Entgrenzung – genug davon! Wann haben wir endlich genug davon??

Das trügerische Versprechen physischer Abwesenheit bei gleichzeitiger Allanwesenheit und jederzeitiger Verfügbarkeit+Der abgeteilte Raum, der vor ungewolltem Eindringen schützt, wird aufgehoben, wenn durch extreme Mobilität alles überall stattfinden können soll. +Die abgetrennte Zeit, die eine ausschließliche Widmung ermöglicht(e), wird mit der Forderung nach mehr Flexibilität aufgehoben und durch “jederzeit verfügbar und

516257_R_K_B_by_Gerd Altmann_pixelio.de.jpgDas trügerische Versprechen physischer Abwesenheit bei gleichzeitiger Allanwesenheit und jederzeitiger Verfügbarkeit+Der abgeteilte Raum, der vor ungewolltem Eindringen schützt, wird aufgehoben, wenn durch extreme Mobilität alles überall stattfinden können soll.

+Die abgetrennte Zeit, die eine ausschließliche Widmung ermöglicht(e), wird mit der Forderung nach mehr Flexibilität aufgehoben und durch “jederzeit verfügbar und zugänglich” ersetzt.
Der Zugriff von außen wird durch beide Prozesse (Raumindifferenz und Ignorieren von tradierten Zeitgrenzen) intendiert und erleichtert. Der Rückzug, die Konzentration und Besinnung werden somit erschwert.

Die Entgrenzung und Auflösung von bisher räumlich und zeitlich unterschiedenen Bereichen dient der Eroberungsabsicht herrschender, dominanter “Nutzungsweisen” und beschert uns insgesamt eine Zunahme an Kontrolle und Kontrollierbarkeit. Wurde an früheren Arbeitsplätzen die physische Anwesenheit kontrolliert (Raumüberwachung), so wird heute, bei Verzicht auf Raumkontrolle, die Verletzung des all-zeitigen Verfügbarkeits-Postulats in vielerlei Hinsicht bestraft (Zeitüberwachung, Handy eingeschaltet lassen!).

Dabei wird der individuelle raum-zeitliche Verfügungsraum ausgeweitet (Eigenverantwortung) und dennoch für alle insgesamt zugleich eingeschränkt:

Das Erfolgsdiktat (Vehikel Zielvereinbarung) herrscht rigoroser denn je.

Die Transparenzforderung öffnet das Tor für Einmischung und Normüberprüfung, häufig im Namen so schöner Türöffnerworte wie Vergleichbarkeit (Ranking), Qualität und Professionalität. Exklusivität und Besonderheit – außerhalb der gehegten Premiumzertifizierung – , ungestörtes Laborieren, wirklicher Spielraum und Individualität, aus denen etwas anderes als Allgemeinbrei entstehen könnte, erscheinen suspekt und werden vertrieben.

Das Niederreißen dieser Ungleichheiten geschieht heute nicht im Sinne von mehr Demokratie, sondern auf diese Weise weiten sich die Markteroberungsmentalität und formierte Gemeinherrschaft aus, dem idealen Hintergrund für Alternativlosigkeit.

Aus dieser Sicht bekommt die bewusste Trennung von Arbeit und “Leben”, von Zuhause und “Auf Arbeit”, von Lust und Pflicht, Stadt und Land usw. wieder eine emanzipative Funktion. Die Verteidigung von Grenzen und Abgrenzung, weil notwendig für eine sensible Trennungswahrnehmung, sind ebenfalls auf der Tagesordnung. Wer hätte das gedacht, dass gerade die Zugangsbeschränkung wie auch der zeitliche Ausschluss mit dem Privileg der ausschließenden Nutzung heute immer häufiger für die Achtung errungener Rechte sorgen. Die Abschottung, die Absonderung steht dann (!,nicht immer) mehr auf der Seite demokratischer Entwicklung (gegen Fremdbestimmung, Enteignung und Entwurzelung), als die fortschrittliche Ideologie des Grenzabbaus, der Zugänglichkeit, der Multifunktionalität, der Internationalisierung und des Kosmopolitismus.

Entgrenzung, Antidiskriminierung kann/konnte also, historisch gesehen, emanzipatorisch wirken, doch bei unserem heutigen Entwicklungsstand* übernimmt häufig das Gegenteil diese menschenrechtliche, demokratische Funktion: die “Diskriminierung” (discriminare), also das Recht auf kollektive (!) räumlich-zeitliche Differenzierung/Unterscheidung, ist wieder mehr und mehr einzuklagen.

* Vielleicht zugespitzt handelt sich um eine Zeit, “in der alle ständig überarbeitet sind, obwohl allen die Arbeit ausgeht, keiner etwas verpassen will, obwohl es immer weniger zu erleben gibt, und alle miteinander kommunizieren müssen, obwohl niemand irgendjemandem etwas zu sagen hat.” (Zitat von Magnus Klaue, in “jungle world” vom 19.5.2011, S.18.)

Photo: Gerd Altmann, via pixelio.de

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