Schimpf auf die Tagesschau, und zwei alte Männer quatschen rein

Draußend dämmerte es, und alles war still, da hörte ich im LÜftergeräusch meines Rechners wie von weit her zwei erregte Stimmen. Es klang wie eine kaukasische Sprache, vielleicht Hurritisch oder Inguschisch. Ich kenne mich nicht aus mit kaukasischen Sprachen und verstand kein Wort. Trotzdem konnte ich nicht umhin, den beiden

248272298_b476517702.jpgDraußend dämmerte es, und alles war still, da hörte ich im LÜftergeräusch meines Rechners wie von weit her zwei erregte Stimmen. Es klang wie eine kaukasische Sprache, vielleicht Hurritisch oder Inguschisch. Ich kenne mich nicht aus mit kaukasischen Sprachen und verstand kein Wort. Trotzdem konnte ich nicht umhin, den beiden zuzuhören.Der Alte wird auf 112 Jahre geschätzt, der andere auf 105. Die beiden sind die letzten Sprecher ihrer Sprache. Lexikon und Grammatik und was man in dieser Sprache wie sagt, dieses Wissen wird mit den beiden Alten im Grab versinken. Sie sind sich nicht grÜn, genauer, sie hassen sich. Der vermeintlich Ältere fÜhrt das Wort. Er sagt: “Werde du erst einmal so alt wie ich. Hör mir zu, hör mir zu. Gegen mich bist du ein Kalb, noch nass von Blut und Schleim. “Was?!”, ruft der andere, “Ich saß schon auf dem Pferd, da hast du noch in deiner Mutter gesteckt, du Sohn eines Esels!” So geht es hin und her. Jeder will nicht der vorletzte, sondern der Letzte seiner Sprache sein. Deshalb wÜnschen sie sich gegenseitig die Pest an den Hals, die Krätze, die Seuche, egal was, wenn’s nur dem anderen den Rest gibt. Und zwar pronto. Man weiß ja nie, ob man am nächsten Morgen noch da ist.

Ich frage mich, warum ich mir den Streit zweier Kaukasier anhören muss, dessen Wortlaut ich nur ahnen kann. Vor allem geht’s ja um nichts. Wer tot ist, was kÜmmert den, wer der letzte oder der vorletzte Sprecher eines ausgestorbenen kaukasischen Dialekts war. Das mindestens sollte man vom Tod erwarten dÜrfen, – dass einem der Kleinscheiß des Erdenlebens endlich egal ist. Vergessene Idiome vergangener Bergvölker, wie weit man den Verschluss einer Thermokaffeekanne aufdrehen darf, um sich und die Tischdecke nicht einzusauen, oder wann die Tagesschau kommt, das alles soll nach dem Tod weg sein.

Besonders die Tagesschau. Viele Deutsche halten den Tagesschausprecher fÜr den Regierungssprecher, habe ich mal gelesen oder gehört. Oder ich hab’s mir ausgedacht. Ich weiß es jedenfalls. Tagesschausprecher haben etwas erdrÜckend Offizielles. Es ist grad so, als wÜrde einem hochamtlich die Welt erklärt. Um unsere schwächliche Urteilskraft nicht zu Überfordern, sagt man uns nur das Allerwichtigste.

Die Botschaft: Ihr Wichtl, wir sagen euch jetzt, wo der Hammer hängt.

An deiner kleinen TÜr hängt er nicht. Er hängt an den Portalen der Ministerämter und Palästen, und manchmal schwebt er zu euren Köpfen oben hoch am Finanzhimmel. Dann ist’s quasi göttlich. Wir zeigen euch die Auftritte von Herrschern, wie wichtige Köpfe unwichtige Sachen sagen, Tagungsorte von außen mit Zoom auf die Fenster, wie’s Wetter wird und was es an der Börse zu spekulieren gibt. Zieh dir das rein, dann weißt du bescheid.

Während ich schreibe, horche ich nebenher zum LÜfter hin. Die beiden Kaukasier sind verstummt. Nicht da. Sozusagen weg oder sogar fort. Ich hatte schon befÜrchtet, das wÜrde jetzt eine Daily Soap, “Der letzte Ingusche und obendrein der vorletzte”. Und ich mÜsste die Folgen hören, wann immer ich am Rechner sitze. Dann packt mich am Ende das PflichtgefÜhl, und ich versuche, die aussterbende Sprache aufzuzeichnen. Daran verzweifele ich, denn ich weiß nicht mal, wo genau die Wortgrenzen sind. Und fÜr einige Laute, aus zwei zahnlosen Mäulern gespuckt, gibt es im Alphabet kein Schriftzeichen, das sie annähernd wiedergibt. Nach Jahren entbehrungsreicher Arbeit werde ich erst fertig damit. Dann zeige ich meine Forschungsergebnisse, und keine Sau will’s wissen. Noch mal GlÜck gehabt.

Photo: sebibrux, via flickr

Kommentare

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  1. Ich glaube, den alten aussterbenden Kaukasiern ist es völlig wurscht, was in der Tagesschau geredet wird. Das sind aber wohl auch die einzigen.
    Die Menschen, die außerhalb der PC-LÜfter leben, werden scheel angeschaut, wenn sie das Aufdenneuestenstandbringformat der Nation nicht täglich gucken. Vor allem, weil sie dann am Stammtisch nichts mitzureden haben. Wenn man nicht weiß, was man fÜr gerade wichtig und brisant zu halten hat, macht man eine schlechte Figur im öffentlichen Leben: “Waaaas, das weißt du noch nicht??? Ja lebst du hinterm Mond?” Wohl niemand traut sich darauf zu antworten, dass es ihm am Hinterteil vorbeigeht, ob Sarkozy gelästert, Strauß-Kahn gevögelt oder Angela Merkel verbalen Auswurf produziert hat.
    Eigentlich, so denken sich dumme Menschen wie ich stumm, ist es doch viel wichtiger zu wissen, wie es meiner Mama geht, ob die Waschmaschine schon fertig ist oder ob es gerade lecker Obst im Sonderangebot gibt.

    Ich gebe zu, ich schaue oft die Tagesschau, oder “heute”. Mir blieb fast der Mund offenstehen, als ich erfuhr, dass Steffen Seibert Regierungssprecher wird. Das sagt doch alles Über den infamen Missbrauch der Medien durch den Staat – eine Hand wäscht die Andere.

    Beste GrÜße
    Eva