Folgt man den offiziellen IWF-Statistiken, dann ist China einer der Musterschüler der Weltwirtschaft. Mit 17,7% Staatsschuldenquote am Bruttoinlandsprodukt (siehe Tabelle 1.5b) liegt es in einem Bereich von dem die meisten Länder der übrigen Welt nur zu träumen wagen. Nun hat dieses Bild einen hässlichen Fleck bekommen. In der neusten Ausgabe des Economist vom 4. Juni 2011 findet sich auf Seite 86 ein bemerkenswerter Artikel zur Staatsverschuldung Chinas unter dem Titel Coming Clean.
Nach groben Schätzungen kommen Andrew Batson und Janet Zhang von GaveKalDragonomics aus Beijing zum Ergebnis, dass diese tatsächlich bei rund 80% zum BIP liegen sollte. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied. Damit läge China etwa gleichauf mit Indien, das eine Staatsschuldenquote von 74% nach den IWF-Angaben ausweist.
Die lokalen und Provinzregierungen in China haben gewaltige Schuldenberge angesammelt
Nichts ist wie es scheint. China finanziert seine staatlichen Defizite eben anders. Über die weitgehend immer noch vom Staat kontrollierten chinesischen Geschäftsbanken werden Kredite ohne ausreichende Sicherheiten und Bonitätsprüfung an die lokalen und Provinzregierungen ausgereicht. Diese verwenden sie zu einem erheblichen Teil für unsinnige Infrastrukturprojekte oder für spekulative Investitionen im Immobilienbereich.
Schließlich kontrollieren sie aufgrund der Geschichte Chinas, und das bis zu den Reformen von Deng Xiaoping, sämtlichen Grund und Boden. Alles war Staatseigentum. Mir der schrittweisen Privatisierung wurde die Veräußerung von Grundvermögen eine äußerst lukrative Einnahmequelle der lokalen Regierungen und Provinzverwaltungen. Anstelle von Einkommens- oder Verbrauchssteuern wurden durch Privatisierungserlöse zwischen 30 und 50% der Haushalte gedeckt. Zugleich konnten sich korrupte Beamte in den Verwaltungen an Projekten beteiligen und die Finanzierungsmittel aus Krediten der staatlichen kontrollierten Geschäftsbanken wie beispielsweise die China Construction Bank sich finanzieren lassen. Das ist auch eine Form eines Ponzi-Schemes.
Bei der Vergabe von Baugrundstücken hatten die Behörden einen maßgeblichen Einfluss wer am Ende das Land bekam. Um es zu bekommen mussten entweder direkt Barzahlungen oder stille Beteiligungen der lokalen Behörden und Provinzregierung in Kauf genommen werden. Diese konnten dann auch noch bei der Beschaffung der Finanzmittel über die halb-staatlichen Geschäftsbanken behilflich sein, da ja bei solchen Projekten eine implizite Staatshaftungsgarantie besteht.
Sollte jedoch die Immobilienblase in China platzen oder es auch nur zu einer deutlichen Korrektur kommen, dann sind zahlreiche Immobilienprojekte an denen die lokalen und Provinzregierungen beteiligt sind unter Wasser, d.h. der Wert der Immobilien deckt nicht die ausstehenden Forderungen. Hinzu kommt, dass es aufgrund restriktiver Kreditvergabepraxis, um den Immobiliensektor zu konsolidieren, eine Refinanzierung alter Projekte kaum noch möglich ist. Es drohen daher in großen Ausmaß eine Pleitewelle in die auch die staatlichen Stellen verwickelt sind.
Daher versucht jetzt die Zentralregierung dieser Entwicklung durch einen Bailout zuvorzukommen. Mit dem gewaltigen defizitfinanzierten Konjunkturprogramm zwischen 2008-2010 wurde die Immobilienblase in China noch mehr angetrieben. Es kam, wie es kommen muss, die fehlenden Angebotselelastizität der Bauwirtschaft diesen Nachfrageschock zu absorbieren führte zu Preissteigerungen insbesondere eben im Immobiliensektor. Gleichzeitig wurden Projekte realisiert, die sich bei sorgfältiger Betrachtung als wirtschaftlich unsinnig erweisen. Geisterstädte und Geistershoppingzentren machen sich im Land breit. Victor Shih von der Northwestern University in den USA schätzte im vergangenen Juni den in den offiziellen Statistiken unsichtbaren Schuldenberg auf zehn Billionen Yuan, etwa 25% des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Dieser könne bei ungebremster Entwicklung bis zum Jahr 2012 auf 24 Billionen Yuan (etwa 3,7 Billionen US-Dollar) anschwellen, d.h. rund 50% des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Das wären deutlich mehr als in den USA auf lokaler und bundesstaatlicher Ebene(18% des BIP) derzeit vorhanden sind. Zwar werden nicht alle diese ausstehenden Verbindlichkeiten komplett ausfallen, aber nach einer groben Schätzung des 20th Century Business Herald, einer chinesischen Tageszeitung, wären 28% eine durchaus realistische Annahme.
Summiert man die Schulden der lokalen und Provinzregierung zu denen der Zentralregierung und den voraussichtlich ausfallenden Forderungen aus gescheiterten Immobilienprojekten an denen der Staat beteiligt ist, dann kommt man in etwa auf einen Schuldenquote von 80% des BIP. Damit wäre China zwar in guter Gesellschaft mit der übrigen Welt insbesondere den entwickelten Industrieländern, aber der Lack des Musterschülers wäre ab. Die harte Landung in der realen Welt würde auch hier die Chimerica-These von Ferguson und Schularick bestätigen. In seinem Bestreben die USA zu kopieren hätten die Chinesen nicht nur den Wohlstand und die positiven Seiten des amerikanischen Modells kopiert, sondern auch die negativen. Not same as the US, but also not so different.
Es verwundert daher nicht, wenn jetzt in China die Suche nach den Verrätern eingesetzt hat, die unangenehme Tatsachen über die chinesische Wirtschaft an das Ausland verraten haben. Neben der Staatsverschuldung Chinas zählt darüber hinaus die Inflation im Land zu den Staatsgeheimnissen, die nicht ungefiltert und korrigiert in die Öffentlichkeit gelangen dürfen.
Photo: Andy Castro, via flickr
Typisches Beispiel ist Tianjin, das von der chinesichen Handelskammer über lle Maßen gelobt wird. http://owc.de/index.php?page=article_view&id=11704
Geerade in Tinajin sind aber riesige Bauprojekte durchgezogen worden, die keinen Pfifferling wert sind. Ich habe ganze Stadtteile mit Einfamilienhäusern gesehen, die auf den ersten Blick der Architektutzeitung entsprungen schienen. Alles ist neu, aber es ist auch alles Schrott. Fenster und Türen haben nicht einmal ein Profil, sodass sie im Wind klappern. In Shanghai sind Wohnhochhäuser hochgezogen worden, die seit Jahren leer stehen.