Radio Bremen Krimipreis für Elisabeth Herrmann

Seit 2001 verleiht Radio Bremen den begehrten Krimipreis. Die mit 2500 Euro dotierte _Auszeichnung wird jährlich für Autorinnen und Autoren verliehen, die qualitativ herausragende Werke geschaffen haben. Erster Preisträger war 2001 der Autor Freidrich Ani (“Süden”, Droemer – Verlag). Es folgten u.a Anne Chaplet (“Die Fotografin” , Kunstmann Verlag), Ake

11239 Elisabeth Herrmann k1.jpgSeit 2001 verleiht Radio Bremen den begehrten Krimipreis. Die mit 2500 Euro dotierte _Auszeichnung wird jährlich für Autorinnen und Autoren verliehen, die qualitativ herausragende Werke geschaffen haben.

Erster Preisträger war 2001 der Autor Freidrich Ani (“Süden”, Droemer – Verlag). Es folgten u.a Anne Chaplet (“Die Fotografin” , Kunstmann Verlag), Ake Edwardson (“Segel aus Stein”, Claasen Verlag) und im letzten Jahr der Schwede Arne Dahl (“Opferzahl”, Piper Verlag)

Ein Stück “DDR” Geschichte zum Roman gemacht

Nun folgt also Elisabeth Herrmann, die in ihrem aktuellen Roman “Zeugin der Toten” ein Werk geschaffen hat, welches nicht nur für positive Stimmen gesorgt hat, reißt doch das Thema rund um geheimnisvolle Vorgänge in einem DDR Kinderheim bei vielen ehemaligen Heimkindern schmerzhafte Wunden auf. Dennoch ist dieses Buch ein Meilenstein in der Karriere der Autorin und vor allem für die jüngste deutsche Geschichte.

In der Wohnung einer Toten stößt Tatortreinigerin Judith Kepler auf ein Stück eigene Vergangenheit. Ihre Heimakte aus dem DDR-Kinderheim ruft unangenehme Erinnerungen wach, vor allem aber die Frage: Was wollte die ermordete Frau mit den Unterlagen? Neugierig beginnt Judith zu recherchieren und stößt dabei auf ein unrühmliches Stück DDR-Geschichte, das untrennbar mit ihrem eigenen Schicksal verbunden ist. Sie kehrt an die Schauplätze ihrer verhassten Kindheit zurück, um eine Verbindung zu der Ermordeten zu suchen. Plötzlich steht sie vor den Trümmern ihrer eigenen Identität und gerät selbst ins Visier der Mörder. Ein weit verzweigtes Netz aus Spionage und Verbindungen, die Mauerfall und Kalten Krieg überdauert haben, spannt sich zunehmend enger um Judith, die sich auf einmal von Polizei, Verfassungsschutz und BND gejagt sieht. Mit Hilfe des Ex-BND-Agenten Quirin Kaiserley dringt sie immer tiefer zu einem unglaublich klingenden Ereignis aus dem Jahr 1985 vor. Aber kann sie der EX Agentin wirklich vertrauen?

Einen kleinen Vorgeschmack auf das Buch können sie auf dem You Tube Videokanal vom Ullstein Verlag bekommen.

Am Mittwoch, 14. September wird Herrmann den Preis im Rahmen des 14. Bremer Krimifestivals “Prime Time Crime Time” bei Radio Bremen im Café und Restaurant Weserhaus verliehen. Hilke Theesen von Radio Bremen wird durch die Veranstaltung führen.

Ich hatte im Vorfeld die Gelegenheit ein Gespräch mit der Preisträgerin zu führen.

Sehr geehrte Frau Herrmann. Wie und wo haben davon erfahren, dass Sie die diesjährige Preisträgerin vom Radio Bremen Krimipreis geworden sind?

Da war ich gerade beim NDR in Hamburg, mitten im Gespräch mit Hörspielredakteurin Hilke Veth. Es ging um meinen neuen Radio-Tatort “Versunkene Gräber” (Im November in den ARD Radioprogrammen, Anm. der Redaktion). Mittendrin ging mein Handy und Lore Kleinert war am Apparat. Das war eine Überraschung! Ich habe mich riesig gefreut! Und die ganze Redaktion mit mir.

Neben Ihnen haben bereits Friedrich Ani, Ake Edwardson, Arne Dahl und andere hochrangige AutorInnen den Preis bekommen. Wie stolz sind Sie auf diesen Preis?

Es ist mein allererster Preis. Das allein macht mich überglücklich. Vor sechs Jahren erschien mein erster Kriminalroman, “Das Kindermädchen”, und bis zur Verleihung am 14. September war das ein langer, langer Weg. Ich war ja schon einmal in auf dem Krimifestival in Bremen – damals gewann Polina Dashkowa den Bremer Krimipreis und ich als Neuling war sehr stolz, überhaupt dabei sein zu dürfen. Dieser Tag wird etwas ganz besonderes für mich sein und wird das auch immer für mich bleiben.

Zur Vorbereitung von Ihrem Buch “Zeugin der Toten” konnten Sie selber einen Einblick in ihre Stasi Akte nehmen. Können Sie das Gefühl beim Lesen der Seiten beschreiben?

Das war skurril, denn die Stasi hatte noch im Sommer 1989 vor, mich bei meinem nächsten Transit festzunehmen. Als “Wessi” und Journalistin mit klarer Ansage gegen die Mauer hatte ich das schon geahnt, aber dass es so knapp war, wusste ich nicht. Richtig berührt hat mich aber etwas ganz anderes. Im Leseraum saß ich nicht allein. Es waren einige ehemalige DDR-Bürger da, die dutzende dicke Aktenordner vor sich liegen hatten. Speziell geschulte Mitarbeiter der Gauck-Behörde (so hieß sie damals) kümmerten sich um sie, denn der Verrat gerade im engsten, vertrautesten Kreis war oft bodenlos. Für manche muss es furchtbar gewesen sein, was sie gelesen haben. Dagegen war meine Akte geradezu lächerlich. Dieses Gefühl habe ich nie vergessen.

Noch immer fehlen wichtige Daten von vielen anderen Menschen, haben Sie persönlich Hoffnung auf eine annähernd komplette Aufklärung?

Nein.

Können Sie uns etwas über die Recherchen erzählen? Wie Sie auf das Thema gekommen sind und wie lange das Projekt “Zeugin der Toten” insgesamt gedauert hat?

Wie immer dauert es Jahre bei mir, bis aus einem Gefühl ein Thema wird und ich wirklich weiß, welche Geschichte ich erzählen will. Die Kernarbeit – Recherche und Schreiben – dauerte dann zwei Jahre. Ich wollte eine starke Figur, durch deren Seele ein tiefer Riss geht. So kam ich auf Judith Kepler, die als Putzfrau mit einem besonderen Spezialgebiet arbeitet: Sie ist ein “death scene cleaner”. Sie reinigt Tatorte. An einem dieser Tatorte findet sie etwas, das mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Diese Vergangenheit beginnt in einer Nacht vor über 25 Jahren, als in einem Erziehungsheim der DDR zwei Kinder ausgetauscht wurden. So entwickelt sich die Geschichte zu einem Thriller rund um eine gescheiterte Republikflucht mit Hochverrat – der von beiden Seiten begangen wird, Ost und West.

Für die Recherche habe ich mir Hilfe gesucht, denn allein schafft man das nicht. Man braucht Experten, und man muss natürlich dahin, wo die Handlung spielt. Das waren vor allem Sassnitz und Malmö. Ich liebe Recherche! Eines Tages werde ich einen Krimi schreiben, der in der Südsee spielt, nur um einen Grund zu haben, endlich mal dahin zu reisen.

In wieweit haben Sie als Autorin einen geregelten Arbeitsablauf, gibt es während des Schreibens feste Arbeitszeiten bei Ihnen?

Nein. Und genau das ist es, wovon ich geträumt habe. Eben nicht um neun im Büro sein, nicht um zehn zur Redaktionskonferenz. Nicht schon wieder nicht zuhause sein, wenn mein Kind sein Zeugnis bekommt oder den ersten Liebeskummer hat. Dafür arbeite ich auch nachts, wenn es sein muss. Ich bin ja erst seit kurzer Zeit “Vollzeitschriftstellerin” und habe mir vorgenommen, wenigstens bis Jahresende durchzuhalten. Davor waren es zum Teil sehr harte Jahre. Job, Familie, und Schreiben, das geht nur, wenn man auf fast alles andere verzichtet – vor allem auf Schlaf (lacht) Im Moment bin ich in Südfrankreich im Haus meiner Kollegin Anne Chaplet (aktueller Titel: “Schrein nach Liebe” Anm. der Red.) Hier habe ich endlich mal Ruhe und kann konzentriert durcharbeiten. Aber nicht lange. Dann kommt meine Tochter. (lacht)

Stichwort Bremen. Haben Sie Erinnerungen an Bremen, was können Sie uns aus Ihrer Sicht über “unsere” Stadt sagen?

Die Bremer haben das, was ich meinen Wappenspruch nennen würde: “Etwas Besseres als den Tod finden wir überall”. Genau das ist mein Lebensmotto, wenn es mal ganz dicke kommt. Der Roland, Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit, ist neben den vier Stadtmusikanten das, was mir beim Stichwort Bremen zuerst in den Sinn kommt. Die Architektur tut mir weh. Bremen hat viel verloren. Vielleicht können spätere Generationen da noch was richten. Aber das wenige, was übrig geblieben ist, hat einen unglaublichen Charme. Und schließlich sind ja die Leute am wichtigsten, die da wohnen. Ich war erst zwei Mal da, aber nett war´s und gutes Bier habt ihr!

Wir freuen uns, Sie im September hier in Bremen begrüßen zu dürfen und bedanken uns für das Gespräch.

Interview: Marten J. Bruns

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