Es war sozusagen eine Premiere: Zum ersten Mal in der Geschichte der Anti-Atombewegung gingen gestern unter dem Motto “Atomkraft-
Schluss!” in Über 20 deutschen Städten laut einer Pressemitteilung vom BÜndnis “Atomkraft: Schluss!” gleichzeitig insgesamt 160000 Menschen fÜr ein schnelles Ende der Atomkraft auf die Straße. Allein in Berlin waren 25000 Atomkraftgegner vor die CDU-Zentrale gezogen, um Bundeskanzlerin Angela Merkel aufzufordern, ohne jede Verzögerung das Ende der Atomenergienutzung in Deutschland durchzusetzen. Aufgerufen zu den bundesweiten Demonstrationen in Berlin, Hamburg, Frankfurt a.M., Kiel, Bremen, Hannover, Göttingen, MÜnchen, FÜrth, Landshut, Mannheim, Freiburg, Ulm, Bonn, MÜnster, Essen, Mainz, Dresden, Magdeburg, GÜstrow und Erfurt hatten der Bund fÜr Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Anti-Atom-Organisation “ausgestrahlt”, Attac, Campact, Robin Wood, contrAtom, die NaturFreunde Deutschland und die Gewerkschaft IG Metall.
Readers Edition hat gestern fÜr Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine Demo-Stippvisite in die Ruhrgebietsmetropole Essen gemacht
Dort waren bereits gegen 11 Uhr Atomkraftgegner aus vielen Teilen der Region zusammengeströmt, um der ab 12 Uhr beginnenden Kundgebung beizuwohnen. Sehr bald schon war der Essener Kennedy-Platz gefÜllt. Die Menschen aus nahezu allen Altersgenerationen schwenkten Fahnen und zeigten Transparente. Einige hatten sich Atomfässer angehängt. Ein Mann fuhr eines mit einer Sackkarre durch die Menge. Alte und junge Menschen hatten sich Anti-Atom-Buttons angesteckt. Organisationen wie Greenpeace und Parteien (Die GrÜnen/B’90, SPD u. DIE LINKE) zeigten Präsenz auf dem Kennedy-Platz.
Nach der Eröffnung der Kundgebung sorgte die sympathische Wolfsburger Gruppe “Das FreiheitsgefÜhl” mit dem Vortrag (Video hier) ihrer politisch treffenden Rap-Texte fÜr eine temperamentvolle musikalische Einstimmung auf das Kommende. Der Vorsitzende des DGB-NRW,
Andreas Meyer-Lauber (Photo links), verlangte von den politisch Verantwortlichen in Berlin, endlich ein ehrliches Atom-Ausstiegskonzept – und zwar ohne Tricks und Mogelpackungen, wie etwa Revisionsklauseln – ins Werk zu setzen. Meyer-Lauber rief die in Essen Versammelten dazu auf, ein deutliches Signal nach Berlin zu senden. Und die Menschen schienen nur darauf gewartet zu haben. Sie skandierten immer lauter werdend: “Abschalten!, Abschalten!” Überhaupt, so der Gewerkschafter, mÜsse die Politik die demokratischen Willensbildung der Menschen: des Volkes endlich Rechnung tragen, bzw. ausreichend Raum zugestehen. Meyer-Lauber warnte die Politik davor, in KÜrze etwa sieben Gesetze durch den Bundestag durchzupeitschen. Gesetze womöglich, die der Atomlobby noch HintertÜrchen offen lassen, um denen die Profite zu retten. Soetwas mÜsse ein politisches Erdbeben auslösen. Der Atomausstieg sei machbar. Und – entgegen einschlägiger Panikmache – auf lange Sicht auch weniger teuer als behauptet.
Claudia Baitinger: Atomkraft grundgesetzwidrig
Claudia Baitinger vom BUND (NRW) trug kompromißlos die Haltung ihrer Organisation vor. Sie erinnerte noch einmal an die Atomunfälle in Harrisburg und Tschernobyl und die dabei bis heute bestehenden Informationsdefizite Über deren genau Ursachen bzw. bis heute andauernden Folgen. Warum, so fragte Claudia Baitinger, sei denn heute eine neuer Sarkophag in Tschernobyl nötig, wenn man doch dort angeblich alles so gut im Griff zu haben glaubte? Die Atomkraft, so Baitinger weiter, sei sogar grundgesetzwidrig. Ganz einfach deshalb, weil sie eben unbeherrschbar ist. Aus diesem Grunde mÜsse der Ausstieg aus der Kernkraft auch “entschädigungslos” erfolgen. Zum Schluss ihrer Rede donnerte die BUND-Aktivistin das Motto ihrer Organisation Über den Kennedy-Platz: “SchÜtzt uns, nicht die Atomkraft!”
Schluss mit der imperialistischen Lebensweise
Ein anderer Redner, ein frÜherer GrÜner und inzwischen bei Attac aktiv, Eckhardt Stratmann-Mertens, gab zu bedenken (Video hier): Wir im reichen Westen mÜssten auf unsere imperialistische Lebensweise (etwa auf Kosten der Länder in SÜdamerika, Asiens und Afrikas) verzichten. Dazu gehöre auch, zu begreifen, dass die Nutzung der Sonnenenergie nicht hunderprozentig ökologisch genannt werden dÜrfe. Er spielte dabei auf die Herstellung der Solartechnik und die dabei nötigen Materialien an. Wir mÜssten, so Stratmann-Mertens, unser Augenmerk viel mehr als bisher auch auf das Stromsparen legen. NatÜrlich sei der Ausbau und die Nutzung der Erneuerbaren Energien nötig und auch richtig. Jedoch mÜssten wir zur Erkenntnis nehmen, dass eben diese Arten der Energiegewinnung nicht ganz ökologisch rein sind. Erinnernd an die autofreien Sonntage in der Vergangenheit nach der Ölkrise als Folge des israelischen Krieges im Nahen Osten, die der Attacie noch selbst erlebte und anspielend auf eine jÜngeren Aktion im Kultuhauptstadtjahr 2010, da die A 40 einen Sonntag mit Tischen bestÜckt und als Autobahn gesperrt gewesen war, fragte Stratmann-Mertens: Warum nicht einen autofreien Sonntag im Monat? Die Nutzung erneuerbarer Energien mÜsse im Einklang mit Einsparungen und Verzicht erfolgen. Ganz einfach: Um die Natur zu schonen. Unserer Mutter Erde zuliebe…
Zum Protest vor den RWE-Tower
Im Anschluß an die nach Angaben von “ausgestrahlt” (29.5.2011) von 6000 Menschen besuchten Essener Demonstration machten sich die Atomkraftgegner dann vom Kennedy-Platz noch zum RWE-Tower auf, um unterwegs und dann direkt vor der Konzernzentrale auf einer Abschlußkundgebung lautstark fÜr einen Atomausstieg zu protestieren.
Nächste Proteste schon Pfingsten
Die Organisatoren der Demonstrationen in Über 20 Städten gestern in Deutschland sprachen von einem Erfolg. “Eine Verzögerung des dringend und schnellstmöglich erforderlichen Atomausstiegs werde nicht hingenommen”, erklärten die Veranstalter. Sie befÜrchten, Bundeskanzlerin Merkel gehe es scheinbar nicht um die angekÜndigten Neubewertung des atomaren Risikos noch Fukushima und einen raschen Atomausstieg, sondern um einen Frieden in der Koalition. Deshalb werde man auch in den kommenden Wochen weiter fÜr die Abschaltung jeder einzelnen Atomanlage kämpfen. FÜr Pfingsten seien seitens etlicher Organisationen und Gruppen bereits große Blockadeaktionen an mehreren deutschen Atomkraftwerken in Planung. Dies teilte “ausgestrahlt” mit.
1. Nun, vielleicht sollte man dann auch darauf hinweisen, dass das Abschalten der Kernkraftwerke (diese stellen derzeit Über 20% des Strombedarfes in der BRD, die EE hingegen keine 20%) die CO2-Klimaschutz-Ziele zum Purzeln bringen.
2. Anscheinend ohne zu wissen, was das bedeutet. Seit am 16. März von Merkel die dreimonatige Abschaltung der ältesten AKW verfÜgt wurde, wird Atomstrom aus dem Ausland importiert. In Spitzenzeiten des Verbrauchs, etwa abends gegen 18 Uhr, werden bis zu 5.000 Megawatt (MW) Überwiegend Atomstrom aus Frankreich und Tschechien importiert. “Insgesamt gilt, dass Deutschland seit dem 16. und 17. März zum Netto-Stromimporteur geworden ist”.
3. Gott Globus – Umweltschutz als neue Weltreligion
Anscheinend hatten die Demonstranten aber viel Spaß auf den Veranstaltungen. “Wir danken … Vattenfall … Sonst wärs hier dunkel.” (Flake Lorenz).