Dante Alighieri
Göttliche Komödie
(Die Hölle: Dritter Gesang, 1-9)
DURCH MICH GEHT MAN HINEIN ZUR STADT DER TRAUER,
DURCH MICH GEHT MAN HINEIN ZUM EWIGEN SCHMERZE,
DURCH MICH GEHT MAN ZU DEM VERLORNEN VOLKE.
GERECHTIGKEIT TRIEB MEINEN HOHEN SCHÖPFER,
GESCHAFFEN HABEN MICH DIE ALLMACHT GOTTES,
DIE HÖCHSTE WEISHEIT UND DIE ERSTE LIEBE.
VOR MIR IST KEIN GESCHAFFEN DING GEWESEN,
NUR EWIGES UND ICH MUSS EWIG DAUERN.
LASST JEDE HOFFNUNG, WENN IHR EINGETRETEN.
(Dante, “Die göttliche Komödie”, Hermann Gmelin, Reclam)
Analyse
Was wir von Dante Alighieri lernen können, ist die ganze Breite der Auffassung vom Leben, vom Entstehen der Welt und von der Verbindung der Theologie mit der Wissenschaft, wie es das Mittelalter
betrieb und wie es bis heute von der katholischen Kirche uns vorgehalten wird. -
Das ist es und weil dieser Dichter auch noch wie nebenbei die italienische Sprache zu ihrem bis heute weiter entwickelten Höhepunkt brachte, ist er uns so wertvoll. -
Geboren 1265 in Florenz und gestorben 1321 in Ravenna, war Dante Alighieri Zeit seines Lebens rastlos auf der (geistigen) Wanderschaft, versuchte wie später Petrarca ebenfalls, seine Wirkung politisch einzubringen. So kämpfte er als junger Mann in seiner Vaterstadt auf Seiten der Guelfen gegen die Ghibellinen und war immer stark interessiert, Florenz auf seinem Weg zur kulturellen Hauptstadt Italiens behilflich zu sein. -
Warum er so ungemein gebildet war, ist wohl seinem Wesen zuzuschreiben und so konnte er neben der Beschäftigung mit Philosophie und Theologie sich auch als Arzt und Apotheker einschreiben und somit die formale Berechtigung für ein politisches Amt erreichen. -
Boccaccio beschreibt später, wie Dante als ganz junger Mann vom Bild seiner Beatrice (als Mädchen!) so getroffen wird, dass sich dieses Bild bei ihm quasi einbrennt. Wie ein Troubadour, als Dichter also (anders ging es nicht), konnte er sich ihr nahen und sie ist es auch, die sein Hauptwerk, “Die göttliche Komödie” beeinflusst. -
In drei Bildern, der Hölle, dem Läuterungsberg (siehe Wagner!) und dem Paradies erzählt uns der Dichter vom Entstehen der Welt und er führt den Gang dieser Welt bis hin eben zum Paradies (Weg auch der menschlichen Seele in der Vorstellung des Mittelalters!). -
Geführt durch Vergil, seinem großen Vorbild, zeigt Dante in dem enormen Alterswerk noch einmal das auf, was vor ihm schon Augustinus anmahnte, nämlich das sittliche, das moralische Tun in den Mittelpunkt zu stellen. In oftmals symbolischen Bildern, die im Mittelalter eine große Bedeutung hatten, verbindet er die Antike, vielmehr das sokratisch-platonisch-aristotelische Denken mit der christlichen Weltanschauung und wird somit zum geistigen Erbauer eines aufstrebenden Europa (ähnlich wie später der Romantiker Hardenberg, Novalis genannt, in seinem kleinen-großen Werk: “Die Christenheit oder Europa”). -
Der erstaunliche (geistige) Gang durch Hölle, Läuterungsberg und durch das Paradies führt bei Dante zu der tiefen Erkenntnis,
dass Liebe die Welt bewegt: “So wie ein Rad in gleichender Bewegung/ die Liebe, sie beweget Sonn`und Sterne.” Das sind die Schlusszeilen seiner “Göttlichen Komödie”. -
Dante hat in einem früheren Werk einmal versprochen, dass er, von Beatrice angeleitet, einst ein bedeutendes Werk schreiben würde. Wie von einem Katalysator, der Liebe zur Erkenntnis, die er weitergeben muss, angetrieben, macht der Dichter sich an das Werk und Beatrice ist nun das Symbol dieser Liebe. Gleich seinem Vorbild Vergil geht der große Dichter und Wege-Aufzeiger seinen gewaltigen geistigen Gang, auch heute noch für uns Leser ein Abenteuer sondergleichen. Der im obigen Beispiel gezeigte dritte Gesang der Hölle ist derart wuchtig und erinnert stark an Vergils Aeneis. Im weiteren Verlauf der Handlung beruhigt sich der Stil jedoch, um sich zu bildlicher und formvollendeter Güte ersten Ranges zu entwickeln.
Erstaunlich ist die fast platonische Liebe zu Beatrice, die Sehnsucht nach Vereinigung blieb unerhört (wie bei Petrarca später auch!), das ist wohl das Erbe von Augustinus, der den Frauen nicht den ihr zustehenden erotischen Wert beimaß, eine Art, die heute noch in der katholischen Kirche vielfach geübt wird als quasi spät-manichäisches Erbe.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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