Ruhrfestspiele mit Volker Pispers: Hoffentlich ist Neulich bald

Mit dem schönen Warmwetter war’s leider erstmal vorbei am Wochenende. Dennoch waren trotz unangenehm in alle Kleinderöffnungen kriechender AbendkÜhle rechtzeitig vorm Kabarett-Late-Night-Termin (22 Uhr) reichlich Karteninhaber zum GrÜnen HÜgel Recklinghausens hinan gestiegen. Und diese Leute wussten genau was sie wollten. Nicht Eurovision Song Contest mit HÜhnerhaut-Garnierung noch Wiederholungs-TV auf anderen

presse_stille_Pispers_Ruhrfest_2011_1.jpgMit dem schönen Warmwetter war’s leider erstmal vorbei am Wochenende. Dennoch waren trotz unangenehm in alle Kleinderöffnungen kriechender AbendkÜhle rechtzeitig vorm Kabarett-Late-Night-Termin (22 Uhr) reichlich Karteninhaber zum GrÜnen HÜgel Recklinghausens hinan gestiegen. Und diese Leute wussten genau was sie wollten. Nicht Eurovision Song Contest mit HÜhnerhaut-Garnierung noch Wiederholungs-TV auf anderen Kanälen. Der Sinn stand ihnen vielmehr nach Kabarett zu später Stunde: Volker Pispers endlich wieder einmal zu Gast bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen!

Herzlicher Empfang

Als Pispers in gewohnt schwarzer Hose und rotem Polohemd auf die BÜhne vor den knackevoll mit Publikum besetzten Saal im Großen Haus tritt, weiß jeder: Gekommen, um schönes Wetter zu machen, ist der gutmÜtig dreinschauende Mann mit Sicherheit nicht. Beifall brandet auf. Welch herzlicher Willkommensgruß! Pispers steht auf dem gelbfarbenen MittelbÜhnenstÜck vor einem runden Stehtisch. Rechts und links der VorbÜhne liegt roter Fransenteppich. Pispers: “Schön, die haben den Teppich passend zu meinem Hemd verlegt”. Na, ganz hat’s dann wohl nicht gereicht: Die Theater mÜssen ja sparen!” Der erste Lacher. Hinter dem Kabarettisten ein halb nach Links und Rechts, die schwarze Mittel freilassender, aufgezogener goldener Vorhang: Die Dekoration der vorher auf dieser BÜhne gespielten Wim-Wenders-Film-Theater-Adaption von “Paris, Texas” (Regie Sebastian Hartmann; Centraltheater Leipzig) u.a. mit Heike Makatsch. Traut man ersten Rezensionen, so ist die Inszenierung ein Flopp…

Pispers: “Kabarett-Karten sammeln! DafÜr, wenn’s mal andersrum kommt.”

Bei Volker Pispers (Website) besteht derlei Gefahr nicht. Die Programme dieses Mann floppen nicht, noch flippt deren Schöpfer und Darsteller bei dessen ruhiger Präsentation aus. Wobei letzteres auch gar nicht zu seinem GutmÜtigkeit ausstrahlenden Gesicht und Gesamtwesen passen wÜrde. Dennoch kann der gestandene Kabarettist nicht nur charmant, sondern auch bitterböse, was charmant, weil scheinbar nur so dahingeplaudert daherkommt, dann aber einschlägt wie eine Bombe. Volker Pispers macht das nun schon 20 Jahre. Und nichts hat sich geändert. Außer vielleicht einem: Es ist alles nur noch viel schlimmer geworden. Sogar Nummern von frÜher kann er heute etwas aktualisiert wieder auf die BÜhne und unter die Leute bringen. Und sie stimmen nach wie vor! Die Leute hauen sich auf die Schenkel und klatschen darÜber, das der Kabarettist alltägliche Unzulänglichkeiten aufs Tapet bringt und politische Zumutungen skandalisiert. Doch ändern tut sich nichts! Pispers vermutet: Kabarett ist auch nur so eine Art Ablasshandel wie ihn die Kirche anbietet. Und: die im Kabarett sitzen, sind sowieso die Guten. Deshalb rät Volker Pispers unbedingt allen alle Kabarettkarten aufzubewahren. FÜr den Fall, es kommt mal anders herum. Dann könne man sagen – und anhand der gesammelten Eintrittskarten – auch beweisen: Ich war schon immer im Widerstand!

Kapitalismus heißt: Geld kommt zu Geld. Man könnte das Schweinesystem nennen…

Man könnte weinen oder vor Wut in die RÜckenlehne seines  Vordermann-Sitzes beißen: Wir werden seit Jahrzehnten politisch und anderweitig verarscht. Und finden uns heute verarschter dennje! Stets war und ist von Steuersenkungen die Rede, die von uns anscheinend wohlmeinenden Politikern eingefordert werden. Dann wählt man FDP, Und die kommt auch noch ‘ran! Pispers: “Bis man plötzlich merkt, ich bin ja gar kein Hotelier!” Aber klar, auch da spricht Pispers wahr: Der Masse des Volkes – den Lohnempfängern ohnehin nicht – nÜtzen diese Senkungen nie und nimmer. Schließlich nimmt man ihnen schon bald darauf diese kleinen VergÜtungen auf der anderen Seite wieder weg. Rechte Tasche – linke Tasche. Immer und immer öfters, und immer öfters noch immer dreister profitiert allein das große Geld von derartigen Steuertricks. Machen wir uns also doch nichts vor: so funktioniert der Kapitalismus: Damit es einigen wenigen bombig gut geht, mÜssen viele andere anderswo und immer mehr – auch hier bei uns – verzichten, darben, hungern und sogar sterben! FrÜher hat man zumindest hierzulande ein wenig TÜnche darÜber getan, den Kapitalismus verharmlosend “Soziale Marktwirtschaft” genannt. Dabei könnte man diesen Kapitalismus ein Drecks- und egoistisches Schweinesystem nennen. Könnte man! Doch weder Pispers tut das, noch ich werde es hier tun, denn: Man täte den Schweinen großes Unrecht. Sie gelten als sehr soziale Tiere. Aber man braucht doch nur einmal sein Hirn einschalten und genau hinsehen, um zu wissen, was damit gemeint ist. Dieses bis in die Knochen ungerechte System kann höchstens halbwegs unfallfrei funktionieren, wenn der Staat Regeln schafft und deren Einhaltung kontrolliert. Davon aber kann schon lange keine Rede mehr sein. Den diesbezÜglich schlimmsten Schaden hat die Regierung Schröder-Fischer verursacht, wie Pispers richtig reklamiert. Doch verkehrte Welt: Während die SPD bis heute die Dresche des Wählers, der sich von ihr abwendet, fÜr diese falsche Politik bezieht – sprich: mit Liebesentzug bestraft wird -, haben die GrÜnen keinen nennenswerten Schaden erlitten. Im Gegenteil: Die Prozentzahlen der Partei rauschen in die Höhe. Die GrÜnen sind eine Art neue FDP.

FrÜher war die DDR Billiglohnland. Heute sind wir selber eines

Und haut Pispers rein: CSU-Chef Strauß hätte ganz genau gewusst, warum er die die DDR mit Über einer Milliarde D-Mark Kredit gerettet habe. Pispers: “Und da sind die noch ein paar Jahre damit hingekommen. Bei manchen Banken rauscht so’ne Summe heute an einem Tag durch den Kamin!” Honecker-Land war also das perfekte Niedriglohnland fÜr die BRD. Nicht nur das IKEA-Regal “Billy” wurde dort von billigen Arbeitskräften in der DDR hergestellt. Die Mauer war somit ein Segen fÜr die BRD. Heute, so Pispers verschmitzt, seien wir selbst zum Niedriglohnland geworden. Und seit die DDR und die anderen sozialistischen Staaten von der Bildfläche verschwunden seien, und die deutsche Wiedervereinigung vollzogen war, legte sich auch der Kapitalismus wieder ins Zeug. Auch die SPD nennt das jetzt auch “Raubtierkapitalismus”. Dabei war System nie etwas anderes. Heute rast es Krise um Krise mitnehmend immer unkontrollierter auf die Wand, oder, wem’s lieber ist: den Abgrund zu…

Pispers Programm spiegelt ungeschminkt den erbärmlichen Gesamtzustand dieser unserer Republik wider

Die Medien samt ihren “Sprechblasenjongleuren” (Programminformation Ruhrfestspiel) gaukelten uns immer wieder aufs Neue vor, dass ständig etwas passiere, während sich bei den eigentlichen Problemen so gut wie gar nichts täte. Tatsächlich: Wie viele “Jahrhundertreformen” haben wir denn inzwischen schon hinter uns gelassen? Dabei hat sich weder betreffs der Versorgung in Sachen Gesundheit oder der Rente etwas zum Besseren verändert. Im Gegenteil! Wir werden abgelenkt, verarscht und abgezockt. Pispers nimmt auch die Zukunftsszenarien ins Visier. Und die entsprechend dazu manches Mal erstellten Prognosen. In der Tat: Wie kann eine Prognose seriös sein, die uns zeigen soll, wie hoch der Rentenbeitrag im Jahre 2050 höchstwahrscheinlich sein werde! Verarsche, nichts anderes. Und Angstmacherei! Merken wir das nicht? Merken wir Überhaupt noch etwas?

Wo bleibt der Aufstand der Millionen Verarschten und Erniedrigten hierzulande?

 
Doch nicht nur Volker Pispers fragt sich: Wo bleibt der Protest, der Aufstand a’ la Tahrir-Platz in Kairo in unserem Lande? Millionen von Menschen hierzulande sind amtlich arbeitslos, der Rest verbrämte Arbeitslose ohne als solche anzuscheinen, weil in fragwÜrdigen Maßnahmen oder mittels anderen Tricksereien irgendwie irgendwo versteckt. Andere werden unter- bzw. so prekär bezahlt, dass sie zum “Aufstocker” werden. Viele fristen ihr Leben mehr schlecht als recht als “Von-der-Ley-Arbeiter” und so weiter und so fort. Die Millionen Verarschten und Erniedrigten könnten sich doch ohne Weiteres tags wie nächtens vorm Kanzleramt in Berlin schichtweise ablösen und unablässig fordern, dass Merkel und Konsorten zum Tempel hinausgejagt wÜrden. Dass endlich Änderung und Wandel werde! Und soviel – Spaß beiseite – Laternen gibt es in diesem Lande. Verbrecher in Konzernen, Banken und Gauner in dieser Klientelpolitik machenden Regierung zuhauf. Wenigstens symbolisch, Kruzifix noch mal! Doch das Volk… Sind wir tatsächlich ein Volk von Lämmern, die sich – um mit Lenin zu sprechen, erstmal eine Bahnsteigkarte kaufen, wenn die Revolution sozusagen in den Bahnhof einfährt?

Was wird bleiben?

Pispers war auch saturday late night voll auf der Höhe der Zeit und bis ins letzte Nackenhaar satirisch fit wie einst ein Turnschuh-Minister mal zu sein vorgab. Die Pfeile trafen charmant-witzig benetzt ihre Ziele. Nicht nur einmal waren im Publikum zustimmendes Gemurmel oder leise Rufe im Sinne von “Ja, so ist es!” zu hören. Rumort es im Volk? Oder nur im Kabarett-Volk, das eh nur aus den Guten besteht? Und was, wenn die Leute wieder in den Alltag, pardon: zunächst einmal die Allnacht, hinaustreten? Kabarett doch wieder nur als Ablasshandel und am Sonntag vormittag in die Kirche…zwecks Absolution?

Warum schalten die Leute ihr Handy im Flugzeug aus, im Theater aber nicht?

Das Publikum jedenfalls hatte reichlich Gelegenheit kaberettistisch auf Trab gebracht die Sinne zu schärfen und mit der eignen gelebt-erlittenen Realität in Einklang zu bringen oder Diskrepanzen entdeckend kÜnftige Konsequenzen in Erwägung zu ziehen. Fast war der Abend ausgeklungen, da musste (?) es geschehen: Aus den hinteren Parkettreihen trötete ein Handy. Pispers fragte zornig-bitter von der Rampe hinab nach hinten: “Soll ich so lange hinausgehen, wenn Sie telefonieren?” Dem Kabarettist ist zuzustimmen: Die Leute schalten im Flugzeug ihre Handys aus. Warum kommen sie im Theater nicht auf die Idee? Das Geschehene passt zu einer Pispers-Passage etwas frÜher am Abend. Inzwischen gäbe es ja mehr Handys als Deutsche. Und immer mehr Menschen könnten diese gar nicht richtig bedienen. “Oder sind Sie so wichtig, Arzt vielleicht?” Ob der Handy-Mann oder die Handy-Frau dabei rotgeworden sind?

Finale

Zum Schluß eine nette Geste. Volker Pispers, der natÜrlich selbst einmal ein Kabarettanfänger gewesen war und keineswegs in so großen Sälen wie in Recklinghausen spielte. Manchmal nur vor einer Handvoll Menschen, forderte das Publikum auf, reichlich auch die Veranstaltungen von den sehr vielen guten Nachwuchskabarettisten zu besuchen. Schließlich hätten es die, weil sie eben nicht wie er inzwischen von Funk und Fernsehen bekannt seien, schwerer Publikum anzuziehen. Pispers Dank galt auch der Beleuchtung, der BÜhnentechnik, dem Ton, den Foyer- und Garderobenmitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wie auch der fÜr Sicherheit sorgenden Feuerwehr. Ohne all diese Menschen wäre freilich dieses grandiose Late-Night-Kabarett. “Bis Neulich”, rief Volker Pispers seinem wild applaudierendem Publikum zu. Als es durchs Glasfoyer unten hinaus ging, stand der sympathische Kabarettist, der es meisterlich versteht äußerst charmant und scheinbar harmlos daherplaudernd  bitter-böse Pfeile von der Kabarett-Zwille zu lassen, noch fÜr Autogramme zur VerfÜgung. Auch lagen seine BÜcher DVDs zum Verkauf. Leute, die nur mit ihm plaudern wollten, waren ebenso willkommen. Zum Abschied rief manch Festspielbesucher freundlich “Bis Neulich!” und hoffte gewiss, dass Neulich schon bald ist…

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