Nichts ist gut. Auch nicht nach der für den griechischen Premier gut ausgegangenen Abstimmung im Parlament des gebeutelten Hellas. Wer das glaubt muss sehr naiv sein. Allenfalls ist vielleicht Zeit gewonnen. Zeit, aber für was? Bis abermals die griechischen Füße am bröselnden Rande des Abgrunds stehen? Möglich. Sogar: sehr wahrscheinlich. Am Abrund jedoch steht damit nicht nur Griechenland, sondern – machen wir uns doch nichts vor: freilich auch das große demokratische Projekt Europa. Und mit ihm: der Euro. Als eine der Totengräber(innen) dürfte Deutschland respektive Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Geschichte eingehen. Wird die nun zweifelsohne gewonnene Zeit sinnvoll – will heißen: im Sinne einer nachhaltigen Lösung der Probleme, bzw. der schnellstmöglichen Inangriffnahme der Abstellung der Ursachen für der derzeitigen Dauerkrise – genutzt werden? Hoffen kann: muss man es. Indes es fehlt einem der Glaube, dass sich diese Hoffnung auch erfüllen wird. Allein schon deshalb, weil sichere Anzeichen dafür kaum auszumachen sind. Es nutzt nichts um den heißen Brei herum zu reden: Das Projekt Europa könnte den Bach hinuntergehen. Und diese Befürchtung ist sehr real. Vielleicht wäre das im Sinne von, besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, nicht sogar wünschenswert? Müsste man sich in diesem Falle doch endlich an einen Neuanfang machen, um den Gang auf dem Holzweg zu beenden und die gemachten Fehler der Vergangenheit für die Zukunft auszuschließen.
Stéphane Hessels “Empört Euch!”
Der einstige Résistance-Kämpfer, KZ-Häftling, Mitverfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und Diplomat der Französischen Republik im Ruhestand, der inzwischen 93-jährige, in Berlin geborene, Stéphane Hessel hat die Notwendigkeit von tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen klar erkannt und seine dementsprechenden Gedanken in seinem viel beachteten, vorallem an die Jugend gerichteten Manifest “Empört Euch!” formuliert. In dieser kleinen Streitschrift präsentiert Hessel eine lupenreine Analyse der gravierenden Probleme unserer Zeit, offeriert seinen Leserinnen und Lesern aber gleichzeitig in unkomplizierten Worten auch Visionen, wie diese zu beheben zu sein bzw. künftig zu vermieden werden könnten.
Auf den Seiten 19 und 20 von “Empört Euch!” schreibt Stéphane Hessel:
“Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen. Wir müssen radikal mit dem Rausch des ‘Immer noch mehr’ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben. Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden. Denn uns drohen schwerste Gefahren, die dem Abenteuer Mensch auf einem für uns unbewohnbar werdenden Planeten ein Ende setzen können.”
Der französische Originaltitel von Hessels Streitschrift lautet Indignez-vous!. Dieser ist nach Aussage seines Autors klarer als der deutsche, Empört Euch!, meint er doch, dass man sich nicht nur über die Missstände unserer Zeit empören solle, sondern auch handeln müsse, damit das Empörende tatkräftig hinweggefegt werde. Denn versteht man Hessel richtig, ist für ihn die Gleichgültigkeit, also das bloße Geschehenlassen, das Schlimmste.
Empörung allerorten
Empört wurde und wird sich derzeit viel. Gründe für Empörungen gibt es zuhauf. Denken wir nur an die Aufstände in Nordafrika, wo sich die Menschen über mangelnde Demokratie, Korruption und mies bezahlte Arbeit empörten und gar Regierungen aus dem Amte fegten. Aber auch in Spanien rumort es tagtäglich. Unsere Medien berichten spärlich oder gar nicht darüber. Die Indignados, die Empörten, prangern auf den Straßen und Plätzen des Landes unhaltbare gesellschaftliche Zustände an: die hohe Arbeitslosigkeit, besonders unter den Jugendlichen und die fortschreitenden Sozialkürzungern der Madrider Regierung. Protestiert wird ebenso gegen vieles andere dringend Abstellenwertes, ihrer Meinung nach nicht länger Hinzunehmendes mehr. Und nur zu verständlich: Auch in Griechenland sind die Empörten auf der Straße. Und die Proteste werden nächste Woche sicher noch einmal zunehmen. Ganz einfach, weil das kommende Sparpaket der gestern Abend noch einmal (für wie lange?) geretteten Athener Regierung die Situation der davon betroffenen Griechinnen und Griechen noch mehr verschlimmern werden. Griechenland spart sich, von den alten und neuen Auflagen förmlich stranguliert, – dazu nicht zuletzt von Merkel-Deutschland geradezu gepresst, in den Abgrund. Einen Abgrund der frei nach Friedrich Nietzsche, in den längst bereits auch Europa geschaut hat und weiter schaut, und der inzwischen nun immer bedrohlicheren Blickes in uns alle zurückschaut.
Empörung im Netz
Die maßgeblichen Politiker in Europa haben offenbar keinen Plan B für den Fall, dass der bisherige Plan A scheitert. Was eigentlich unglaublich und ein Skandal sondergleichen und furchtbar erschreckend zugleich ist. Es gibt allerdings Bürgerinnen und Bürger, die nicht tatenlos zusehen wollen, wie alles was uns lieb und teuer geworden ist, den Bach hinunter geht und in einen Abgrund hineingurgelt. Ganz in Stéphane Hessels Sinne hoben engagierte Menschen, Mitgestalter innerhalb des Vereins “Europäisches Bürgernetzwerk – Union solidarischer Völker” das Internetportal “Empört Euch!” aus der Taufe. Nun steht es im Netz. Stéphane Hessel wird erfreut sein darüber, denn jenes Portal ist dreigeteilt: Die Webseiten sind nämlich in “Empört Euch!”, “Engagiert Euch! und “Schafft Neues!” aufgegliedert. Was deutlich macht: Meckern allein genügt nicht. Innerhalb des Portals soll all das Empörenswerte aus Europa und auch der übrigen Welt beschrieben und dokumentiert werden. Das Portal soll über Aktivitäten der Zivilgesellschaft gegen die empörenswerten Vorkommnisse in Europa und der Welt reportieren. Genauso selbstverständlich jedoch sollen darin mögliche gesellschaftliche Alternativen zu den empörenswerten Zuständen weltweit aufscheinen.
Eigene Beiträge können eingebracht werden
Es ist sogar möglich eigene Texte, Töne oder Bilder über das Portal bzw. eine von dessen drei Webseiten einzutragen bzw. hochzuladen und somit einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen bzw. zur Diskussion zu stellen. Dazu muss man sich allerdings registrieren. Was kinderleicht ist. Das zur Benutzung dieser Funktion nötige Passwort wird nach erfolgter Anmeldung per E-Mail zugeschickt.
Prominente Unterstützer
Einer der prominenten individuellen Unterstützer der Aktion wie des Portals ist der Komponist, Schauspieler und Liedermacher Konstantin Wecker. Mit seinem Ausruf “Bitte nicht mehr sagen, ich habe nichts davon gewusst!” Wecker liegt damit passgenau auf der Linie Stéphane Hessels. Neben ihm unterstützen das Projekt Jean Ziegler, die bildende Künstlerin und Schriftstellerin Heidrun Hegewald, der Pfarrer, Theologe, Publizist und Bürgerrechtlicher Friedrich Schorlemmer, die Schriftstellerin Daniela Dahn sowie die Politikerin Katja Kipping (MdB, LINKE).
Auf Häuptling Seattle vom Stamme der Suquamisch geht folgende Weissagung zurück: “Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. (1854)
Horst Grützke: Freude über jeden neuen Mitstreiter
Haben wir seitdem wirklich nichts dazu gelernt? Wohl kaum, denn heute leben (und leiden) wir unter “der Diktatur der Finanzmärkte”, gibt uns Stéphane Hessel in seinem Büchlein Empört Euch! zu bedenken, “die es so weit gebracht hat, Frieden und Demokratie zu gefährden”.
Hessel notierte auch: “Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.” Das momentan in drei Sprachen gestaltete Internetportal “Empört Euch!” (es ist noch nicht komplett und wird noch ergänzt bzw. vervollkommnet) möchte einer breiten Öffentlichkeit ein Forum zwecks der Diskussion von Ideen bieten. Dabei sollen möglichst gegen Ende diesen Jahres “überzeugende Vorstellungen für alternative Gesellschaftsmodelle” entstehen, welche zusammenzufasst in vier Sprachen herausgegeben werden sollen. Darüber informierte der Geschäftsführer des Vereins “Europäisches Bürgernetzwerk – Union solidarischer Völker”, Horst Grützke, kürzlich in einem Beitrag für die Tageszeitung “Neues Deutschland”.Grützke: Der Verein und “die Redaktion der dazugehörigen Webseite” freuten sich “auf jeden neuen Mitstreiter, der hilft, Quantität und Qualität der Informationen zu verbessern und gesellschaftliche Alternativen zu entwickeln.”
Nötig wären diese Alternativen tatsächlich dringend. Denn wie wir wissen: Nichts ist gut. In Europa nicht. Und nicht in der Welt. Empörung darüber ist gleichermaßen gefragt, wie Engagement, um zu verändern, was nach Veränderung schreit…
Photo/Quelle: Gerd Altmann via Pixelio.de
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