Sieben Jahre ist es nun schon wieder her, dass die ursprünglich zu DDR-Zeiten als Ausdruck des Bürgerprotestes gegen die Honecker-Diktatur und für Demokratie entstandenen Montagsdemonstrationen im Jahr 2004 in Magdeburg wiederbelebt wurden. Als äußerst engagierter Initiator dieser Montagsdemo-Auflage gilt der arbeitslose Bürokaufmann Andreas Ehrholdt. Auslöser für die Neubeatmung Montagsdemonstrationen – die rasch an Zuspruch und Zulauf gewannen – waren die unsozialen Hartz-IV-Reformen der rot-grünen Schröder-Fischer-Bundesregierung. Auch Andreas Erholdt aus Sachsen-Anhalt war davon betroffen.
Bereits 2004 empörte sich Ehrholdt über die fortan überhand nehmenden Demütigungen und Gängeleien von Langzeitsarbeitslosen; erst möglich gemacht durch die “Reformen” des Bring-mir-man-’ne-Flasche-Bier-Kanzlers Gerhard Schröder. Andreas Ehrholdt dachte nicht daran, all dies einfach klaglos hinzunehmen. Viele andere Menschen in ähnlich prekärer Situation wie Ehrholdt sahen dies bald auch so und gingen mit ihm zusammen jeden Montag auf die Straße. Von heute auf morgen geriet der unermüdlich für soziale Gerechtigkeit ackernde Andreas Ehrholdt in den Fokus der Medien. Ein gewaltiger Einschnitt in sein Leben. Sicher durchaus auch mit positiven Aspekten verbunden. Aber was Ehrholdt gewiss nicht geahnt hatte, als er die neuen Montagsdemos initierte: Er wurde von jetzt auf gleich auch zur Zielscheibe von Kritik jedweder Art. Die einstigen DDR-Bürgerrechtler murrten: sie reklamierten sozusagen das Markenrecht auf die Montagsdemos, sahen die Institution durch Ehrholdts Nutzung beschädigt bzw. gar durch ihn missbraucht. Waren sie etwa nun im neuen Deutschland auf einmal keine “Bürgerrechtler” mehr?, dürfte sich damals nicht nur Ehrholdt bass erstaunt gefragt haben. Aber auch andere Ungemach überschattete die Montagsdemos: Plötzlich tauchten auf ihnen Rechte auf, sie wollten offenbar die mediale Wirkkraft, die damals zweifelsohne von den Hartz-IV-Protesten ausging für ihre düsteren Zwecke nutzen und in ihrem Gesinnungssinne instrumentalisieren. Ein fragwürdig Süppchen versuchten wohl zu dieser Zeit auch die Genossen der MPLD mittels der durch die Proteste entstandenen Wärme zu köcheln. Sie schlichen sich pfiffig an die Montagsproteste heran und dienten sich den Organisatoren z.B. mit nun einmal für die Demos nützlichem Equipement wie z. B. Verstärkeranlagen an. Andreas Ehrholdt dürfte durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen sein. Neben vielem Lob, das er freilich auch erhielt, kippten andere, Ehrholdt weniger wohl gesonnene Zeitgenossen, jedoch kübelweise Häme über ihm aus, beschimpften und verhöhnten ihn wo sie nur konnten nach Strich und Faden. Die Kämpfe und die damit verbundenen Reaktionen schlugen im wahrsten Sinne des Wortes schließlich hart zu: Andreas Ehrholdt erlitt einen Schlaganfall. Die Anti-Hartz-IV-Demonstrationen konnten die “Reformen” nicht verhindern. Bald schon ebbten die Proteste ab. Die Wut der Menschen darüber aber blieb. Doch deren Enttäuschung darüber, dass die Proteste fast ohne Wirkung geblieben waren, bewog wohl so manchen sich traurig zurückzuziehen.
Ehrholdt: heute ist alles noch viel schlimmer
Der Schlag mag Ehrholdt gezeichnet gezeichnet haben: gebrochen hat er ihn nicht. Im Gegenteil: Heute ist Ehrholdt noch fester entschlossen für Gerechtigkeit und Demokratie auf den Plan zu treten als zuvor. Warum? Weil, so stellt er unlängst noch einmal fest, die gesellschaftlichen Zustände heute noch viel schlimmer geworden sind als es noch 2004 der Fall gewesen war. Nun wird Ehrholdt wieder kämpfen und erneut auf die Straße gehen. Er kann nicht anders. Es ist ihm, eingedenk seines Familiennamens, offenbar auch eine Ehre. Und die steckt ja darin. Er möchte und wird ihr hold(t) bleiben.
Seine Kampf gegen Sozialkahlschlag und Arbeitslosigkeit hat Ehrholdt inzwischen in einem Buch thematisiert und beschrieben. Es trägt den Titel “Ihr habt euch selbst verraten”. Und man ahnt, was er damit meinen könnte. Hier ein Video dazu.
Neue Montagsdemo am Vorabend des 7. Jahrestages der Magdeburger Montagsdemo
Nächsten Dienstag ist der 7. Jahrestag der von Andreas Ehrholdt initierten ersten Magdeburger Montagsdemonstrationen nach 1989. Am Vorabend des Jahrestages soll es nun wieder eine Montagsdemo in Magdeburg geben. Hier der Aufruf dazu:
Aufruf!!! Demokratie Jetzt!!! Montagsdemo!!! von Andreas Ehrholdt
Sieben Jahre ist nun her, als wir Euch das erste Mal zur Montagsdemo gegen die Sozialreformen der Bundesregierung aufriefen. Was hat sich seitdem verändert? Vieles! Aber nichts zum Besseren für die Menschen, welche von der Arbeit oder von Sozialleistungen leben müssen. Im Gegenteil. Zugunsten der Finanzmogule dieser Welt hat man immer tiefere Einschnitte in das soziokulturelle System der Bundesrepublik zugelassen. Die gegenwärtig nicht nur europäische Finanzkrise erfordert unseren Mut, unsere Gegenwehr. Wir halten mit unseren Steuermitteln das Gebilde Europa aufrecht und sehen wie die Bundesregierung Rettungschirme spannt, wohlwissend, dass es am Ende diesen Weges keinen mehr für die Steuerzahler Deutschlands geben wird. Wir sind nicht unsolidarisch mit den Menschen Griechenlands, Portugals, Irlands, Spaniens und wer da noch alles bald schon unsere Hilfe benötigt, aber wir sind nicht bereit, unsere teilweise schon kärgliche Existenz zum Wohle der Banken oder privater Anleger zu opfern. Wo bleibt der Anstand dieser Bundesregierung?
Laßt uns am 25. Juli 2011 den 7. Jahrestag der Montagsdemo in Magdeburg unter dem Motto “Frau Merkel, zeigen Sie uns doch mal unseren Rettungschirm!” begehen. Kommt mit uns, fordert mit uns!!!
Treffpunkt: Liebigstraße, Magdeburg (Nähe Hasselbachplatz; Hbf) um 17.30 Uhr
Aufrufer: Andreas Ehrholdt u. Dieter Weider
“Echte Demokraie Jetzt!” nach spanischem Vorbild
Die anstehende Proteste in Magdeburg (und vielleicht auch anderswo?) orientieren sich an einer aufkeimenden “Echte Demokratie Jetzt!”-Bewegung in Deutschland, bzw. befinden sich unmittelbar damit im Einklang. “Echte Demokratie Jetzt!” wiederum nahm sich die Aktivisten von “Democracia YA” der Bewegung “15M” aus Spanien zum Vorbild. Dort hatten sich viele Menschen überraschenderweise am 15. Mai 2011 (daher die Bezeichnung “15M”) öffentlich über die Zustände in ihrem Land empört. Die Parteien haben augenscheinlich das Vertrauen hauptsächlich der jungen Spanierinnen und Spanier vollkommen verloren. Der neuen Bewegung in Spanien nun geht es darum, den Common Sense (dem Wohle aller) und damit den Grundanliegen der Menschen wieder mehr Raum und Stimme zu geben. Vier Wochen lang haben sie in Spanien auf Straßen und Plätzen Protestcamps und Versammlungen abgehalten und miteinander diskutiert. Dabei ging es ihnen stets um einen Konsens. Ob die “Demokratie YA”-Bewegten damit auch eine neuartige demokratische Bürgerbewegung begründet haben? Man wird sehen…
Neue gesellschaftliche Anstöße?
Ob die für Montag nächster Woche angekündigte neue Magdeburger Montagsdemo ähnliche öffentliche gesellschaftliche Gespräche – in dem es um ohne Zweifel nötige radikale gesellschaftliche Veränderungen unter Beteiligung möglichst Vieler geht – anzustoßen imstande ist, wie es in Spanien durch die “15M”-Bewegung durchaus geschah, muss die Zeit zeigen.
Andreas Ehrholdt indes scharrt bereits jetzt unruhig mit den Füßen. Und Fragen derart dürften ihn dabei umtreiben: Gelingt es nach sieben Jahren Pause bzw. Leerlauf die Montagsdemo-Maschinerie wieder erfolgreich anzuwerfen, auf dass sie im Endeffekt endlich soziale Gerechtigkeit herstelle? Wie es ausgeht ist augenblicklich noch ungewiss. Viel Kraft ist Andres Ehrholdt für den neuen “Rutsch” zu wünschen. Auch wird er wieder ein dickes Fell brauchen: Schon setzt nämlich via Facebook ein Gezeter und Gemecker anderer Magdeburger Montagsdemoaktivisten oder Bürgerinitiativen ein, verbunden mit Vor- und Anwürfen, Ehrholdt wolle wohl bloß sein eignes Ding machen, sich in den Mittelpunkt rücken. Oder, fragt jemand, auf Facebook: warum habe er denn andere Aktivisten vor Ort nicht informiert bzw. eingebunden? Andere Kritiker wärmen alte Kamellen auf, wonach ein Photo von einer früheren Montagsdemo Ehrholdt inmitten rechter Gesellen zeige. Ehrholdt kontert: Damals sei er nachweislich im Krankenhaus gewesen. Mit Nazis, das kann man ihm sicher abnehmen, so betont er, habe er nie etwas am Hut gehabt und dies werde sich auch künftig nicht ändern. Ehrholdt wird starke Nerven brauchen. Deshalb hat er auch beschlossen die Stänkereien über Facebook fortan einfach zu ignorieren…
Photo/Quelle: via Wikipedia.org/flickr.com
Auch anderswo in Deutschland fanden bzw. finden sporadische oder regelmäßige Montagsdemos statt.
Ein Beispiel: Homepage der Montagsdemo Dortmund
Nachtrag: ein, wie ich spitzbübisch finde, ganz hübsches Hartz-IV-Liederl “Hartz IV – nicht mit mir!!!”:
http://www.youtube.com/embed/XnwZVEJ263Y