Offener Brief zum Thema Fachkräftemangel an die dafür zuständigen Personen

Da der Fachkräftemangel bereits seit Jahren sowie auch weiterhin in aller Munde ist, habe ich als eine der selber betroffenen Fachkräfte, an denen es angeblich mangelt, dieses Thema sehr aufmerksam verfolgt. Zumal ich dazu ja auch genügend Zeit hatte, da ich im Rahmen meiner umfangreichen Bewerbungsaktivitäten erfahren musste, dass der

384817_R_B_by_Andreas Morlok_pixelio.de.jpgDa der Fachkräftemangel bereits seit Jahren sowie auch weiterhin in aller Munde ist, habe ich als eine der selber betroffenen Fachkräfte, an denen es angeblich mangelt, dieses Thema sehr aufmerksam verfolgt. Zumal ich dazu ja auch genügend Zeit hatte, da ich im Rahmen meiner umfangreichen Bewerbungsaktivitäten erfahren musste, dass der angebliche Fachkräftemangel lediglich die eine Seite der Medaille ist, die Einstellung oder Nichteinstellung von Fachkräften aber eine andere.

Nachdem ich dann irgendwann weitere dazu relevante Artikel gelesen habe, habe ich es mir nicht nehmen lassen, einmal einen offenen Brief zu schreiben. Und zwar an Frau Prof. Dr. Allmendinger, die Präsidentin des Wirtschaftszentrums Berlin, an Frau von der Leyen, unsere Bundesarbeitsministerin, sowie an Frau Wisdorf und andere, welche in diversen Artikeln den Fachkräftemangel beklagen.

Diesen offenen Brief bringe ich nun hier in vollständiger Form in diesem Leserartikel. Und, oh Wunder, ich habe auf diesen offenen Brief auch eine Antwort erhalten. Und zwar vom Bundesministerium für Arbeit uns Soziales.

Da ich den Lesern auch diese Antwort nicht vorenthalten möchte, habe ich dieses Antwortschreiben unter info.kopp-verlag.de veröffentlichen lassen.

Nun aber zunächst einmal zum vollständigen offenen Brief:

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Allmendinger, sehr geehrte Frau von der Leyen, sehr geehrte Frau Wisdorff, sehr geehrte Damen und Herren

Mit Interesse habe ich das Interview mit dem Titel “Man muss die Dauer des Kindergeldes kürzen” gelesen, welches bereits am 30.5.2011 in der Welt-Online gegeben wurde. In diesem Artikel wird ja angestrebt, die Zahl der erwerbstätigen Frauen zu erhöhen. Ebenfalls wird hier über so manche Maßnahmen diskutiert, wie genau dies bewerkstelligt werden könnte. Dabei taucht auch, wieder einmal, der Begriff des sogenannten Fachkräftemangels auf, wie ebenfalls in Artikeln wie “Fachkräftemangel kommt mit großer Geschwindigkeit” vom 19.6.2011.

Sicher ist es durchaus sinnvoll, im Rahmen der Emanzipation für die Frauen, die dies wollen, den Zugang zum Arbeitsmarkt in vieler Hinsicht zu erleichtern.

Genauso wie es sinnvoll ist, dem durch sogenannte Sonderregelungen etwas nachzuhelfen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit einzufordern, und sich zusätzlich auch noch Fachkräfte beiderlei Geschlechts aus dem Ausland zu holen. Vorausgesetzt, dass tatsächlich, wie allgemein und oft behauptet, Fachkräftemangel herrscht und/oder wir in Zukunft auf einen oder einen noch viel größeren Fachkräftemangel zusteuern. Aber genau hier geht die besagte Diskussion in die falsche Richtung.

Zunächst einmal ist da mein Beispiel. So bin ich, promovierter Diplom-Chemiker, quasi seit Ende meiner Promotion im Jahre 2004 arbeitslos und von Hartz 4 abhängig. Und das, obwohl ich bereits Weiterbildungen in Interkultureller Kompetenz, in Wissens- und Contentmanagement sowie in E-Learning und Blended Learning hinter mir habe. Des Weiteren mobil, flexibel und ungebunden bin, sowie dazu bereit, weltweit zu leben, zu reisen und zu arbeiten. Aufgrund meines nicht geradlinigen Lebenslaufes hat mich bis jetzt aber noch niemand eingestellt. Und das trotz Fachkräftemangels. Erst vor einigen Wochen hatte ich dann doch das Glück, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Dies in einem Spezialgebiet der Chemie, in welchem ich mich durchaus hätte einarbeiten können und dazu auch bereit gewesen wäre. Neben mir hat es dann aber, trotz Fachkräftemangels, 16 weitere Bewerber gegeben. Und das in einem “Spezialgebiet” der Chemie. Wie die Bewerbungssituation in anderen Bereichen von Chemie und Naturwissenschaft aussieht, werden Sie sich dann sicher vorstellen können.

Fachkräftemangel sieht aber meiner Meinung nach anders aus.

Gäbe es diesen wirklich, so hätte ich mich eigentlich gar nicht bewerben müssen, sondern wäre von Headhuntern angeworben worden. Ebenfalls wäre die Stelle dann auch nicht auf zwei Jahre begrenzt worden, zumal man hier noch vorhat, eine neue Abteilung aufzubauen.

Weiter kenne ich ebenfalls noch einen habilitierten Physiker ohne die Chance, einen regulären Ruf an einer Universität zu bekommen, eine Medienschaffende, einen Wirtschaftsingenieur, zwei weitere Ingenieure, einen promovierten Physiker, eine promovierte Musikwissenschaftlerin, welche auch computermäßig spezialisiert ist, sowie mindestens zwei studierte Frauen, welche die Arbeitgeber allein deshalb nicht einstellen wollten, weil diese ja noch schwanger werden könnten. Gegenwärtig stehe ich sogar in Kontakt mit zwei Journalisten, welche eventuell einmal Artikel über den Umstand schreiben wollen, dass nicht jede gut ausgebildete Person auch automatisch einen Job bekommt. Selbst dann nicht, wenn diese Leute dazu bereit sind, ihren Standort zu wechseln sowie sich in neue Bereiche einzuarbeiten. Und diese Journalisten haben sogar noch Kontakt zu weiteren Personen. Akademikern, Ingenieuren und Fachkräften also, die trotz des sogenannten Fachkräftemangels fachfremd oder prekär beschäftigt, arbeitslos oder gar Hartz 4 Empfänger sind. Ganz zu schweigen, dass bei meiner letzten Maßnahme der überwiegende Teil der daran Teilnehmenden einen akademischen Hintergrund hatte. Und dass von der darauffolgenden Gruppe von 15 Leuten 14 ebenfalls Akademiker waren.

Und jetzt frage ich Sie: Sieht so vielleicht Fachkräftemangel aus?

Wirklicher Fachkräftemangel, das heißt für mich, dass Dinge wie Geschlecht, Alter sowie im Falle eines Diploms oder einer Promotion Benotung, Studiendauer und Berufserfahrung keine Rolle mehr spielen. Denn bereits vor Beginn des Abschlusses müssten solche Leute von Headhuntern regelrecht gejagt werden. Dies aber ist, wie Sie an den obigen Zeilen unschwer erkennen können, definitiv nicht der Fall.

Fassen wir nun also zusammen: Es existiert definitiv ein Überangebot und kein Fachkräftemangel in vielen Bereichen. Auch nachzulesen unter

http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2011/mai/die-propaganda-vom-fachkraeftemangel

Weiter befinden sich durchaus schon kompetente und willige Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Genauso wie sich auch türkischstämmige Deutsche oder andere Einwanderer der zweiten oder dritten Generation mit hervorragenden Deutschkenntnissen und Qualifikationen dort tummeln. Oder aber bereits schon hochqualifizierte Ausländer eingereist sind. Aber auch diese werden, trotz angeblichen Fachkräftemangels, von diversen Arbeitgebern durchweg abgelehnt. Nachzulesen unter

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74549658.html (Fachkräftemangel 2010)

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,508780,00.html (Fachkräftemangel 2007)

http://www.univillage.de/Studieren/Studienjournal/Hochqualifiziert-und-trotzdem-arbeitslos-Deutsch-Tuerkische-Studenten.html

http://www.jobware.de/Magazin/Hochqualifizierte-Migranten-sind-wenig-begehrt.html

Dass unter diesen Umständen nun von Seiten der Politik und der Arbeitgeberschaft mit nahezu brachialer Gewalt versucht wird, unter allen Umständen mehr Frauen in den Arbeitsprozess zu integrieren sowie sich dann zusätzlich noch Leute ins Land zu holen, halte ich für unverantwortlich und völlig fern der Realität. Was genau ist dann eigentlich mit Leuten wie mir oder den von mir genannten Fällen? Anstatt hier nach einer höheren Frauenquote sowie gesteigerter Einwanderung zu schreien, wäre es opportun:

- Zunächst einmal das deutsche Potential auszuschöpfen.

- Danach auf die deutschen Frauen zuzugehen, welche sich, teilweise hochqualifiziert, bereits freiwillig dem Arbeitsmarkt anbieten, anstatt weitere Frauen unbedingt dazu überreden oder gar zwingen zu wollen.

- Danach auf unsere hochqualifizierten türkischstämmigen und anderen Einwanderer der zweiten oder dritten Generation zuzugehen, welche sich mittlerweile ebenfalls freiwillig dem Arbeitsmarkt anbieten, ohne dafür erst groß gerufen werden zu müssen.

- Danach nachzuschauen, ob es nicht auch türkischstämmige und andere Frauen mit Migrationshintergrund gibt, die sich bereits im Land befinden, ebenfalls hochqualifiziert sind und sich entsprechend emanzipiert haben sowie sich freiwillig dem Arbeitsmarkt anbieten.

- Danach dann zu schauen wer und was an hochqualifizierten Leuten noch freiwillig kommen will ohne angeworben werden zu müssen. Dies aber nur, wenn sich die oben beschriebenen Gruppen tatsächlich alle in Lohn und Brot befinden.

Erst wenn diese Gruppen alle gründlich und lückenlos abgearbeitet sind, könnten wir mal über noch mehr Frauen im Arbeitsleben sowie über eine höhere Einwanderung durch Anwerbung sprechen. Dass bei uns jedoch ein derartiger Fachkräftemangel herrscht, der dies nötig macht, wage ich zu bezweifeln.

Weiter wird bei all den bisherigen Diskussionen eine grundlegende Gefahr verkannt.

Soll die Quote der arbeitenden Frauen wirklich noch erhöht werden, darunter auch die der Mütter, so müssen die Kinder natürlich in Krippen untergebracht und ganztägig betreut werden. Allerdings lässt sich bei einem Herrn Niggemeyer recht gut nachlesen, dass ein Überangebot an Arbeitskräften die Löhne senkt. Somit auch die Steuern, die dann eingetrieben werden können. Von diesen Steuern aber müssen nicht nur die Krippen, sondern auch die Hartz 4 Sätze der Personen bezahlt werden, die infolge einer erhöhten Frauenquote nicht eingestellt werden können. Wäre es da nicht besser, die Frauen außerhalb des Arbeitsmarktes die Kinder betreuen zu lassen (dies spart die Krippenkosten) sowie zunächst erst einmal die Frauen und anderen Arbeitnehmer einzustellen und einzuarbeiten, die bereits zur Verfügung stehen (dies würde auch manches an Hartz 4 sparen)? Von den Steuern die dann aufgrund höherer Gehälter zusätzlich hereinkommen, könnte man sich dann Gedanken über eine vernünftige Förderung von Kindern und Jugendlichen machen.

Soll die Quote der Einwanderung wirklich noch erhöht werden, senkt dies auch die Löhne und belässt bereits zur Verfügung stehende Leute in Hartz 4. Das Fazit wären auch hier weniger Steuern, die dann auch wieder für die Hartz 4 Sätze der bereits verfügbaren hochqualifizierten Arbeitslosen draufgehen. Wäre es da nicht besser, zunächst einmal diejenigen einzustellen und einzuarbeiten, die hier verfügbar sind (dies würde auch manches an Hartz 4 sparen)? Von den Steuern die dann aufgrund höherer Gehälter zusätzlich hereinkommen, könnte man sich dann Gedanken über eine bessere Strukturierung von Lehre und Ausbildung sowie effektivere Lehr- und Lernmethoden und auch über die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens machen. All dies würde dann wieder zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen sowie anderen Nationen zudem noch als Vorbild dienen.

Schon seit längerem mache ich mir Gedanken über die bereits bestehende Arbeitslosigkeit von Akademikern und Ingenieuren, wie Sie unschwer beim Googeln unter “Jens Romba” erkennen können. Auch in der Zeit Online habe ich unter

http://community.zeit.de/user/dr-jens-romba

so einiges dazu niedergeschrieben und auch kommentiert. Ebenso unter

http://www.diaa.de/diaa/erfahr.htm

Aber auch die anderen Erfahrungsberichte bei DIAA und die Kommentare und Links der anderen zu den von mir kommentierten Berichten sind sehr interessant. Neben der Tatsache, dass ich wirklich nicht der Einzige oder Einer von Wenigen bin ist hier interessant, dass die mehrheitliche Richtung der Kommentare meist eine ganz andere ist, als die der kommentierten Berichte.

Ich hoffe sehr, Ihnen mit diesem Schreiben einige weitere interessante Links und Denkansätze geliefert zu haben, die für Sie offenbar auch vonnöten sein dürften, um in Zukunft endlich einmal ein realistisches Abbild der wirklichen Arbeitsmarktsituation auch hier in Deutschland in die offiziellen Medien und Diskussionen zu bringen. Zumal ich persönlich glaube, daß die Wirtschaftskrise auch für Deutschland und Europa noch lange nicht überwunden ist. Und woher genau soll eigentlich der deutsche Anteil an den vielen Hilfsgeldern für Griechenland und die vielen anderen Länder kommen, wenn neben den jetzigen Arbeitslosen und Sozialfällen noch weitere ins Land geholt sowie ebenfalls noch zusätzliche Probleme (zu finanzierende Krippenplätze) geschaffen werden? Darüber nachzudenken wäre es ebenfalls langsam an der Zeit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jens Romba

Das Antwortschreiben des Ministeriums auf diesen Brief finden Sie wiegesagt unter http://info.kopp-verlag.de am Ende des dortigen Berichtes. Weitere Schlussfolgerungen aus diesem Antwortschreiben überlasse ich jedem Leser selbst.

Photo: Andreas Morlock, via pixelio.de

Kommentare

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  1. Wer noch an “Apfelbäumchen” glaubt,

    http://www.deweles.de/files/apfelbaeumchen.pdf

    glaubt wohl auch daran, dass nicht nur leistungslose Kapitaleinkommen (unverdiente Knappheitsgewinne auf Kosten der Mehrarbeit anderer) auf Bäumen wachsen, sondern auch noch ein hypothetisches “bedingungsloses Grundeinkommen”.

    Ansonsten gibt es in Deutschland keinen “Fachkräftemangel”, sondern allenfalls einen Mangel an billigen Fachkräften, die bei vergleichbarer Qualifikation bereit sind, auf noch deutlich mehr als die 1200 Euro monatlich zu verzichten, die allen 38 Millionen (noch) arbeitenden deutschen Zinsverlierern durchschnittlich an ihrem vollen Arbeitsertrag fehlen, um weiterhin den Zinsgewinnern ein exponentiell steigendes Kapitaleinkommen von über 550 Milliarden Euro jährlich zu erarbeiten.

    Das wird ohnehin nicht mehr lange funktionieren:

    http://opium-des-volkes.blogspot.com/2011/07/der-bevorstehende-crash.html