Das Hildebrandslied
(Zeilen 1- 6)
Ik gehorta dat seggen,
dat sih urhettun  aenon muetin,
Hiltibrant enti Hadubrand  untar heriun tuem.
sunufatarungo  iro saro ritun,
garutun se iro gudhamun,  gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa,  do sie to dero hiltiu ritun.
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Das hörte ich sagen,
Dass sich allein mutig gegenÜber standen
Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren,
Als Sohn und Vater ihre Sachen richteten,
Ihre Kriegshemden anzogen, sich ihre Schwerter umgÜrteten,
Die Helden, und dann zum Kampf ritten.
(Zeilen 49 – 50)
welaga nu, waltant got ( quad Hiltibrant),  wewurt skihit,
ih wallota sumaro enti wintro  sehstic ur lante,
“Weh nun, waltender Gott, ” (sprach Hildebrand) “UnglÜck geschieht,
Ich wallte der Sommer und Winter sechzig außer Landes,”
(Zeilen 65 – 68)
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do stoptun to samane  staim bord chludun,
heuwun harmlico  huitte scilti,
unti im iro lintun  luttilo wurtun,
giwigan miti wabnun …
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Da stapften sie zusammen, Buntborde spalteten sie,
Bis ihnen ihre Lindenschilde klein wurden,
Zerkämpft mit den Waffen…
(hier endet das Gedicht)
(Frei Übersetzt von Klaus Grunenberg nach Helmut de Boor, BENDER, Deutsches Lesebuch 6, 1954)
Analyse
Wer dieses ErbstÜck aus unserer germanischen Dichtung mit den gelernten Mitteln der europäischen Dichtung, also mit Jamben, Trochäen, Hexametern usw. erfassen möchte, der kann das nicht. -
Hier wirken andere Stilmittel, wie z.B. der Stabreim (“welaga nu, waltant got( ), wewurt skihit”) und es ist ein Rhythmus, der daherkommt wie derber Tanz oder wie eine gesungene Wallfahrt, wie ein Lied aus der Vergangenheit, wobei man manches zu verstehen glaubt.
Es ist eine Mischung aus verschiedenen Sprachen, sagen die Forscher, aus Gotisch und Langobardisch und es wären im Lauf der Zeit (durch laufende Abschreibung) auch noch andere Dialekte zu erkennen. Außerdem steht dieses Gedicht auf der Scheide zwischen germanischer und christlicher Dichtung, denn einmal spricht Hildebrand in der 30. Zeile: “wettu irmingot (quad Hiltibrant) obana ab hevane” (“das walte Irmingott oben im Himmel”) und ein anderes Mal hören wir: “Weh nun, waltender Gott,” was an christliche Denkweise gemahnt.
Was ist nun der Inhalt? Zwei Männer und ihre Heere treffen sich. Es sind Hildebrand (Vater) und Hadubrand (Sohn), die sich begegnen. Hildebrand war in der Fremde mit Theoderich (Dietrich von Bern) bei König Attila (Etzel) und er ist nun auf der Heimreise, als er auf seinen Sohn trifft, der ihn nicht erkennen will, weil man ihm gesagt hat, sein Vater sei tot. -
Trotz freundlicher Worte des Vaters glaubt der Sohn ihm nicht und beleidigt den Vater, so dass es nach germanischer Sitte zum Zweikampf kommen muss (Ehre!), in dem der Sohn fällt. -
Hier endet das Gedicht leider und Über ein anderes Gedicht aus der Edda (“Hildibrands Sterbelied”) erfahren wir mehr von der Trauer des Vaters Über den Tod seines Sohnes. Das scheint mir die Lehre zu sein aus germanischer Dichtung, dass heldisches Leben zum Verdruss fÜhren kann und der Tod jederzeit nebenher reitet, wie es in der Zeit der Völkerwanderung eben oft war.
Leider ist es oftmals der (unnötige heldische) Kampf, der die Trauer und den Tod in den Mittelpunkt des Geschehens und der (poetischen) Betrachtung fÜhrt, was deutsche Dichtung im Lied, in der geschriebenen Literatur und in der Musik (Wagner) zustande bringt. Das zieht uns in Mitleidenschaft, ins Mitleid und manchmal (viel zu oft) in Nachahmung, weil anscheinend normales Leben zu langweilig ist fÜr unser langsam fließendes Blut. In diesem Fragment der germanischen Dichtung, dem einzigen Übrigens, denn das Meiste aus dieser Zeit mÜssen wir aus der Edda entnehmen, in diesem Hildebrandslied also steckt die ganze Tragik, möchte man sagen, die sich mit deutschem GemÜt und Verhalten verbindet, nämlich eine zu verteidigende Ehre, die doch sehr leicht beleidigt werden kann und die Trauer danach, wenn wieder mal alles zu spät ist. Es ist schade, dass es nicht mehr altgermanische Lieder dieser Art gibt, sie könnten uns sicher mehr noch berichten. Aber wir haben ja die Edda, aus der wir rekonstruieren könne, was geschah und wie es geschah.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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