Filmfestivals fÜr Fortgeschrittene: Nippon Connection – das japanische Filmfestival 2011

Kon ichiwa – oder so ähnlich. Das heißt so viel wie “Guten Tag” und ist eine der wenigen japanischen Vokabeln, die ich verstehe. Vom 27. April bis 01. Mai April 2011 fand in Frankfurt am Main das elfte japanische Filmfestival Nippon Connection statt. Japanisches Kino ist weit mehr als Samurai-Filme,

Nippo.jpgKon ichiwa – oder so ähnlich. Das heißt so viel wie “Guten Tag” und ist eine der wenigen japanischen Vokabeln, die ich verstehe.

Vom 27. April bis 01. Mai April 2011 fand in Frankfurt am Main das elfte japanische Filmfestival Nippon Connection statt.

Japanisches Kino ist weit mehr als Samurai-Filme, Godzilla oder Zeichentrickfilme. Das Spektrum umfasst darÜber hinaus Fantasy-Filme, Action, Komödie, Tragödie und Horror sowie die so genannten Pink Eiga, eine Mischung aus Soft-Porno und Autorenfilm. Nippon Connection zeigt einen Querschnitt des aktuellen japanischen Kinos, Digitalprojektionen japanischer NachwuchskÜnstler, eine Retrospektive – diesmal die Werke des Regisseurs Sion Sono, der 2009 als Gast in Frankfurt war – sowie ein umfassendes kulturelles und gastronomisches Rahmenprogramm zwischen traditioneller Teezeremonie und aktueller Kunst.

Spielorte sind das Festivalzentrum im großen Mehrzwecksaal des Studierendenhauses des Campus Frankfurt-Bockenheim sowie zwei Frankfurter Programmkinos.

Das Design im Festivalzentrum ist seit den Anfangsjahren konsequent in pink und rosa gehalten. Die Räume sind rosa beleuchtet. Sogar die Hinweisleuchten fÜr die Notausgänge sind mit rosa Folien Überklebt. FrÜher waren sogar die Eintrittskarten mit roter Schrift bedruckt, was im Eingangsbereich zu der kuriosen Situation fÜhrte, dass bei der rosa Beleuchtung die Beschriftung der Eintrittskarten unlesbar war. Und die Toiletten sind mit Originaltonaufnahmen aus der U-Bahn von Tokio beschallt – ja, wirklich.

Das Festival ist komplett ehrenamtlich organisiert. So wird dann vom Publikum auch sehr wohlwollend mit Pannen und Verzögerungen und anderen kleinen Problemen umgegangen – eigentlich wÜrde ein Großteil des Publikums sogar etwas vermissen, wenn alles ohne kleine Probleme abliefe; große Probleme gibt es nicht.

Dieses Jahr ist aber alles ganz anders.

Denn immerhin kam es sechs Wochen davor zu einer mehrfachen Naturkatastrophe in Nordjapan sowie der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Einige Zeit wurde Überlegt, das Filmfestival ausfallen zu lassen. Doch dan entschieden die Veranstalter, das Festival doch stattfinden zu lassen und mit einer Reihe von Hilfs- und Spendenaktionen zu kombinieren. Das war die richtige Entscheidung.

Alle Kinofilme, die bei Nippon mindestens als Deutschlandpremiere laufen, können vom Publikum bewertet werden und nehmen an einem Wettbewerb um den Nippon-Cinema-Award teil, der von einem Bankhaus gestiftet wird. Zur Bewertung erhalten die Kinogäste Zettel im Postkartenformat, die im Bewertungsspektrum zwischen fÜnf Sternen (sehr gut) und einem Stern (zum Davonlaufen) eingerissen werden. Anhand dieses Bewertungsspektrum benote ich im Folgenden die Filme mit Sternen. Die Filme werden bis auf sehr wenige Ausnahmen in japanischer Originalfassung mit englischen Untertiteln gezeigt.

Eröffnungsabend: Mittwoch, 27. April

Ich habe einen zehnstÜndigen Arbeitstag hinter mir, nachdem ich etwas fÜr meinen bevorstehenden Kino-Kurzurlaub vorarbeiten musste, und bin furchtbar mÜde. Der Eröffnungsfilm mit seiner lakonisch erzählten Ehetragödie klingt nach ermÜdendem Depressionskino und ich verzichte. Der zweite Film klingt lustig und viel versprechend, aber wegen eines Films möchte ich spätabends nicht mehr los fahren und bevorzuge die Wiederholungsvorstellung am Donnerstagabend.

Donnerstag, 28. April

14:30 Uhr

A Night in Nude – Salvation (Nudo no yoru: Ai wa oshiminaku ubau)

von Takashi ISHII

Fast 20 Jahre sind vergangen, seit Takashi ISHII mit seinem Thriller A NIGHT IN NUDE den kauzigen Antihelden Jiro in eine dÜstere Noir-Geschichte stÜrzte. In der lange erwarteten Fortsetzung A NIGHT IN NUDE – SALVATION haucht Schauspieler Naoto TAKENAKA mit seiner Überragenden Leinwandpräsenz dem gealterten Privatermittler und Mann fÜr alle Fälle einen störrischen, trägen und doch warmherzigen Rest von Leben ein. Erneut setzt er sein Leben fÜr eine bezaubernde Fremde aufs Spiel, die ihn mit aufreizenden Argumenten aus seiner alten Lagerhalle in das nächtliche Tokioter Rotlichtmilieu lockt. Zwischen flackernden Neonlichtern findet sich Jiro bald in ein lebensbedrohliches Spiel um Missbrauch, Inzest und Mord verwickelt.

Nach einem viel versprechenden Auftakt mit einem Mord und Entsorgung der Leichenteile im Wald lässt der Film erheblich nach. Die Betreiber einer Nackedeibar mit all ihren Beziehungsgeflechten und Nebenpersonen wirken eher unÜbersichtlich. Schauspielerisch macht der Hauptdarsteller durchaus eine gute Figur, wirkt aber phasenweise, als seien er und seine Mitspieler/innen von der Regie im Stich gelassen. Dem Film fehlt Tempo und die optische Rafinesse. Aufgenommen und projeziert in HD sind besonders bei kontrastreichen Bildinhalten wie Jalousien oder Neonröhren die einzelnen Bildzeilen auf der Leinwand zu erkennen, was nicht besonders attraktiv ist. Die Kameraleute scheinen sich nur darauf zu konzentrieren, dass alle Personen im Bild sind. In der zweiten Hälfte schwindet mein Interesse und ich lasse den Film fast nur noch Über mich ergehen. Wenn ich es mir recht Überlege, ist der Gangsterfilm GONIN der einzige gute Film von Takashi Ishii, den ich kenne.

Bewertung: leider nicht mehr als zwei Sternchen **

Die Wiederholungsvorstellung des Films DUMBEAST ist leider restlos ausverkauft. Das gleiche gilt fÜr die Abendvorstellung im Festivalzentrum – hätte ich doch bloß reserviert -, worauf hin ich nach Hause fahre und mir auf dem Heimweg ein kleines Abendessen in einer Schrebergartengastwirtschaft gönne.

17:00 Uhr

Cold Fish (Tsumetai nettaigyo)

von Sion SONO

Sion SONO (LOVE EXPOSURE) nutzte fÜr diesen außerordentlich stimmungsvollen Thriller den wahren Fall eines japanischen Serienmörders als Inspirationsquelle. Shamoto, Inhaber eines kleinen Fachgeschäfts fÜr Tropenfische, wird darin mitsamt seiner dysfunktionalen Familie in die abgrÜndigen Machenschaften eines verdächtig selbstgefälligen Kollegen hineingezogen. COLD FISH beginnt als bissige Sozialsatire zwischen aufdringlich glitschiger Fischsymbolik und einem absurd Überdrehten Gespinst aus Intrigen – doch bald taucht SONO den Zuschauer und seine Protagonisten mit einem großen, bösen Augenzwinkern in einen hysterischen Abgrund.

Auch dieser Film zeigt – allerdings nicht am Anfang – einige bizarre Morde, die Zerlegung und Entsorgung der Leiche im Wald. Der betreffende Serienmörder und seine Ehefrau haben die unangenehme Angewohnheit, potentielle Investoren anzulocken, zu vergiften, deren Bargeld in ihren Besitz zu bringen, die Leichen zu zerstÜckeln und die Überreste in MÜlltonnenfeuern und örtlichen Gewässern zu entsorgen. Dabei zieht der Großhändler seinen kleinen Konkurrenten mit verlockenden Angeboten und späterer Erpressung in seine Verbrechen hinein, macht ihn zum Komplizen und versucht sich praktischerweise an einer sexuellen Beziehung mit dessen Ehefrau. Mit dem Geld finanziert sich der Verbrecher einen kleinen Harem von jungen sexy Angestellten, die als Geschäftsuniform knappe Tops und knappe kurze Höschen tragen, sowie ein kleines Wochenendhäuschen, das eine Mischung aus verfallener katholischer Rasthaus-Kapelle und der Behausung einer Texas-Chainsaw-Massacre-Familie sein könnte und in dem Überaus detailreich die Leichenzerkleinerungen durchgefÜhrt werden. Shamoto´s Ehefrau und Tochter wenden sich schnell vom Ehemann und Vater mit Versagerimage ab; die Tochter verdingt sich dann sehr schnell als Verkäuferin in vorher beschriebenen sexy Berufskleidung. Shamoto gehen dann die Nerven durch. Er wendet sich gegen seinen Konkurrenten und dessen Ehefrau, tötet zum Schluss sogar seine eigene Ehefrau, fast seine Tochter und sich selbst.

Der Film ist in der Handlung, im Aufbau und bei den schauspielerischen Leistungen durchaus glaubwÜrdig und professionell. Die Kameraarbeit, die Ausstattung und Musik sind gelungen und Freunde des besonderen Serienmörderfilms bekommen viel Blut, Gekröse und Innereinen bei Mord Leichenzerlegung und Selbstentleibung geboten. Eine DVD-Veröffentlichung scheint mir sehr wahrscheinlich zu sein, wobei ich aufgrund von blutigen Einzelheiten von einer Zeitersparnis von fÜnf bis zehn Minuten netto gegenÜber dieser Kinoversion rechnen wÜrde.

Gute Arbeit. Vier von fÜnf Sternen ****

Freitag, 29. April, 14:00 Uhr

Arrietty (Karigurashi no Arrietty)

von Hiromasa YONEBAYASHI

Basierend auf Mary Nortons “Die Borger” wirft das neue Anime-Meisterwerk aus dem Hause Ghibli einen ungewöhnlichen Blick auf das Leben. Einen Blick aus der Perspektive einer winzig kleinen Familie, die seit Generationen versteckt in einem alten Landhaus lebt und sich aus den Vorräten ihrer Gastgeber alles Nötige leiht – vom ZuckerwÜrfel bis zur Stecknadel. Arrietty, die Tochter der Winzlinge, wird von einem herzkranken Jungen entdeckt, der in dem Haus auf seine Heilung wartet. Schnell entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft, und es stellt sich die Frage, ob ein friedliches Zusammenleben mit uns Menschen tatsächlich möglich ist.

Manche Einzelkritik macht ja den Eindruck, als wÜrde ich mich auf blutrÜnstige Horror- und Massakerfilme konzentrieren. Dabei liebe ich auch gut gemachte Kommödien, Dramen und Animationsfilme.

Die Vokabeln Anime-Meisterwerk und Studio Ghibli sind eigentlich Synonyme. Die liebevolle, detailverliebte Bildgestaltung, die hinreißende Charakterisierung von den Menschen Über die Winzlingsfamilie, den moppeligen angriffslustigen Kater bis zu den kleinsten Käfern ist einfach hinreißend. Die Geschichte ist gelungen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die Geschichte ist faszinierend, aber auch traurig – immerhin ist der heranwachsende Menschenjunge schwer herzkrank und eine unmittelbare Operation ist schwierig und im Ausgang ungewiss; die Winzlinge gehören einer aussterbenden Art an und verlassen zum Schluss gemeinsam mit einem im Wald lebenden Winzling ihr Heimatgebiet.

Bei den englischen Untertiteln gibt es einen lustigen Übersetzungsfehler. Die Menschen werden von den Winzlingen als “Human beans” bezeichnet – menschliche Bohnen. Es sollte wahrscheinlich “Human beings” (menschliche Wesen) heißen, oder gibt es im japanischen Fantasycomic- und Film etwa den Spitznamen Bohne fÜr den Menschen, ohne, dass wir davon wissen …

FÜr ein Anime aus dem Studio Ghibli trete ich jedes moderne Disneyspektakel und erst recht jeden 3D-Computerfilm mit seiner digitalen ReizÜberflutung in die Tonne. Ein Start im deutschen Kino wäre mehr als verdient und wÜnschenswert.

Volle Punktzahl. *****

Dieser Film wird dann auch verdient mit dem Nippon-Connection-Cinema-Award ausgezeichnet.

Freitag um 20:00 Uhr

Wig (Kazura)

von Renpei TSUKAMOTO

Mit Liebesleben, beruflichem Erfolg und Haaren ist Moriyama nicht gerade gesegnet. Als der Immobilienhändler in die Provinz beordert wird, muss eine PerÜcke her. Zum GlÜck bietet der exzentrische Owada Haarteile zu einem akzeptablen Preis an. Moriyama greift zu – und der Imagewechsel wirkt Wunder: Beruflich läuft es glänzend und bald interessiert sich die bezaubernde Ryoko fÜr ihn. Umso mehr fÜrchtet er, dass seine Tarnung auffliegt. Gut, dass Owada auch in windigen Situationen Rat weiß – leider nicht ganz kostenlos. Perfektes Timing, das eingespielte Komödiantenduo MIMURA und OOTAKE und ein brillantes GefÜhl fÜr peinliche Alltagssituationen gepaart mit surrealer Überspitzung machen WIG zu einem aberwitzigen Spektakel, ohne dass der Regisseur dafÜr seine Figuren verraten mÜsste.

Was haben z.B. Norweger und Japaner gemeinsam – außer, dass sie Wale jagen? Sie drehen ihre Filmkomödien zwar durchaus amÜsant, aber auch zähflÜssig. Es mangelt ihnen dabei an Tempo und Timing und sie reizen manchen gelungenen Gag zu sehr aus, ziehen in die Länge und reduzieren dadurch das komödiantische Potential erheblich. So ist es auch bei diesem PerÜckenlustspiel. Die Geschichte und Handlung sind witzig, die Figuren sympathisch, aber der große KnÜller ist es nicht. Ein großer Nachteil ist allerdings die Digitalvideoprojektion in sehr schwacher Auflösung. Schon beim Betreten des Vorstellungssaales sind die einzelnen Bildzeilen zu erkennen und aus näherer Sicht der fÜnften oder sechsten Sitzreihe ist die Bildqualität so miserabel, dass sich das filmische VergnÜgen doch eher in Grenzen hält. Der Film hätte in dieser Projektionsqualität vielleicht eher ins Digitalprogramm im zweiten Stock gepasst.

Note: drei von fÜnf Sternen ***

22:00 Uhr

Helldriver

von Yoshihiro NISHIMURA

Nachdem die nördliche Hälfte Japans durch eine mysteriöse Infektion zu einer Zombie-verseuchten Gegenkultur mutiert ist, kann nur das Schulmädchen Kika das Land retten. Ausgestattet mit einem Kettensägenschwert fÜhrt sie eine Guerillaeinheit in das Herz der verseuchten Einöde. Irgendwo zwischen Romero, Jackson und Troma gelingt es NISHIMURA ein erfrischend eigenständiges Szenario zu schaffen, welches das träge Genre des Zombiesplatters mit einem krachenden Soundtrack mÜhelos zu neuem Leben erweckt. HELLDRIVER bietet weit mehr als abgedrehten Splatter von Meisterhand, mehr als anarchische Gewaltfantasien kreativer VerstÜmmelung. Und doch beides in Massen!

Ein Punk-Gangsterpärchen wird von einem Meteor getroffen und mit außerirdischer DNA verseucht. Eine Wolke von Sporen oder Erregern breitet sich dann aus und verseucht die Bevölkerung. Den Infizierten wächst ein geweihartiger Tumor aus der Stirn, sie mutieren zu Zombies und fressen sich bei den Lebenden durch. Das sorgt fÜr gute Stimmung beim einschlägigen Publikum. Bei einer fiktiven Nachrichtenmeldung Über die Ausbreitung einer schwarzen Wolke und eines unbewohnbaren Katastrophengebietes in Nordjapan wird es aber ganz still im Publikum; dazu sind die aktuelle Ereignisse im echten Nordjapan zu aktuell. Die Erstinfizierte mutiert zu einer Zombiegöttin und im Kampf um Freiheit oder Tod wird jede Menge zerhackt, zerschossen, zersägt, zermatscht und mit Zombieköpfen geschossen. Blut und Körperteile fliegen in Mengen und selbst bei einem abgebissenen Finger spritzen geschätzte fÜnf Liter Kunstblut.

Guter Partyfilm-Irrsinn, wie gemacht fÜr die Mitternachtsvorstellungen von Genrefestivals. Gedreht und gezeigt auf HD wurde das Machwerk wohl direkt als DVD-Erstveröffentlichung produziert. Als Rausschmeißer beim Festival nehmen wir es noch mit und da hat es auch seine Berechtigung. Als Heim-DVD ohne entsprechend aufgedrehtes Publikum macht so etwas dann auch eigentlich nicht mehr so viel Spaß.

Insgesamt gute Unterhaltung. Vier Sterne ****

FÜr diesen Film versetze ich ein paar Freunde, die an diesem Abend eine Tour durch mehrere Apfelweinlokale machen und dort den Handkäs ausprobieren. Wir machen so etwas alle paar Wochen in jeweils einem Frankfurter Stadtteil und bewerten dort Apfelwein, Handkäs, Atmosphäre und Bedienung. Diesmal muss ich aussetzen, da die Gelegenheit zu so einem Film unter Festivalbedingungen nur ein bis zwei mal kommt.

Samstag, 12:00 Uhr

Abraxas (Aburakusasu no matsuri)

von Naoki KATO

Nach Jahren voller Aggression und musikalischem Exzess lebt Jonen als Mönch mit seiner Familie in einem idyllischen Dorf. Trotz der Liebe seiner Frau und seiner Mitmenschen, trotz Religion und trotz der betäubenden Tabletten kommt er nicht zur Ruhe. Wiederholt taumelt er aus seinem geordneten Alltag, bis ihm klar wird, dass Musik die einzige Möglichkeit zu sein scheint, seine Dämonen zu exorzieren; sie ist seine wahre Form der Spiritualität. Vor der Kulisse Fukushimas drehte Naoki KATO seine äußerst stimmige Adaption des Romans des buddhistischen Mönchs Sokyu Genyu, die den Zuschauer humor- und gefÜhlvoll durch drohende Schizophrenie, FamilienglÜck und buddhistische Rituale manövriert, hin zu richtig LAUTER Musik!

GlaubwÜrdig werden die psychischen, familiären und spirituellen Probleme des Mönches erzählt. Die schauspielerischen Leistungen sind alle gut und glaubwÜrdig, wobei der Hauptdarsteller besondere Erwähnung verdient, der kein gelernter Darsteller sondern tatsächlich Rockmusiker ist, der hier nach einigen Kurzfilmauftritten seine erste Hauptrolle spielt. Mit buddhistischen Gebets- und Trauerzeremonien kann der westliche Zuschauer eher weniger anfangen, aber das ist nicht vorwurfsvoll gemeint..

Note: vier von fÜnf Sternen ****

Nach dem Film sehen wir einen kurzen nach der Katastrophe entstandenen Zusammenschnitt einiger aktueller Videoaufnahmen aus der Region Fukushima außerhalb der Sperrzone, wo Abraxas gedreht wurde. Wir sehen eine kleine Stadt, Naturaufnahmen, einen Strand mit SteilkÜste und einen Über 1000 Jahre alten Kirschbaum, der eine Touristenattraktion ist. Schön und natÜrlich bedrÜckend.

14:30 Uhr

Here Comes the Bride, My Mom! (Okan no yomeiri)

von Mipo O

Tsukiko ist Mitte zwanzig und lebt mit ihrer Mutter Yoko zusammen. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Als Tsukikos Mutter eines Nachts volltrunken nach Hause kommt, präsentiert sie ihrer Tochter eine Überraschung: Sie will Kenji, einen blond gefärbten, 30-jährigen James Dean-Verschnitt heiraten, der ab sofort bei ihnen einzieht. Tsukiko versteht die Welt nicht mehr und schottet sich zunächst ab. Kenjis KochkÜnste und seine herzensgute, naive Art zerstreuen jedoch langsam Tsukikos Zweifel. Yoko hat allerdings noch ein weitaus größeres Geheimnis. Mipo O hat einen irrwitzigen Familienfilm gedreht, in dem jeder Einzelne sein Kreuz zu tragen hat, aber alle wissen, dass jeder einzelne Moment im Leben zählt.

Die Geschichte klingt und beginnt viel versprechend. Die Überraschung, dass eine ältere Frau sich einen jungen Geliebten hält, und gewisse EifersÜchteleien und Sticheleien sind gute Unterhaltung. Dann wechselt der Film in eine RÜckblende, die eigentlich gar nichts mit der Rahmenhandlung zu tun zu haben scheint, und in der sich die Tochter einer Bedrohungs- und Stalking-Situation durch einen Kollegen ausgesetzt sieht. Das macht irgendwie alles keinen Sinn. Nach RÜckkehr in die Gegenwart wird der Film eher konfus und uninteressant und ich beschließe die knappe Stunde bis zur nächsten Vorstellung in der Sonne im Eiscafé zu verbringen. Draußen geht eben ein Nieselregen zu Ende, was solls.

Note: leider nur ein Stern *

16:45 Uhr

GANTZ

von Shinsuke SATO

Kei und Masaro werden von einer U-Bahn Überrollt. Oder doch nicht? Statt tot zu sein finden sie sich mit anderen angeblich gerade Verstorbenen in einem seltsamen Raum wieder, dessen Mitte von einer großen Metallkugel dominiert wird. Nur wenn sie in deren Auftrag außerirdische Wesen in einer Zwischenwelt beseitigen, haben sie eine Chance auf RÜckkehr in ihr normales Leben. Schwer bewaffnet stellen sie sich dem Kampf gegen immer gewaltigere Monster. Shinsuke SATO, der mit PRINCESS BLADE und OBLIVION ISLAND (Nippon Cinema Award 2010) bei NIPPON CONNECTION zu Gast war, hat sich an die 27-bändige Manga-Serie “Gantz” gewagt und ein technisch wie kÜnstlerisch atemberaubendes Spektakel geschaffen, in dem nichts ist, wie es scheint.

Interessante und gut umgesetzte Fantasyhandlung. Allerdings ist die Charakterisierung der Handlungsfiguren nicht optimal und manchmal scheiden sie aus der Handlung aus, bevor man sich an sie gewöhnen konnte. Ausgiebig wird ein Effekt gezeigt, mit dem die Kämpfer mit samt ihren turbinenbetriebenen Superhelden-KampfanzÜgen aus einer Zwischenwelt in die andere gebeamt werden – etwas zu ausgiebig; nach dem so-und-so-vielten Verschwinde-Effekt wirkt es ermÜdend. 27 Mangabände können natÜrlich schlecht ohne große Handlungsverluste verfilmt werden, daher ist der Film als Zweiteiler konzipiert. Teil 1 wird auf DVD erscheinen und die Wartezeit bis Teil 2 kann spannend werden.

Note: drei von fÜnf Sternchen ***

In der unmittelbaren Nachbarschaft nehme ich eine GrÜne Soße mit Eiern und einem Apfelwein zu mir. Zum nachfolgenden Film komme ich zu spät, da die Zeit bis zum Beginn des nächsten Films viel zu kurz kalkuliert ist. Das Zeitmanagement ist erheblich verbesserungsbedÜrftig.

19:30 Uhr

Hero Show

von Kazuyuki IZUTSU

Junpei GOTO und Shusuke FUKUTOKU, die in Japan als Comedy-Duo JARU JARU große Erfolge feiern, geben zwei gleichnamige, jedoch völlig verschiedene Figuren. Yuki, Zeitarbeiter und Tagedieb ohne Perspektive, und Yuki, ein emotional verstörter Ex-Soldat, begegnen sich unter absurden Umständen: Sie stehen auf verschiedenen Seiten eines Streits zwischen zwei Jugendgruppen, die sich bei einer Superheldenshow fÜr Kinder kennenlernen und böse verfeinden. Was harmlos beginnt, nimmt bald unkontrollierbare ZÜge an. HERO SHOW Überrascht mit durchweg unerwarteten Plotwendungen und zeigt Überaus eindrucksvoll, dass ein bewegendes Sozialdrama nicht zwangsläufig schwarzen Humor oder gar Slapstick ausschließen muss.

Teilweise ganz gut, aber von der Handlung und den Personenkonstellationen etwas unÜbersichtlich. Ehrlich gesagt bin ich jetzt nicht mehr in der Lage, eine konkrete Bewertung vorzunehmen, was selten passiert und eigenlich nicht fÜr den Film spricht. Die sparsam eingesetzte jazzartige Musik ist sehr gelungen.

Note: drei Sterne ***

22:15 Uhr

Karate-Robo Zaborgar (Denjin zaborga)

von Noboru IGUCHI

In einer Zeit, in der Superhelden die Kinos scharenweise erobern, wirft Noboru IGUCHI einen Blick zurÜck in Japans TV-Vergangenheit und schafft mit KARATE-ROBO ZABORGAR, dessen Vorlage von 1974 die Inspiration fÜr TRANSFORMERS lieferte, einen herrlich selbstironischen Gegenpol. Zaborgar ist ein gutherziger Kampfroboter, der nicht nur durch Martial Arts-Kenntnisse Überzeugt, sondern sich auch spektakulär in ein Motorrad transformieren kann! Mit Geheimagent Yutaka Daimon tritt er gegen den Superschurken Dr. Akunomiya und dessen bösartige Roboterarmee an – bis eines Tages eine Frau ins Spiel kommt. Wenn in dieser grandios stimmungsvollen Hommage absurde Dialoge, trashige Retro-Effekte und schrullige Gesten auf ganz großes Drama treffen, bleibt garantiert kein Auge trocken!

Regisseur Iguchi ist da und gibt eine fulminante EinfÜhrung. Die gute Laune des lustigen kleinen Mannes Überträgt sich sofort auf das Publikum. Z.B. gibt er Szenen wieder, in denen Geheimagent Daimon den Zaborgar aktiviert und mit einem Schlachtruf auf ihre Feinde jagt; wenn das passiert, soll das Publikum laut “Zaborgar” rufen. Klappt hervorragend. Der größte Teil des Publikums johlt in den betreffenden Einstellungen “Zaborgar” und alle amÜsieren sich herrlich.

Der Film ist zweigeteilt mit dem jungen Agenten Daimon in den 70er Jahren und dem alten Daimon heute. Eigentlich ergibt das keinen Sinn, aber das macht nichts und stört keinen. In einer Schlusseinstellung sehen wir den zukÜnftigen Daimon, wie er im raketenbetriebenen Zaborgar-Rollstuhl davon schwebt; hier tritt der letzte aktive Schauspieler aus der alten Zaborgar-Serie als Opa Daimon auf. Im Abspann laufen Ausschnitte aus der alten Serie und wir bekommen einen Eindruck, wie liebevoll und detailversessen der Film gestaltet ist.

Die alte Serie ist leider hier nicht erhältlich und auch in Japan vergriffen. Iguchi hofft aber im Gespräch nach dem Film auf eine Neuauflage im Zusammenhang mit dem Publikum. Da habe ich spontan die Idee, nächstes Jahr einen Zaborgar-Marathon zu machen. Iguchi findet die Idee ganz toll, als er die Übersetzung hört, und sagt zu, dann die Serie zu besorgen und als Moderator zu kommen. Das sagt er natÜrlich ersmal einfach so, aber seine Begeisterung ist einfach noch ansteckender als die außerirdischen Erreger im Film. Bei allem Spaß, den der Film macht, mÜssen die Dreharbeiten schwierig und eine logistische Herausforderung gewesen sein. So dÜrfen in Japan selbst gebaute Vehikel wie das Zaborgar-Motorrad nicht im öffentlichen Straßenverkehr betrieben werde und es mussten geeignete Straßen auf Privatgelände gefunden werden.

Bei einem der letzten Exground-Filmfeste sah ich von Noboru Iguchi bereits den wilden Splatterfilm “Machine Girl” und habe ihn auch auf DVD. Aber genau wie bei “Machine Girl” wird es bei Zaborgar wahrscheinlich so sein, dass man sich vor der Heimkinoanlage fragen wird, wie man zu diesem Film kam. Richtig Spaß machen solche Filme nur in einem entsprechend aufgelegten Festivalkino in der Nachtvorstellung und unter den besonderen Festivalbedingungen:

FÜnf Sterne *****

Sonntag, 1. Mai

Am Vormittag eröffne ich die Freibadsaison.

14:30 Uhr

Wandering Home (Yoi ga sametara, uchi ni kaero)

von Yoichi HIGASHI

Kriegsfotograf Yasu heiratet nach der RÜckkehr aus den Krisengebieten SÜd-Ost-Asiens die Manga-Zeichnerin Yuki. Die Erinnerungen an die Kriegsereignisse lassen ihn nicht los. Bald trinkt er mehr als er vertragen kann, bis Alkohol und GewaltausbrÜche sein Leben bestimmen. Yuki verlässt ihn, und Yasu zieht zu seiner Mutter. Erst als er eines Tages Blut spuckt, geht er zum Arzt. Mit Yukis Hilfe versucht er dem Strudel der Abhängigkeit zu entkommen und begibt sich in eine Entzugsklinik. Die wahre Geschichte eines Alkoholikers und seines Versuchs, die Kontrolle Über sein Leben zurÜck zu gewinnen, einfÜhlsam inszeniert und von Tadanobu ASANO eindrucksvoll gespielt.

Da habe ich beim ersten Lesen im Programmheft die BefÜrchtung, ein deprimierendes und ödes Familiendrama ertragen zu mÜssen. Aber ich besorge mir eine Karte und das hat einen Grund: Hauptdarsteller Tadanobu Asano. Tadanobu Asano ist einer der bekanntesten und vielseitigsten Darsteller Japans. In manchen seiner bekanntesten Rollen spielt Asano dermaßen stoisch und emotionslos, dass es schon wieder eine Kunst ist. Selbst uninteressante Filme wertet er durch seine Mitwirkung erheblich auf und, wenn er die Gelegenheit bekommt, dreht er richtig auf, wie z.B. als rotblond gefärbter, sadomasochistischer und extremgepiercter Yakuza-AnfÜhrer in Takashi Miikes bizarrem Kunst-Splatter “Ichi”.

Der Film beginnt mit einer Szene, in der sich Yasu in einer Bar betrinkt, bis er vom Hocker fällt, die mit einer bewusst unpassenden Musik wie aus einem Pokemon-Schwachsinn unterlegt ist. Körperlich, geistig und mental baut Yasu dann immer mehr ab und besonders diese Szenen sind von Tadanobu Asano brilliant gespielt. Die Szene, in der er seine Frau fast bewusstlos prÜgelt, ist die intensivste schauspielerische Leistung, die ich bei diesem Fesival sehe. Yasu begiebt sich dann in eine Spezialklinik fÜr Suchtkrankheiten und Entzug und mit der Zeit stellt sich heraus, dass die meisten seiner Organe im Eimer sind und er nicht mehr lange zu leben hat. Er kehrt zu seiner Familie zurÜck, um dort seine letzten Monate zu verbringen. Toll gespielt, Überwiegend dicht und Überzeugend inszeniert, hat der Film nur wenige Längen und ist sehr zu empfehlen.

Note: vier von fÜnf Sternen ****

17:00 Uhr

Sankaku

von Keisuke YOSHIDA

Tag fÜr Tag das gleiche Gesicht. Die Routine, die sich in die Beziehung von Momose und Kayo einschleicht, lässt Momose bald vergessen, weshalb er mit seiner Freundin zusammenlebt. Als Kayos 15-jährige Schwester einen Sommer Über zu Besuch kommt, hat er ihrer aufreizend verspielten Art somit wenig entgegenzusetzen und schnell bricht das klapprige GerÜst der Vernunft zusammen – fÜr alle Beteiligten. Mit SANKAKU beweist Keisuke YOSHIDA erneut sein Talent im Spiel mit Zuschauererwartungen. Was zunächst wie eine harmlose Komödie erscheint, entwickelt sich schnell zu einer ausgereiften und zynischen Auseinandersetzung mit einseitiger Liebe und unerfÜllten BedÜrfnissen.

Der Film beginnt mit einer Nahaufnahme zwischen die Beine der Minirock tragenden 15jährigen Schwester, die im Bus schläft und dabei mit ihrem Kopf abwechselnd auf den Schultern der beiden männlichen Sitznachbarn liegt – so viel zum Spiel mit den Zuschauererwartungen. Momose, der Freund der großen Schwester, muss dann auch das Bett räumen und auf dem Boden schlafen. Er wird recht schnell spitz auf die halb so alte Schwester seiner Freundin, die grundsätzlich nur Miniröcke, knappe Tops und zu Hause ein kurzes Schlafanzughöschen trägt. So kommt die besondere WÜrze in die Beziehung. Als Schwesterchen wieder nach Hause fährt, reduziert sich der Film auf ein lahmes Beziehungsdrama, in dem Momose bei seiner Freundin auszieht und diese ihn verfolgt und in seine Wohnung eindringt. Das ist aber so inszeniert, dass ich es irgendwie lästig finde und mich nicht mehr dafÜr interessiere. Ich bevorzuge, mir noch ein gutes Abendessen zu gönnen und breche nach einer knappen Stunde auf.

Im Keller gibt es eine original japanische Nudelsuppenbar (ohne Japana hinter der Theke) sowie eine Karaoke-Bar. Sämtliche Suppen sind auf Nachfrage mit BrÜhe aus Fischpudding hergestellt, was sehr schade fÜr einen Vegetarier ist, und ich verzichte. Da ich die letzte Vorstellung in einem Programmkino im Frankfurter Nordend haben werde, fahre ich mit dem Fahrrad in der U-Bahn zur Frankfurter Hauptwache und genehmige mir dort in einem zu einer Kette gehörenden japanischen Restaurant einen Glasnudelsalat und eine vegetarische Nudel-GemÜsesuppe. Lecker.

20:00 Uhr im Kino “mal seh´n”

Exte – Hair Extensions

aus der Retrospektive von Sion Sono

In einem Schiffscontainer entdecken Zollbeamte ein totes Mädchen. Ihre Organe wurden entfernt und aus allen Wunden und Körperöffnungen sprießen meterlange Haare. Der haarfetischistische Totenwächter Yamazaki ist begeistert und nimmt die Leiche mit zu sich nach Hause. Als er die prachtvollen Haare an einen Friseursalon verkauft, entwickeln die an modebewussten Kundinnen angebrachten Extensions ein mörderisches Eigenleben. Mit viel schwarzem Humor parodiert Sion SONO die Konventionen des J-Horrors und liefert ein bizarres und haariges Horrorspektakel.

Japanische Filmschocker mit den Geistern toter langhaariger Mädchen oder junger Frauen sind ja mittlerweiler eine feste Größe im Horrorgewerbe und wurden sogar von Hollywood kopiert. Mit diesem Klischee geht Regisseur Sion Sono hier sehr geschickt um und entwickelt eine gruselige Grundstimmung, in der man Angst um die Protagonistinnen des Films hat. Der haarfetischistische und wohl auch nekrophile Totenwächter wird als äußerst bedrohliche Figur eingefÜhrt, ändert sich aber zum Schluss der Handlung in eine Kasperlefigur, die sich in Haare einwickelt und in Unterwäsche durch seine Behausung tanzt. Schade eigentlich.

Trotz Sitz in der ersten von ca. acht Sitzreihen ist es eine echte Erholung, in einem richtigen Kinosessel zu sitzen und nicht auf einem der MehrzweckstÜhle in der Mehrzweckhalle.

Schluss, Ende, Aus. Ich fahre nach Haus. Insgesamt war es ein sehr guter Jahrgang mit wenigen Enttäuschungen, einigen mäßigen bis guten Filmen und drei extrem positiven Überraschungen.

Domo arigato = Vielen Dank.

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