Am 24. März diesen Jahres gaben sich diejenigen Huren vom Dortmunder Straßenstrich, welche sich mutig zu einer Demonstration bis vor das Rathaus der Stadt durchgerungen hatten, noch halbwegs optimistisch. Ihr Ziel: Der Erhalt ihres Arbeitsplatzes. Viele von ihnen sind bulgarischer oder rumänischer Nationalität. Aber auch deutsche Frauen in sozialer Not arbeiten auf dem Strich. Die Stadt visierte die Schließung des Straßenstrichs an der Ravensberger Straße an. Die angefÜhrte GrÜnden: Abwehr von Kriminalität, die Gefährdung Jugendlicher im nahen Wohnviertel. Es gab Beschwerden von Anwohnern. Auch, so hieß es, wolle und könne die Stadt nicht länger dulden, dass immer mehr Frauen – darunter die in ihrer Heimat diskriminierten Roma – aus Bulgarien und Rumänien nach Dortmund zögen, um hier anzuschaffen. Waren es frÜher lediglich 70 Huren, soll deren Zahl ab dem Jahr 2007 sprunghaft auf zuletzt angeblich 700 Frauen angestiegen sein.
Keine Kriminalität und halbwegs sichere Arbeitsplätze
All diese Probleme sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Obwohl, was den Vorwurf der BegÜnstigung von Kriminalität angeht, erklärte die Beratungsstelle fÜr Prostituierte KOBER dazu: Schon aufgrund von regelmäßigen Kontrollen durch Polizei und Ordnungsamt sei davon eigentlich nichts auf dem Strich zu spÜren gewesen. Die letzte dort durchgefÜhrte Razzia bestätigte dies. Auch konnten die Frauen dort relativ sicher arbeiten. Sicherer als etwa in anderen dunklen Ecken bzw. Wohnungen in der Stadt, die fast jeglicher Kontrolle entzogen seien. Ebenfalls hätten die sogenannten Verrichtungsboxen, die vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 installiert und mit Alarmknöpfen ausgestattet worden waren, zu mehr Sicherheit fÜr die Frauen (Schutz vor etwaigen Vergewaltigungen durch Freier) beigetragen. Nicht zuletzt hatten die Prostituierten im von KOBER aufgestellten Container stets eine Anlaufstelle mit kompetenten Beraterinnen in allen Lebenslagen zur VerfÜgung und die regelmäßige Möglichkeit sich dort durch einen Arzt untersuchen bzw. behandeln zu lassen.
GrÜne und LINKE sahen der Realität ins Auge. SPD und CDU obsiegten populistisch
Nicht nur die GrÜnen im Rat sahen in der Schließung des Straßenstrichs keine Lösung der bestehenden Problematiken. Auch die LINKEN sprachen sich dagegen aus. Favorisiert wurden stattdessen Hilfsangebote und die Einbeziehung des Landes NRW sowie der EU. Hilfsangebote, die auch Integrations- und Bildungspakete, besonders fÜr die Romafrauen unter den Prostituierten hätten beinhalten können. Beide Parteien wollten damit nicht etwa die Prostitution in den Himmel heben. Doch war man sich darÜber voll im Klaren, dass niemanden geholfen sei, wenn man den Strich schlösse. Ganz einfach, weil man die Probleme nur verschöbe und die Frauen samt der Prostitution anderswohin nach dem bekannten Muster des Sankt-Floriansprinzips verdränge. Doch SPD und CDU mit ihrer Mehrheit im Dortmunder Rat wollten die populistische Lösung. Eine Variante wie sie auch von Kindern angewendet wird: Augen und Ohren vor den Realitäten verschließen. Das Problem jedoch bleibt wirklich. Es hat sich dann vielleicht halt nur verlagert. Dass befÜrchteten auch Dortmunds Nachbarstädte. Weshalb der Arnsberger Regierungspräsident grÜndlich prÜfte und abwog. Doch schließlich bestätigte er die vom Rat mit den Stimmen von SPD und CDU beschlossene Schließung des Dortmunder Straßenstrichs und die Ausweitung des Sperrbezirks auf die gesamte – ausgenommen die Bordellzone in der Linienstraße am Hauptbahnhof – Stadt.
Aus “Nicht zumachen!” wurde ein “Nichts zu machen.”
“Nicht zumachen!”, “Wir sind nicht kriminell!”, “Wir lassen uns nicht vertreiben, der Straßenstrich muss bleiben!”, hatten die Huren auf ihrem Zug durch die Stadt am 24. März noch skandiert und gehofft, dass ihre Arbeitsplätze (schlimm dran muss sein, wer fÜr eine solche Arbeit demonstriert!) erhalten bleiben. Sogar Rosen hatten die Frauen – die zuhause meist mehrere Kinder ernähren mÜssen – freundlich lächelnd damals an verdutzte Passanten verteilt. Aber wie zu befÜrchten war, wurde aus der Forderung “Nicht zumachen!” ein abweisendes “Nichts zu machen.”, seitens der Stadt, die populistisch eingeknickte statt gemeinsam mit anderen Kommunen, dem Land bzw. der EU, nach gangbaren Lösungen zu suchen. So wie auch die EU nicht selten funktioniert: Jeder ist sich selbst der nächste. Und aus den Kommentarforen örtlicher Zeitungen tönte dann auch Beifall in sarrazinscher Un-Manier: Endlich wird mal durchgegriffen!
Nach letzter Stoßzeit ist der Straßenstrich wie leergeblasen
Vergangenen Sonntag war in Dortmund BVB-Fußballmeisterfeier. Die Menschen knubbelten sich zu Tausenden auf Straßen, Plätzen, U- und Straßenbahnen – all Überall. Auch auf dem Straßenstrich an der Ravensburger Straße? Gut möglich. Das Internetportal “Der Westen” titelte prompt: “Dortmunder Straßenstrich vor finalem Umsatzrekord”. Wie gnädig von der Stadt, den Damen vom horizontalen Openair-Gewerbe diese – sozusagen – Stoßzeit noch zu gönnen, bevor ihnen der finale Laufpass gegeben wird. Zuvor waren Info-Flyer in den Sprachen Rumänisch, Bulgarisch und Deutsch verteilt, und die Huren von der bevorstehenden Schließung ins Bild gesetzt worden. Ende des Sonntags ab Mitternacht trat das Aus fÜr den Straßenstrich in Kraft. Verbunden damit die AusÜbung der Prostitution im gesamten Stadtgebiet, sowie ein Ansprechverbot fÜr Freier. Zuwiderhandlungen werden zuerst mit Belehrungen, dann mit Geldstrafen geahndet. Eine “Eingreifgruppe” von Ordnungsamt und Polizei ist nun im Einsatz. Montagmorgen ab sieben Uhr rÜckten Arbeiter an, um die letzten noch verbliebenen Spuren des Dortmunder Straßenstrichs samt der berÜhmten Verrichtungsboxen zu beseitigen. Nun – man nehme mir bitte nicht Übel, es so naheliegend auszudrÜcken – sieht die einst mehr oder weniger sÜndige Meile Dortmunds aus wie leergeblasen.
Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn nur?
Problem gelöst? Nach dem Motto aus den Augen aus dem Sinn? Wohl kaum. Die Nachbarstädte sind alarmiert. Fragen kommen auf: Wo laufen die Frauen jetzt? Man liest einige von ihnen hätte es auf dem Straßenstrich in Essen versucht, seien jedoch verjagt worden. Die Freier “fahnden” aufgescheucht wie Sauerländer HÜhner, resp. Hähne, nach den Huren. Ja, wo laufen sie denn, wo laufen sie denn nur? Der Gelsenkirchener Strich schreibt eine Zeitung sei “eingespielt”. Warum gab man dem Dortmunder Strich nicht die Chance sich “einzuspielen”? Fragen Über Fragen und kein Strich darunter. Indessen hat die Straßenstricharbeiterin “Dany” eine Klage betreffs Erhalt ihres Arbeitsplatzes in Dortmund eingereicht. Hat es so etwas schon jemals gegeben? Erst eine Hurendemo als Premiere, nun eine Klage gegen das Aus fÜr den Dortmunder Strich. Es bleibt also weiter spannend.
Aufprall wird mittels Sankt-Floriansprinzip nur verschoben
Eines aber lässt sich wohl sagen. Zu befÜrchten steht, dass die um ihren halbwegs sicheren Arbeitsplatz gebrachten Dortmunder Huren nun versuchen werden, sich anderswo ihr täglich Brot zusammenzurackern. In Privatwohnungen, auf dÜsteren Parkplätzen oder weiß der Geier wo. Womöglich sind sie nun Üblen Zuhältern und Vergewaltigern ausgesetzt. Sie sind dermaßen vereinzelt und ihrer Situation nur schwer kontrollierbar. Und Überdies schwer vor Übergriffen zu schÜtzen. “Einsatzgruppe” hin oder her. Die Beratungsstelle KOBER ist nun weiter im Café Kober erreichbar. Auch der Arzt. Der Container am einstigen Straßenstrich ist ja nun – wie auch OberbÜrgermeister Sierau oberschlau realitätsnah konstatierte obsolet geworden. Dank Ratsbeschluss von CDU und SPD. Die in der Nordstadt oder von dort aus eventuell agierenden Kriminellen dÜrften indes weiter ihr Unwesen treiben. Die Kriminalität – die die Stadt vorgab mit der Vertreibung der Straßenprostituierten bekämpfen zu wollen – wird wohl erhalten bleiben. Zu Grunde liegen verstärkt soziale Probleme. Mit populistischen Beifall auslösenden Vertreibungen wird man sie nicht lösen. Sie werden stattdessen nur anderen andernorts aufgehalst. Mit einer solchen Sankt-Florians-Politik werden unsere Gesellschaften an die Wand gefahren. Einzig: Der Aufprall wird noch etwas hinausgeschoben…
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