Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in der Energiepolitik

Ursprünglich hatte die Überschrift zu diesem Artikel “Ein Aufruf zu mehr Rationalität in der Energiepolitik€ lauten sollen. Doch angesichts der Vorgänge in den letzten zwei Wochen in unserem Land erschien mir der Ausdruck Rationalität beim momentanen Geisteszustand der Deutschen absolut nicht mehr angebracht. Schließlich ist die derzeit vorherrschende Geisteshaltung in

Stop Global Fooling.bmpUrsprünglich hatte die Überschrift zu diesem Artikel “Ein Aufruf zu mehr Rationalität in der Energiepolitik€ lauten sollen. Doch angesichts der Vorgänge in den letzten zwei Wochen in unserem Land erschien mir der Ausdruck Rationalität beim momentanen Geisteszustand der Deutschen absolut nicht mehr angebracht. Schließlich ist die derzeit vorherrschende Geisteshaltung in Deutschland selbst mit dem Wort hysterisch noch äußerst wohlwollend beschrieben.

Zehntausende Menschen gehen in diesen Tagen auf die Straße, um für einen sofortigen Ausstieg aus der aus ihrer Sicht unverantwortlichen Kernkraft zu fordern. Warum, so fragen diese Menschen, haben wir nicht schon längst begonnen, unsere Stromversorgung komplett auf sogenannte Erneuerbare Energien umzustellen. Wind und Sonne sind schließlich weniger gefährlich. Und auch schickt die Sonne, wie die Photovoltaik-Lobby nicht müde wird zu betonen, uns keine Rechnung.

Japaner reagieren rational

Man fragt sich unwillkürlich, warum denn nicht die Japaner schon längst auf die gleiche Idee gekommen sind. Die Voraussetzungen dort wären für Wind und Sonne sogar besser als in Deutschland. Japan liegt weiter südlich als Deutschland und hat demnach auch mehr Sonnenenergie pro Fläche zu bieten. Auch die Länge der Küstenlinie Japans beträgt ein vielfaches der deutschen Nord- und Ostseeküste. Demnach bietet gerade dieses Land optimale Standorte für die von uns favorisierten riesigen Offshore Windparks. Und gerade vor dem Hintergrund des größten nuklearen Unfalls, den das Land im fernen Osten je erlebt hat, sollten doch auch in der japanischen Öffentlichkeit Stimmen laut werden, die einen möglichst raschen Ausstieg aus der Kernkraft hin zu den “Erneuerbaren€ fordern. Das dies nicht so ist hat einen einfachen Grund.

Die Japaner wissen im Gegensatz zu uns Deutschen ganz offensichtlich genau, dass eine moderne Industrienation auf eine wettbewerbsfähige und stetig an den Bedarf angepasste Stromversorgung angewiesen sind. Und als rohstoffarmes Land wissen sie auch, dass nach wie vor die Kernenergie die für sie optimale Lösung darstellt.

Nur Strom, wenn die Sonne scheint?

Um einen Punkt vorweg zu nehmen. Ich habe kein ideologisches Problem damit, sollte es in Deutschland keine Kernkraft mehr geben. Es ist für mich als Verbraucher und für uns als Industriestandort eigentlich nur wichtig, dass der Strom dann aus der Steckdose kommt, wenn wir ihn benötigen. Und dass uns dieser zu halbwegs erträglichen Preisen zur Verfügung gestellt werden kann.

Nur das beides vermag eine auf 100 Prozent ineffizienter und unsteter Energiequellen (sogenannter Erneuerbarer Energien) ausgerichtete Stromversorgung eben nicht zu leisten. Windstrom kann nur genau dann produziert werden, wenn der Wind auch weht, Solarstrom wird nur dann produziert, wenn die Sonne auch scheint. Hinzu kommt, dass eine Versorgung mit dem zahlenmäßig weit bedeutenderem Windstrom im großen Stil bedeuten würde, dass der Strom in Deutschland in völlig neuem Maßstab dezentral produziert würde. Nämlich an der Küste, wo dann riesige Offshore Windparks ins Meer gepflanzt werden müssten.

Unser Stromnetz ist bereits heute unzureichend

Nun liegen aber die größten Stromverbraucher in Deutschland genau am anderen Ende der Republik, im Süden. Und damit diese überhaupt an den Segnungen des im Norden produzierten Windstroms teilhaben könnten, wäre ein massiver Ausbau der Stromnetze in Deutschland erforderlich. Schon jetzt fehlen jedoch im Netz Hochspannungsleitungen in einer Länge von 3500 km. Dieser notwendige Ausbau bedeutet aber nicht nur immense Kosten, die dann auf den Strompreis aufgeschlagen werden müssen, sondern scheitert bereits in der Planungsphase regelmäßig an den Protesten der davon betroffenen Bevölkerung.

Wobei auffällt, dass hier die gleichen Gruppen welche sich (zumindest prinzipiell) für mehr Strom aus den Neuen Ineffizienten Energien (NIE) aussprechen, gegen den erforderlichen Ausbau der Netze auf die Straße gehen. Hinzu kommt noch, dass der Transport von Strom auch aus energetischer Hinsicht nicht umsonst ist. Man kann hier mit mindestens 1% Verlust pro 100 km rechnen. Dass heißt, dass mal schnell 10 Prozent der erzeugten Energie ungenutzt verschwinden.

Speichertechnologien existieren nicht

Dabei ist das ganz zentrales Problem der Stromerzeugung mit Wind und Sonne nicht einmal der (mit genügend politischem Willen sogar lösbare) Transport quer durch die gesamte Republik. Viel entscheidender ist die Tatsache, dass dieser Strom nur dann anfällt, wenn die Wetterlage es zulässt. Das führt dazu, dass an manchen Tagen ausreichend Strom produziert wird, die allermeiste Zeit jedoch viel zu wenig, und bereit heute an wenigen Tagen im Jahr sogar zu viel Strom aus Wind und Sonne im Netz ist.

Diese Situation wird sich naturgemäß durch einen weiteren Ausbau dieser Energien immer mehr verschärfen. Zurzeit besteht die Lösung noch darin, dass bei Flaute (die durchaus ein paar Wochen betragen kann) konventionelle Kraftwerke einspringen müssen, um das Stromnetz stabil zu halten. Das bedeutet in Konsequenz, dass durch Windstrom und Photovoltaik bislang kein einziges herkömmliches Kraftwerk von Netz genommen werden konnte. Und es bedeutet auch, dass konventionelle Kraftwerke oft weit vom optimalen Wirkungsgrad entfernt gefahren werden müssen, weil Sie als flexibler Ausgleichspuffer für die unstetigen NIEs herhalten müssen.

Paradoxer CO2-Vermeidungs-Effekt

Das wiederum bedeutet, dass der Verbrauch an (meist fossilem) Brennstoff pro erzeugter Kilowattstunde Strom für diese Kraftwerke deutlich höher ist, als im Optimalbetrieb. Ein Umstand der die Einsparungen an fossilen Brennstoffen (und damit auch CO2) noch weiter schmälert, und auf der Gegenseite die Erzeugungskosten für Strom noch weiter erhöht. Das führt zu der paradox anmutenden Situation, dass seit 1990 der CO2-Einspareffekt der “Erneuerbaren Energien€ stetig abgenommen hat, also jedes Windkraftwerk dass dazukommt pro MWh produziertem Strom weniger CO2 einspart als die vorherigen. Oder anders ausgedrückt, je mehr Anstrengungen wir unternehmen, umso kleiner wird der erzielte Effekt.
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BU: “Emissionsvermeidung durch erneuerbare Stromerzeugung. Nettobilanz einschließlich aller vorgelagerten Prozessketten. Daten des BMU. Quelle: http://www.wilfriedheck.de/”

Der Wind weht in Deutschland übers Jahr verteilt völlig ungleichmäßig. Im Herbst, Winter und im Frühjahr fallen die meisten Monate mit Starkwind an. Allerdings sind die Tagesschwankungen in dieser Zeit auch besonders ausgeprägt. Ein typisches Windkraftwerk im Binnenland kommt auf etwa 1500 Vollaststunden pro Jahr. Offshore rechnet man optimistisch geschätzt mit etwa 3500 Stunden. Weil das Jahr aber 8760 Stunden hat heißt das, dass für eine theoretische Vollversorgung zumindest die 3fache Nennleistung des Strombedarfs an Windstrom aufgebaut werden muss. Theoretisch deshalb, weil einem das Ganze gar nichts nutzt, wenn nicht ausreichend oder gar kein Wind weht.

Ungelöste Frage nach der Stromspeicherung

Wir müssten uns also ein System leisten, dass die 3fache theoretische Kapazität unseres Gesamtstrombedarfs abdeckt, und wir müssten zusätzlich noch einmal eine bedarfsdeckende Versorgung mit konventionellen Kraftwerken sicherstellen.

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Für das oft vorgebrachte Argument der ungesicherten Endlagerung von verbrauchten Kernbrennstoffen gibt es mittlerweile praktische Lösungen, welche zum Teil bereits realisiert werden und zum Teil in der Erprobungsphase sind. Für die Problematik der Speicherung gigantischer Strommengen, wie es eine Vollversorgung mit den NIEs erforderlich macht, gibt es bislang nicht einmal brauchbare theoretische Konzepte.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die jetzt verstärkt vorgetragenen Forderungen nach einem möglichst schnellen Umbau unserer Energiewirtschaft in Richtung “Erneuerbare Energien€ völlig wirklichkeitsfremd. Man muss es in aller Deutlichkeit sagen. Selbst wenn das nötige Kapital vorhanden wäre und Kosten überhaupt keine Rolle spielen würden, wäre ein Umstieg auf “Erneuerbare Energien€ beim jetzigen Stand der Technologie schlicht nicht möglich.

“Erneuerbare Energien€ sind Jahrzehnte entfernt von der Marktreife

Man mag jetzt einwenden, dass der menschliche Erfindungsreichtum auf kurz oder lang schon adäquate Lösungen für die genannten Probleme entwickeln wird. Das ist sogar anzunehmen. Nur bringt es uns momentan herzlich wenig, schon mal loszulaufen und die “Energiewende€ einzuleiten, wenn wir noch nicht einmal ansatzweise sagen könne, in welche Richtung die Reise denn gehen soll.

Bis solche noch zu entwickelnden Technologien dann tatsächlich marktreif sind, werden auch bei optimistischer Betrachtung noch Jahrzehnte vergehen. Daher kommt aus heutiger Sicht auch ein leidenschaftlicher Befürworter der sogenannten Erneuerbaren Energien nicht umhin einzugestehen, dass wir, bis die Entwicklung so weit fortgeschritten ist, auf bestehende Technologien zurückgreifen müssen. Und das sind nun einmal Kohle, Gas, Erdöl oder Kernkraft. Ein Umstand, an dem sich in absehbarer Zeit nicht viel ändern wird. Was allerdings nichts daran ändert, dass all diese Technologien vom grünen Establishment in Deutschland leidenschaftlich bekämpft werden.

Ergebnisoffene Forschung ist erforderlich

Es ist aus heutiger Sicht ausdrücklich zu begrüßen, weitere Forschungsanstrengungen in Richtung einer Verbesserung der Marktfähigkeit der unsteten Energiequellen zu unternehmen. Möglicherweise kann dadurch sogar der grüne Wunschtraum eines Tages in Erfüllung gehen, dass Wind und Sonne zumindest in Teilbereichen eine echte Alternative zu anderen Stromquellen darstellen. Wobei natürlich nicht übersehen werden darf, dass auch die anderen Methoden der Energieerzeugung weiterhin stetig verbessert werden und somit die Konkurrenz für die NIE sich eher verstärken wird.

So werden in Zukunft völlig neue Konzepte der Erzeugung von Energie aus Kernkraft zu immer sichereren Reaktoren führen, die aus den eingesetzten Brennstoffen im Vergleich zu heute ein Vielfaches an Energie gewinnen können. Die Entwicklungen der Kernkraftwerke der vierten Generation haben das Potenzial unsere Stromversorgung über viele Tausend Jahre sicherzustellen. Und das bei einem Sicherheitsniveau, dass selbst eine Katastrophe wie das Erdbeben in Japan keine Bedrohung mehr darstellen würde. Diese Entwicklung wird nach aller Voraussicht jedoch an Deutschland völlig vorbei gehen. Für unser Land ist ein ganz anderes Szenario wahrscheinlicher.

Die Zukunft: Atomstrom aus Frankreich

Deutschland hat im Gegensatz zu Japan das Glück, nicht auf einer Insel zu liegen, sondern in einen gesamteuropäisches Stromnetz eingebunden zu sein. Versorgungsengpässe sind demnach nicht zu befürchten. Sollten die Deutschen mehrheitlich die Meinung entwickeln,auf eine sichere und bezahlbare Stromerzeugung verzichten zu können, werden unsere Nachbarn mit Freude einspringen. Das bedeutet, dass wir dann mangels eigener Produktion Strom aus Frankreich, Polen oder Tschechien beziehen würden. Atomstrom, den wir dann mit reinem Gewissen kaufen würden, weil wir schließlich unser möglichstes getan haben, um aus dieser “menschenverachtenden Technologie€ auszusteigen. Und selbstverständlich werden sich auch dann Anbieter finden, die diesen Strom (rein buchhalterisch) in norwegischen Wasserstrom umwandeln. Der Strom bleibt dabei der gleiche, aber das Gewissen des deutschen Michel wäre wieder einmal (nachhaltig) beruhigt€¦

Artikel auch erschienen im Science-Skeptical Blog

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. @ Rudolf Kipp

    Ich finde es schon gerade zynisch, dass gerade Sie jetzt vor dem Desaster in Fukushima, den Lügereien in Berlin und Stuttgart und den jahrzehntelangen Vertuschungen und Lobbyentscheidungen in der Energiepolitik von anderen mehr Ehrlichkeit anmahmen. Gerade Ihre Gesinnunghsgenossen sind doch gerade wegen unglaublicher Unehrlichkeiten aufgeflogen!

    Ebenso zynisch ist es, dass Sie die Japaner als rational denkend in diesen Fragen betrachten.
    Die Japaner haben einfach eine andere Mentalität. In den letzten Tagen gab es in Japan die ersten großen Demonstrationen gegen Atomenergie, ein beachtliches Novum in diesem Land und in dieser Situation.

    Ihre Hinweise darauf, dass Sonne nicht immer scheint und Wind nicht immer weht, sind an Einfältigkeit, Naivität und Dummheit kaum zu überbieten!

    Offenbar können Sie es nur nicht verkraften, dass die von Ihnen hochgepriesen fossilatomaren Wunschträume in einer riesigen Explosion zerplatzt sind! Aber anstatt aufzuwachen hängen Sie Ihren Träumen weiter nach!

    Herr Kipp, wenn es Ihnen in Japan so gut gefällt, dann kaufen Sie sich in Fukushima ein schönes Strandgrundstück mit Meerblick (derzeit für nen Appel und en Ei zu haben…) und genießen dort Ihren Lebensabend.

    Wenn Sie hier in Deutschland weiter mit Atomenergie Ihren Strom erzeugen wollen, dann zahlen Sie auch bitte ALLE Kosten dafür, einschließlich 100 % der Risiken, die Kosten für Asse II, keine steuerfreien Rückstellungen mehr, keine Kohlesubventionen mehr und die Kosten für die Endlagerung über tausende Jahre u.s.w.. So lange Sie diese Kosten und Risiken auf mich abwälzen finde ich Ihr Verhalten grob egoistisch und rücksichtslos!