UZ-Pressevolksfest in Dortmund. Dunkle Wolken wegen “Bandbreite”. Ende sonnig?

Freitagabend und am Sonnabend hatten die Veranstalter wieder einmal mehr Pech mit dem Wetter: Es regnete immer wieder. Erst der Sonn-Tag machten seinem Namen alle Ehre. Stets um den Sommeranfang herum lädt die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) zum “Fest der Solidarität – Volksfest der DKP & UZ” ein. Vom 24.

presse_stille_uz-presse_fest_2011_1.jpgFreitagabend und am Sonnabend hatten die Veranstalter wieder einmal mehr Pech mit dem Wetter: Es regnete immer wieder. Erst der Sonn-Tag machten seinem Namen alle Ehre. Stets um den Sommeranfang herum lädt die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) zum “Fest der Solidarität – Volksfest der DKP & UZ” ein. Vom 24. bis zum 26. Juni 2011 fand das nunmehr 17. Pressefest der DKP-Zeitschrift “UZ”  (“Unsere Zeit”) statt. Zum neunten Male im Dortmunder Revierpark Wischlingen. Laut Veranstalter besuchten in diesem Jahr “mehrere zehntausende Menschen” das Volksfest der deutschen Kommunisten. Erstmals war die Partei Die Linke beim UZ-Pressefest präsent. Es fanden ingesamt 50 politische Diskussionen auf mehreren Bühnen, Podien statt. Dazu gab es in 17 Großzelten und der Eislaufhalle Kultur und Literatur pur. Auch für das leibliche Wohl war reichlich gesorgt. Dafür sorgten die unterschiedliche Stände der deutschen Landesverbände sowie der Gäste u.a. aus Portugal, Spanien, Frankreichs, Griechenlands und der Türkei. Das Kulturprogramm war ebenfalls opulent. Inti Illimani (Chile) und Eva Ayllón (Peru) traten ebenso auf, wie der unermüdliche Straßensänger Klaus der Geiger aus Köln und viele andere Künstlerinnen und Künstler mehr .

Überraschungsgast im Bayern-Zelt: Olle Marx

Um als prominenter Überraschungsgast am Sonntag presse_stille_uz-presse_fest_2011_2.jpgNachmittag im Bayerischen Bierzelt aufzutreten war eigens der olle “Karl Marx” (sh. nebenstehendes Photo) aus London in den Ruhrpott nach Dortmund-Wickede “eingeflogen” worden. Im Revierpark auf der Bayern-Bühne angekommen,  zeigte sich “Marx” einigermaßen verwundert über den Zustand der derzeitigen Welt und technische Errungenschaften wie z. B. Handys und schickte einen herzlichen Gruß an “seinen” Friedrich (Engels) nach Wuppertal.

Liederbücher!

DKP_pressefest_66.jpg Bernd Köhler (Mannheim) und Blandine (Photo links) spielten und sangen am Sonntag deutsche und französische Kampf- und Protestlieder. Bernd Köhler kritisierte nebenbei, dass die deutschen Gewerkschaften (wie das bis die 1970er-Jahre noch gewesen sei) kein Liederbüchlein mehr veröffentlichten. Köhler gab auf der Bühne das Versprechen ab, bald eines veröffentlichen zu wollen. Gewerkschafter, so der Liedermacher, die keine Lieder bzw. heute gar kein kein Liederbuch mehr hätten, das ginge doch eigentlich nicht an. Köhler erinnerte daran, dass viele politische Veränderungen in der Vergangenheit ohne kämpferische Lieder im Grunde genommen gar nicht denk- und machbar gewesen seien.

Ein- und Ausladung der Hip-Hop-Band “Die Bandbreite”: Erregte Gemüter

presse_stille_uz-presse_fest_2011_3.jpg An diesem Sonntagnachmittag, ein paar Stunden vor dem Ende des Volksfestes,  wurde die sonnige Stimmung dann doch noch einmal etwas eingetrübt im Dortmunder Revierpark Wischlingen. Überdies ging es ziemlich kontrovers und turbulent zu. Der Grund: Die Kulturkommission der DKP (ja, sowas hat diese Partei!) hatte die umstrittene Hip-Hop-Band “Die Bandbreite” zum Volks- und Pressefest der Partei eingeladen. Kurz vorm Pressefest dann entschied man sich aufgrund bei der Partei eingegangener massiver Drohungen, den Aufritt der Duisburger Band kurzfristig abzusagen. Dazu veröffentlichte die DKP eine Presseinformation. Jüngster Anlass für die Drohungen und die Absage des Band-Auftritts in Dortmund gab der Bühnenauftritt von “Die Bandbreite” an einem, wie etwa Neues Deutschland (ND) schreibt, “Treffen der Rechten” im Sankt Moritzer Hotel “Rondolins” am 10. Juni diesen Jahres, wobei Marcel Wojnarowitsch, genannt Wojna, angeblich für die “musikalische Unterhaltung” verantwortlich zeichnete. Eingeladen zu dem Treffen hatte der Internetkanal “info8.ch”, laut ND “eine verschwörungstheoretische Schweizer Webseite. Pikant obendrein: Die Veranstaltung getragen wurde ebenfalls von der “Jungen SVP”, einer Jugendorganisation der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP), des Christoph Blocher. Die SVP hatte im Wahlkampf erfolgreich auch das Thema “Bilderberger” thematisiert. Das trieb auch die “Bandbreite” um. Die stets im Geheimen ablaufenden “Bilderberg-Konferenzen” geben immer wieder Anlass zu Fragen und Kritik. Derart: Was kungeln Wirtschaftsmächtige und Politiker dort abgeschirmt von der Öffentlichkeite aus? Übrigens: dieses Jahr gelang erstmalig politischen Aktivisten Aufnahmen von einigen der Teilnehmer der jüngsten Bilderberg-Konferenz. Unter anderen “erwischten” sie dabei einen Peer Steinbrück (SPD).

Proteste gegen die “Bandbreite” waren nicht nur von Außen, sondern auch von der Dortmunder Antifa und der DKP Köln gekommen. Statt des Konzerts gab es vorerst eine Diskussion zu hören und zu sehen. Auf der Bühne diskutierten (Photo etwas weiter oben) von links nach rechts: Jane Zahn (Kabarettistin), Diether Dehm (MdB DIE LINKE), Bettina Jürgensen (Vorsitzende der DKP), Klaus Stein (Vorsitzender der DKP Köln) und die beiden Bandmitglieder von “Die Bandbreite”. Bettina Jürgensen begründete die Entscheidung zur Ausladung der “Bandbreite” mit möglichen Sicherheitsproblemen, die bei Störungen – mit denen aufgrund der Drohungen im Vorfeld zu rechnen sei – des Konzerts eventuell auftreten könnten.

Diether Dehm, der, wie er sagte, einen Auftritt der “Bandbreite” beim Freidenker-Liederfestival auf der Burg Waldeck durch die Bezahlung eines Ordnerdienstes erst möglich machte, meinte, die Band müsse singen dürfen. Unter dem könne man nicht vom Platze gehen. Dehm flocht ein: Wegen seines Engegagements für den Auftritt der Band habe man seinen Sohn auf der Uni bedroht. In einer Mail habe gestanden, sein Sohn werde nach Beendigung seines Studiums nicht einmal mehr einen Job als Pförtner bekommen. Seine Toleranz, so Dehm weiter, ende gegenüber Faschisten und Faschismus. “Mit denen diskutiert man nicht!” Den Vorwurf Faschisten oder Rassisten zu sein jedoch könne er der “Bandbreite” nicht machen. Kritik dagegegen, an den Texten der Band, könne er durchaus nachvollziehen. In einer Demokratie allerdings müsse auch soetwas im Rahmen der Freiheit der Kunst einen Platz haben. Zumal: in einem Rechtsstaat.

Auch Bettina Jürgensen entlastete “Die Bandbreite”. Die Band sei im linken Spektrum verortet, die Vorwürfe gegen sie so nicht haltbar. Die Gruppe solle offenbar kaputt gemacht werden.
Anders Klaus Stein: Man habe und tue dies auch weiterhin sich in Köln massiv mit der rechtspopulistischen Partei “Pro-Köln” auseinandergesetzt. Deshalb könne man einen Auftritt einer Band keinesfalls mittragen, die auf einer im Dunstkreis der rechtspopulistischen Schweizer SVP stattgehabten Veranstaltung spielte.

presse_stille_uz-presse_fest_2011_10.jpgWojna (Photo links) von “Die Bandbreite” sah seinen Auftritt in St. Moritz freilich in weniger kritischem Lichte. Ihnen sei es in erster Linie um die Kritik am fragwürdigen Treffen der “Bilderberger” gegangen. Wo, fragte Wojna, seien bei den Protesten vor Ort denn die Kommunisten und Linken gewesen? Ihre Botschaft: Gegen Missstände müsse man sozusagen Gruppen übergreifend zusammenarbeiten. Und überhaupt: Das Publikum bei der Veranstaltung in der Schweiz sei sehr tolerant gewesen. Unter ihm hätten sich Muslime, Christen und Konfessionslose befunden. Er, Wojna, habe nichts zu bereuen. Zwar sei die “Junge  SVP Luzern” in St. Moritz involviert gewesen; die “Bandbreite” meinte aber die SVP sei als Partei in etwa so etwas “wie die CDU” in Deutschland. “Rechte Leute”, beteuerte der Sänger, seien keine auf der “Party” in St. Moritz dabeigewesen. Zu den Vorwürfen gegen sie hat “Bandbreite” hier eine Darstellung ihrer Sicht auf die Dinge veröffentlicht. Die Vorwürfe und Drohungen gegen sie will “Bandbreite” nicht nachvollziehen können: “Wir sind nach unseren gründlichen Recherchen, nach Gesprächen mit anderen Veranstaltern und Kulturschaffenden zu dem Ergebnis gekommen, dass “Die Bandbreite” aus unserer Sicht nach wie vor zum breiten Spektrum linker Kultur zählt”

Bei manch einem mögen Bauchschmerzen zurück geblieben sein: Übernimmt sich die “Bandbreite” in puncto des anvisierten Wirkunsspektrums vielleicht nicht doch etwas? Schließlich zeigt die Praxis immer öfters, wie geschickt sich Rechte heutzutage linke Positionen aneignen, um damit in Wirklichkeit in ihrer Sache zu punkten. Indes kann man verstehen, dass “Die Bandbreite” möglichst viele kritische Menschen erreichen will. Andererseits ist Vorsicht geboten: Wer nach vielen (womöglich allen?) Seiten versucht offen zu sein, dem wird bekanntlich nachgesagt, er könne dann eigentlich nicht ganz dicht sein bzw. müsste sich zumindest ziemlich naiv nennen lassen. Aber ist “Die Bandbreite” denn gleich eine “Hetzband”, wie es drastisch im Blog der Ruhrbarone heißt, wenn sie als nachdenkenswert zur Diskussion stellt, was andere als “Verschwörungstheorien” bezeichnen? Dass scheint wohl dann aber doch einen Tacken zu weit zu gehen. Ob Zufall oder nicht: Dresche verbaler Natur bekommt “Die Bandbreite” seit das Duo massiv Kritik an der israelischen Politik geübt hatte.

Austritt aus der DKP!

presse_stille_uz-presse_fest_2011_4.jpgWie endete die Sache in Dortmund? “Bandbreite” wurde dann doch aufgefordert zu spielen. Reaktion: Freudiger Beifall auf der einen Seite und Tumulte und Buh-Rufe andererseits. Ein junger Mann (Photo) stürzte zum Bühnenrand vor und schrie ins Mikrofon: “Ich bin nicht länger Mitglied der DKP!”

Als sich die Tumulte gelegt hatten, schritten die kritischen und deshalb umstrittenen Hip-Hoper aus Duisburg zur Tat. Auch das wohl bekannteste Lied “Selbst gemacht” brachte “Die Bandbreite” passend zu Wojnas 9/11-SelbstGemacht-T-Shirt zum Vortrag. In ihm hangelt sich die “Bandbreite” entlang der Verschwörungstheorie, wonach die USA die Anschläge vom 11. September 2001 womöglich selbst inszeniert haben: “Habt ihr dat vielleicht selbst gemacht? / Habt ihr dabei an dat Geld gedacht?” Jeder mag sich seine eigenen Gedanken darüber machen. Ist so ein Lied nun verwerflich? Sind andere Texte von “Bandbreite” sexistisch oder künden sie von einer homophoben Einstellung. Ein weites Feld…

Fazit


Regen und Sonnenschein also beim 17. UZ-Pressefest. Wie immer eigentlich wieder einmal. Und viel Kultur. Auch anspruchsvolle Diskussionskultur. Nur eines war neu: Erstmalig war eine umstrittene Band ausgeladen worden. Ein Duo, das aber dann doch hat spielen dürfen. Alles in Butter also? Nun: Mindestes ein (junges) Mitglied weniger hat die DKP seit Sonntag. Es gibt Menschen und Blogs, die die DKP für überflüssig oder senil (Ruhrbarone) halten. Ich traf an einem Stand auch auf einen Visionär. Der sieht zwar auch wie viele Menschen wohl derzeit an Hand seiner Krisen den Kapitalismus am Ende. Nur prophezeite dieser Zeit-Genosse dessen Aus erst für frühestens in 50-60 Jahren. Denn: Solange für Menschen die Gier nach Macht das A und O bleibe, werde sich der Kapitalismus immer wieder neu erfinden. Wenn das mal nicht ein versteckter Hieb auf Regierungsgelüste von Grünen und bestimmten LINKEN war! Also, Kapitalisten, einstweilen könnt ihr noch einmal aufatmen und durchschnaufen.

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