Ulrich Beck, der deutsche Soziologe, hat sich schon seit langem dem Thema Gesellschaft und Risiko angenommen. In seinem Buch Weltrisikogesellschaft, das im Jahr 2007 erschienen ist, d.h. vor globaler Wirtschafts- und Finanzkrise und Fukushima, hatte er bereits neben dem Klimawandel die drei Kernbereiche, die derzeit weltweit für Unruhe in der Weltgesellschaft sorgen ins Zentrum seiner Analyse gerückt.
Es hatte zu diesem Zeitpunkt nicht die positive Resonanz seines Vorgängers, das zum Zeitpunkt der Katastrophe von Tschernobyl erschien. Unsere Gesellschaft sonnte sich noch in den vermeintlichen Erfolgen eines Turbokapitalismus. Über dessen Risiken zu räsonieren war nicht en vogue. Nachdem die zunächst abstrakten Risiken als Katastrophen Realität geworden sind, sollte das Nachdenken über unsere Risikogesellschaft wieder populärer werden.
Einstiegseinsicht zum Thema Risiko, Experten und Gesellschaft
Beck schreibt: “Eine Einstiegseinsicht ist zentral: In Sachen Gefahr ist niemand Experte – auch und gerade die Experten nicht. Risikovorhersagen beinhalten eine doppelte Unschärferelation: Erstens setzen sie kulturelle Akzeptanz voraus, erzeugen können sie diese jedoch nicht. Zwischen der Ablehnung und der Hinnahme potentieller Schädigungen gibt es keine wissenschaftliche Brücke. Akzeptable Risiken sind akzeptierte Risiken. Zweitens kann neues Wissen von heute auf morgen Normalität in Gefahr verwandeln. Die Kernenergie und das Ozonloch sind prominente Beispiele. Also der Fortschritt der Wissenschaft widerlegt deren ursprüngliche Sicherheitsbehauptungen. Es sind die Erfolge der Wissenschaft, die Zweifel an deren Risikoaussagen säen.” S. 74
Derzeit befindet sich unsere Gesellschaft in einem rapiden Lernprozess. Wir lernen die wahren Risiken einer ausufernden und unkontrollierten Wirtschaftsentwicklung kennen, die Risiken immer nur verharmlost und eine Ideologie der Risikofreude predigt. Dabei wird stillschweigend verschwiegen, dass das Risiko nicht von deren Verursachern Bankern, Kernkraftwerkbetreibern, etc. getragen werden, sondern auf die Allgemeinheit, d.h. den einfachen Bürger abgewälzt werden soll. Bailouts, Bad Banks, Rettungsschirme und Verstaatlichungen sind die Instrumente mit denen Verursacher sich der Haftung für ihr Tun entziehen können. In der akuten Not werden die Politiker zu den Erfüllungsgehilfen der Schädiger. Sie berufen sich auf einen gesellschaftlichen Notstand und auf die Unvorhersehbarkeit der eingetretenen Ereignisse. Dabei wird stillschweigend verschwiegen, dass es bei der meist vorangegangenen Risikodebatte durchaus fundierte Einwände gab, die jedoch durch von Experten geäußerte Gegenmeinung beiseite gewischt worden sind. Auch diese Experten sind nicht haftbar zu machen.
Experten werden zu Mittätern, wenn sie sich in den Dienst der Verharmlosungsstrategie derjenigen Akteure stellen, die am Ende für die von ihnen verursachten Schädigungen der Gesellschaft am Ende nicht in Haftung genommen oder auch letztendlich nicht in Haftung zu nehmen sind. Insbesondere bei der Frage der Generationengerechtigkeit sind die Täter voraussichtlich im Schadensfall – Beispiel Klimaerwärmung – längst nicht mehr auf dieser Welt. Für sie gilt: L’après moi le déluge.
Risikobewertungen in der jetzigen Debatte
In der derzeitigen Debatte um den Ausstieg aus der Kernenergie muss zwischen den erwartbaren Risiken einer Kernkraftwerksunfalls in Deutschland und den Risiken für die Energieversorgung bei einem raschen Umstieg eine Abwägung erfolgen. Da beide Ereignisse unsicher sind, helfen auch keine Modellrechnungen am Ende weiter. Was immer dort ausgerechnet wird, bleibt wegen der zugrundeliegenden Modellunsicherheit mehr oder minder vage. Trotzdem wird unverdrossen von den Kernkraftbefürwortern ein mathematisch-statistischer Risikovergleich eingefordert. Man hofft dort durch einen Expertenstreit besser abschneiden zu können als in einer Debatte in der die Politik eine Grundsatzentscheidung trifft, dass das Risiko einer Nuklearkatastrophe in Deutschland unter allen anderen derzeit vorstellbaren Umständen inakzeptabel ist. Es gibt, um mit Kant zu sprechen, eben auch einen kategorischen Imperativ bei der Risikoabwägung. Kernkraftunfälle in Deutschland sind eben inakzeptabel. Punkt um.
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