Wolfram von Eschenbach
Parzival
(Prolog)
Ist zwivel herzen nachgebur,
daz muoz der sele werden sur.
gesmaehet unde gezieret
ist, zwa sich parrieret
unverzaget mannes muot,
als agelstern varwe tuot.
der mac dennoch wesen geil:
wand an im sint beidiu teil,
des himels und der helle.
der unstaete geselle
hat die swarzen varwe gar
und wirt ouch nach der vinster var:
so habet sich an die blanken
der mit staeten gedanken…
(Eingang des Werkes, leicht geändert)
Analyse
Dieses mittelalterliche Werk von Wolfram von Eschenbach ist ein Abenteuerroman sondergleichen. Es enthält neben dem Weg unseres Helden Parzival vieles, was man über das Mittelalter, Rittertum, die Minne usw. wissen möchte. Und es wird noch einmal genau erklärt, was Christentum eigentlich bedeutet, denn anscheinend hielt man sich zu dieser Zeit nicht immer daran, trotz “heiliger” Kreuzzüge und dergleichen mehr. -
So erscheint in diesem Werk alles, was man über Ritterschaft und vor allem über den Gral und die Artusrunde wissen möchte im Licht. Neben Parzival erscheint auch der Ritter Gawan ausführlich und in besonderer Weise und führt uns zudem in die Artusrunde. -
Es geht in dem Werk um die Erziehung zum reifen Menschen, es geht aber neben der Minne, die immer wieder als eherner Grund einer gelungenen Weltschau und glücklichen Ehe (mit Kindern!) angesehen wird, auch um ein würdiges Sterben (Anfortas) und es geht nicht um
ein künstliches Weiterleben um jeden Preis mit den Mitteln der vorhandenen Möglichkeiten (Gral?). Es werden also auch ganz zeitnahe Themen oftmals angesprochen. -
Eigentümlich ist aber die Vorstellung vom Gral (hier als Tischleindeckdich vorgestellt !) und die Verbindung der (blutenden!) Lanze mit mystischer Vorstellung vom Christentum bis hin zum Karfreitags-Geschehen und dem Phänomen, das wir Eucharistie nennen. -
Überdies sind auch komischen Szenen, nicht nur der Namensgebungen, zu vermelden, die an eine Regie gemäß der späteren Monty-Python ” Filme erinnern. -
Auf jeden Fall ist dieser Roman aus dem Hochmittelalter heute noch lesenswert, ja unbedingt, denn sonst könnte man sogar die Adaption Richard Wagners im “Parsifal” nicht recht nachvollziehen. Und es gibt auch eine Einlassung zu Emanzipation der Frau im Beispiel der Gegebenheit mit Jeschute. Parzival überrumpelte diese Frau als Tölpel,
weil er dummerweise die Ermahnung seiner Mutter Herzeloyde falsch versteht, die Frau überrumpelt, ihr den Ring abnimmt und Schmuck und zwei Küsse raubt. Dadurch kommt Jeschute in Verruf, untreu, ja unmoralisch zu sein und wird von ihrem Mann verstoßen. Erst später, als Geläuterter kann Parzival das Geschehene erklären und wieder gutmachen.
Die hier angeführten Anfangszeilen des Parzival gleichen in leichter Abänderung dem Original und enthalten das Gleichnis von der Elster/ agelstern (als schwarz-weiß- Menschen), wie wir sie wohl alle mehr oder weniger sind. Der Roman ist also eine richtige Erziehungsarbeit und zwar nicht nur für Jungen, sondern auch für die damaligen Mädchen und jungen Frauen, denn Letztere werden nicht immer nur als keusche junge Damen und treue Ehefrauen dargestellt, sondern ebenfalls als schwarz.weiße Menschen wie die Elster. Neben den leuchtenden Frauen gibt es auch Kundry, und selbst die ist nicht immer düster, sondern wandelt sich später. Von der Kindheit über die Jugend, von der Mitte des Lebens bis hin zum Alter ist alles enthalten. Der “Parzival” ist ein großer Bildungsroman für die Menschen
des Mittelalters (für die Adligen!), sie sollten sich ins Abenteuer wagen und bewegen, niemals stehen bleiben. Nur so entwickelt sie die Welt und die Menschheit weiter, dachte der Dichter, denkt auch der Rezensent.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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