Warum denkt Greenspan, dass die Eurozone zerbricht?

Viele mögen den Kopf geschüttelt haben, als Alan Greenspan so apodiktisch vor wenigen Tagen verkündete, dass die Eurozone zerbrechen werde. War das nur ein Statement ohne tiefgründige Argumente? Ich denke nein. Wenn wir den Weg durch einen autokratischen Zentralismus, d.h. eine Vergemeinschaftung der gesamten Staatsschulden oder auch nur jeweils 60%

94061719_e207f36ed2.jpgViele mögen den Kopf geschüttelt haben, als Alan Greenspan so apodiktisch vor wenigen Tagen verkündete, dass die Eurozone zerbrechen werde. War das nur ein Statement ohne tiefgründige Argumente? Ich denke nein. Wenn wir den Weg durch einen autokratischen Zentralismus, d.h. eine Vergemeinschaftung der gesamten Staatsschulden oder auch nur jeweils 60% der entsprechenden BIP-Quote davon, aus unseren Betrachtungen ausschließen, dann müssen ja die Regierungen der einzelnen Mitgliedsländer sich ein Votum seitens ihrer Parlamente oder besser noch durch Volksentscheide hierfür einholen.

Warum sind die Chancen unter diesen Bedingungen außerordentlich schlecht, dass eine solche demokratische Legitimation Erfolg haben könnte? Die Antwort haben Ökonomen im Rahmen der Public Choice Theorie schon seit längerem studiert.

The Break up of Nations

So lautet der Titel eines Artikels von Patrick Bolton und Gérard Roland.[1] Darin untersuchen sich die Anreize für Bürger, die ein Wahlrecht ausüben dürfen, für oder gegen eine fiskalische Union zu stimmen. Die wesentlichen Faktoren sind dabei die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile, die im Zuge einer Fiskalunion oder Trennung  zwischen einzelnen Regionen oder Ländern auftreten. Das Kriterium wann eine demokratische Legitimation mittels Wahl erfolgreich für eine Fiskalunion stimmen würde, bestimmt sich dann dadurch, ob für beide oder mehrere Teile, die Fiskalunion größere Vorteile böte als Nachteile. Als Maßstab kann hierfür das Nettoeinkommen plus die landesspezifischen Transferleistungen an die Bürger in Form von öffentlichen Gütern oder direkten Transfers dienen. Wenn daher die Union für den sogenannten Medianwähler, d.h. denjenigen der für die Mehrheit entscheidend ist, sowohl in den jeweiligen größere Vorteile zu erwarten hätte, wenn eine Trennung vollzogen oder beibehalten wird, dann werden Zusammenschlüsse scheitern oder bestehende am Ende auseinanderbrechen.

Da aber bei sehr heterogenen Gesellschaften in einzelnen Ländern charakterisiert durch unterschiedliche Pro-Kopf-Einkommenshöhe, unterschiedliche Einkommensverteilungen und unterschiedlichen Besteuerungen eine Angleichung in einer Fiskalunion erhebliche Transfers zwischen den einzelnen Ländern auslösen würde, d.h. einzelne Länder würden in die Position eines permanenten Nettogeberlandes und andere in die Position eines permanenten Empfängerlandes geraten, dürfte insbesondere die Medianwähler in den Geberländern sich in einer Fiskalunion schlechter stellen als in einer getrennten föderalen Struktur der EU ohne Fiskalunion. Das Argument, dass der einheitliche Wirtschaftsraum der EU nicht gefährdet werden soll, ist hierfür belanglos. Es geht um die Frage der Fiskalunion. Griechenland soll ja nicht aus der EU austreten, sondern nicht Teil einer Fiskalunion werden, die zwangsläufig mit einem europäischen Finanzminister und Euro-Bonds entstünde. Es würde sich sogar tendenziell besser stellen, wenn es die Währungsunion verließe, da es die Voraussetzung für eine Währungsunion, die insbesondere von Deutschland mit einer anderen Kultur für Preisstabilität dominiert wird, auf Dauer nicht erfüllen kann. Es kann dann durch eine Abwertung und einen Schuldenerlass sich entsprechend seinen Möglichkeiten neu ausrichten und stabilisieren. Innerhalb einer Eurozone und Fiskalunion kann es dies nicht. Es würde zum permanenten Transferempfänger.

Mithin hat Alan Greenspan gute Gründe insbesondere jetzt wo neben der Währungsunion auch noch die Fiskalunion gefordert wird, an ein zerbrechen der Währungsunion zu glauben. Es wird keine Zahlungsbereitschaft in den Geberländern geben und in den Empfängerländern würde eine wirtschaftliche Stabilisierung auch verhindert. Man würde diese Länder nur analog in einer Hartz IV-Position manövrieren. Weder die Empfänger dieser Sozialleistungen sind hierfür am Ende dankbar noch deren Geber. Es ist eine unglückliche Währungs- und Fiskalunion. Keine die durch den Wunsch aller seiner Bürger oder wenigstens einer Mehrheit getragen wird. Die Illusion die Politikern manchmal den Blick für die Realitäten verstellt, ist der Glaube mit Zwang solche wirtschaftlichen Widersprüche dauerhaft beseitigen zu können. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt das Gegenteil. Die Zahl der unabhängigen Staaten nimmt permanent zu. Die der wirtschaftlichen Großräume permanent ab. Zuletzt ist der Sudan geteilt worden. Andere Staaten werden folgen.

[1] Patrick Bolton und Gerard Roland (1997), The Breakup of Nations: A Political Economy Analysis, In: The Quarterly Journal of Economics, Vol. 112, No. 4, S. 1057-1090.

Photo: trackrecord, via flickr

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