Fortschritt sieht anders aus: Vor 15 Jahren fuhr die Bahn in zwei Stunden und fünf Minuten von Stuttgart nach München. Heute braucht sie für dieselbe Strecke zwei Stunden und 19 Minuten. Doch mit Hilfe von Stuttgart 21 soll ja jetzt bald alles wieder schneller gehen: ganze 26 Minuten schneller soll die gleiche Strecke werden. Aber dafür will die Bahn viele Milliarden Euro investieren.Der entscheidende Einwand gegen Stuttgart 21 war immer ein ökonomischer: Das Gesamtprojekt soll elf Milliarden Euro verschlingen. Die Süddeutsche Zeitung nennt es in ihrer Wochenendausgabe das „dümmste Großprojekt“. Nicht zufällig ist es zurzeit das am meisten umstrittene.
Nun hat Heiner Geißler als Schlichter einen Kompromiss und eine Kombilösung vorgeschlagen: Teile des bestehenden Kopfbahnhofs sollen für den Nahverkehr erhalten bleiben und ein neuer kleinerer Tunnel-Tiefbahnhof lediglich für den Fernverkehr gebaut werden.
Doch statt das „moderne Konzept“ – wie es das renommierte SMA-Institut nannte – zu prüfen, haben es die Bahn, die CDU und die Stadt Stuttgart rundweg abgelehnt.
Die Bahn hat als Antwort nur einen Tag nach Geißlers Vorschlag Bauaufträge in Höhe von 700 Millionen Euro für das alte Konzept des Tiefbahnhofs vergeben und damit Fakten zugunsten ihres Prestigeprojekts geschaffen. Eine Provokation für die Gegner von Stuttgart 21.
Das ist die alte Taktik der Bahn: Fakten schaffen und Millionenaufträge vergeben, um argumentieren zu können: jetzt ist es eh zu spät für eine Umkehr.
Weil die Bahn zu wenig Geld hat, wurden in den letzten Jahren tausende Kilometer Strecken still gelegt und hunderte Bahnhöfe geschlossen. Wer täglich mit der Bahn unterwegs ist, weiß, dass tausende Bahnhöfe in der Provinz vergammelt sind.
Warum also sollen für ein umstrittenes Prestigeprojekt Milliarden vergraben werden während die dringend notwendige Sanierung der gesamten Infrastruktur der Bahn aus Geldmangel leidet?
Nur weil der Bahnvorstand einen selbst verschuldeten Gesichtsverlust fürchtet. Anders ist die plötzliche Eile nicht zu erklären. Rechthaberei und Provokation sind aber keine Argumente. Großprojekte werden im Schnitt nochmal 50% teurer als sie ursprünglich geplant waren.
Photo: dielinkebw, via flickr
Stuttgart 21 und der “Streßtest”
Die von vorneherein als strategisches Ablenkungsmanöver geplante Geißler-Show hat einen weiteren Höhepunkt erreicht:
die positive Absegung des Streßtestes. Man sollte sich einmal die Vorgehensweise auf der Zunge zergehen lassen:
Bahnchef Kluge beharrt seit jeher – immun gegenüber jeglicher Kritik und Alternativvorschlägen – auf Weiterbau des Tiefbahnhofs und behauptet im autokratischen Stil, es gäbe keine Alternative. Amen!
Obwohl ja – wie angeführt – für die oberste Bahnetage (was auch für die Creme der Politiker in Stuttgart und Berlin gilt) die Weiterführung des Projektes unabänderlich feststeht, initiiert die Bahn wegen des Öffentlichkeitsdrucks halbherzig einen Streßtest. Diesen führt sie natürlich eigenhändig durch, denn es ist ja jedermann bekannt, daß die Schweine ihre Ställe am besten selbst ausmisten können. Um das Ergebnis des Streßtestes erahnen zu können, benötigt man nicht allzu viel Fantasie.
Um dem Ganzen einen objektiven Charakter zu geben, beauftragt die Bahn das angeblich neutrale schweizer Ingenieursbüro SMA mit der Absegung der von der Bahn festgestellten Streßtest-Ergebnisse. Es versteht sich von selbst, daß die SMA für ihren neutralen fachmännischen Rat fürstlich belohnt wird.
Eingeweihte wird das Resultat solch objektiver Überprüfung allerdings nicht erstaunen. Bewertung der SMA: Die Weiterführung des Bauvorhabens wie geplant sei “wirtschaftlich optimal”. Spätestens an diesem Punkt sollte man sich doch fragen: Für wen wirtschaftlich? Es würde mich interessieren, ob außer mir auch andere Menschen das Gefühl nicht los werden, daß es sich dabei um nichts anderes als um einen gekauften Persilschein handelt.
Ich mache keinen Hehl daraus, daß wir es mit einer ziemlich abgeschmackten Farce zu tun haben, wenn Politik und die Bevölkerungsmehrheit lernresistent dieses Trauerspiel unterstützen. Wenn ich auch noch die getätigten Lügen, Verheimlichungen, falschen Kostenvorgaben, technischen Problem und die getürkten Effektivitätsberechnungen mit ins Spiel bringe, dann sehe ich hier einen weiteren Beerdigungszug der Demokratie vor mir. Der geeignete Bahnhof dafür wird ja gerade gebaut!
Link für Interessierte: http://www.kritisches-netzwerk.de