“Tour der 1000 Brücken” beendet – Heinz Ratz ist erschüttert, hat aber bereits eine neue Idee

Erinnern Sie sich noch? Am 6. Januar diesen Jahres war der Künstler und politische Aktivist Heinz Ratz bei eisiger Kälte in München mit seinem Radel zur “Tour der 1000 Brücken” aufgebrochen (Readers Edition berichtete: hier und hier). Er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter taten dies, um auf das Los von

HeinzR_1.JPGErinnern Sie sich noch? Am 6. Januar diesen Jahres war der Künstler und politische Aktivist Heinz Ratz bei eisiger Kälte in München mit seinem Radel zur “Tour der 1000 Brücken” aufgebrochen (Readers Edition berichtete: hier und hier). Er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter taten dies, um auf das Los von nach Deutschland gekommenen Flüchtlingen aufmerksam zu machen. Heinz Ratz’ Anliegen: Der Kampf für eine menschliche Flüchtlingspolitik. Dafür strampelte viele Kilometer durch unsere Republik. Er machte in etlichen Orten halt. Dort besuchte er Asylunterkünfte. Ratz traf Flüchtlinge aus aller Herren Länder und sprach – so er denn durfte – mit ihnen. Abends gab er Konzerte. Dann ging es am nächsten Tag wieder weiter zum nächsten Tourort. Unterdessen ist die “Tour der 1000 Brücken” beendet. Der sich selbst “Radikalpoet” nennende Heinz Ratz beschloss seine Reise samt Crew in München. Dort, wo sie im Januar bei klirrender Kälte und Schneefall ihren Ausgang genommen hatte. Diesmal jedoch empfing ihn München freilich bei schönstem Wetter und wohligen 20 Grad Celsius.

Die Tour: Interessant aber erschütternd

Heinz Ratz hat unglaublich viel erlebt unterwegs. Und er hatte interessante Begegnungen, die wohl noch lange in ihm nachwirken dürften. Ratz war nun keineswegs blauäugig losgeradelt. Schließlich war ihm schon vor Antritt der Tour klar, dass es um die Situation von Flüchtlingen hierzulande nicht überall gerade zum Besten bestellt ist. Deshalb galt für Heinz Ratz Antritt der Fahrt und erst recht im März nach vielen zurückgelegten Kilometern auf deutschen Straßen und zu Herzen gehenden Begegnungen mit Flüchtlingen, als ich mit ihm in Bochum-Langendreer ein kurzes Interview führen konnte: Auch für Flüchtlinge muss das Grundgesetz gelten!

Im Nachhinein zeigt sich nun nicht nur, dass dem leider längst nicht so ist, sondern die Lage von Flüchtlingen vielfach nur als erschütternd bezeichnet werden kann. Heinz Ratz in seinem auf der “1000 Brücken”-Website veröffentlichten Fazit:

“Eine lange Tour – und eine erschütternde dazu. Sie hat mich, und ich glaube jeden der mich ein Stück weit begleitet hat, verändert. Nicht, dass ich an die goldenen Fassaden unserer Gesellschaft je geglaubt hätte. Aber immerhin sollte doch ein Staat, der sich die goldenen Worte der Demokratie und der Freiheit groß auf die Fahnen schreibt, der im Namen der Menschenrechte Soldaten in die weite Welt entsendet, diese demokratischen Gesetze auch im Innern einhalten. Die Art jedoch, wie hierzulande mit Flüchtlingen umgegangen wird, hat mit Menschenrecht und Grundgesetz nicht mehr viel zutun. Das ist schrecklich wahr, aber nicht überraschend für mich. Was mich aber wirklich zutiefst erschrocken hat, ist die Selbstverständlichkeit mit der das geschieht und möglich ist. In so vielen Städten! So offensichtlich! So begraben durch Desinteresse und Vorurteile. So bewußt isoliert, ausgeschlossen, stumm gemacht, gedemütigt.”

DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR

“Haben wir denn schon vergessen, warum gerade dieser Satz am Anfang unseres Grundgesetz steht? Haben wir vergessen, was das hier für ein Land war, vor 60 Jahren? Dass wir selbst die meisten Flüchtlingsströme erzeugt haben? Dass wir einen Diktator an der Spitze hatten, vor dessen Terror wir wohl alle geflohen wären? Wir fühlen uns so grundlegend und endgültig sicher in der westeuropäischen Arche Noah – aber zeigen nicht die jüngsten Ereignisse in Japan wie gefährdet alles Leben und wie trügerisch alle vermeintliche Sicherheit ist? Zweimal Fukoshima hier bei uns – und wir sind auch ein Flüchtlingsland.”

Das sind Gedanken und Feststellungen, die man nicht einfach wegwischen kann. Im Gegenteil: Sie regen zum Innehalten und zum Nachdenken an.
Von den Zinnen der Festung Europa tönen nur hehre Worte

Auf welch hohem Thron sind wir, ist herrschende Politik inzwischen angekommen? Haben wir tatsächlich vergessen? Wir begrüßen die Revolutionen und die daraus erwachsenden politischen Veränderungen in Nordafrika, doch auch damit verbundene Belastungen wollen wir nicht tragen. Die täglich nach Lampedusa schwappenden Flüchtlinge kann das so reiche ach so demokratische Europa (auch das wohlhabende Deutschland nicht!) angeblich nicht aufnehmen. Von den Zinnen der sich mehr und einmauernden Festung Europa tönen nur hehre Worte…

Eine fiktive Geschichte

Die wenigen Flüchtlinge, die noch Einlaß bei uns finden, werden dann bei uns nicht selten so miserabel behandelt, wie gewiß niemand von uns behandelt werden möchte, geriete er einmal selbst in so eine Situation. Heinz Ratz hat sich dazu einmal eine fiktive Geschichte ausgedacht. Ich möchte sie den Leserinnen und Lesern von der RE zur Lektüre empfehlen. Sie finden den Text unter “Fazit” auf der Seite “1000 Brücken”.
Ein Musical mit Flüchtlingen soll für ein Miteinander von Kulturen und Religionen werben

Heinz Ratz traf unter den hierzulande lebenden Flüchtlingen “Musiker von Weltklasseniveau, die in ihrer Heimat oft einen hohen Bekanntheitsgrad besitzen und hier mit Arbeits- und Reiseverboten belegt noch nicht einmal die Möglichkeit haben ihr Instrument zu erwerben oder zu spielen”. Auch Schriftsteller und Jounalisten fanden sich unter den Asylsuchenden. Neben ihnen lernte Ratz Theaterregisseure, Tänzer, Bühnenbildner und Maler kennen. Das inspirierte den “Radikalpoeten” zu einer Idee: Er möchte künftig eng mit ihnen zusammenarbeiten. Zusammen mit Musikern und Schauspielern will Heinz Ratz am liebsten ein Musical schreiben und zu erarbeiten, das deutschlandweit aufgeführt wird. Es soll für ein Miteinander von Kulturen und unterschiedlichen Religionen werben. Als Grundlage für das ins Auge gefasste Musical soll eine CD-Produktion sein, die schon im Juni diesen Jahres in Angriff genommen werden soll. Zu dieser Produktion möchte Ratz Musiker aus den von ihm besuchten Flüchtlingslagern einladen. Darunter befinden sich Musiker aus der Elfenbeinküste, Äthopien, Gambia, Syrien, Iran, Irak, Serbien, dem Kosovo, Afghanistan und Indien. Um das Projekt zu finanzieren bedarf es Spenden. Übrigens: auf der “Tour der 1000 Brücken” kamen bis jetzt aktuell 46.047,42 Euro zusammen. Ratz und seine Musikerkollegen traten vor insgesamt zirka 10.000 Menschen auf. Auf den Konzerttouren in diesem und dem nächsten Jahr möchte Ratz ganz gerne Instrumente, Kinderspielzeug, Schulranzen und Wäsche für Flüchtlinge sammeln. Heinz Ratz: “So viele haben irgendwo noch eine alte Gitarre, Bongos, ein E-Piano oder einen Verstärker, ein altes Schlagzeug oder Spiezeug herumstehen, das sie nicht mehr brauchen…”

Die Menschenrechte sind unteilbar

Die “Tour der 1000 Brücken” wird also gewiß nicht letzte Aktion des “Radikalpoeten” Heinz Ratz sein. Dass ist gut so. Und auch bitter nötig! Zwar sind die Menschenrechte bekanntlich unteilbar, doch wie wir sehen, hapert es damit schon im eignem Lande. Wäre es anders, würde unser Grundegesetz auch für Flüchtlinge gelten, so wie es sich Heinz Ratz von Herzen wünscht. Was einem in diesem Zusammenhang so durch den Kopf geht: Sicherlich ist der Umgang der Volksrepublik China mit dem kritischen Künsterl Ai Wei Wei auf das Schärfste zu verurteilen. Allerdings genießt der Mann eine hohe internationale Aufmerksamkeit, was gleichsam auch ein gewisser Schutz für ihn ist. Kämpfen wir für dessen Freilassung, vergessen wir aber gleichzeitig nicht die Künstler, Journalisten und Schriftsteller, die bei uns um Asyl nachsuchen. Ganz abgesehen von den vielen anderen Flüchtlingen unter ihnen. Sie müssen – das ergaben Heinz Ratz’ Gespräche mit vielen von ihnen – oft in heruntergekommenen Unterkünften leben und mit 30 Personen eine Toilette teilen. Und sie sind diversen Schikanen seitens des Staates bzw. schlimmer noch: privaten Unternehmern, denen Asylheime anvertraut wurden, ausgesetzt. Was nicht hinnehmbar ist in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland. Die Gesellschaft versteckt die Flüchtlinge gerne. Aus den Augen – aus dem Sinn? Heinz Ratz gab und gibt diesen Leuten gerade deshalb eine Stimme.Auch, um daran zu erinnern, dass die Menschenrechte unteilbar sind. Überall. Also auch hier bei uns. Um überhaupt daran zu erinnern, dass diese Flüchtlinge Menschen sind: Mit-Menschen gar!

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