Die Politik des Vergessens

Vergessen ist Teil des menschlichen  Bewusstseins. Ohne diese Fähigkeit etwas vergessen zu können, würden wir anhand der Überfülle an Informationen irrsinnig werden. Das wird besonders deutlich, wenn einzelne Menschen, die unter dem Savant-Syndrom leiden, sich nahe unbegrenzt auf bestimmten Gebieten Informationen einverleiben können. Mithin muss man bewusst oder unbewusst sein

507371_R_B_by_Gerd Altmann_AllSilhouettes.com_pixelio.de.jpgVergessen ist Teil des menschlichen  Bewusstseins. Ohne diese Fähigkeit etwas vergessen zu können, würden wir anhand der Überfülle an Informationen irrsinnig werden. Das wird besonders deutlich, wenn einzelne Menschen, die unter dem Savant-Syndrom leiden, sich nahe unbegrenzt auf bestimmten Gebieten Informationen einverleiben können. Mithin muss man bewusst oder unbewusst sein Gehirn von überflüssigen Informationen regelmäßig bereinigen. Ein großer Teil findet im Schlaf statt.

Man kann in unserer Mediengesellschaft dieses auch zur Manipulation der öffentlichen Erinnerung benutzen. Je mehr Nachrichten und Informationen man verarbeiten muss desto geringer ist unsere Fähigkeit diese zu verarbeiten. Reizüberflutung führt zu Erinnerungsschwäche. Wir können immer weniger aus dieser Informationsfülle effektiv lernen. Wenn man also erreichen will, dass trotz der Fülle tagtäglicher Skandale über unser gesellschaftliches und politisches System die Menschen etwas lernen können, dann schütte man sie mit immer neuen möglich sich einander widersprechenden Informationen zu.

Before I was confused, now I am confused on a much higher level

Dies ist ein running Gag, der immer wieder zitiert wird, wenn man nach einem Informationsangebot, das unsere Kapazitätsgrenzen zur Informationsverarbeitung übersteigt, feststellt, dass man sich nichts davon hat merken geschweige denn verarbeiten können. Hermann Ebbinghaus musste 1885 in einem Selbstversuch, bei dem er sinnlose Silben wie “ZOF” oder “WUB” zu lernen versuchte, feststellen, dass er bereits nach ca. 20 Minuten etwa 40 % des Gelernten vergessen hatte, nach einer Stunde 45 % und nach einem Tag 66 %. Aus diesen Versuchen leitete er die Vergessenskurve ab. Was folgt für die behavioral politics daraus? Man benutzt genau diese Art von Strategien. Es wird immer wieder die Flut von Kürzeln, die nur Insidern verständlich sind, in eine Nachrichtensendung eingebaut. Am Ende versteht Otto-Normalverbraucher nur noch Bahnhof und dass soll auch aus Sicht der Politikmacher so sein. Das beginnt bereits in der frühkindlichen Erziehung (siehe Alice Miller – Du sollst nicht merken). Nur wenn das Publikum wie bei einem Zaubertrick sich durch den Zauberer ablenken lässt, kann der Trick gelingen. Man konditioniert den Menschen eben rasch zu vergessen. Das führt dann aber eben bereits schon im Kindheitsalter zum ADS-Syndrom. Aus Kindern werden Erwachsene und so setzt sich die Hyperaktivität auch in diesem Alter fort.

We want the couch potato

Statt mündiger Bürger, von denen immer wieder in Feiertagsreden geredet wird, soll der einfache Bürger teilnahmslos das politische Geschehen über sich ergehen lassen. Kommt es dann doch einmal zu einem Erwachen und Protesten gegen eine offensichtlich den Interessen der Bürger entgegen gerichteten Politik, dann werden sie schnell als Wutbürger abgestempelt. Man muss eben auch hier durch Begriffsbildungen einen offenen rationalen Dialog als unmöglich abwehren. Es geht gar nicht um die Partizipation, sondern um die passive Hinnahme dessen was sich die Obrigkeit aus Politikern, Lobbyisten und Experten ausgedacht hat. Mitsprache ist dabei unerwünscht. Die schönste neue Wortprägung lief mir vorgestern auf dem Zeit-Forum in der Berlin-Brandenburgischen Akademie über den Weg. Dort wurden die gut gebildeten und daher gefährlich kompetenten Bürger, die sogar im Stande waren ihre Argumente allgemeinverständlich vorzutragen als Wortadel diffamiert.

Statt Sprachlosigkeit – wie von der organisierten Politikerkaste gewünscht – will man eben auch den wortgewandten Mitbürger keineswegs zu Wort kommen lassen. Der stört eben nur beim Durchregieren à la Merkel & Co.  Man braucht nur die schweigende Mehrheit.

Photo: Gerd Altmann, via pixelio.de

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