Dortmunder Envio-PCB-Skandal: Provinzposse im Hafen wuchs sich zum Umweltskandal europäischen Ranges aus

Als inzwischen ehemaliger Bewohner diesen Teils Dortmund war ich einigermaßen entsetzt. Immerhin war ich über mehrere Jahre hinweg immer wieder arglos bei herrlichem Wetter gut gelaunt an diesem Firmengelände vorbei geradelt. Oder ich spazierte durch die anliegende Kleingartenanlage. Durch sie führte mein ogligatorischer, weil für mich kürzester Weg, hin zum

497943_R_B_by_Gerd-Altmann-Torsten-Henning_pixelio.de.jpgAls inzwischen ehemaliger Bewohner diesen Teils Dortmund war ich einigermaßen entsetzt. Immerhin war ich über mehrere Jahre hinweg immer wieder arglos bei herrlichem Wetter gut gelaunt an diesem Firmengelände vorbei geradelt. Oder ich spazierte durch die anliegende Kleingartenanlage. Durch sie führte mein ogligatorischer, weil für mich kürzester Weg, hin zum Naherholungsgebiet Dortmunder Fredenbaumpark bzw. zum Kanal. In Sichtweite, beinahe zum greifen nahe, steht an diesem viel benutztem Weg – den links und rechts mit viel Liebe und Engagement gehegte und gepflege aneinander gereihte Kleingärten säumen – das Gebäude der Firma Envio AG.

“Umweltdienstleister” Envio AG
Die Firma, vermeldet der Wikipedia-Eintrag, sei Umweltdienstleister. Was davon konkret zu halten ist, erbrachten im Frühjahr 2010 die Recherchen des Journalisten Klaus Brandt (Westfälische Rundschau), die aufgrund von Insiderinformationen eines ehemaligen Mitarbeiters der Firma Envio in Gang gekommen waren: Der “Umweltdienstleister” Envio hatte vor allem ausgediente Transformatoren demontiert, “recycelt”. Dabei war offenbar äußerst fahrlässig mit dem dabei anfallendem Umweltgift PCB umgegangen und der Umwelt somit ein Bärendienst erwiesen worden.

Die taz in Reaktion auf eine Prognos-Studie: Behördenversagen schuld an Vergiftungen von Arbeitern und Anwohnern
Nach und nach begann sich seit den Veröffentlichungen der Einzelheiten in der Westfälischen Rundschau (WR) ein Skandal größeren Ausmaßes abzuzeichnen. Genaugenommen fängt dieser Skandal aber schon damit an, dass bereits seit mindestens 2008 (!) Details über den fahrlässigen Umgang mit dem Umweltgift PCB auf dem Gelände der einst auch börsennotierten Firma Enivo AG den öffentlichen Behörden bekannt waren. Die Verantwortlichen gingen jedoch ihrerseits den Anzeigen nicht korrekt nach. Oder schob man den Fall gar absichtlich auf die lange Bank? Verantwortlich waren zu dieser Zeit der ohnehin umstrittene Landesumweltminister Eckhart Uhlenberg (2005 bis 2010) der CDU-FDP-NRW-Regierung sowie Helmut Diegel (CDU), bis 2010 Regierungspräsident in Arnsberg und damit zuständig auch für Dortmund. Rundum das Genehmigungverfahren für die Firma Envio stehen strafrechtliche Ermittlungen gegen Vertreter der Genehmigungsbehörden noch aus. In einer Pressemitteilung der Bürgerinitiative (BI) zum PCB-Skandal im Dortmunder Hafen vom 2. April 2011 heißt es, bezugnehmend auf die von der Landesregierung in Auftrag gegebene Prognos-Studie über die Analyse der Behördenvorgänge, dass “Über einzelne Aspekte der Behördenvorgänge” in der taz und der WR berichtet wurde. Die taz zieht demnach folgendes Fazit: “Behördenversagen ist Grund für die Vergiftung von Arbeitern und Anwohnern der Dortmunder Entsorgungsfirma.” (Die BI verweist darauf, dass die Veröffentlichung der Studie in Gänze noch immer ausstehe.)

Bleiben die Verantwortlichen ungeschoren?
Die Dortmunder Staatsanwältin Ina Holznagel verwies im vergangenem Jahr, wie die BI findet – lapidar – darauf, dass nachlässige Amtsführung kein Straftatbestand sei. Behördenvertreter und Leidtragende müssten das unter sich ausmachen. Somit bleiben offenbar die bis 2010 politisch Verantwortlichen zumindest juristisch ungeschoren. Eckhard Uhlenberg ist inzwischen Präsident des NRW-Landtags in Düsseldorf, der ehemalige Arnsberger Regierungspräsident seit Anfang 2011 Hauptgeschäftsführer der IHK im mittleren Ruhrgebiet zu Bochum…

NRW-Umweltminister Remmel: Einer der größten Umweltskandale der letzten Jahrzehnte
Seit letztem Jahr hat die neue NRW-Landesregierung den Skandal an der Backe. Laut, der mir im Wortlaut vorliegenden, Pressemitteilung der Bürgerinitiative zur Aufklärung des PCB-Skandals bezeichnete der jetzige NRW-Umweltminister Johannes Remmel (B90/Die Grünen) den Fall als einen der größten Umweltskandale, die in den letzten Jahrzehnten im Land aufgedeckt wurden. Envio sei weltweit der einzige Fall, in dem eine PCB-Entsorgungsanlage zu sanieren ist. Die Bürgerinitiative dazu: “Die Provinzposse im Dortmunder Hafen um Envio wuchs sich im Laufe des letzten halben Jahres zu einem ausgemachten PCB-Umweltskandal von bundes- bzw. europäischem Ranges aus. Jetzt wird versucht, die Schäden zu beheben und rhetorisch kleinzuarbeiten.” Die Bürgeriniative begrüßt ausdrücklich, dass zum zweiten Sanierungsgespräch der Bezirksregierung vom 29. März 2011 das Sanierungsgutachten des Ingenieurbüros Taberg unter Beteiliung von Multiplikatoren und Medienvertretern mit vollem Rede- und Fragerecht ausgestattet eingeladen waren. Allerdings beklagt die BI, dass in der “Medienberichterstattung unerwähnt” geblieben sei, “dass die Inhalte dieses Gutachtens sehr kontrovers diskutiert wurden”. Auf die Einladung des UN-PCB-Experten Michael Müller – der als Berater im Auftag des UN-Büros der Stockholm Konvention zur Beseitigung von PCB weltweit unterwegs ist-  zur Teilnahme an dem Gespräch hatte die Dortmunder Bürgerinitiative gedrungen. Und die Bezirksregierung hatte diese Einladung dann auch ausgesprochen. Der Pressemitteilung zur Folge habe Müller betreffs sehr vieler Punkte des Gutachtens ein “kritisches Statement” abgegeben. Der von Taberg 2010 auf 1,5 Millionen Euro taxierte Sanierungsaufwand werde vom Ingenieurbüro nun bereits auf 3,5 Millionen Euro bemessen. PCB-Experte Michael Müller habe, so die BI, “in einem früheren Interview mit der WR den Sanierungsaufwand des Envio-Geländes auf mindenstens 5 bis 7 Millonen Euro geschätzt.” Die Aktivisten der Bürgerinitiative verweisen in ihrer Presseerklärung darauf, dass Müller “in Kürze einen Artikel für das PEN Magazin, die Fachzeitschrift des PCB Elimination Network des UN-Büros der Stockholmer Konvention, über den Fall Envio schreiben” wird.

Der “Pannekopp” als einzige “Strafe”?
Ausdrücklich fordert die BI noch einmal die NRW-Landesregierung auf, ihrem Versprechen von Transparenz nachzukommen und die Studie zum Fall Envio vollständig zu veröffentlichen. Die Hauptverantwortlichen, stellt die Bürgerinitiative bitter fest, “zuvorderst Dr. Dirk Neupert”, seien bisher ungeschoren davon gekommen. Überdies hätten sie Zeit genug gehabt, ihre Pfründe zu sichern. Einzig beim alternativen Karnevalsabend “Geierabend” habe das im Mai 2010 von der Bezirksregierung Arnsberg geschlossene Unternehmen Envio den Negativpreis “Pannekopp 2011″ erhalten. Die vom Envio-Skandal Betroffenen fänden es ziemlich unerträglich, wenn es bei dieser einzigen “Strafe” für die Verantwortlichen bleiben sollte.

Bittere Fakten
In der Tat! Der “Umweltdienstleister” emittierte inmitten eines mit etwa 17.000 Bewohnern dichtbesiedelten Wohngebietes der Dortmunder Nordstadt jahrelang das Umweltgift PCB und setzte die Gesundheit von Mitarbeitern, darunter eine Vielzahl von Leiharbeitern, die Mitarbeiter von Anliegerfirmen, Kleingärtnern, Anglern, Ruderern, Erholungssuchenden am Kanal, Nutzern des Fredenbaumparks und Anwohnern der Nordstadt aufs Spiel. Mehr als 800 Personen wurden in Dortmund bis Anfang 2011 auf PCB-Belastungen untersucht. 276 Personen zeigten  erhöhte PCB-Werte, 36 sind extrem vergiftet. Und die Mitarbeiter, die ihre Arbeitskleidung zu Hause waschen mussten (!) trugen das Gift in ihrer Kleidern somit auch in den heimischen Bereich und brachten dort ihre Familien mit dem Giftstoff in Verbindung. PCB-Gifte gelten als besonders langlebig. Sie lagern sich nachhaltig im Gewebe des menschlichen Körpers ab.

Nach Ansicht der Dortmunder Bürgerinitiative zeige der Envio-Skandal mindestens eines: Unabhängiges Bürgerengagement sei wichtig und unverzichtbar, um Schritte in Richtung Aufklärung, Sanierung des Geländes zu gehen und Lösungen für die Betroffenen zu erreichen.

Das nächste Treffen der Bürgerinitiative ist am 6. April um 18.30 Uhr in der Dortmunder Gaststätte “Yellow Pepper” in der Schützenstraße 46. Zum Gesrpäch eingeladen sind auch Vertreter des NRW-Landtags. 

Photo/Quelle: G. Altmann/Torsten Henning via Pixelio.de

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  1. PCB haltige Öle wurden früher zur Kühlung der Trafostationen benutzt. Die großen Spulen, die bei Last sehr heiß wurden, befinden sich in metallenen Mänteln, die gleichzeitig mit riesigen Mengen von PCB stabilisierten Ölen gefüllt waren.

    Der Abbau solcher Trafostationen und die Wiederverwendung der hochwertigen Metalle der Spulen, zwingt gleichzeitig den Entsorger, das PCBhaltige Öl zur Entsorgung anzumelden. Das ist zwingend vorgeschrieben. Der ehemalige Betreiber und der Entsorger müssen jederzeit Nachweis führen können, über den Verbleib von Objekt und Öl.
    Die Endlagerung und der Transport zum Endlager sind als Gefahrgut auszuführen.

    Das Handling ist also mit hohen Kosten verbunden. So werden nun aus den vorgenannten Gründen viele Trafostationen, trotz der hohen Energieverluste, einfach weiterbetrieben und in vielen Fällen mit einem neuen Gebäude um sie herum versehen. Das Risiko, dass durch Korrosion der Spulenmantel Ölanteile an die Umwelt verliert, wird dabei als Kollateralschaden verbucht. Das fehlende, in die Umwelt gelaufenen Öl, wird nach Aufdrehen der Einfüllschrauben wieder ersetzt.
    Millionen Tonnen solcher Öle stehen immer noch als tickende Zeitbomben in der Landschaft!