Warum nur hab’ ich es mir nur wieder angetan? Anne Will, Sonntag, 21.45 Uhr im Ersten. Die Folgen: Erhöhter Blutdruck und schließlich nicht mehr zurückzuhaltende Schimpfkaskaden aus meinem Mund, die schwer mit der Schnappatmung in Einklang zu bringen waren. Wieder einmal wardt am gestrigen Sonntagabend bewiesen, dass weder in “öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten” (Spitzenkabarettist Georg Schramm) noch in anderweitigen TV-Plapperrunden gravierend wichtige, gesellschafts- wie weltbewegende Probleme vernünftig abgehandelt werden können. Gelöst schon gar nicht.
Gestern Abend nun schickte sich eine der “Klofrauen” (Georg Schramm) dieser “öffentlichen Bedürfnisanstalten”, Anne Will, in Das Erste, an, das Thema “Flüchtlinge vor unseren Grenzen – wen wollen wir reinlassen?” ab- bzw. zu behandeln.
Die Gäste. Sarrazin war auch einbestellt
Wills Gäste: Katrin-Göring Eckhardt (B’90/Grüne), Joachim Herrmann (CSU, Innenminister Bayern), Elias Bierdel und der Fußballer Gerald Asamoah (sein Vater war einst als Asylsuchender in die BRD gekommen. Ach ja: Thilo Sarrazin war auch einbestellt…
Hätte man doch Letzteren nur in seiner Kiste gelassen! Doch kaum hatte Anne Will diese geöffnet, schnappte der verkniffen durch sein Okullar drein blickende stotternde Springteufel (skandalös: noch immer Mitglied der SPD!) auch schon aus dem Kasten und sudelte los, was das Zeug hielt. Zwischen seinen aufgeregt auf und zu schnappenden Lippen sprudelten die Statistiken nur hervor. Da kennt er sich aus. Das ist Klein-Sarrazins Welt! Und die vielen aus dem Inneren des Ex-Bundesbankers schossen Zahlen über Zahlen. Zahlen, die im Verlaufe der Plapperschau gar zu Schlag-Zahlen wurden. Für jeden aus Nordafrika zu uns kommenden Flüchtling, den wir hier aufnähmen, so sabberte, haspelte der Sozialdemokrat hervor, kämen fünf andere nach. Das ginge doch nicht. Als die Uhrzeiger im Verlaufe der Sendung dann etwas weiter vorgerückt waren, verdoppelte sich diese Angst machen sollende, wie ein ruckelnder Pfeil aus dem Sarrazin-Mund zuckende Zahl 5, schon um fünf Zähler auf die Zahl Zehn. Ein ätzender notorischer Brunnenvergifter ist dieser rhetorische Zwerg! Warum lässt man diesen Kerl nicht endlich in der Kiste? Soll er sich doch was zum Spielen kaufen von seinen Buch-Millionen! Wenn der doch bloß endlich sein Mund geschlossen hielte! Wenigstens im Fernsehen. Hat doch seine Zeit und genügend Presse gehabt, der Mann. Dass so einer für sein unsägliches Geschwafel auch noch Beifall kriegt!? Naja, es werden wohl die ins Anne-Will-Studio abgeordneten Vertreter des deutschen Stammes der Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen-Leute gewesen sein. Aber ich will nicht nur auf Herrn Sarrazin herumhacken. Sarrazin bekundete immerhin, die auf dem Mittelmeer umherirrenden und ertrinkenden (!!!) Afrikaner hätten unser Mitgefühl verdient. Danke, guter Mann!
Joachim Herrmann – Lederhose ohne Laptop?
Innenminister Joachim Herrmann setzte die Leute darüber ins Bild – und mich nebenbei bemerkt ins Erstaunen – dass er bayerischer Innenminister sei. Soso. Deshalb könne er doch genaues über die Anzahl der übers Mittelmeer irrenden und wohl auch über die Zahl der dabei ums Leben gekommenden Menschen nichts sagen. Lebt der Mann als Einsiedler im tiefsten Bayrischen Wald? Hat der etwa nur eine Lederhose und gar kein Laptop, noch eine DSL-Verbindung? Armes Bayern…
Sachlich grün
Immerhin trug die Grüne Göring-Eckhardt nach dem munter zusammengewürfelten Zahlenbrei und als Gebrabbel aus dem Mund des Thilo Sarrazin gepurzelten, unerträglichen, weil rechtslastigem Gesülz dazu bei, die Faktenlage wieder etwas zu versachlichen.
Kritisch-menschelnd
Auch Elias Bierdel, dem während der Stammeleien Sarrazins am immer wieder auf- und zuschnappenden Mund anzumerken war, wie unerträglich er das fand. Bis er einmal nicht mehr anders konnte und dazwischen platzte. Bierdel erwähnte wenigstens, dass die Gründe für die Flucht von Afrikanern nicht nur in den derzeitigen Aufständen oder dem Krieg in Libyen begründet lägen, sondern eben auch von den EU-Staaten hausgemacht seien. Z. B., weil man den afrikanischen Ländern keine fairen Handelschancen einräume. Was eben dort etwa deren Landwirtschaft kaputtmache. Sprich: Tomaten aus Europa werden in Ghana billiger angeboten, als die einheimischen Paradeiser. Zu ergänzen wäre: Der Verkauf von europäischen Hähnchenfleisch in Afrika. Die dortigen Farmer gucken in die Röhre und machen Pleite: sie können ihre Hähnchen nicht so billig anbieten. Oder: Wir Europäer fangen den Afrikanern den Fisch weg. Die Fischer – bar ihrer einzigen Einnahmequelle – sehen letzten Endes ihr Heil nur noch in einer halsbrecherischen Flucht auf irgendwelchen Seelerverkäufern nach Europa. Ihren Tod dabei einkalkulierend. Bestimmt gut und als Zeichen der Solidarität mit den notleidenden Afrikanern oder anderen Flüchtlingen gemeint, tätschelte bzw. ergriff Bierdel während der Talkshow immer wieder die linke Hand des Fußballers Gerald Asamoah. Es nervte etwas. Und mancher dieser Solidarität wenig gesonnener TV-Zuschauer wird diese Bierdel-Geste wohl dann als Multikulti-Gefühlsduselei abgetan werden.
Ehrlich, freundlich, sportlich
Asamoah selber schwieg mehr als das er etwas sagte. Wirkte symphatisch wie immer. Manchmal lächelte er, sich offenbar leicht fremdschämend für die von Sarrazin ein ums andere Mal abgesonderten Dummheiten. Hinter Asamoahs ehrlich gemeinten freundlichen Äußerungen über dessen neue Heimat Deutschland konnte, wer das Sensorium dafür hat, aufschimmern sehen bzw. rauschen hören, welch unschöne Erfahrungen der Mann auch mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gemacht haben muss, bzw. bisweilen womöglich gelegentlich noch macht. Asamoah aber ist kein Vorwurf zu machen: Der Mann ist eben Fußballer und kein Politikkommentator. Überdies gehören Spitzensportler wie auch Facharbeiter oder Ingenieure (Sarrazin) ohnehin zu den so genannten nützlichen Ausländern, für die man auch staatlicherseits schon einmal Ausnahmen macht.
Die Menschenrechte sind unteilbar
Um was ging’s eigentlich in der Sendung? Achja: Die Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer. Eine schlimme Sache. Wieviel dieser Flüchtlinge werden wohl währender der einen Stunde Talkshow abgesoffen sein? Sie verdienen unser Mitgefühl, so Thilo Sarrazin. Allen voran die Ertrunkenen. Denn die erreichen unser eingemauertes Europa ja gar nicht mehr. Und fallen uns gar nicht erst zur Last. Nein: In der Tat sind Talkshows – auch die der öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten – nicht geeignet, derart brisante Probleme zu besprechen. Sie zu lösen schon überhaupt nicht. Allerdings sollten wir nicht vergessen: Die Menschenrechte sind unteilbar. Auch, wenn sie auf dem Mittelmeer oder anderswo verletzt werden. Es ist eine Schande, dass Europa in Sachen Flüchtlingspolitik nicht mit einer Zunge spricht. Natürlich können wir nicht alle Menschen aus Afrika aufnehmen, die fort von dort wollen. Wir aber können dafür sorgen – und zwar europäisch gemeinsam – dass die Menschen dort bleiben und vorallem: leben können. Denn, dass das eben überwiegend nicht so ist, hat auch der Westen mit zu verantworten. Unter anderem wegen der Nichtgewährung gleicher und fairer Handelschancen für unser afrikanischen Schwestern und Brüder. So einfach wie ein Herr Sarrazin dürfen wir es uns nicht machen. Für den sind die Afrikaner, die sich vermehren und vermehren (fehlt bloß noch der vom Ex-Bundebanker schmallippig dahingestotterter Gloria-von-Thurn-und-Taxis-Satz: Weil die Schwarzen so gern Schnackseln) und sich nun deshalb quasi selbst auffressen wohl in erster Linie selber schuldet. Hier gilt es zu differenzieren. Doch das ist die Sache Sarrazins eben gerade nicht. Deshalb sollte dieser sich betreffs dieser brisanten Thematiken lieber bedeckt halten.
Vorhang zu und alle Fragen offen
Moderatorin Anne Will ist dieses Mal allerdings zu bescheinigen, dass sie immerhin Anstalten unternahm, um das ständige unsachlich-dumme Dazwischenplappern des Sachbuchautors Sarrazins halbwegs zu unterbinden. Ein fahler Beigeschack blieb trotzdem. Nur kurz klang in der Talkshow an: Europa könnte im Grunde auf 23.000 Flüchtlinge aufnehmen. Auch viele davon ausbilden. Denn in ihren Ländern – auch in Tunesien – liegt die Wirtschaft und vieles andere mehr darnieder. Der demokratische Aufbau geht nicht von heute auf morgen. Die Menschen, darunter sehr viele junge, müssen aber heute leben. Wir sollten (und könnten) ihnen helfen. Schließlich gingen sie, orientiert an an unseren demokratischen Werten, auf die Straße. Doch sind sie in den Augen unserer Regierenden offenbar keine nützlichen Flüchtlinge. Mit den DDR-Flüchtlingen oder Migranten aus anderen sozialistischen Staaten war einst noch Interessenpolitik zu machen. Sie konnte man sogar augezeichnet dazu benutzen, um ein ganzes verhasstes System zu stürzen. Die Flüchtlinge aus Nordafrika dagegen sind vielen in Europa nur lästig. Deshalb will man sie nicht. Lieber stockt man die europäische Grenzschutzagentur Frontex auf, um sie auf hoher See zu verscheuchen. Und wenn sie dabei absaufen? Unseres Mitgefühls können sie versichert sein.
Was blieb? Nach der Sendung “Anne Will” bleibt nur noch mit Reich-Ranicki zu sagen: Der Vorhang zu. Und alle Fragen offen. Eine davon lautet so: Wie viele Flüchtlinge werden wohl in der einen Stunde Sendezeit ertrunken sein?
Wenig konsequent, Herr Stille, die eigenen Vorsätze zu negieren. Kommen Ihnen nicht selbst dabei Parallelen zu den blutigen Strassenunfällen, deren Anblick bei Vielen Ekel erzeugt, die aber trotzdem zwanghaft hinsehen müssen? Daran sollten Sie wohl noch etwas arbeiten,
Ansonsten bewundere ich Ihre Artikel un deren Form, auch wenn ich deren Inhalt, nicht immer in Gänze beipflichte.