Das könnte spannend werden. Portugals Oberstes Gericht Court National hat ein Ermittlungsverfahren gegen die zwei Ratingagenturen Fitch und Standard & Poor’s eröffnet. Zuvor hatte die größte portugiesische Bank Banco EspÃrito Santo (BES) bereits im November letzten Jahres Fitch als Ratingagentur fÜr ihr Bankenrating gefeuert. Ihnen werden kriminelle Machenschaften vorgeworfen. Allerdings haben die Ratingagenturen in den USA eine Reihe von Klagen gegen sie wegen Fehlbewertungen von Anlagefonds erfolgreich vor amerikanischen Gerichten abwehren können. Sie werfen ihnen vor, dass sie ihre Objektivitäts- und Neutralitätspflichten verletzen. Insbesondere wird eine Einflussnahme auch großer Anteilseigner wie beispielsweise Warren Buffet auf Ratings unterstellt, die internes Wissen Über Ratings fÜr ihre Anlagestrategie nutzen. Buffet besitzt Über seinen von ihm verwalteten Fond Berkshire Hatheway rund 20% an Moodys.
Ratings haben direkte Auswirkungen auf die Zinskosten von Unternehmen oder Staaten. Es besteht der Verdacht durch Fehlbewertungen sei Portugal dazu gezwungen worden, um Hilfe durch den EU-Rettungsschirm nachzusuchen, Auch ein Untersuchungsausschuss des US-Kongress kommt zum Ergebnis, dass die Ratingagenturen einen wesentlichen Einfluss auf den Ausbruch und Verlauf der Krise nach der Lehmann-Pleite hatten.
Sollte es zu einer anderen Form des Ratings kommen?
Letztendlich mehren sich die Zweifel an der bisherigen Organisation der Bewertung von Kreditrisiken durch die drei bisher weltweit marktbeherrschenden amerikanischen Ratingagenturen. China hat bereits eine eigene Kreditratingagentur Dagong etabliert, die das US-Länderrating auch sofort von AAA auf AA nach unten korrigierte. Inzwischen wurde dieses sogar erneut von Dagong von AA auf A+ gesenkt. Es ist daher auch bemerkenswert, dass Dagong jetzt Portugal noch mit BBB+ bewertet. Fitch dagegen senkte mit dem RÜcktritt des portugiesischen Ministerpräsidenten das Länderrating gleich um zwei Stufen. Standard & Poor’s senkte es auf BBB.
Die Unterschiede erscheinen zunächst nicht so gravierend, zeigen aber den großen Einfluss auf die Finanzierungsmöglichkeiten einzelner Staaten durch Ratingänderungen. Sie wirken in Krisenzeiten als gefährliche Verstärker bei Ausbruch einer Finanzkrise. Die VorwÜrfe richten sich einerseits gegen sie, wenn sie durch erhebliche Fehlbewertungen zu spät eine Korrektur vornehmen – siehe Ratings fÜr die toxic papers, zum anderen, dass sie bei ungerechtfertigten Herabstufungen zum Auslöser einer Krise werden können. Es ist das alte Goldilock-Problem die Bewertung soll eben genau richtig den Gegebenheiten entsprechen. Nun muss das Ermittlungsverfahren in Portugal gerichtsfeste Fakten ermitteln, ob die Ratingagenturen bewusst und vorsätzlich ihre Ratings manipulieren oder auch solche Entscheidungen vorzeitig Insidern, z.B. Warren Buffett, zur VerfÜgung stellen. Dass solche Manipulationen Teil der Wall Street Kultur sind, zeigt das Verfahren gegen Ray Rajaratnam. Berkshire Heathaway’s David Sokol musste zuletzt ja auch wegen solcher VorwÜrfe dort seinen Hut nehmen. Die glänzenden Gewinne zahlreicher Banken und Hedge Fonds sind manchmal nicht Ergebnis einer echten risikobereiten Investmentstrategie, sondern von Insiderinformationen und Marktmanipulationen. Die internationalen Ratingagenturen haben hierbei eine zentrale Machtstellung. Wenn sie nicht mehr vertrauenswÜrdig sind, dann ist die Funktionsfähigkeit der globalen Finanzmärkte nicht mehr gewährleistet.
Bemerkenswert ist derzeit auch, dass die chinesische Regierung bereit ist massiv in portugiesische Staatsanleihen zu investieren. Unterstellt man einmal, dass die Chinesen hervorragende Geschäftsleute sind, dann wäre dies ein Zeichen dafÜr, dass es um Portugals Bonität besser bestellt ist als es die Ratingagenturen der breiten Öffentlichkeit weismachen wollen. China hat auch ein großes Interesse daran, dass die Eurozone Bestand hat und als attraktive alternative Anlagemöglichkeit zum US-Dollar bestehen bleibt. Die Ratingagenturen scheinen mit ihren Herabstufungen oder auch nur in Aussicht gestellten Herabstufungen immer weiterer Länder der Eurozone das Gegenteil zu bewirken oder bewirken zu wollen. Vielleicht gibt die derzeitige Entwicklung der Herausbildung einer Europäischen Ratingagentur neuen Auftrieb.
Jedoch bleibt bei allen verschiedenen Formen das Kernproblem ungelöst. Wie gewährleistet man die Unabhängigkeit und Neutralität einer Bewertung von Kreditausfallrisiken, die allgemeine Zustimmung findet? Um sich vor Schadensersatzklagen zu schÜtzen, haben die Ratingagenturen sich bereits auf das Argument zurÜckgezogen, dass es sich bei den Ratings nur um Meinungsäußerungen handele. DafÜr ist ihre Meinung jedoch zu bedeutsam und in den Anlageregeln zahlreicher Institutionen als verbindlicher Maßstab zu massiv verankert. Was ist also eine brauchbare Lösung?
Photo: flydime, via flickr
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