Visit Peace: Erschütterungen in Oslo – Ein Augenzeugenbericht

Samstag, 23.7. 2011 – Im Bus von Oslo nach Hause. Schweden schon. Dicke runde Steine und Grün säumen den Straßenrand. Regen. Gestern um diese Uhrzeit in Oslo hat es auch geregnet. Eigentlich regnete es mehr oder weniger den ganzen Tag. Weshalb ich meinen Vormittag mit ausgedehnten Straßenbahnfahrten verbracht hatte. Oslo

4178803433_9057e7705f1.jpgSamstag, 23.7. 2011 – Im Bus von Oslo nach Hause. Schweden schon. Dicke runde Steine und Grün säumen den Straßenrand. Regen.
Gestern um diese Uhrzeit in Oslo hat es auch geregnet. Eigentlich regnete es mehr oder weniger den ganzen Tag. Weshalb ich meinen Vormittag mit ausgedehnten Straßenbahnfahrten verbracht hatte.
Oslo war für mich nur Transitstation auf dem Weg zurück von einem wunderbar idyllischen Landurlaub in Solvorn, einem kleinen Ort in Vestlandet, der westlichen Region Norwegens, inmitten herrlich grüner stiller Fjorde, einer majestätischen Berglandschaft und unglaublich freundlichen, offenen Menschen.

An der Tür meiner Unterkunft hing ein Schild mit der Aufschrift, dass man wohl über ein Schließfach verfüge und es auch möglich sei, Wertsachen an der Rezeption abzugeben – jedoch:  there has never been anything stolen at the hostel. Weshalb ich dann auch den Versuch wagte, und meine Wertsachen einfach unverschlossen im Schlafsaal ließ. Es gab keinen Anlass für die Hostel, den Inhalt des Hinweisschildes nach meinem Besuch zu ändern.

In der Unterkunft in Oslo war man vorsichtiger: es wurde darauf hingewiesen, dass man auf jeden Fall sein Zimmer verschliessen sollte, auch wenn man darin schlief, und bereits im Eingangsbereich hing ein Schild mit dem Hinweis: Pickpockets love tourists.

Trotzdem kann ich als Hostelreisende behaupten, mich selten irgendwo auf der Welt so sicher gefühlt zu haben wie in Norwegen.

Dieser Eindruck stellte sich bereits bei meiner Ankunft in Norwegen ein. Schon zuhause hatte ich über die Wegbeschreibung zu meiner Osloer Hostel geschmunzelt: if you arrive at the Central Station, ask someone for the direction of Storgata and follow this street towards the river. Na prima, dachte ich, mal sehen, ob das auch für mich gilt: meine Ankunftszeit am  Jernbanetorget, dem Osloer Hauptbahnhof, war geplante 23.50h. Doch, erstaunlich, genau so hat es dann funktioniert. Bei einer realen Ankunftszeit von 0.40h verließ ich etwas desorientiert den Bahnhofskomplex, drehte mich ein paar mal um die eigene Achse, wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte, fand eine Person zum Fragen, fragte, erhielt eine kompetente Antwort, marschierte unbehelligt durch das als „multikulturell“ im Reiseführer beschriebene Stadtgebiet – und fand meine Hostel.

Fragen, freundliche Antworten erhalten, selbst auch angesprochen werden, plaudern, Interessantes erfahren, Gelassenheit – das war mein Eindruck nach knapp zwei Wochen Norwegen, und auf jeden Fall werde ich dieses Land wieder besuchen.

Doch zurück zum Freitag. Dem 22.7.2011…

Wenn ich in einer fremden Stadt bin, fahre ich gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln einfach mal ziellos bis zu den Endstationen. Es ist immer spannend, welche Seiten der Stadt sich auf diese Weise zeigen, und immer gibt es etwas zu entdecken. So fahre ich also auch am Vormittag des 22.7. durch die Gegend, von Skillebakk nach Grunerlokka, von Toyen nach Uranienborg. In Oslo kann man wunderbar mit Bus und Bahn unterwegs sein, überall gibt es Schienen und Haltestationen, und immer wieder kommt man direkt durchs Regierungsviertel, am Stortinget, dem Parlament und am Slottet, dem Königspalast vorbei. Auch das norwegische Ministerium für Wirtschaft und Öl befindet sich hier.

Es ist viel los auf den Straßen. Vor allem viele Touristen erfreuen sich, ganz unbelastet vom regnerischen und windigen Wetter, an den prächtigen Gebäuden, Cafes und Geschäften, machen Fotos, kaufen ein.
Um 15.26h  fahre ich nicht mehr Bahn. Bereits gegen Mittag bin ich vom Bahnfahren auf Museumsbesuche umgestiegen. Das östliche Stadtzentrum lockt mit dem Astrup Fearnley Museum, ich bin vor allem von Anselm Kiefers monumentaler Bleiskulptur Zweistromland beeindruckt. Das Filmmuseum liegt auf dem Weg und ich bestaune die hier gezeigten zensierten Filmausschnitte aus knapp 80 Jahren Filmgeschichte. Ebenfalls nicht schlecht staune ich über die Aktivitäten an einem kleinen buschgesäumten Platz in diesem sonst eher schicken touristisch gut erschlossenen Viertel.  In aller Öffentlichkeit erkaufen sich hier offensichtlich Drogenabhängige mit ein paar schnellen Diensten ihre nächste Dosis Stoff. Eine nicht mehr ganz so junge Frau verschwindet mit hochgeschürztem weiß wehenden Rock mit einem Freier im nur spärlich vorhandenen halbhohen Laub.

Es ist 15h. Ich gehe weiter. Bis zum Schluss habe ich mir den Besuch des Nobel Peace Centers in der westlichen Innenstadt aufgehoben, das in seiner Broschüre mit „Visit peace“ lockt. Klappt das noch? Es hat bis 18h geöffnet. Ja, denke ich. Aber vorher auf jeden Fall noch etwas trinken, und vielleicht auch eine Kleinigkeit essen. Das reicht noch, denke ich mir: gut zwei Stunden Zeit, um den Frieden zu besuchen. Ich laufe die Radhusgata entlang. Wo gibt es hier ein Café? Ich blicke auf noch einmal auf die Uhr. Es ist 20 nach 3. Ein Stück weiter vorne sehe ich ein Schild! Ah! Hier war ich gestern schon einmal für einen Kaffee to go. Der schmeckte gut. Ich schaue ins Cafe´, die schlanke dunkelhäutige junge Frau vom Vortag – Erithreärin? -steht hinter dem Tresen und lächelt mich an. Da gibt es einen gewaltigen Knall.

Ein gewaltiger laut hallender Knall in der Luft.

Ein mächtiges, kraftvolles Dröhnen, das meinen ganzen Körper erschüttert, das aus dem Boden zu kommen scheint, auf dem ich stehe. Ein Knall, der die Ohren erfüllt, und der seine Resonanz in der Erde zu haben scheint. Straßen, Häuser, die durchgeschüttelt werden, ein Beben, das durch alles geht, was dieser Boden trägt, Lebendiges und Gebautes.

In mir wird es ganz still.

Ein Gedanke durchstreift mich, dass ich dieses Gefühl von irgendwoher kenne, aber noch fällt mir nicht ein woher. Ich bin ganz still, fast entspannt. Menschen bleiben stehen, auch sie leise, still. Man schaut sich um: was war das? Woher kam das? Ich bin wieder ganz auf die Straße hinausgetreten und blicke die Straße hinauf in die Richtung, aus der der Knall gekommen zu sein scheint. Dort sehe ich jetzt ein paar Kreuzungen weiter am Ende der Straße über der Häuserfront eine dichte hellbraune Staubwolke steil gen Himmel steigen. Schnell wird sie größer. Ein kräftiger Wind weht, und schon sehe ich, wie die Wolke nicht länger vertikal nach oben wächst, sondern, breiter werdend auf mich zu kommt.

Wir stehen. Wir schauen.

Andere Leute gehen die Straße entlang als ob nichts sei. Manche in meine Richtung. Manche der Staubwolke entgegen. Nur die Stille ist ungewöhnlich. Als ob wir alle lauschten, irgendwie. Die Staubwolke kommt näher. Ratlosigkeit in den Gesichtern. Die ersten Fragen werden laut: Was war das? Ich selbst frage es auch: what was this? What happened? An explosion? In the City Center? – Versuchte Antworten. Erste Papierfetzen wehen mir ins Gesicht. Ich atme Staub. Mit großer Geschwindigkeit wird die Staubwolke dichter. Schnell gehe ich ins Café hinein. What happened? Frage ich die eritreisch aussehende Kellnerin. We don´t know lächelt sie.

Viele Gäste des Cafés sind jetzt aufgestanden und gehen hinaus auf die Straße. Kommen mit vor Mund und Nase gehaltenen Händen wieder zurück. Papierfetzen, Dreckpartikel treiben vorbei. Neue Menschen kommen von draußen hinein. Besorgte Gesichter jetzt.
Manche Gäste essen und trinken weiter. Als ob nichts sei. Eine Familie mit einem Neugeborenen sitzt in der Ecke des Cafes beim Essen. Es wird gelacht und geplaudert. Die Mutter beruhigt das Kleine, das zu Weinen begonnen hat. Es ist halb Vier. Ein Mann schlägt den Bedienungen hinter dem Tresen vor, die Nachrichten einzuschalten im Radio. Eine Kellnerin sucht den Sender. Es wird an den Knöpfen gedreht, ein Sprecher erklingt mit ruhiger Stimme. Die meisten Gäste hier sind Touristen und können, wie ich auch, kein Norwegisch. Nach einer Weile wird das Radio wieder abgedreht. What did he say? frage ich. Nothin´ sagt das Mädchen hinter dem Tresen. In den Nachrichten wird noch nichts berichtet über die Explosion, offenbar. Ich gehe wieder nach draußen. Weiter fliegen Staub und Papier durch die Luft. Dann kommt der Brandgeruch.

Noch immer gibt es Menschenbewegungen in beide Richtungen. Jetzt laufen alle schneller. Und alle, ausnahmslos alle, scheinen Handys am Ohr zu haben. What happened? Frage ich. Perhaps a bomb, sagt jetzt eine Frau. In our government building. Eine Bombe? Der Brandgeruch wird beißend. Ich kann nicht verstehen, wieso alle diese Menschen noch auf der Straße sind, wieso einige sogar noch in Richtung der Brandstelle laufen! Schnell gehe ich wieder ins Cafe´ zurück. Die Bedienungen machen fast business as usual. Es wird bestellt, bedient, gegessen, getrunken. Ich kann nicht verstehen, wieso sie das Radio wieder ausgemacht haben! Der ebenfalls schlanke dunkelhäutige Kellner – Eritreer?- hat zwar jetzt auch ein Handy am Ohr, aber wieso machen die denn das Radio nicht wieder an? What happened? Frage ich das dunkelhäutige Mädchen. We don´t know sagt sie. My brother tries to find out. Sie lächelt. They don´t speak much Norwegian sagt die dritte Kellnerin zu einer anderen Cafebesucherin. Ich versuche, vernünftig zu denken. Ich weiß nicht, was da draußen so stinkt. Es hat eine Explosion gegeben. Wie gefährlich das ist, weiß ich nicht. Ich will keine Rauchvergiftung! … Am anderen Ende der Straße beginnt sofort der Fjord. Ich versuche mich zu erinnern. Wir sind hier auf so einer Art Halbinselchen. Wenn ich aus der Rauchzone wegwill, wie muss ich da gehen? Vermutlich muss ich erst mal nach rechts oder links, weil hinter mir ja Wasser ist. Bestimmt werde ich mich wieder verirren! Und wohin soll ich dann überhaupt gehen?

Zum ersten Mal habe ich Angst.

Ich versuche, vernünftig zu denken. Ich bin in dieses Café gekommen, weil ich etwas zu essen und zu trinken brauchte. Das ist noch immer der Fall. Und ich hatte sowieso Hunger und Durst wie gewohnt erst wieder sehr anwachsen lassen, bevor ich mich zu einer Rast aufraffen konnte. Also. Dann mache ich jetzt auch das, was ich zu tun vorhatte, beschließe ich. Hier bleiben und rasten. Ich bestelle mir ein Spinat Pie und einen doppelten Cappuccino und schenke mir ein großes Glas Wasser aus der bereitstehenden Karaffe ein. Dann gehe ich erst mal zur Toilette.

Als ich zurück komme, bemerke ich auch im Café einen leichten Brandgeruch. Wieso schließen die denn nicht die Tür? Ich frage, ob es möglich ist, die Tür zuzumachen. Das Mädchen zuckt mit den Achseln: Sure. Gemeinsam schließen wir die Eingangstür. Das Mädchen steckt noch einmal kurz den Kopf nach draußen, schließt die Tür wieder und verzieht angewidert das hübsche Gesicht. Sie schlendert hinter den Tresen zurück. Ich spüre langsam Ärger in mir aufsteigen. Die Crew dieses Cafes scheint mir allzu unbesorgt. Ziemlich lässig gehen sie mit dieser Situation um! Sie sind doch hier die Zuständigen! Wieso wissen die denn nichts! Wieso muss ich mich denn darum kümmern, dass die Tür geschlossen wird! Das ist doch deren Verantwortung! Und das ist doch gefährlich! Wer weiß, was da brennt! Das ist doch bestimmt giftig!

Vielleicht kennen die sowas von Zuhause, denke ich, mit dem Blick auf die beiden Dunkelhäutigen. Bilder von schwarzen Menschen in Kriegsgebieten und Armenvierteln steigen vor meinem inneren Auge auf. Brennende Reifen und Müllberge. Gleichzeitig denke ich so ein Blödsinn!, weil das bestimmt ja ganz andere Länder sind, aus denen diese Bilder in meinem Kopf stammen als die Herkunftsländer dieser jungen Farbigen. Trotzdem finde ich diese Unbekümmertheit langsam enervierend.

Mein Essen kommt. Schnell ist alles hinuntergeschlungen, aber ein bisschen besser fühle ich mich jetzt. Ein kurzer Abstecher an die Tür zeigt: der Gestank hält unvermindert an. Intensiv und nach etwas Brennendem, das sicher ganz und gar nicht gut für mich ist.
Mittlerweile strömen draußen auf der Straße zunehmend Menschen mit grauen, steinernen Gesichtern vorbei. Ich suche nach einem passenden Begriff für diesen Gesichtsausdruck und mir fällt immer nur der englische Begriff distress ein. Diese Leute hier sehen angestrengt aus und in Not. Das müssen Menschen sein, die direkt etwas gesehen haben, denke ich mir. Alle haben ein Handy am Ohr. Graue Gesichter, distress, Handy am Ohr. Ambulanzen fangen an zu heulen. Ich gehe zurück zum Tisch. Ich überlege. Ich setze meine Lesebrille auf und hole den Stadtplan hervor. So. Wo bin ich genau?

Noch immer scheint niemand wirklich zu wissen, was passiert ist. Zwei Frauen kommen herein, setzen sich an den Nebentisch und beginnen auf schweizerdeutsch miteinander zu reden. Wisst ihr, was passiert ist? Frage ich sie. Wir wissen auch nicht mehr als Du! Fährt mich die eine an und wendet sich sofort wieder von mir ab. Da ist mir die Gelassenheit der Kellnerinnen doch bedeutend lieber.

Mir wird klar, dass mir hier niemand sagen wird, was jetzt zu tun ist.

Ich fasse in meinem Kopf zusammen, was ich weiß. Eine Explosion auf jeden Fall. Das Regierungsgebäude beschädigt. Eine Bombe? Das scheint mir erst mal Spekulation. Ich versuche noch einmal herauszufinden, an was mich das Gefühl der Explosion vorhin erinnert hat. Woher ich dieses Gefühl kannte… Noch immer weiß ich es nicht.
O.k. Was jetzt also tun? Alle meine Wertsachen habe ich bei mir. Das ist gut. Ich trage robuste, bequeme Laufschuhe an den Füssen, habe meine Regenjacke dabei, mein großes weiches Tuch. Das ist auch gut.
Da ich meine Heimreise erst am nächsten Morgen antreten will, ist mein Hauptgepäck, ein großer schwerer Rucksack, noch in meiner Unterkunft, am anderen Ende der Innenstadt.

Wie es da wohl jetzt aussieht? Die Unterkunft ist etwas weiter entfernt vom wahrscheinlichen Explosionsort als ich es jetzt bin. Wenn der Wind nicht dreht, so dürfte das Gebiet dort auch außerhalb der Brandwolke liegen. Ich plane meinen Weg zu meiner Unterkunft. Weil ich auch gar nicht weiß, wohin ich sonst gehen sollte. Ich will vermeiden, dass ich doch falsch laufe und auf den Brandherd zu statt weg. Ich habe Angst vor diesem Rauch!  Ich plane einen Weg am Wasser entlang, ganz außen rum. Nur nicht aus Versehen näher an den Brandherd ran! Und ich werde versuchen, dann von hinten herum zum Bahnhof zu gehen und noch Geld abzuheben. Der Bahnhof liegt auf meinem Weg. Ich habe nur noch umgerechnet 50 Euro. Das ist nicht viel. Wer weiß, was hier los ist! Vielleicht werde ich norwegisches Bargeld brauchen!

Die Bedienung kommt wieder an meinem Tisch vorbei. Fast mechanisch frage ich sie What happened? Und sie lächelt We don´t know for sure. But we have been told we should go home.  Ich sehe, dass mittlerweile auch noch eine ältere, rundliche, bunt gekleidete Farbige zusammen mit dem jungen Kellner im Eingangsbereich steht. Die Mutter, denke ich. Man lächelt. Man umarmt sich. Die junge Frau wischt den Tresen und schliesst eine Schubladentür ab. We should go home! Denke ich und verstehe erst jetzt, was sie mir gesagt hat. Die machen jetzt hier dicht! Alle anderen Gäste sind schon gegangen, merke ich erst jetzt, nur die Familie mit dem Baby zögert noch einen Moment, bevor sie nach draussen gehen. Schnell stehe ich auf zum Bezahlen. Cash or Credit Card? Fragt das Mädchen. Credit Card, please, sage ich. Ich bezahle und warte auf den Beleg. Der kommt nicht. Oh! We had some trouble lately with the machine sagt das Mädchen entschuldigend. Never mind sage ich. Ich gehe. Das Mädchen schliesst die Kasse ab.

Ich schlage also zunächst den Weg Richtung Wasser ein, biege dann links ab – und stelle mit ungeheurer Erleichterung fest, dass der Brandgeruch sofort ein bisschen schwächer wird. Ich laufe weiter, Richtung Hauptbahnhof. Auf den Straßen viele Menschen, eine Mischung wiederum aus business as usual, immer noch, und ernsten Gesichtern. Viel Handygebrauch, aber auch Lachen, Touristen, die unbekümmert Fotos machen voneinander. Große Menschentrauben jetzt an den Bushaltestellen. Der Brandgeruch ist auf einmal völlig verschwunden. Es ist nichts Ungewöhnliches zu sehen, hören oder riechen hier.

Ich bin am Bahnhof. Es gibt hier große Markthallen, mehrere Ebenen voller Läden, überall Menschen. Ich gehe durch den Eingang an der Karl Johans Gate. Menschen, überall. Betriebsamkeit. Nichts zu spüren von irgendetwas Ungewöhnlichem. In einem Friseurladen sind drei Friseurinnen mit den Köpfen ihrer Kunden beschäftigt. Ich durchquere die ganze lange Halle, bis ich am anderen Ende eine Rolltreppe hinauf zum Geldautomaten nehme. Ein Mann zieht vor mir Geld. Ich warte. Ich überlege, wieviel ich abheben soll. Der Geldautomat wird frei. Ich stecke meine Karte in den Schlitz. Ich wähle die Sprache. Verschiedene Vorschläge für abzuhebende Geldsummen erscheinen auf dem Display. 5000 Kronen? Das klingt gut. Das mache ich. Ich drücke die Taste, bestätige. Ich werde aufgefordert, meine Karte zu entnehmen. Ich entnehme sie. Ein dickes Bündel Geldscheine erscheint. Ich nehme sie an mich, verstaue sie in meinem Portemonnaie. Ich schaue mich um.
Da sehe ich, wie ringsumher plötzlich überall aufgeräumt wird. Tische werden geputzt, Stühle zusammengestellt, erst geht ein Rollladen runter, dann ein anderer. Gitter werden ausgefahren und verschlossen, Lichter gehen aus. In beängstigender Geschwindigkeit leert sich das Gebäude. Alles leise, en passant, wie nebenbei.  Nur im Friseurgeschäft schneiden die Friseurinnen unbeirrt noch weiter Haare. Schnell gehe ich zu einem Kiosk. What´s happening frage ich. We are all closing now, Lady. The hotels are closing, too. You better look for a place to sleep now Antwortet die Frau freundlich.

Eilig durchquere ich das Gebäude und gehe auf den Ausgang zu. Aber ich habe doch einen Platz zum Schlafen, denke ich verwirrt. Ich habe doch bis morgen gebucht! Vor dem Ausgang draußen steht jetzt Polizei. Zwei Männer in gelben Westen mit der Aufschrift Politi sperren mit Rotweiß-Band das Gelände ab. Ich gehe auf den einen zu. Excuse me, sage ich -irgendwie fühle ich mich schüchtern jetzt –perhaps you can tell me what is happening?

Yes. There has been a bomb in the city center. Our government building is affected. You will understand that we are in great sorrow
sagt der junge Mann ernst. Will there be busses tomorrow? Frage ich und komme mir plötzlich total daneben vor mit meiner eigenen Sorge, ob mein Bus fährt, angesichts dieses Unglücks. Yes. We will try to keep  public transportation working Sagt er.

Sorge. Ernste Auskünfte. Aber keinerlei Anzeichen von Panik.

Das fällt überall auf hier. Macht es leichter, einerseits. Aber macht es auch irgendwie schwerer zu wissen, woran man ist, wie die Lage einzuschätzen ist. Auf dem Weg vom Bahnhof zu meiner Unterkunft jetzt immer mehr Polizisten, die in ihren hellgelb leuchtenden Westen deutlich sichtbar sind. Immer mehr Ambulanzen, die mit Blinklicht und Sirene die Straßen entlang brausen.

Ich sehe die ersten zerbrochenen Fensterscheiben. They closed off the City ruft jetzt eine Frau. Tatächlich jetzt überall rotweißes Plastikband, gesperrte Straßen. They are evacuating the city center! You will have to find a new place to stay ruft mir eine andere Frau zu.  Aber ich bewege mich weiterhin außerhalb der gesperrten Zone entlang. Allmählich schöpfe ich Hoffnung: wenn dieser Bezirk hier nicht gesperrt ist, dann ist sicher auch mein Hostel offen!
Die ganze Storgata entlang immer wieder Haufen gesplitterten Glases am Boden, ganze Ladenfassaden ohne Fensterscheiben. Vor einem Geschäft steht bereits ein Glaserei-Van – da hat jemand offenbar sehr schnell reagiert.

Ich überquere die Hausmanns Gate, noch ein paar Meter jetzt nur:  Erleichterung! Ja, mein Hostel ist offen!

Die großen Fensterscheiben, die Einblick gewähren in den gesamten Rezeptions- und Aufenthaltsbereich meiner Unterkunft sind unversehrt. Vor dem Gebäude haben sich große Menschentrauben gebildet, die durch die Scheiben auf den riesigen Fernsehbildschirm blicken, der den Aufenthaltsraum der Hostel dominiert. Eine norwegische Nachrichtensendung läuft.
Und vorbei ist es mit Bedachtsein, mit Gefasstheit.
Zu sehen: Momentaufnahmen von Verwundeten. Ein aufgeregter Kommentator. Auf den Sofas vor dem Bildschirm, an der Rezeption, auf der kleinen Galerie des Raumes, draußen vor den Fenstern – überall gebannte Blicke auf das, was da gezeigt wird.

Fast niemand versteht Norwegisch. Die Gerüchteküche kocht. Weiß man schon, wer dahinter steckt? Flere skadet og to personer bekreftet omkommet zeigt das am unteren Bildrand durchlaufende Banner.
Immer die gleichen Bilder werden gezeigt, die sich mit den Gesichtern der Kommentatoren abwechseln: ein Mann, dem Blut über das Gesicht rinnt im Close Up, ein sehr blasses Bein mit sehr blassem Fuss, blutüberströmt, eine blonde junge Frau im blauen T-Shirt auf dem Weg zu einer Ambulanz, die von einer Polizistin getröstet wird, Häuser mit zerbrochenen oder weggefegten Fensterscheiben, ein Fensterloch, aus dem Qualm dringt…

Ich ergattere einen Platz auf einem der Sofas und reihe mich ein in diese kleine aufgeregte Schicksalsgemeinschaft ratloser Touristen. An der Rezeption beginnen die ersten Gäste aus den geräumten Hotels einzuchecken.

Wer hat das getan? Es war eine Autobombe, ist man sich jetzt sicher. Ein ausgebranntes Auto wird gezeigt. Man schnappt etwas auf von Ultrarechten und Pakistanis, wenn man als Deutsche genau hinhört. Viele Worte sind sehr ähnlich wie die unseren. Die Ultrarechten also, und/oder die Pakistanis. Beides taucht immer wieder auf, aber es taucht auch auf im Zusammenhang mit dem Wort ikke, nicht. Was wird da erzählt? Dass es die Pakistanis waren? Dass es die Pakistanis nicht waren? Oder die Ultrarechten? Oder die nicht? – Spekulationen.
Wir sitzen gemeinsam vor dem Bildschirm und dennoch gibt es merkwürdig wenig Kontakt miteinander. Fast jeder hat selbst auch noch ein Handy im Schoß und einen Laptop auf den Knien, mit dem er im Internet surft. Eine Flut der immer gleichen Bilder und Nachrichten in allen Medien. Ich verstehe nichts. Ich will etwas verstehen. Das macht mir Angst.

Nebenan gibt es ein Internetcafe´. Es ist geöffnet. Ich setze mich an einen Rechner und klicke mich durch Heute, Tagesschau, Spiegel online, Zeit online…

Erst hier erfahre ich: alles ist abgeriegelt, weil noch mehr Bomben befürchtet werden! Der Flughafen ist geschlossen worden! Meine Angst wächst. Erst jetzt wird sie wirklich spürbar. Die Möglichkeit weiterer Bomben war mir irgendwie gar nicht in den Sinn gekommen.
Vorher dachte ich: es ist etwas passiert! Was auchimmer Schreckliches das ist, es liegt jetzt in der Vergangenheit. Es ist jetzt vorbei. Es hat etwas gebrannt. Ich bin davor weggelaufen. Es gab eine gewaltige Explosion. Menschen wurden getötet. Aber ich war keiner von denen, die getötet wurden.

In den Meldungen im deutschen Internet steht auch, da würden Gebäude brennen. Aber nein! Ich bin hier und es regnet. Und nichts deutet darauf hin, dass da noch etwas brennt. Mir fällt ein, dass das Zuhause niemand wissen kann, der mich kennt und weiss, dass ich hier bin: dass es mir gut geht. Ich schreibe also eine Mail nach Hause: „Habt keine Angst, wenn ihr in den Medien von der Bombenattacke in Oslo hört. Es ist vorbei. Es geht mir gut! Habt keine Angst!“

Ich weiß schon in diesem Moment, dass ich mir das auch ein bisschen selbst sagen will, mich erinnern will: die Wirklichkeit ist hier um mich herum. Es geht mir gut! Die akute Bedrohung ist vorbei. Hier bin ich und alles ist ok. Ich kann es sehen, riechen, hören, fühlen, das alles ok ist. Ich bin nicht angewiesen auf das, was die Medien zeigen. Ich bin tatsächlich hier, in Sicherheit, im Warmen, mit einem Dach über dem Kopf und es geht mir gut…

Wieder zurück im Hostel laufen mittlerweile jetzt im Fernsehen die BBC World News. Englisch also. Ich verstehe jetzt, was gesprochen wird, aber ansonsten hat sich nicht viel verändert. Immer noch die gleichen Bilder und aufgeregt spekulierende Kommentatoren mit drängenden Stimmen. Wie gelähmt auf den Bildschirm starrende Gäste. Immer mehr Neuankommende an der Rezeption.

Nicht neu angekommen ist der Mann, der – mit dem Rücken zur Wand unterhalb des an dieser angebrachten Fernsehbildschirms- auf dem Sofa sitzt und offenbar die Zuschauenden anschaut. Dieser Mann macht mich vermehrt nervös. Er sitzt schon die ganze Zeit da. Auch vorhin schon, bevor ich ins Internetcafé ging, war er da.

Ein schlecht rasierter, dunkler Mann- Pakistani? – von vielleicht Mitte dreißig Jahren. Er sitzt wie eine Säule, mit unbewegter Miene unter dem dröhnenden Fernsehgerät. Nur die kleinen, wie von Drogen verschleierten Augen werfen den anderen Anwesenden schnelle kleine Blicke zu, die der Mann sofort verbirgt, wenn jemand zurückblickt. Und wenn das nun…ich schäme mich sofort für meine Gedanken… und wenn das nun… ich weiß genau, ganz genau, so passiert das: da wird eine Info, ein Begriff, in die Runde geworfen, ein Verbrechen ist geschehen, man spekuliert mal so herum über eine bestimmte Personengruppe, die als Täter in Frage kommen könnte und schon … und wenn das nun aber doch tatsächlich … und schon fängt man an, Einzelpersonen, auf die irgendwie eines der genannten Charakteristika ungefähr zutreffen könnte zu verdächtigen. Aber was, wenn das nun WIRKLICH. ..EIN… TERRORIST ist?

Unruhig schaue ich mich um: merkt denn sonst niemand, dass dieser Typ sich seltsam verhält? Natürlich könnte man auch sagen, dass jemand, der etwas verbrochen hat, sich sicher nicht so auffällig benehmen würde wie dieser hier. Aber wer weiss? Was mache ich denn jetzt mit meiner Beunruhigung? Ein paar andere Gäste scheinen auch irritierte Blicke zu werfen auf den Mann. Aber die Leute an der Rezeption, die haben alle Hände voll zu tun, die schauen nicht herüber. Sie scheinen ihn nicht bemerkt zu haben. Soll ich sie aufmerksam machen? Soll ich dem Security-Mann, der sich mittlerweile ein paar Meter vor dem Hostel postiert hat, etwas sagen? Die haben doch gesagt, dass weitere Bomben erwartet werden! Und was, wenn jetzt hier…?

Plötzlich ist mir schlecht vor Angst. Panik steigt auf.

Ich bekomme nicht mehr richtig Luft und spüre mein Herz klopfen. Es gelingt mir nicht zu entscheiden, was jetzt richtig ist zu tun. Ich erwäge, einfach wegzugehen und mich in Sicherheit zu bringen. Ich habe solche Angst!

Der Typ schaut jetzt vermehrt zu mir hinüber. Er hat gesehen, dass ich ihn beobachte. Gleich stehe ich einfach auf und gehe hier weg!- Aber wie kann ich wissen, dass ich in Sicherheit bin, wenn ich wieder zurück bin? Dass er nicht immer noch da ist, irgendwo?
Der Mann dreht sich jetzt eine Zigarette. Er nimmt 2 Blättchen Papier aus dem Karton. Sein Gesicht ist weiterhin völlig unbewegt. Der will sich einen Joint drehen! Denke ich. Das tut er dann aber doch nicht. Er dreht sich eine ganz normale Zigarette.
Er steht auf.
Ich weiß jetzt, was zu tun ist. Ich kann mit dieser Angst nicht passiv bleiben. Ich werde ihn ansprechen. Unter einem Vorwand.
Ich stehe auch auf. Ein anderer Mann kommt mir zuvor. Where are you from? Ruft er quer durch den Raum, mit anklagender herausfordernder Stimme zu dem „Pakistani“ hinüber. Wahrscheinlich hat er auch Angst, denke ich.
Aus Deutschland! From Tschör-mi-ni sagt der dunkle Mann mit unverkennbar norddeutschem Akzent. Und fügt hilfreich hinzu, als er das skeptische Gesicht des anderen bemerkt. My father was from U-ru-kwai!. Und schiebt sich ins Freie.

Na und! Sagt trotzig die Angst in mir. Das bedeutet doch gar nichts. Diese verdammten Schläfer waren doch auch dem Papier nach Deutsche, oder nicht? Das heisst doch noch gar nichts!  Aber alleine dadurch, dass der Mann gesprochen, Kontakt aufgenommen hat, bin ich schon ein bisschen erleichtert. Ich setze meinen Plan in die Tat um. Hallo sage ich, Du bist Deutscher?

Jawoll, aus Hamburg, sagt er.  Ich frage ihn, ob mit ihm alles ok sei, er sähe irgendwie aus, als sei ihm das alles hier ganz schön in die Knochen gefahren (ich Lügnerin!). Ja, Norwegen ist nicht gut für welche, die arbeitslos sind und auf der Straße leben, sagt er freundlich. Mich irritiert diese Antwort. Ich insistiere: Nein ich meine die Bombe! Du siehst aus, als ob Du einen Schrecken bekommen hättest (Lüge!)?

Ja, das war schon laut. Sagt er. Ich bin gerne hier in Oslo. Ich war schon einmal da. Das ist eine schöne Stadt, sagt der Mann, nur leider ein bisschen viel Polizei und Security, sagt er. Ich merke, wie meine Angst dem Ärger weicht. Ja klar, sage ich, wegen dem B-o-m-b-e-n-a-t-t-e-n-t-a-t, buchstabiere ich jetzt. Er geht nicht darauf ein: Die Hostel ist auch schön, sagt er. Nur so teuer sagt er. Und: in Oslo gibt es nichts für Obdachlose und Leute die von der Sozialhilfe leben. Da ist es in Deutschland besser, sagt er. Da wohne ich in einem Betreuten Wohnen. Da kümmert sich ein Betreuer um mich. Ich habe nämlich Schizophrenie, sagt er. Und dass er jetzt bald wieder nach Hause müsse, weil sein Geld bald zur Neige gehe.
Ja. Sage ich. Ja. Und: schönen Abend noch, sage ich. Und noch einen schönen Aufenthalt
Danke, Dir auch, sagt er.
Zwei Stunden später – ich sitze beim benachbarten, in diesem Falle bestimmt wirklich aus dem Nahen Osten stammenden Gastronomen gemeinsam mit einem deutschen Pärchen und einem Niederländer bei einem Glas sündhaft teuren Biers und einer ganz hervorragenden Pizza Parma- zwei Stunden später also komme ich mir immer noch ausgesprochen dumm und irgendwie seltsam vor.
Ich habe Psychologie studiert.
Ich arbeite seit mehr als zwei Jahrzehnten in diesem Beruf.
Ich habe Fortbildungen zum Thema Trauma besucht.
Und ich fühle mich dieser Situation in keiner Weise gewachsen.
Es ist alles ganz anders, als ich gedacht habe, dass es in solchen Situationen sein würde.
Das eigene Erleben und das Aufnehmen der Informationen aus den Medien.
Die Erklärungsversuche und die Begegnungen.
Die Gefühle von Wirklichkeit und Unwirklichkeit.
Die Konstruktion von Erklärungen. Das Herstellen eines Handlungsplanes für sich selbst. Die Angst.
Die Angst.
Ein Tag später, im Bus zurück nachhause, mitten in Schweden, weiß ich bereits von dem entsetzlichen Attentat, das der Täter nach dem Zünden der Bombe in Oslo  in dem Youth Camp in Utoya verübt hat. Ich habe ein Gesicht zu den Taten, eine Geschichte. Ein Fanatiker, ein Grössen-Wahnsinniger. Kein Schizophrener.
Das alles bleibt mir seltsam fern. Als hätte es nichts zu tun mit dem, das ich selbst erlebt habe.

Der Bus fährt lange. Von Schweden nach Dänemark. Von Dänemark die Fähre nach Fehrman. Weiter nach Hamburg. Hamburg…
In der Nacht schrecke ich aus einem Albtraum auf: in meinen Träumen war ich im Haus meiner Kindheit, als dieses plötzlich zu beben begann. Entsetzt hatte ich versucht, mich mit den Händen abzustützen, als das Beben mich von einer Wand zur anderen Wand zu werfen begann und der Boden unter meinen Füssen immer stärker wackelte, bis mir klar war: das hält das Haus nicht aus! Jetzt bricht es entzwei.
Ich sitze mit Tränen in den Augen im hin- und her schaukelnden Bus, das Gefühl des bebenden Hauses, das Gefühl des erschütterten Oslos noch immer in mir.

Visit Peace – ich habe zwei Wochen im friedlichsten Land verbracht, das ich jemals besucht habe. Ich habe den Nobel Peace Center nicht besuchen können. Stattdessen habe ich den Versuch miterlebt, diesen Frieden zu erschüttern. Die Erschütterung wird sich legen. Irgendwann. Wenn die Welt es zulässt.

Photo: Magne G, via flickr

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