Manchmal kommt es nach Jahren der Stagnation und Konfrontation über zentrale Fragen der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung zu einer raschen und damit für die meisten Bürger völlig überraschenden Trendwende. Dies könnte derzeit der Fall sein. Das bisherige Wachstumsmodell steckt in der Krise. Es war durch immer mehr zunehmenden Ressourcenverbrauch insbesondere auch der nichterneuerbaren Energiequellen sowie eine damit verbundene steigende Umweltbelastung bis hin zum Klimawandel geprägt. Es gab zahlreiche Kräfte der Beharrung, die auf diesem Weg weiter fortschreiten wollten. Jetzt zeichnet sich möglichweise ein breites Umdenken selbst der Traditionalisten ab. Nachhaltiges und umweltverträgliches Wachstum auf Basis erneuerbarer Energiequellen könnte das Wachstumsparadigma der kommenden Dekaden werden.
Modell Deutschland
Offenbar beginnen immer mehr Menschen die sich daraus bietende Chance für die weitere wirtschaftliche Entwicklung zu erkennen. Der umfassende ökologische Umbau unserer Gesellschaft einschließlich der Hinwendung zu erneuerbaren Energien bietet ein so breites Spektrum an Entwicklungschancen und neuen Beschäftigungsmöglichkeiten, dass derzeit keiner beim Beginn dieses neuen Wachstumstrends zu spät kommen möchte. Mit der sich jetzt abzeichnenden Energiewende in Deutschland insbesondere durch den Ausstieg aus der Kernenergie könnte Deutschland plötzlich zum weltweiten Vorreiter einer solchen Entwicklung aufsteigen. Während man bisher mit den Widrigkeiten der Widerstände innerhalb der EU und weltweit durch die USA und BRICS insbesondere haderte, kommt jetzt plötzlich auch dort die Sorge auf, man könnte den Anschluss an diese Entwicklung verpassen. Das Modell wird plötzlich sogar zu einem Exportschlager.
Selbst in Frankreich muss Nicolas Sarkozy um seine Pläne des Ausbaus der französischen Nuklearindustrie fürchten. Statt des Containments des deutschen Sonderwegs raus aus der Kernenergie kommt es jetzt eher zu einer Infektion des öffentlichen Bewusstseins, dass man hier von seinem östlichen Nachbarn abgehängt werden könnte. Auch in anderen Anrainerstaaten wie beispielsweise der Schweiz beginnt man sich jetzt Gedanken über ein frühzeitiges Ausstiegsszenario zu machen.
China ist erwacht
Auch in China beginnt man – nicht zuletzt getrieben durch die sich häufenden Umweltkatastrophen aufgrund des derzeitigen ressourcengetriebenen Wirtschaftswachstums und der zunehmenden Energiekrise intensiver Gedanken über eine Korrektur am chinesischen Wachstumsmodell zu machen. Man beginnt jetzt im großen Stil auch dort in Solartechnologie und Windkraftwerke zu investieren. Dabei plant man – die massiven Exporte von billigen Solarkollektoren aus China haben es die deutschen Hersteller schmerzlich spüren lassen – sich nicht allein auf den chinesischen Binnenmarkt beschränken. China will insbesondere auch im Bereich der Elektromobilität ganz vorne mit dabei sein. Ein großer Teil des riesigen Investitionsprogramms zur Überwindung der Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der globalen Finanzmärkte richtete sich auch bereits auf die Beseitigung von Umweltschäden durch den Bau von Kläranlagen etc.
Man darf gespannt sein, was die jetzt auch nach Deutschland kommende hochrangige Delegation unter der Führung von Wen Jiabao für Wirtschaftsabkommen mit der deutschen Wirtschaft anstrebt. Bereits jetzt zeigt sich bei der Luftfahrtindustrie ein Auftragsboom für treibstoffsparende und umweltfreundliche Verkehrsflugzeuge ab. Boeing rechnet mit einem Bedarf von Zehntausenden neuen Fliegern bis 2030. Auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget wurden hunderte neuer Flugzeuge bestellt. Allein AirAsia bestellte 200 Maschinen des neuen Typs A320neo. Bei weiterhin hohen und vermutlich zukünftig weiter steigenden Energiepreisen wird die Energieeffizienz auch der Flugzeugflotten zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die einzigen die ihnen diese glänzenden Geschäfte noch gefährden könnten, wären die Chinesen. Allerdings hinken sie der Entwicklung modernen sparsamer Verkehrsflugzeuge noch um Jahre hinterher. Comac heißt der chinesische nationale Champion.
Jedenfalls ist der chinesische Technologiehunger nach Umwelt- und Energiespartechnologien erwacht.
Vor einem globalen Wechsel des Wachstumsparadigmas
All das bietet neben dem Umbau der heimischen Wirtschaft und Verbrauchsinfrastruktur eine ungesättigte Nachfrage auf Jahrzehnte. Selbst gigantische Pläne für den ganzen Mittelmeerraum könnten plötzlich eine Chance haben. Mithin könnte sich jetzt eine nachhaltige Wende in der globalen Wachstumsorientierung abzeichnen, die eigentlich erst die Grundlage dafür schaffen könnte auch die ambitionierten Klimaziele auch nur halbwegs erreichen zu können.
Photo: Steamtalks, via flickr
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