Wer kämpft kann verlieren – Wer nicht kämpft hat bereits verloren. Diesen Satz stellt Andreas Ehrholdt, der Initiator der ersten Montagsdemos nach der Wende in Magdeburg, seiner Homepage voran. Vergangenen Montag hatte er nach siebenjähriger Abstinenz wieder zu einer Montagsdemonstration in Magdeburg aufgerufen. Ehrholdt sah die Zeit dafür gekommen. Zugegeben, der Autor dieser Zeilen hätte nun durchaus gerne von einer erfolgreichen Demonstration, sprich: einer, die Montagabend hohen Zuspruch erfuhr, berichtet. Denn: Wer wollte angesichts der prekären Zustände hierzulande (und anderswo) behaupten, Protest dagegen wäre unnötig. Indes: es kam anders. So muss der Chronist hier an dieser Stelle ehrlich Bericht darüber erstatten, dass es so wie es hätte sein sollen – so, wie es sich auch Demo-Aufrufer Ehrholdt guten Mutes vorgestellt hatte – nicht war: Die Montagsdemomaschinerie Magdeburg hakte (war sie nach 7 Jahren Zeit des Stillstands eingerostet?): sie wollte so ad hoc einfach nicht recht anspringen. Andreas Ehrholdt hat wieder einmal gekämpft. Doch verloren hat er nicht. Die Gründe für die Startschwierigkeiten am Montag werden zu eruieren, die Lehren daraus, zu ziehen sein. Andreas Ehrholdt per E-Mail dazu: “Es hat mich enttäuscht, aber nicht entmutigt.” Menschen, die ihm und seiner Sache wohlwollend gegenüberstehen stehen, sagen: Mach weiter! Eine Lehre aus der – wir wollen nicht darum herum reden – Niederlage steht bereits jetzt fest: Bessere Vorbereitung für den nächsten Anlauf ist nötig.
Auszüge aus Andreas Ehrholdts Rede am 25. Juli 2011:
(…) Auch wenn Hartz IV heute Bestandteil unseres ehrlosen Dahinvegitierens ist (…) müssen wir uns wieder aktiver gegen diesen von der Bundesregierung hofierten Finanzmarkt wehren, demo offensichtlich die Bundesregierung alles zu opfern bereit ist. Jetzt spannt sie Rettungsschirme, aber nicht für uns Bürger, sondern für Banken und Spekulanten. Ja, Hartz IV ist Gewissheit, aber kein Dogma. Es liegt an uns die Politiker und Parteien, die uns diese Suppe einbrockten, sprichwörtlich in die Wüste zu schicken. In Deutschland halten 20 Prozent der Bürger eben 90 Prozent des Reichtums, 10 Prozent besitzen 80 Prozent. Man sieht also wie die Verteilung der Gewinne in den letzten Jahren, seit Genosse Schröder unter rot-grüner-schwarzgelber Zusammenarbeit die Erwirtschafter des Reichtums immer ärmer, immer erpressbarer, immer arbeitsloser machte. (…) Das soziokulturelle Erbe wird von dieser politisch herrschenden Kaste verschleudert, weil Einkommensmillionäre nicht steuerlich belastet werden sollen, wie sie es vertragen könnten. (…)
Keine Neid- sondern eine Gerechtigkeitsdebatte
Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer, deswegen führen wir an dieser Stelle auch keine Neiddebatte. Es ist eine Gerechtigkeitsdebatte. (…) Die Finanzierung dieses Staates und dessen Aufgbaben wären überhaupt kein Problem, wenn die Regierung und dieser Bundestag dafür Sorge trügen, dass es einen Mindestlohn oder ein Grundeinkommen geben würde, wenn sie für eine gerechte Entlohnung oder ein Grundeinkommen geben würde.
Es wäre überhaupt kein Problem, wenn sie mit ihrer durch die Agenda 2010 verursachten Dumpinglöhne und die in der Privatwirtschaft Arbeitsplatz vernichtenden Ein-Euro-Jobs nicht den Mittelstand zerstören würden. Eines haben Schröder und Fischer erreicht, sie haben in Deutschland den größten Niedriglohnsektor Europas geschaffen und damit der jetzigen Bundesregierung unter Schwarz-Gelb ein schweres Erbe hinterlassen. Es ist nicht leicht diesen noch zu vergrößern und dennoch schafft die Merkel-Rösler-Regierung dies. Warum hat Rot-Grün damit angefangen? Um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu verbessern? Aber mit der Steigerung unserer Wettbewerbsfähigkeit vernichten wir Arbeitsplätze in den Ländern, über denen jetzt Rettungschirme gespannt werden müssen. (…) Wenn wir wieder entsprechende Löhne haben, von denen man leben kann, dann tun uns Rettungschirme nicht so weh. Im Prinzip habe ich auch nichts gegen Rettungsschirme für die betroffenen Menschen, aber ich habe schon etwas dagegen, weil diese eben nicht für die Menschen sind, sondern für die schon erwähnten Banken und deren Spekulanten. Diese Hilfe durch die Rettungsschirme dient dazu, den in Staatsanleihen investierenden Privatanlegern ihre Millionen oder gar Milliarden zu sichern.
Wo bleibt der Rettungschirm für unsere Bürgerinnen und Bürger?
Darum ist unser Motto heute der Rettungsschirm, den die Bundesregierung für seine Bürger übrig hat. Dieser bietet auf jeden Fall für jeden den gleichen Schutz, nämlich keinen. Wer sollte denn für Deutschland noch aufkommen können, wenn wir als letzter Stein im Dominospiel kippen? Darum riefen wir für heute auf, damit Politik in Deutschland endlich die Vernichtung unserer soziokulturellen Errungenschaften und die damit einhergehenden moralischen Werte beendet.
Ehrholdts Erklärungen in eigener Sache
(…) Erklärungen, warum ich wieder mit der Demonstration beginne. Sicherlich sind noch zwei Montagsdemos in Magdeburg existent, und ich habe auch nichts gegen sie. Mögen sie sich um die Menschen kümmern, die sich von denen vertreten fühlen. Ich gehöre nicht dazu. Ich fühl’ mich weder von der Montagsdemo der Bürgerinitiative und schon gar nicht von derjenigen der MPLD vertreten.
Mein Ansinnen war es schon 2004 gewesen alle Menschen geschlossen zum Widerstand zu vereinen, was anfangs gelang, zumindest bis Ideologien Einzug hielten. Es gelang bis ich Instituionen und Profilneurotikern im Wege stand. Der Umgang mit meiner Person hat mich gekränkt, im wahrsten Sinne des Wortes. (Andreas Ehrholdt erlitt einen Schlaganfall; C.D.Stille) Darum würde ich heute beginnen einiges an der Demo zu ändern. Den Störenfrieden zum Beispiel eine gewaltige Portion an Macht dadurch zu nehmen, dass es keine offenen Mikrofone mehr gibt. Warum? Weil sie den Demagogen dienlich sind, sie spalten mit ihren Rezepten (…). Ein Beispiel: Die Forderung 10 Euro Mindestlohn bei einer 30-Stundenwoche und 500 Euro Eckregelsatz. Ich bin nicht dagegen, dass es den Menschen besser geht. Aber was bewirkt diese Forderung? Die Menschen, die sich freuen, würden schon für 7 Euro lieber 40 Stunden die Woche arbeiten würden und lieber eher in Rente gehen würden, die kommen nicht. Diejenigen, welche meinen, 500 Euro Hartz IV und Miete, dann brauch ich auch für 10 Euro nicht arbeiten gehen, weil ich Minus mache, die kommen nicht. Und dann sind da die vielen Menschen denen die Frage eingehämmert wird, wer soll das bezahlen?, die kommen dann erst recht nicht. Über (…)
diese Kanalisierung des Widerstands freut sich der Bär, sprich die herrschende Kaste, den wir erst erlegen müssen, bevor wir dessen Fell verteilen können. (…) Lasst uns von nun an als anonyme starke Masse gemeinsam einen Weg in ein gerechteres und sozialeres Deutschland, ein sozialeres Europa gehen.
Hinweis: Die Worte in nichtkursiver Schrift wurden vom Autor dieses Beitrages zum besseren Verständnis eingefügt. Einige nicht sinnentstellende Kürzungen wurden ebenfalls vorgenommen.
Was bleibt vom montäglichen Montagsdemo-Anlauf-Versuch am Magdeburger Hasselbachplatz? Zumindest machte Kämpfer Ehrholdt deutlich, dass er längst nicht bereit ist, den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit aufzugeben. Deshalb hat er getreu seinem eingangs dieser Zeilen erwähntem Motto auch nicht verloren. Denn der Weg ist bekanntlich das Ziel. Und zuweilen ist der Weg eben nur unter Mühen zu bewältigen. Wenn auch einigen Prekarisierten in Magdeburg und anderswo das Wasser sozusagen Oberkante Unterlippe stehen mag, oder sie eventuell des Protestes müde geworden sind, weil sie kein Licht am Ende des Tunnels erblicken; so steht dennoch fest: Aus dem Wasser reckt sich eine geballte Faust. Sie gehört Andreas Ehrholdt, der sich, trotzdem ihn der Schlag traf, nicht geschlagen gibt.
Photo/Quelle: Martin Müller via Pixelio.de
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