen Alters- und Bevölkerungsschichten, an den Anti-Atom-Protesten erreichte gestern insgesamt eine historische Dimension: 250.000 Menschen in vier deutschen Großstädten forderten nachdrücklich und entschlossen nicht nur Fukoshima 1 bis 6 abzuschalten, sondern auch alle Atomkraftwerke international, die deutschen in erster Linie und so schnell als möglich vom Netz zu nehmen. “Abschalten!, abschalten!”, skandierten die Menschen immer wieder. In Berlin taten dies 120.000, in Hamburg 50.000, in München und Köln 40.000 Menschen. Welch mächtige Manifestation!
Christoph Bautz: “Was? So viele seid ihr?!”
Readers Edition war für Sie gestern in Köln dabei. Dort vereinigten sich zwei Demozüge. Einer davon nahm seinen Lauf am Köln-Deutzer-Messe-Bahnhof. Bei trübem, aber Gott sei Dank trockenen Wetter, setzte sich der Deutzer Aufzug gegen 13 Uhr in Gang. Ihm voran gingen, das schwarze Transparent mit der Aufschrift “Fukoshima mahnt: Alle AKWs abschalten!” tragend, Bundes- und NRW-Politikerinnen und Politiker von B90/Die Grünen in einer Reihe mit NRW-LINKEN und Gewerschafterinnen und Gewerkschaftern. Vorbei an der Deutzer Freiheit marschierten die AKW-Gegner hinunter ans rechte Rheinufer auf das Kundgebungsgelände Deutzer Werft. Immer wieder wurde das alte Kampflied “We shall over come” vielkehlig angestimmt. Und beim donnernd gerufenem “Abschalten!, abschalten!”, ging so manches Fenster in den anliegenden Wohnhäusern auf. Manche Passanten reihten sich spontan in den Demozug ein. Auf der großen Bühne wurden die Teilnehmer von Christoph Bautz (Kampagnenetzwerk Campact) auf das Herzlichste begrüßt.
Vor Freude überschlug sie dessen Stimme: “Was? So viele seid ihr!” Und es sollten noch viel mehr werden. Schaute man auf die linksrheinische Seite in Richtung Kölner Dom sah man schon bald nicht nur blitzende Polizeiblaulichter in der Ferne sondern auch Tausende von Menschen, der andere Demozug, der am Neumarkt losmarschiert war und nun via Deutzer Brücke Kurs aufs Rechtsrheinische und die Deutzer Werft nahm.Welch machtvoll-eindrucksvolles Bild: Der bunte Zug der Anti-Atomkraft-Bewegten mit all den Plakaten, Fahnen und Transparenten! Auch an das Brückengeländer von links bis rechts hatten die vielen freiwilligen Helfer welche angebunden. Und später kamen ständig welche hinzu.
Nichts da, von wegen unpolitische Jugend:
Gleich vorn links neben der Veranstaltungsbühne hatten sich Kinder- und Jugendliche in weißen Schutzanzügen und Mundschutzmasken der 8. Klasse der FWS Oberberg mit einem selbstgemaltem Transparent postiert. Es trug den mahnenden Schriftzug “Heute Japan, morgen wir!?” Sie zeigten damit: Wir haben verstanden. So kann es nicht weitergehen.
Wolf Maahn, ein “alter” Anti-Atom-Kraft-Recke
Dann traten Wolf Maahn und Band auf. Der Sänger ist sozusagen eine Anti-Atom-Kraftgegner der Ersten Stunde. So erinnerte Maahn dann auch auf der Deutzer Bühne daran, dass Menschen tatsächlich etwas verändern könnten, wenn sie nur wollten. Maahn: “Die Wiederaufarbeitsungsanlage Wackersdorf wurde nicht gebaut!” Und dann rockte er und seine Mannen los. “Hoffentlich hält meine Stimme durch!” röhrte Maahn. Er und die Jungs sind derzeit auf Tour. Aber auf diesen Abstecher zur Anti-Atom-Demo hatte sie nicht verzichten wollen. Die Massen dankten es. Wieder “ölte” Wolf nach einem Lied seine malträtierte Stimme. Danach setzte der die Flasche ab und gab dem Publikum zu Bedenken, “Hhm, gut. Dieses Wasser kann man noch trinken!”, rockte noch einmal richtig los und huschte dann von der Bühne, um rechtzeitig dienächste Tour-Location zu erreichen.
14.15 Uhr: Schweigeminute
Zwischenzeitlich war der Demozug vom Neumarkt an der Deutzer Werft eingetroffen. Irgendwo quäkte das Martinshorn eines Notarztwagens. Dann trat eine Dame der Katholikinnenvereinigung ans Mikrofon, um der Toten, der Verletzten und nun von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen in Japan zu gedenken. Es war 14.15 Uhr: Zeit für eine Schweigeminute. Eine beeindruckende Stille breitete sich aus. Sie legte sich schwer auch auf die Gemüter der Anwesenden. Nicht einmal die Wasser des nahen Rheins hörte man glucksen. Nicht wenigen Menschen gingen die Bilder der vergangenen zwei Wochen durch den Kopf: Die zerstörten japanischen Orte, die apokalyptisch anmutende Aufnahmen, der vor sich hin rauchenden Fukoshima-AKWs oder Kinder, die mit Geigerzählern auf Strahlung untersucht werden… Die Katholikin erinnerte: “Tausende Menschen sind tot.
Aber jeder dieser ungezählten Toten ist ein Mensch mit einem eigenem Gesicht, einer eigenen Persönlichkeit und einer eigenen Geschichte (…) Die Reaktorkatastrophe zwingt uns zum Innehalten und Umdenken! (…) Voller Schmerz müssen wir erkennen, dass es keine umfassende Sicherheit geben kann und das Restrisiko nicht nur eine theoretische Größe, sondern für viele Menschen in Japan eine lange Zeit des Leidens und für viele den Tod bedeutet.” Sie rief desweiteren dazu auf nicht alles technisch mögliche auch umzusetzen. Statt einem grenzenlosen Wachstum nachzulaufen, ginge es viel mehr darum, Grenzen anzuerkennen. Ein Wort von Max Frisch aufnehmend, erinnerte sie: “Anders als durch Umdenken ist Hoffnung nicht begründet. Ein Aufruf zur Hoffnung ist ein Aufruf zum Widerstand.” Und sie schloss: “Halten wir inne. Ob Juden, Christen, oder Muslime. Ob Hinduisten oder Buddhisten. Ob Gläubige oder nicht Glaubende. Im Mitgefühl mit den Menschen in Japan.”
Alex Rosen: “Empört Euch!”
Alex Rosen (IPPNW), von Beruf Kinderarzt, hielt anschließend ein flammendes Plädoyer für die Abkehr von der Atomkraft. Rosen nannte auf er Deutzer Bühne seinen ganz persönlichen Grund für sein Kommen: “Ich bin hier, weil empört bin. Ich empöre mich über die Atompolitik hier in diesem Lande! Ich empöre mich über die Tatsache, dass wir aus Tschernobyl anscheinend nichts gelernt haben. Ich empöre mich über die Regierung und über die Stromkonzerne, den das Profitstreben über unsere Gesundheit geht. Ich bin empört!”, erhebt Rosen noch einmal seine Stimme um einiges mehr. Stéphane Hessel (“Empört Euch!”) wäre begeistert von dieser ganz persönlichen Empörung: nichts anderes will dieser Mann, als dass wir die Stimme erheben gegen Mißstände unserer Zeit. Alex Rosen sagte, er werde oft gefragt, warum die Leute von IPPNW nicht nur gegen Atomkrieg, sondern auch gegen AKWs seien. Da würde doch die Atomkraft “friedlich” genutzt. Rosen entgegnet solchen fragwürdigen Argumenten:”Atomenergie und Atomwaffen sind Seiten derselben Medaille. Atomernergie ist die Basis für die Entwickung von Atomwaffen!” Rosen wird noch eine Spur deutlicher: “Atomkraftwerke sind nichts anderes als in Zement gegossene Atombomben!” Die Meldungen aus Japan, da ist sich der Kinderarzt sicher, geben nicht die Wahrheit wider: “Was in Japan derzeit passiert ist ein Super-GAU, eine atomare Katastrophe sondergleichen!” Zum Ende seines engagiert vorgetragenen Wortbeitrages rief Rosen noch einmal alle zur Demo gekommenen mit der Inbrunst eines Überzeugten dazu auf: “Empört Euch!, Empört Euch! Informiert Euch, schreibt Leserbriefe, macht Druck auf die Politiker, boykottiert E.on, EnBW, RWE und Vattenfall. Wechselt den Stromanbieter!”
Jens Sannig (Superintendent des Kirchenkreises Jülich): die Atomtechnologie ist kein zukunftsweisender Weg
“Zu hoch sind die Risiken. Solche unvorstellbaren Risiken zu hinterlassen ist in Gottes Augen eine Sünde.” Die Forderung, die von den gestrigen Demonstrationen für ganz Deutschland ausgeht, müsse heißen: “Wir wollen endlich ernsthaft über Alternativen in diesem Lande nachdenken. Und der Wissenschaft und der Politik müssen wir zurufen: Strengt euch endlich noch mehr an. Technik und Wissenschaft hält alles bereit, was für eine alternative Energiegewinnung brauchen!”
Klaus der Geiger – “Saufroh” und angriffslustig wie immer
Dann trat Klaus der Geiger (Photo links; nachdenklich vorm Aufritt) auf den Plan. Wieviele Jahrzehnte hat dieser engagierte Mann auf der Straße, auf den unterschiedlichsten Bühnen oder im Radio seinen Kampf gegen die Auswüchse und den ekelhaften Auswurf des Kapitalismus und Militarismus in der Welt und in Deutschland geführt? Nie hat Klaus der Geiger aufgegeben. Mag er auch verlacht oder missachtet worden sein. Von den Mächtigen oder von manchen Medien. Er ist noch immer da und sich und seiner Gesinnung treu geblieben. Und Klaus hat nach wie vor sein Publikum. Gestern waren es 40.000! Als Klaus dann auftrat sprang dessen ganz persönliches, umweltfreundliches, Kraftwerk an. So bekannte Klaus der Geiger denn gestern auch freimütig und trotz der schrecklichen Ereignisse in Japan: “Ich bin trotzdem saufroh, dass wir alle hier sind! Es gibt eine Tatsache. Das ist wirklich eine Tatsache. Das hat sich gerade mal wieder in diesem Jahr herausgestellt: Das Volk hat die Macht!”
Immer noch treffen die Texte von Klaus der Geiger genau in die hässliche Fratze des Kapitalismus (Liedzeile: “Ohne Leichen läuft das Geschäft nun ‘mal nicht”), dessen Profite sich immer auch und immer noch aus und wieder und wieder über angezettelte Kriege speisen. Und die Massen hängen an den Lippen des Geigers – auch die Jungen und Jüngsten, die Klaus vielleicht gar nicht kennen – und singen laut mit, wenn er singt und dabei aufstampft, kraftvoll fidelt, dass gar eine Saite zerspringt: “Nein, nein, wir woll’n nicht eure Welt, wir woll’n nicht euer Geld…”
Wilfried Schmickler – Was sind schon Zahnschmerzen? “Abschalten!”
Last but not least sprang noch Wilfried Schmickler auf die Bühne. Sein Kommen war bis zuletzt ungewiss: Der Kabarettist (u.a. “Mitternachstspitzen”, WDR) hatte früh wegen Schmerzen zum Zahnklempner gemusst. Aber Schmickler wäre nicht Schmickler, wenn er nicht gekommen wäre. Also zog er in gewohnter Manier vom Leder. Nur verlangte Schmickler diesmal nicht brüllend wie ein zorniges Tier am jeweilgen Ende der Mitternachtsspitzen “Aufhören, aufhören!”, sondern “Abschalten, abschalten!” Und das bezog sich gewiss nicht nur auf die noch laufenden Atommailer, sondern auch auf die Sorte von Politikern, die der Atommafia zuliebe eben gerade nicht abschalten wollen und dafür Leib und Leben vieler Menschen aufs Spiel setzen.
Die regenerative Kraft des Protestes
Die gestrigen Anti-Atom-Demonstrationen in vier großen deutschen Städten mit einer historisch-sensationellen Beteiligung von 250.000 Menschen fast aller Altergruppen haben gezeigt, was des Volkes Mehrheitswille ist. Wie nicht nur Jutta Sundermann (Koordinationkreis Attac) gestern in Köln sagte, ist das Abschalten der AKW Handarbeit. Voralllem an der Wahlurne kann sie gemacht werden. Vielleicht heute bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Würrtemberg? Sundermann gestern in Köln: “Wir gemeinsam können dazu beitragen die Nutzung der Atomkraft Geschichte werden zu lassen! Dafür ist die Zeit reif. Die Botschaft des heutigen Tages ist glasklar: Alle Atomkraftwerke abschalten!” Und die Menschen skandieren “Abschalten, abschalten!” Jutta Sundermann darauf mit strahlendem Gesicht: “Das ist irre. Das ist eine Energie, die lobe ich mir. Eine regenerative Energie, die sie (die Atomfreunde, d. A.) hinwegspülen wird! Auf zu einer demokratischen Gesellschaft! Wir müssen Machtfragen stellen und kämpfen gegen ein Wirtschaftssystem, das solche Atomkonzerne hervorbringt und bevorzugt. Wir wehren uns gegen eine Politik die alternativlos sagt und wirtschaftsfreundlich und brandgefährlich meint!” Und Sundermann gab überdies kritisch zu bedenken: “Die Energieriesen (…) nahmen nach ihrem Dienstende unsere ehemaligen Wirtschaftsminister Werner Müller, Wolfgang Clement und Michael Glos in ihren eigenen Reihen auf. Und der grüne Ex-Außeninister Joschka Fischer ist seit 2009 offizieller Energieberater für den Stromkonzern RWE!” (Buhs und Pfui-Rufe von aufgebrachten Zuhörerinnen und Zuhöreren) Sie alle wie deren Nachfolger, so Jutta Sundermann, predigten die Lüge vom ewigen Wirtschaftswachstum. Das kann nicht funktionieren. Sie ließen sich von den Banken lancieren. Sundermann wies daraufhin, dass z. B. die heute marode WestLB den japanischen Atomkonzern Tepco mitfanzierte wie die Deutsche Bank. Sundermann rief die Protestierenden dazu auf ihre Bank zu wechseln, wenn diese ins Atomgeschäft verstrickt sei. Hinweise dazu gibt es auf der Website von Attac.
Die Veranstaltung in Köln klang mit einem Kulturprogramm aus.
Der Anti-Atom-Kampf geht weiter
Die Anti-Atom-Bewegung hat gestern unzweifelhaft einen großen Erfolg verbucht. Doch der Kampf ist nicht zuende, darauf machte der die Kölner Veranstaltung moderierende Christoph Bautz (Campact) an deren Schluss noch einmal aufmerksam. Weitere Proteste würden deshalb in den nächsten Wochen organisiert. Ebenso wird erwogen – wenn die schwarz-gelbe Bundesregierung nach Ablauf des Moratoriums (und den wie auch immer hinter sich gebrachten Landtagswahlen) gedenkt so fortzufahren wie bisher, indem sie etwa die momentan heruntergefahrenden AKWs wieder aktiviert – auch Atomkrafwerke mittels Menschenketten zu blockieren.
Es bleibt also spannend! Nur ein Eindruck von gestern: Das Atomzeitalter für Deutschland scheint genauso abgelaufen zu sein, wie die Macht der großen Energiekonzerne. Auch wenn es weder die noch die Bundesregierung mitbekommen haben bzw. es einfach noch verdrängen. Es herrscht Wechselstimmung. Aber eines machten auch einige Wortbeiträge gestern in Köln deutlich: Vorsischt! Das Fell des Bären kann noch nicht verteilt werden. Das Tier mag waidwund sein. Tot ist es noch nicht. Da geht es ihm wie dem Kapitalismus. Ihm gelingt immer wieder eine neue Finte. Noch…
Pingback: Readers Edition » Stromanbieter oder Bank wechseln? Machbar. Atomausstieg ist Handbetrieb