Von den leisen Tönen der Gemeinsamkeit

Immer öfter habe ich nicht die geringste Lust, mich mit dem Tagesgeschehen zu beschäftigen, wie es in den Medien gleich welcher Art gespiegelt wird. Die Darstellungen unserer Welt in den Medien sind im hohen Maße selbstreferentiell, das heißt, die Medienmacher beschäftigen sich mit Themen, die sie selbst erzeugt haben. Ob

489450_R_K_B_by_David Stichling_pixelio.de.jpgImmer öfter habe ich nicht die geringste Lust, mich mit dem Tagesgeschehen zu beschäftigen, wie es in den Medien gleich welcher Art gespiegelt wird. Die Darstellungen unserer Welt in den Medien sind im hohen Maße selbstreferentiell, das heißt, die Medienmacher beschäftigen sich mit Themen, die sie selbst erzeugt haben. Ob eine Sache aus sich selbst heraus geschieht oder ob sie geschieht, damit oder weil in den Medien darÜber berichtet wird, lässt sich daher nicht mehr feststellen.

Etwa sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde. Sieben Milliarden Schicksale, sieben Milliarden Weltsichten, sieben Milliarden Menschen leben ihren Alltag, ein jeder handelt und wird behandelt, und aus diesen Ereignissen und Abläufen entsteht Information, vorausgesetzt, sie wird von anderen aufgenommen, gesichtet und gewertet.

Wären die Kulturen der Menschen allesamt schriftlos, wÜrden die meisten der mÜndlichen Informationen nur eine kurze Zeit Überdauern. Nur die wirklich ungewöhnlichen Informationen, solche von großer Tragweite, wÜrden ins kulturelle Gedächtnis ÜberfÜhrt. Dazu wÜrden sie in gebundener Sprache festgehalten, wÜrden ihren Einzug halten in die Lieder und Gesänge der jeweiligen Kultur. In den Liedern wÜrde sich ein Ideal dieser Kultur manifestieren, was wiederum zurÜckwirkt auf jedes einzelne Mitglied der Kulturgemeinschaft. Die Lieder wÜrden an Feuern gesungen. Man sitzt dicht beieinander, einer singt, die anderen schwingen mit. So ist das Lied in ein gemeinsames Erleben eingebettet, und jede Wiederholung des Gesangs ist eine Aktualisierung der im Lied geschilderten Geschehnisse. Auf diese Weise wird die gemeinsame Vergangenheit in die Gegenwart der Gemeinschaft und jedes einzelnen Mitglieds geholt. Und so hätte ein jeder das Bewusstsein einer kulturellen Identität. Wir sind wir und man tut dies und tut das nicht. Gemeinsame kulturelle Vorstellungen stärken den Zusammenhalt einer Gesellschaft, und dieser Zusammenhalt macht sie effektiv, wovon im Idealfall alle profitieren.

Die Menschheit kennt die Schrift, und aus dieser Kenntnis heraus haben sich Medienkulturen herausgebildet.

Medien verbreiten die Informationen weit Über die Rufweite hinaus. Aus diese Weise entsteht ein vielstimmiges Chaos der widerstreitenden Informationen. Wo viele Stimmen um Aufmerksamkeit buhlen, sind Strategien erforderlich, eine Information fÜr viele attraktiv zu machen. Und indem diese Strategien immer ausgefeilter werden, ist nicht die Wichtigkeit einer Information ausschlaggebend fÜr ihre gezielte Verbreitung. Viel wichtiger ist, ob eine Information Medienwirksamkeit verspricht.

Es gibt eine einfache Faustregel fÜr die Einschätzung von Medien. Je lauter sie posaunen, desto unwichtiger ist die Botschaft. Was kann man tun? Wir sitzen nicht mehr in Sippen beim Feuer beisammen und tauschen Informationen aus. Die Orientierung, die eine Sippe bietet, ist uns nicht mehr vergönnt.

Jacob Grimm schreibt im Vorwort zum Deutschen Wörterbuch, wie er sich die spätere Wörterbuchnutzung vorstellt. Dass nämlich der Hausvater abends im Kreis der Familie das Wörterbuch aufschlägt, um ein Wort “auszuheben”, auf dass die Hausgemeinschaft gemeinsam etwas Über ihre Sprache lernen möge.

“warum soll nicht der vater ein paar wörter ausheben und sie abends mit dem knaben durchgehend zugleich ihre sprachgabe prÜfen und die eigne anfrischen? die mutter wÜrde gern zuhören. frauen, mit ihrem gesunden mutterwitz und im gedächtnis gute sprÜche bewahrend, tragen oft wahre begierde ihr unverdorbnes sprachgefÜhl zu Üben, vor die kisten und kasten zu treten, aus denen wie gefaltete leinwand lautere wörter ihnen entgegenquellen.”

Grimms Vorstellung ist durchaus romantisch.

Diese spezielle Wörterbuchbenutzung macht aus dem entpersonalisierten gedruckten Wort wieder gemeinschaftliche Sprachlaute. Das ist nicht nur Austausch kultureller Information, sondern gleichzeitig wahrhaftiges soziales Geräusch, nämlich ein leiser Ton der Gemeinsamkeit. Die Welt der leisen Töne scheint auf immer verloren. Halblaut wäre ja noch zu ertragen, aber dieses ständige Mediengetöse all Überall. Meine Herren. Es gilt, wieder mehr auf die Geschehnisse im Alltag zu achten, eine Archäologie des Alltags zu betreiben, und das aus subjektiver Sicht des unmittelbar Erlebten.

Mit den Weblogs haben wir ein einzigartiges Medium dazu. Denn obschon es schriftlich funktioniert, trägt es Elemente des MÜndlichen. Über die Kommentarfunktion ist ein Dialog möglich zwischen dem, der Informationen in die Welt setzt und jenem, der sie aufnimmt, transformiert und auf seine je subjektive Weise spiegelt. Auf diese Weise können Blogs digitale Herdfeuer sein und eine anfrischende Identität derer stiften, die sich einer kulturellen Geisteshaltung des Gemeinsinns verpflichtet fÜhlen.

Photo: David Stichling, via pixelio.de

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