Alle Jahre wieder. Im Sommer findet das Fantasy-Filmfest statt. Das wird aber kein verkappter Werbeartikel.
Was 1987 in einem Hamburger Programmkino als Spartenfestival für Fans des Besonderen begann, entwickelte sich innerhalb von wenigen Jahren zum Tourneefestival für Fans und ist mittlerweile ein bundesweites Kommerzfestival. Mein erstes Fantasy-Filmfest war 1994. Seitdem änderte sich viel beim Festival, beim Spektrum der Filme und in der Medienlandschaft allgemein.
Innerhalb von Frankfurt wechselte das Festival bereits zweimal das Kinocenter; seit 2004 wird es im Frankfurter Metropolis gezeigt, welches zum Cinestar-Konzern gehört. Bis einschließlich 2008 musste es als positiv, dass zu den beiden Festival-Sälen einer der beiden größten des Kinocenters gehörte; in dem Riesenkino mit ca. 650 Plätzen saßen zu manchen Nachmittagsvorstellungen nur wenige Festivalgäste und durch einen zwischenzeitlichen Wechsel hätte das Kino eventuell mehr Geld verdient, indem dort einer der aktuellen Blockbuster gezeigt worden wäre. Dieses Lob entfällt seit 2009. Abgesehen vom Eröffnungsabend und dem Schlussfilm wurden wir in ein wesentlich kleineres abgeschoben.
Saal 8: ca. 350 Plätze, Saal 1: ca. 250 Plätze, Saal 6: ca. 650 Plätze.
Bei meinen ersten Fantasy-Filmfesten ging ich in jede mögliche Vorstellung. In meinem ersten Jahr gab es keine Dauerkarten mehr. Ich kaufte Einzelkarten für alle Filme. Das kostete damals ca. DM 300; eine Einzelkarte kostete nach meiner Erinnerungen DM 8,00. In den drei folgenden Jahren sicherte ich mir rechtzeitig Dauerkarten. Die erste Dauerkarte 1995 kostete DM 160,00 oder DM 170,00; ein Jahr später kostete die Dauerkarte bereits DM 200,00. Jetzt kostet die Dauerkarte € 185,00 und eine Einzelkarte kostet € 9,00. Bereits 1998 ging ich wieder dazu über, Einzelkarten zu kaufen und achtete mit der Zeit darauf, mir die Filme genau auszusuchen. Seit 1997 leiste ich mir zum ersten mal wieder eine Dauerkarte.
War das Fantasy-Filmfest noch bis in die 90er Jahre oft die einzige Möglichkeit, einen Film zu sehen, der dann bei Gefallen nur unter hohem finanziellem und logistischen Aufwand aus dem Ausland zu importieren war, ist das Festival heute ein Durchlauferhitzer für die Videothekenregale. Bei Studium des Filmprogrammes erkennt man mit etwas Erfahrung, welche der Filme demnächst im Kino bzw. auf DVD veröffentlicht werden. Da ist dann als Verleih eine Kinovertrieb, ein DVD-Anbieter oder auch mal ein Fernsehsender angegeben. In solchen Fällen ist es die Überlegung wert, den Film vier, sechs oder acht Wochen später für € 1,80 am Tag aus der Videothek zu holen und dafür auf ein ggf. nerviges Publikum zu verzichten. Schöne und sonnige Tage könnten dann mit anderer Freizeitgestaltung verbracht werden und man kann sich auf die Filme konzentrieren, die (noch) keinen Verleih oder DVD-Vertrieb haben.
Es ist – falls keine Dauerkarte vorhanden – auch empfehlenswert, nicht für alle Filme Karten im Vorverkauf zu besorgen. Vor einigen Jahren schwenkte die Festivalleitung trotz vorheriger Ansage, alle Karten könnten umgetauscht bzw. zurückgegeben werden, um und bereits gekaufte Karten wuden weder umgetauscht noch zurückgenommen; das war 2004. Das sorgte für viel Ärger unter den Festivalbesuchern und hinterlässt den Eindruck: Das ist kein Festival mehr für Filmfans sondern ein rein kommerzielles Festival zum Geld Verdienen.
Die gastronomischen Gelegenheiten in unmittelbarer Umgebung zum Kinocenter sind durchaus gut und preiswert. Es gibt direkt auf der anderen Straßenseite u.A. eine Nudelbar, einen sauber wirkenden Imbiss, ein bayrisches Lokal und einen Türken.
Jetzt kommen gleich die Filmbesprechungen. Alle Filme werden in der jeweiligen Originalfassung gezeigt. Filme, die nicht in englischer Sprache gedreht sind, werden mit englischen Untertiteln gezeigt; in wenigen Ausnahmen werden Filme, die bereits auf anderen deutschen Festivals liefen, mit deutschen Untertiteln gezeigt. Für viele Kinobesucher ist das sehr gewöhnungsbedürftig, daher ist die Bezeichnung “Filmfestival für Fortgeschrittene” nicht unberechtigt.
Zunächst kommt aber aus gegebenem Anlass etwas Statistik. Hieß Kino bzw. Filmfestival noch vor kurzer Zeit Film, ist inzwischen ein größerer Trend zu Digitalprojektionen zu beobachten. Was manchen Festivalbesuchern nichts ausmacht, wird von Anderen mit Skepsis und Ärger zur Kenntnis genommen und auch entsprechend kommentiert. Die Bildqualität ist auch im hochauflösenden Digitalformat DCP oft suboptimal und in der Bildqualität unter der einer 35mm-Filmprojektion.
In Frankfurt gab es insgesamt 74 Vorstellungen, davon waren 9 Wiederholungen. Eine Digitalprojektion des Pilotfilms zur Zombieserie THE WALKING DEAD bei freiem Eintritt sowie eine Kurzfilmrolle sehe ich hier außer Konkurrenz. Also haben wir – nach Filmprogramm abgezählt 35 Filmprojektionen im 35-mm-Format, 26 DCP- bzw. Digitalprojektionen und 3 Vorstellungen in Real-3D. Daher gebe ich neben anderen Produktionsinformationen auch erstmals das Projektionsverfahren an.
Der Trend zu Digitalprojektionen mag hier und da zur Kostenersparnis führen; wenn das so ist, sollte diese Kostenersparnis allerdings wenigstens teilweise an das Publikum weiter gegeben werden und nicht € 9,00 für eine Digitalprojektion verlangt werden. Darüber hinaus sollte aus geschäftlichen Erwägungen heraus auch berücksichtigt werden, dass eine Digitaldatei kopiert werden kann und selbst der besten Verschlüsselungs- und Kopierschutztechnik wird früher oder später ein entsprechender Kopierschutzknacker folgen; der finanzielle Schaden für Filmvertreiber und Festivalorganisatoren wäre immens. Eine Ansagerin der Festivalleitung erzählte vor Filmbeginn, dass ein Filmvorführer aus Versehen einen Film von der Festplatte gelöscht hatte.
Zunächst gebe ich den Text der Filmbesprechung aus dem Programmheft bzw. von der Internetseite des Festivals wieder, dann kommentiere ich, gebe Zusatzinformationen und vergebe Bewertungen analog von Schulnoten (1 = sehr gut; 6 = unzumutbar).
Mittwoch, 24. August
Kurz vor 20:00 Uhr: Im Kinofoyer ist ein Stand des Festivals aufgebaut. Hier bekomme ich meine Dauerkarte und werde geduzt, obwohl ich die Leute zum erstem mal sehe. Als Bonusmaterial gibt es ein Fantasy-Filmfest-T-Shirt und eine Fantasy-Filmfest-Tasche mit einer Postkarte, zwei Erfrischungstüchern, zwei willkürlich ausgesuchten DVDs (von denen ich eine bereits habe) und einem aufblasbaren Nackenkissen. Da die Tasche allerdings nicht genug Platz für Festivalausrüstung (Fahradhelm, Getränkeflasche, ggf. Proviant, Deo, ggf. T-Shirt zum Wechseln) hat, behalte ich für die nächsten Tage meinen Rucksack bei.
20:00 Uhr, Kino 6
Bevor es losgeht, lässt uns eine junge Frau in der Reihe davor wissen, dass sie ihre Tage hat, weswegen sie derzeit keinen Sex haben kann, und auch noch so starke Blähungen, dass sie andauernd pupsen könnte. Das lässt sie dann wahrscheinlich auch noch ihren Gesichtsbuch-Freundeskreis über Super-Mobiltelefon wissen. Da bedanke ich mich im Namen aller Anwesenden, dass sie uns so daran teilhaben lässt. Sie versteht nicht, was ich meine.
Überhaupt ist es mittlerweile schon lästig, dass am Anfang und Ende jedes Films zig High-Tech-Telefone angehen, um nach neuen Nachrichten etc. zu schauen.
DON´T BE AFRAID OF THE DARK
USA / Australien, Originalfassung (englisch), 35 mm
Blackwood Manor hat eine dunkle Geschichte. Düster thront das riesige viktorianische Anwesen inmitten der Wälder von Rhode Island und trotzt seit Jahren dem Zahn der Zeit. Für die kleine Sally beginnt hier ein neues Leben. Die Mutter hat sie kurzerhand zu ihrem dort lebenden Vater verfrachtet, dem ehrgeizigen Architekten Alex, der mit seiner neuen Freundin Kim das wertvolle Gemäuer von Grund auf restaurieren will. Natürlich hat Sally wenig Lust auf ihre “neue Mom”, da kann sich die junge Kim noch so sehr bemühen. Und auch ihren ohnehin recht gleichgültigen Dad straft sie mit Missachtung. Viel lieber durchstreift das Mädchen allein die unzähligen Räume und den verwilderten Garten von Blackwood Manor. Was sie dort findet, mag ihr zunächst niemand glauben. Doch als sich die unerklärlichen Ereignisse mehren, beginnt die misstrauische Kim zu recherchieren und stößt auf ein entsetzliches Geheimnis aus der Vergangenheit, dessen Spuren bis in die heutige Zeit reichen. Unvermittelt bricht die Hölle los. Guillermo del Toros Handschrift ist deutlich zu spüren in DON’T BE AFRAID OF THE DARK, obwohl der viel beschäftigte Genre-Experte am Script nur mitgeschrieben und produziert hat. Sein Protegé Troy Nixey, der hier erstmals auf dem Regiestuhl Platz nimmt, orientiert sich in seinem Remake des gleichnamigen Schauerstücks aus den 70ern atmosphärisch deutlich an den wundersamen Welten des Mexikaners. Er huldigt in vielen seiner atemberaubend arrangierten Einstellungen den offensichtlichen Vorbildern PANS LABYRINTH und THE DEVIL’S BACKBONE. Überdies trumpft er mit Stars wie Katie Holmes und dem – wie immer hervorragenden – Guy Pearce auf. Im Verlauf der ausgeklügelten Geschichte zieht Nixey die Daumenschrauben unbarmherzig an, bis sich die kaum noch auszuhaltende subtile Spannung mit aller Kraft in einer kreischenden Geisterbahnfahrt entlädt. DON’T BE AFRAID OF THE DARK ist ein sterbensbleicher Dämon aus der Tiefe der Nacht; der Albtraum aus der Kindheit, vor dem wir uns bis heute fürchten. Im klassischen Sinne ein Horrorfilm, wie er nur alle Jubeljahre einmal daherkommt.
Nach den Jahren 2009 und 2010 gelingt es den Festivalbetreibern endlich wieder einen sehenswerten Eröffnungsfilm zu bringen.
Es gelingt, gute Gruselstimmung zu erzeugen und einen fast durchgehenden Spannungsbogen zu halten. Ausstattung, Bildgestaltung und Effekte sind gelungen. Allerdings werden eine Handlungselemente mehrfach wiederholt und lassen dadurch in ihrer Intensität nach.
Note = 3
22:30 Uhr, Kino 6
THE REVENANT
USA, Originalfassung (englisch), DCP
Dürfen wir vorstellen: die besten Freunde und Saufkumpane Joey und Bart. Letzterer hat während eines Einsatzes im Irak eine Kugel in den Kopf bekommen – und jetzt ein fettes Problem: Nach seiner Überführung in die USA (und auch nach seiner Beerdigung) ist Bart einfach nicht so tot, wie er es sein sollte. Eines Nachts kehrt er als “Revenant” zu seinem Kumpel Joey zurück. Klar, dass beide erstmal ordentlich “What the fuck?” fluchen. Aber nach kurzer Zeit haben sich die zwei Chaoten in die Überlebensstrategien von Wiedergängern erfolgreich eingefummelt: 1. Tagsüber fällt der “Revenant” in eine tiefe Schlafstarre! – 2. Gegen den eigenen Verfall benötigt der “Revenant” menschliches Blut, denn jegliche andere Form von Nahrung löst ganz bösen Brechdurchfall aus! – und 3. Halte dein Geheimnis bloß vor deiner ehemaligen Verlobten gut versteckt! Alles gar nicht so einfach, und somit pendelt THE REVENANT im Minutentakt zwischen Horroranleihen und herrlich schwarzer Buddykomödie, ohne vor zitatreichen Abstechern ins Western- und gar ins Superhelden-Genre zurückzuschrecken …
Phasenweise drollige Kumpel-Kommödie, deren Ideen sich zwischenzeitlich abnutzen. Witzig ist eine Episode, in der sich die beiden Kumpel als Verbrechensbekämpfer betätigen und diverse Kriminelle abmurksen. Kumpel Joey kommt zwischenzeitlich auch ums Leben, ohne richtig zu sterben, und so machen sich die beiden gegenseitig das untote Leben schwer. Das Untoten-Phänomen scheint sich zu einer Epidemie auszuweiten, deren Ursache unklar bleibt. Zu Schluss werden Untote – darunter Joey in Stahlfässern über nicht näher definiertem Feindesland abgeworfen und als Biowaffen auf die dortige Bevölkerung los gelassen. Diese grimmige Idee wird leider für die letzten beiden Filmminuten vor dem Abspann verschenkt.
Die DCP-Digitalprojektion ist leider alles Andere als hoch auflösend. Beim Abspann kann ich aus der drittletzten Reihe die Zeilen erkennen. Weiter vorne im Kino müssen die Zeilen während des gesamten Films über zu zählen gewesen sein könne. Das ist eine Frechheit.
Note = 3-
Donnerstag, 25. August
15:00 Uhr, Kino 1
DAS ERBE DER VALDEMARS
Spanien, Originalfassung (spanisch mit englischen Untertiteln), 35 mm
Die ehrgeizige Immobiliengutachterin Luisa Llorente soll das alte viktorianische Herrenhaus der Valdemars unter die Lupe nehmen … und verschwindet spurlos. Mit den Nachforschungen wird Nicolás Tremel betraut. Schon bald erfährt der mit allen Wassern gewaschene Privatdetektiv von dem mysteriösen Fluch, der über dem Anwesen und der Familie liegen soll: Der Legende nach zockten am Ende des 19. Jahrhunderts Lázaro Valdemar und seine Frau wohlhabende Bürger ab: Um ihr Waisenhaus zu finanzieren, inszenierten sie sehr eindrucksvoll gruselige Séancen. Als der Schwindel aufflog, schien für die beiden Valdemars ein Schicksal hinter Gittern besiegelt. Da tauchte plötzlich der Okkultist Aleister Crowley höchstpersönlich auf und ernannte sich zu Lázaros Anwalt … Die filmische Chronik des teuflischen Vermächtnisses hat alles, was es braucht, um darin wie in einem dicken Schauerroman zu versinken: in fahles Mondlicht getauchte Ländereien, eine ketzerische Dämonenbeschwörung und sogar ein Gastauftritt von Bram Stoker. Dazu die spanische Horrorlegende Paul Naschy in seiner letzten Rolle als Butler der Valdemars. Alles in allem ein Fest für Freunde des klassischen Horrors! Was der guten Luisa Llorente passiert ist, verrät übrigens der zweite Teil des mit stattlichem Budget produzierten spanischen Mystery-Streifens.
Warum geben sie bei einem spanischen Film einen englischen Titel an? Ich weiß es nicht und schreibe hier mal bewusst den Filmtitel auf deutsch auf.
1-A-Ausstattung, gute Bildgestaltung, nicht vollständig überzeugende Effekte. Eine spannende und intelligente Handlung und hervorragende gut gelaunte Darsteller. Fertig ist schönes und in bestem Sinne altmodischers europäisches Gruselkino. Wirklich zum Fingerlecken.
Note = 2+
17:00 Uhr, Kino 1
YELLOW
Von Xavi Giménez
Spanien, Originalfassung (spanisch mit englischen Untertiteln), 35 mm
Disziplin, Ordnung und Gehorsam sind in der CIMCA oberstes Gebot. In der Anstalt für Verhaltensmodifikation werden Jugendliche “behandelt”, während sich ihre mehr oder minder ahnungslosen Eltern in Freizeitcamps erholen dürfen. Mit Prügeln, Folter und Demütigung treiben die selbsternannten Weltverbesserer aufsässigen Kids die No-Future-Gesinnung aus. Erfolg ist gleich Belohnung; Versagen ist gleich Bestrafung: So einfach ist das Prinzip, nach dem die Institution sie zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft umprogrammieren will. Xavi Giménez hat sich als Kameramann von Genrefilmen wie TRANSSIBERIAN und THE MACHINIST einen Namen gemacht und stellt mit YELLOW nun sein Regiedebüt vor, das bis in die letzte Faser von seinem visuellen Gespür durchdrungen ist: Im Vorspann knallt er uns das pralle Leben (einschließlich eines psychedelischen Zungenkusses in Großaufnahme) vor die Augen; später richtet er seinen geschulten Blick aufs Inhaltliche, als der cholerische Teenager Fran (Marcel Borrás) von seinem überforderten Vater bei der CIMCA abgeliefert wird. Anfangs lässt Fran sich noch von der barbarischen Gewalt einschüchtern. Doch dann knallen bei ihm die ohnehin wackligen Sicherungen durch.
Ja, Xavi Giménez, spanischer Bildgestalter der Spitzenklasse, kann nicht nur mit Licht, Farben und Schatten umgehen, sondern auch mit Geschichten und Schauspielern. Knast-Alltag, Entmenschlichung und Folter werden eindringlich geschildert und extrem gut gespielt.
Note = 1
19:00 Uhr, Kino 1
THE LOST BLADESMAN
China / Hong Kong, Originalfassung (mandarin) mit englischen Untertiteln, 35 mm
Einige der größten Hongkong-Stars geben sich hier hinter und vor der Kamera die Ehre: Alan Mak und Felix Chong – Masterminds der INFERNAL AFFAIRS-Serie – graben diesmal tief in Chinas kriegerischer Vergangenheit, um ihre Protagonisten mit schmutzigen Tricks und gewohnter Härte um die Vorherrschaft ringen zu lassen. Heldenhaft im Mittelpunkt steht der IP MAN höchstselbst, Donnie Yen. Die historisch verbürgte Rolle des Generals Guan Yu, der einst zwischen die Fronten von Kaiser und Warlords geriet, steht ihm prächtig. Zudem zeichnet der Meister aller Waffenklassen für alle Action-Choreographien verantwortlich und lässt es erwartungsgemäß auf höchstem Niveau scheppern. Da kommt es schon mal vor, dass der Bladesman im Alleingang eine ganze Armee niedermetzelt – unverwundbar ist er deswegen noch lange nicht. Unzählige Jahre hat der General treu gedient, auf vieles verzichtet und hofft, das Kriegsgeschäft nun bald hinter sich lassen zu können. Aber das Schicksal meint es nicht gut mit ihm. Aufgrund einer Intrige wird Guan unversehens zum vogelfreien Volksfeind … Die Kombination aus visuell überwältigenden Monumentalszenen, hochgerüsteter Blut- und Schweiß-Action und komplexem Drama ist sehr gelungen. Mit der Frage nach der Menschlichkeit in Kriegszeiten und mit der guten Figurenzeichnung zeigt sich THE LOST BLADESMAN erfreulich reif. Ein überwältigendes Statement zu Ehre, Verrat, Liebe und Verlust.
Das gefühlt 500. Feldherrenepos mit Donny Yen in mandarinchinesisch. Es ist mal wieder ein Semester chinesischer Geschichte nötig, um manche Hintergründe zu verstehen. Aber insgesamt ist es ganz gute Unterhaltung mit guter Ausstattung und Bildarbeit sowie der üblichen Portion Kitsch. Während der Kampfszenen werden einige Pferde brutal zu Fall gebracht.
Note = 3-
21:15 Uhr, Kino 8
THE WOMAN
Von Lucky McKee
USA, Originalfassung (englisch), DCP
Chris Cleek, ein perfekter Vater mit Bilderbuchfamilie, trifft bei einem Jagdausflug auf eine verwahrloste Frau und kann das sich wild sträubende Wesen einfangen. Im Keller legt er sie in schwere Ketten und stellt sie nach dem Dinner seiner Familie vor. Gemeinsam, so Chris Plan, sollen die Cleeks die Frau fortan zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft erziehen. Mit dieser Entscheidung reißt er Frau und Kinder in einen bitteren Strudel des Wahnsinns, an dessen Ende ein Blutbad steht …Lucky McKee nimmt sich mit THE WOMAN nach seinem beeindruckenden Psychothriller RED bereits zum zweiten Mal einer Idee des Horrorautors Jack Ketchum an und sorgte mit seiner drastischen Umsetzung beim Sundance Festival für einen handfesten Skandal. Und tatsächlich ist THE WOMAN ein Schocker, der das Publikum mit seiner unbequemen Darstellung einer komplett dysfunktionalen Familie spaltet. Erneut besetzte McKee seine Muse Angela Bettis. Das größte Lob aber gebührt Pollyanna McIntosh, die in der Titelrolle furchtlos bis an ihre Grenzen geht. Selten wurden stiller Schmerz und rasender Zorn überzeugender verkörpert als in den archaischen Urlauten, mit denen sich die Wilde gegen die grausame Bigotterie eines infernalisch verzerrten Bürgertums zur Wehr setzt. Ein Fest für starke Mägen.
Der Film sorge angeblich für einen Skandal in Cannes, als sich ein Zuschauer mit dem Regisseur, der Festivalleitung und dem Sicherheitspersonal anlegte und weitere zahlreiche Zuschauer das Kino verließen Auch die Ansagerin berichtet von dem Skandal und es wundert mich sehr, dass er nicht im Filmprogramm beschrieben wird. So schnell wird wegen eines verärgerten Zuschauers ein Skandal herbei geschrieben.
Die übrigen Zuschauer könnten das Kino in Cannes auch einfach nur verlassen haben, weil dieser Film in jeder Hinsicht miserabel ist. Die Darstellerin der Wilden macht ihre Sache ganz gut, die übrigen Darsteller – den Jugendlichen ist kein Vorwurf zu machen – sind schlecht, was allerdings auch an einer miesen Anleitung durch den indisponierten Regisseur liegen könnte, was an einer nachlässig entwickelten Handlung und schlechten Dialogen liegen könnte, was an mangelndem Tempo und Dynamik liegen könnte, was mit einer kompetenten Montage hätte verbessert werden können.
Übelst ist die Bildqualität in schlechter HD-Optik. Der Regisseur arbeitet oft und gerne mit Überblendungen, was in der Digitalprojektion sehr ungünstig zur Geltung kommt.
Spielen Sie ab und zu Audio-Dateien mit dem Windows-Media-Player ab und lassen Sie dazu einen Farbnebel als Effekt laufen? Wenn die Wiedergabe endet oder abgebrochen wird, verschwindet der Farbnebel und die einzelnen Farbschichten werden dunkler, bis der Bildschirm schwarz ist. Wissen Sie, was ich meine? So sieht es auf der Leinwand aus, wenn eine Abblende durchgeführt wird. Nicht auszuhalten.
Normalerweise verlasse ich bei so einem Murks das Kino. Allerdings wurde mir hier zum Ende ein Blutbad versprochen – und sogar das ist unprofessionell. In manchen Einstellungen ist wegen Wackelkamera nicht viel zu erkennen. Ein herausgerissenes Herz sieht aus der fünften Reihe nach Schaumstoff mit Rote-Beete-Saft aus.
Zum Blutbad gesellt sich eine zweite verwilderte Frau, die aus dem Hundezwinger auftaucht und dort wohl bereits so lange dort lebt, dass sie sich dem Bewegungsmuster und den Sozialverhalten der Hunde angepasst hatte. Tja, eine halbe Minute Überraschung, als man bei lauter Wackelkamera erkennt, wer hier wer ist.
In der einzigen wirklich guten Szene beißt die wilde Frau, nachdem sie angekettet ist, ihrem Peiniger fast ganz am Anfang den Finger ab und spuckt ihm den Ehering vor die Füße. Aber die Szene kannten wir schon aus einer Vorschau und alles danach enttäuscht.
Note = 6+
Ca. Mitternacht. Vorsichtshalber fahre ich mit der S-Bahn heim, da Gewitterstimmung ist. Am Zielbahnhof stehe ich eine Sekunde mit dem Fahrrad auf dem Bahnsteig, es fängt wie auf Bestellung ein Platzregen an und ich befinde mich mitten im Gewitter.
Freitag, 26. August
Es ist heiß und sonnig und schwül. Ich quäle mich um 14:00 Uhr aus dem Freibad, frisch geduscht bin ich schon wieder verschwitzt, als ich mit Rucksack am Fahrrad bin. Ja, das interessiert hier eigentlich niemanden, aber ich schreibe es trotzdem, um klar zu machen, das ich so etwas mittlerweile nur noch bei außergewöhnlichen Filmen mache. Die Valdemars und die Fortsetzungen haben zwar im Prinzip einen DVD-Vertrieb, dieser ist aber in eine Art Urheberrechtsstreit verwickelt; da möchte ich nichts riskieren.
15:00 Uhr, Kino 1
DAS ERBE DER VALDEMARS 2: DER VERBOTENE SCHATTEN
Spanien, Originalfassung (spanisch mit englischen Untertiteln), 35 mm
Außer Atem und völlig verängstigt kommt die Immobiliengutachterin Luisa Llorente zu sich – im Wagen einer alten Zigeunerin, mitten in einem verwunschenen Wald. Welch ein Albtraum, den sie soeben erleben musste; welch eine Hölle, der sie nur um Haaresbreite entronnen ist! Die Alte legt Luisa die Karten, die großes Unheil verkünden. Zögernd beginnt Luisa zu erzählen … Mit einem weiteren Faden wird die alte Geschichte von Lázaro, dem begnadeten Inszenator betrügerischer Séancen, weitergesponnen. Nach seiner Berührung mit dem Okkultismus verschreibt sich dieser der Suche nach dem berüchtigten Zauberbuch Necronomicon. Und je tiefer der Privatdetektiv Nicolás Tremel in die dunklen Geheimnisse um das verfluchte Valdemar-Anwesen, seiner zwielichtigen Bewohner und einen grausigen Cthulhu-Kult eintaucht, desto enger zieht sich die Schlinge, bis ein fulminantes Finale das ganze Mysterium enthüllt. Auch im zweiten Teil der VALDEMAR LEGACY werden wieder alle Register des klassischen Horrors gezogen. Dunkle Kellerverliese, Gewölbe voller Gebeine, verwunschene Häuser, die Zusammenkünfte einer konspirativen Bruderschaft und – wer sonst? – H. P. Lovecraft und Paul Naschy – da lacht das Horrorherz.
Die Handlung ist etwas wirr, aber spannend und der Film sorgt für gute Atmosphäre. Als sinisteren Sektenanführer sehen wir Eusebio Poncela Die Handlung ist etwas wirr, aber spannend und der Film sorgt für gute Atmosphäre. Als sinisteren Sektenanführer sehen wir, der schon mehrfach bei Almodovar mit spielte und im ersten Valdemar-Film bereits einen kurzen Auftritt hatte.
Gute Unterhaltung
Note = 2+
Danach bin ich kurz im Freien. Es ist bereits überwiegend bedeckt und es kündigt sich – nicht nur im Wetterbericht – ein Gewitter an.
17:00 Uhr, Kino 1
POINT BLANK
Frankfreich, Originalfassung (französisch) mit deutschen Untertiteln, 35 mm
Eine Nachtschicht mit Folgen: Als Krankenpfleger Samuel entdeckt, dass jemand bei dem soeben eingelieferten Unfallopfer heimlich die Schläuche gezogen hat, kann er in letzter Sekunde das Leben des Unbekannten retten. Doch am nächsten Morgen wird Samuels hochschwangere Frau entführt, und der schockierte Gatte erhält ein eiskaltes Ultimatum: Er hat exakt drei Stunden, den inzwischen als gesuchten Verbrecher Hugo Sartet identifizierten und unter Bewachung gestellten Mann aus dem Krankenhaus zu schleusen – sonst stirbt Samuels Frau. Der Verzweifelte fackelt nicht lang, spritzt dem Bewusstlosen eine fette Dosis Adrenalin in den Körper und zerrt ihn aus dem Bett. Bald befinden sich die zwei auf der Flucht vor Polizei und Auftragskillern – eine atemberaubende Hetzjagd quer durch Paris beginnt … Von der allerersten Szene an wird der Zuschauer gepackt und mitten ins Geschehen hineinkatapultiert. Regisseur Cavayé (dessen Debütfilm OHNE SCHULD kürzlich Paul Haggis unter dem Titel 72 STUNDEN neu verfilmt hat) gönnt Protagonisten und Publikum in seinem neuen Film nur Verschnaufpausen, wenn dies nötig ist, um die rasante Handlung weiter voranzutreiben. Ein kraftvoller Actionthriller der Extraklasse – bitte das Anschnallen nicht vergessen!
Nicht schlecht. Der Unbekannte ist Geldschrank-Knacker und wurde als Bauernopfer engagiert, um von einem Auftragsmord abzulenken. Jetzt wollen ihn die Auftraggeber los werden. Zu den Darstellern/innen gehören (als schwangere Freundin) die Spanierin Elena Ayana, die ich sehr mag, und der fanzösische Action-Star der 80er Gérard Lanvin als grimmiger Abteilungsleiter bei der Polizei.
Note = 2
Da ich eine Nachtvorstellung haben werde, nicht im Gewitter heimradeln möchte und so spät keine S-Bahn mehr fährt, ziehe ich es vor, eine Vorstellung ausfallen zu lassen, heimzuradeln und mit dem Auto zurück zu kommen. Es wird sich als kluge Entscheidung herausstellen, denn bis zum frühen Morgen regnet es heftig.
21:15 Uhr, Kino 8
HELL
Von Tim Fehlbaum
Deutschland / Schweiz, Originalfassung (deutsch), 35 mm
Der Titel verpflichtet. HELL ist zuerst einmal hell. Und dann die Hölle. Ein postapokalyptischer Thriller und Roadmovie. Und am Ende wartet im gleißenden Licht der mörderischen Sonne noch ein Massaker von der Urgewalt eines Gottesgerichts. Tim Fehlbaum, 28-jähriger Absolvent der HFF und der Gewinner des diesjährigen Hypo-Förderpreises beim Filmfest München, räumt in seinem Regiedebüt auf mit dem Irrglauben, in Deutschland sei kein Platz für Genrefilme. Wo wir hinblicken in diesem Meisterwerk konstanter Verunsicherung finden sich große Kinobilder. Wir fühlen uns an Bigelows Blutsauger-Western NEAR DARK erinnert, wenn das vom Schicksal zusammengeführte Quartett mit seinem bis auf winzige Schlitze zugepappten Auto durch eine verödete Landschaft pflügt, in dem die Sonne nur Dürre und Verderben und kein Fitzelchen Leben übrig gelassen hat. Die Figurenkonstellation ist früher Polanski – DAS MESSER IM WASSER, EKEL. Die Umsetzung ist so viel besser als die offenkundigen Referenzfilme THE ROAD oder THE BOOK OF ELI, weil erst einmal die angespannte Situation der vier Protagonisten im Auto den Film antreibt, bis Fehlbaum die Story unerwartet und furios kippen lässt. Denn es gibt eben nicht nur die vor Licht und Hitze Flüchtenden, sondern auch noch die Anderen, deren Religion es ist, Bolzen in die Köpfe ihrer Mitmenschen zu jagen. Der Rest ist Sand, Dreck, Staub. Wenn der sich gelegt hat, sehen wir plötzlich klar: Jetzt geht’s ans Eingemachte.
Also gut, der Vergleich mit dem frühen Polanski ist natürlich genau so daneben wie die Einführungsinformation, dass der Film im Jahr 2016 spielt – so schnell wird es mit dem Klimawandel zum Glück doch nicht gehen.
Aber alle Achtung. Für knappe 3,5 Millionen Euro wurde ein glaubwürdiger und beklemmender Endzeitfilm mit guten Darstelern (u.A. Angela Winkler Aber alle Achtung. Für knappe 3,5 Millionen Euro wurde ein glaubwürdiger und beklemmender Endzeitfilm mit guten Darstelern (u.A. http://de.wikipedia.org/wiki/Angela_Winkler alias Mutter Matzerath aus der BLECHTROMMEL). Gedreht wurde teilweise in einem Gebiet in Korsika, wo kurz davor mehrere Waldbrände waren und wo die Darsteller sich bei über 30° im Schatten abschuften durften.
Mit viel Wohlwollen: Note = 2
Regisseur Tim Fehlbaum und Produzent Thomas Wöbke sind anwesend.
In der aktuellen CINEMA ist ein guter Drehbericht, den ich online aber nicht finde.
23:30 Uhr, Kino 8
Als Vorfilm gibt es eine Folge aus der VIVA-BERLIN-Reihe. Zombie-Kurzfilme auf Heimwerker-Niveau mit der Bildqualität von YouTube auf der Leinwand. Muss nicht sein. Reguläre Kurzfilme als Vorprogramm wären sinnvoller und sehenswerter gewesen.
SINT
Von Dick Maas
Niederlande, Originalfassung (niederländisch) mit englischen Untertiteln, DCP
Advent – Zeit der Beschaulichkeit? Nicht für Inspektor Goert. Vor 32 Jahren wurde er in der Nacht zum 6. Dezember Zeuge eines grausamen Massakers, während dessen ein berittener Sankt Nikolaus und seine teuflischen Handlanger Goerts gesamte Familie zerstückelten. Jahrzehnte schon befasst sich der mittlerweile als einfacher Polizist Wache schiebende Mann damit, den Spuren jener mythischen Bestie zu folgen. Und nun, wo der Feiertag erstmals wieder im Zeichen des Vollmonds steht, mehren sich die Anzeichen auf eine Rückkehr des unseligen Bischofs. Natürlich hat niemand je dem Inspektor die verrückte Geschichte geglaubt. Als es jetzt den jungen Frank erwischt, der erleben muss, wie der Nikolaus persönlich seine Clique abschlachtet, ist dies das Signal für Goerts langersehnten Einsatz! Entschlossen blasen die beiden ungleichen Schicksalsgenossen zur letzten Jagd auf den Todespatronen.
Dick Maas´ langjähriger Stammschauspieler Huub Stapel ist als Nikolaus-Arschloch hinter fetter Latexmaske nicht zu erkennen, aber sein Spaß an der Rolle ist zu erkennen. Guter Partyfilm für ein Filmfestival, abgesehen, dass es im Freien immer noch ca. 20° wärmer sein dürfte als an Nikolaus.
Nett gemacht. Note = 3
Interessant ist die – schreiben wir mal Selbstfixierung – der Festivalmacher. Im weiteren Text im Programmheft erwähnen sie Dick Maas´ völlig bedeutungsloses US-Remake seines eigenen FAHRSTUHL DES GRAUENS – Hauptsache, der lief auf dem Fantasy-Filmfest; Dick Maas´ größer Erfolg FLODDERS über eine chaotische Proletenfamilie im Nobelviertel wird übergangen.
Samstag, 27. August
Es ist knapp 10° kühler als am Vortag, allerdings nicht unbedingt zum Frieren. Ich bin nicht ganz ausgeschlafen, komme knapp am Kino an und esse noch ein Schafskäse-Börek mit Salat beim Türken. Börek – das sind diese gefüllten Blätterteigschnecken. Es kommt darauf an, wie lange es gebacken wurde und wie es aufgewärmt wird. Das letzte Börek, dass ich während eines Filmfestivals aß, hatte die Konsistenz einer Jute-Einkaufstasche; dieses ist gut und knusprig.
Ins Kino komme ich ein paar Minuten zu spät. Sie fangen tatsächlich fast durchgehend pünktlich an, was prinzipiell erfreulich ist.
12:30 Uhr, Kino 1
FALSE TRAIL
Schweden, Originalfassung (schwedisch) mit englischen Untertiteln, 35 mm
Für den Stockholmer Kommissar Erik brechen alte Wunden auf, als er in sein Heimatdorf in der skandinavischen Taiga zurückkehrt: Wieder ist dort eine Frau verschwunden, wahrscheinlich ermordet – als einzige Spur findet sich eine Kugel aus einem Jagdgewehr. Mit Torsten, dem Kollegen vor Ort, geht der Spezialist für knifflige Fälle einem ersten, naheliegenden Verdacht nach, und prompt geht den beiden der geisteskranke Schläger Jari ins Netz. Während die schießwütigen Nadelholzköpfe die Verhaftung grölend feiern und der Provinzsheriff den Fall selbstzufrieden ad acta legt, bleibt Erik skeptisch und stochert allein weiter. In einem Kaff, wo Probleme bevorzugt mit roher Gewalt gelöst werden und die Waffendichte höher liegt als bei der Armee, kann jeder Streit dein letzter sein. Da ist es sicher nicht angezeigt, die Einwohner mit ballistischen Reihenuntersuchungen ihrer Präzisionsgewehre zu verärgern. Dieser ausgefuchste Skandinavien-Krimi hält die Spannung hoch; schickt zwei Schauspiel-Asse in ein verzwicktes Bedrohungsszenario, das die Raffinesse der MILLENIUM-Trilogie mit morbidem PHENOMENA-Feeling und der Brachialität nordischer Backwood-Thriller vereint.
Wenn es um kluge und gut entwickelte Kriminalfilme geht, sind die Skandinavier einfach oberste Weltklasse. Hier stimmt alles bis hin zu den prächtigen Landschaftsaufnahmen. Die zwei Schauspiel-Giganten Rolf Lassgaerd (Ex-TV-Wallander) als Stockholmer Kommissar und Peter Stormare (Hollywood-Schwede z.B. in 8MM) als einheimischer Polizeichef mit wachsenden Verdachtsmomenten liefern sich ein geniales Duell mit Top-Spannung.
Note = 1
Inzwischen habe ich Magenbeschwerden, was ich auf mein Mittagessen zurückführe. Danke.
15:00 Uhr, Kino 1
WASTET ON THE YOUNG
Australien, Originalfassung (englisch), 35 mm
Noch angesichts einer auf ihn gerichteten Pistole gibt Zack den coolen Top Dog: Er ist die Nummer 1 an einer privaten Eliteschule; in der Strandvilla seiner Eltern finden regelmäßig die geilsten Partys statt – er hat’s einfach drauf. Ganz anders sein Stiefbruder Darren, der seine Zeit lieber vor dem Computer verbringt und sich nur zögernd auf die Avancen der bildschönen Xandrie einlässt. Als diese auf einer von Zacks Partys verschwindet und die wildesten Gerüchte via Smartphone die Runde machen, ersinnt Darren – der bald die schreckliche Wahrheit erfährt – eine ganz eigene Form der Vergeltung … Regisseur Ben C. Lucas hat mit seinem Erstling einen entlarvenden Blick in eine Welt getan, deren Ausmaß an Selbstsucht, achtloser Grausamkeit und Gruppenterror im Kontrast zu den stylischen Bildern und dem protzigen Lebensstil der Kids umso ätzender wirkt. Im ganzen Film taucht nicht eine erwachsene Person auf; ein Kunstgriff, der mit surrealer Deutlichkeit die Machtmechanismen der jungen Ellbogengesellschaft veranschaulicht und “Herr der Fliegen” in Erinnerung ruft.
Überwiegend gelungenes Jugenddrama mit guten darstellerischen Leistungen, interessanter Geschichte und allerdings auch einigen Längen.
Note = 3+
Der Film beginnt recht pünktlich und dauert 97 Minuten. Die folgende Vorstellung in Kino 8 beginnt bereits um 16:30 und es ist eine Überschneidung zu befürchten. Ich komme nünktlich, da wohl auf die Zuschauer von WASTET ON THE YOUNG gewartet wurde. Wer allerdings eine Pinkelpause benötigt, kommt bereits zu spät.
16:30, Kino 8
YELLOW SEA
Südkorea, Originalfassung (koreanisch) mit englischen Untertiteln, DCP
Wozu gibt es schließlich Äxte und Messer (und zur Not: Knochen)? Was hier an Körperteilen perforiert und an Fuhrparks geschrottet wird, summiert sich auf den jährlichen Actionoutput Hollywoods. Hong-jin Na hat seine beiden Akteure aus THE CHASER wiedervereint, um ein sagenhaftes Gangster-Mafia-Action-Drama zu entfesseln. Goo-nam ist ein glückloser Taxi Driver, der bei chinesischen Gangstern in der Kreide steht, weil seine Frau mit der Kohle durchgebrannt ist. Der Säumige wird nach Seoul eingeschleust, wo er einen Geschäftsmann umbringen soll – sonst stirbt seine kleine Tochter. Sorgfältig plant der blutige Anfänger den Mordanschlag; doch es läuft alles aus dem Ruder: Eine landesweite Großfahndung hebt an, dazu hetzt ihn die versammelte Mafia der Halbinsel – das ist so erbarmungslos brutal, dass man einfach nur Mitleid haben kann mit dem armen Hund, der sein Schicksal still erduldet und verzweifelt rennt, rennt, rennt. Ein nihilistischer Noir, aus dem sich ein Melodram schält; bestürzend, mit zynischer Pointe, packend – einfach grandios.
Stark gespielt, richtig im Tempo – was meint: ruhige Erzählweise, wenn es nötig ist, rasante Action, so ruhig wie nötig, so rasant und brutal wie möglich. Und wirklich gnadenlos.
Es ist der erste Film in Kino 8, bei dem die digitale DCP-Projektion wirklich einwandfrei ist.
Note = 2
Jetzt habe ich nur eine viertel Stunde Zeit bis zum nächsten Film. Allmählich habe ich den Verdacht, dass besonders am Abend die Zwischenzeiten absichtlich so kurz gehalten werden, dass hungrige Festivalbesucher gezwungen sind, Popkorn- und Nacho-Dreck für viel Geld zu fressen. Ich besorge mir eine Monsterbrezel für € 3,00 und beschließe, nach der 19:15-Vorstellung zur Nudelbar zu gehen.
Feueralarm. Die Brandschutztüren gehen runter. Der Mann am Einlass sagt “Nicht schon wieder” oder so ähnlich und am Samstagabend werden 3.000 Kinogäste ins Freie gejagt – allerdings nicht die Gäste der beiden Gaststätten im gleichen Gebäude, was mich zur Vermutung “Einsatzübung” kommen lässt. Die Feuerwehr kommt jedenfalls. Das kann noch dauern, denke ich mir und gehe doch noch in die Nudelbar. Dann bin ich voll gefressen und bin 20 Minuten zu spät in der nächsten Vorstellung, da das Spektakel nach einer viertel Stunde beendet ist.
Ca. 20:00 Uhr, Kino 1
SUPER
Von James Gunn
USA, Originalfassung (englisch), 35 mm
Während Hollywood sein flächendeckendes Bombardement der Kinosäle mit Comic-Helden aller Art in diesem Jahr mit fast schon bewundernswerter Penetranz fortsetzt, formiert sich Widerstand: Begann die allmähliche Dekonstruktion des Superhelden mit seinem Strahle-Image zunächst noch unter wehenden Studiofahnen – siehe Nolans düstere BATMAN-Filme oder WATCHMEN – so präsentierte KICK-ASS endlich den ersten waschechten Anti-Superhelden. Und traf damit einen Nerv – sind es doch vermutlich die Loser dieser Welt, die sich danach sehnen, ihre Minderwertigkeitskomplexe mit hautengen Spandexkostümen zu verdecken. James Gunns SUPER ist nun der erste radikal kompromisslose Guerilla-Beitrag zum Thema. Seine provokanten Thesen schleudert er wie Handgranaten aus dem Untergrund. Sein wilder Mix aus Troma-Splatter und Psychostudie macht mehr Spaß, als es ein Film über einen offenkundig durchgeknallten Menschen eigentlich dürfte. “Shut up, crime!”, johlt der “Crimson Bolt”, wenn er seinen schwelenden Verdruss unter dem Deckmantel der Verbrechensbekämpfung eskalieren lässt. Im normalen Leben ist der “scharlachrote Blitz” das, was landläufig als arme Sau bezeichnet würde: ein unter Depressionen und Neurosen leidender Schnellimbisskoch, der aus einem Comic von Robert Crumb gepurzelt sein könnte. Als seine Frau (Liv Tyler), eine ehemalige Drogenabhängige und Stripperin, unter den Einfluss eines besonders abgefeimten Kleinverbrechers (Kevin Bacon) gerät und Frank (Rainn Wilson) verlässt, verschwindet auch jedes Regulativ aus dem Leben des Verlierers. Fortan zwängt er sich allabendlich in sein mühselig zusammengeflicktes Kostüm – nicht unbedingt, wie gesagt, um Gutes zu tun und zu den Gewinnern zu gehören, sondern um endlich mal auf die Kacke zu hauen. Als eine Art uncooler Bruder des TAXI DRIVER Travis Bickle geht der Crimson Bolt unverdrossen seiner grimmigen Arbeit nach. Beistand leistet ihm dabei bereitwilligst die nicht minder verstörende nymphomane Comic-Verkäuferin Libby (Ellen Page) als sein Sidekick Boltie. Doch ganz gleich, was die zwei anrichten – in einem ist sich Frank todsicher: Alles geschieht mit Gottes Segen! Script-Autor und Regisseur James Gunn – von dem behauptet wird, er sei für sein Drehbuch zu dem Troma-Klassiker TROMEO AND JULIET mit mickrigen 150 Dollar entlohnt worden – ist ein Mann fürs Robuste. Wie schon sein Regiedebüt SLITHER schlägt auch SUPER immer wieder über die Stränge, als sei der Film selbst vom Tourette-Syndrom befallen. Sollen wir lachen oder weinen angesichts des irren Treibens in diesem wilden, wilden Film? Beides ist durchaus angebracht in James Gunns Höllenshow verlorener Existenzen mit ihrem bizarr-brachialen Showdown. Einfach super!
Der Regisseur ist zwar nicht wirklich besonders, bekommt aber ein Directors spotlight. Na meinetwegen.
Eine nette Superhelden-Verarschung mit gut aufgelegten Darstellern, Tempo und Situationskomik. Öfter muss ich das allerdings nicht sehen. Hier ist es in Ordnung. Nette Lockerungsübung.
Note = 3
21:30 Uhr, Kino 1
PHASE 7
Argentinien, Originalfassung (spanisch) mit englischen Untertiteln, 35 mm
Auf gute Nachbar-, äh, Feindschaft! Coco (Bären-Gewinner Daniel Hendler) und seine hochschwangere Frau Pipi interessieren sich im Grunde nur für sich selbst und ihre Beziehungskabbeleien. Dass weltweit ein Virus grassieren soll und auch ihr Wohnblock (in bester [REC]-Manier) unter Quarantäne gestellt wird, beunruhigt sie nicht sonderlich – das bedeutet vor allem mehr Zeit, um fernzusehen und Schiffeversenken zu spielen. Doch bald werden die Vorräte knapper. Nachbar Horacio ist bestens ausgerüstet – und überzeugt, dass die Regierung hinter allem steckt, um durch “kontrollierte Bevölkerungsreduktion” eine neue Weltordnung zu etablieren. Er versorgt Coco mit Schutzanzug und Waffe, um bei den im Haus ausbrechenden Verteilungskämpfen einen Mitstreiter an seiner Seite zu haben. Wider Willen mutiert der lässige Schluffi zum Westernhelden im spacigen Quarantäne-Outfit, während sich Hausflure, Treppenhaus und Parkdeck in bitter umkämpfte Kriegszonen verwandeln … Aus Argentinien kommt die zwar zombielose aber keineswegs unblutige Antwort auf Hollywoods trendige Virus-Endzeit-Filmwelle – getragen von einem fantastischen Darstellerensemble, das noch die absurdesten Momente dieser klaustrophoben Komödie um Pandemie und Paranoia absolut trocken und todernst meistert und untermalt von einem 80er-Synthie-Soundtrack. Für sein bitterböses Skript erhielt Regisseur Nicolás Goldbart beim Sitges Film Festival den Preis für das beste Drehbuch.
Wer Zombies und/oder Amok laufende Pestkranke erwartet, ist im falschen Film. Der Fokus wird hier auf den Zerfall menschlicher sozialer Strukturen und wachsendes Misstrauen gelegt. Allerdings werden die sparsam und sorgfältig inszenierten Gefechte mit einem heftigen Kopfschuss eröffnet.
Klug konstruiert, spannend und fesselnd, aber auch bedrückend.
23:30 Uhr, Kino 8
22. Mai
von Koen Mortier
Belgien, Originalfassung (flämisch) mit englischen Untertiteln, DCP
Anders als in seinem Debüt EX DRUMMER (Gewinner unseres Fresh Blood-Awards 2007) knallt es in Koen Mortiers zweitem Film gleich zu Anfang. Der alleinstehende Sam kriecht aus den Federn, zündet sich eine Kippe an, putzt sich die Zähne, macht sich Brot und Kaffee und geht zur Arbeit. Für den Wachmann eines Einkaufszentrums geht zunächst alles seinen gewohnten Gang – bis buchstäblich die Bombe platzt: Tinnitus, Staub, Geröll, Feuer, Geschrei und Sams verzweifelter Versuch, verstümmelte Menschen zu retten. Von Angst und Panik überwältigt entzieht er sich schließlich der unerträglichen Situation; rennt, soweit ihn die Beine tragen. Was folgt, ist ein verstörendes, surreales Echo des Anschlags – wieder und wieder muss Sam ihn durchleben, aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Geister der Verstorbenen scheinen ihn heimzusuchen. Doch was ist real, und was bildet sich der von Schuldgefühlen geplagte Mann nur ein? – Wie in EX DRUMMER spielt die Handlung in Flandern – bei Mortier eine Art Vorhof der Hölle. Dass er hart und punkig sein kann, hat der Regisseur schon bewiesen. Mit in fahloranges Licht getauchten Bildern zeigt er nun, dass er auch für Tragik ein großes Gespür hat und Explosionen überwältigend wie kein Zweiter zu inszenieren weiß.
Zwei mal erleben wir das Bombenattentat und die unmittelbaren Fogen mit. Am Anfang sehen wir vor lauter Staub, Rauch und Geröll nicht viel. Zum Schluss sehen wir die Explosionen, das Feuer, durch die Gegend geschleuderte Opfer, Verkaufsartikel und Einrichtungsgegenstände in sehr langsamer Zeitlupe. Beide Versionen sind so intensiv, dass sie kaum auszuhalten sind. Der Bewältigungsprozess dazwischen ist nicht unbedingt mein Ding, aber hier hatte der Regisseur ein klares künstlerisches und filmisches Konzept und davor habe ich großen Respekt. Die Motive des Bombenlegers (nur der Vollständigkeit halber ist er kein Islamist sondern ein Einheimischer) bleiben diffus, was es noch verstörender macht. Die interessante Farbgestaltung wäre auf 35 mm möglicherweise noch besser zur Geltung gekommen.
Note = 2
Den Schreibern des Programmheftes, sei noch mitgeteilt, dass in Flandern nicht niederländisch gesprochen wird sondern flämisch. Beides verstehe ich nicht und ich bin kein Sprachexperte, aber es ist ein Unterschied, wenn auch beide Sprachen ähnlich klingen.
Sonntag, 28. August
13:00 Uhr, Kino 8
HAIR OF THE BEAST
Kanada, Originalfassung (französisch) mit englischen Untertiteln, DCP
Pakt der Werwölfe in der Neuen Welt: In dem gerade von den Franzosen kolonialisierten Teil Kanadas sind 1665 die Sitten noch ein ganzes Stück rauer als in der Heimat – ein unzüchtiges Schäferstündchen kann hier schnurstracks an den Galgen führen. Dem Herumtreiber und Schürzenjäger Joseph gelingt knapp vor der Hinrichtung die Flucht aufs Land. Dort schlüpft er in die Identität des soeben verblichenen Jesuiten-Paters Brind’amour – keine leichte Tarnung angesichts dessen, dass er kein einziges Wort Latein kann und von der derben ländlichen Gemeinde ohnehin misstrauisch beäugt wird. Überdies war der wahre Geistliche ein legendärer Werwolf-Killer, und Joseph muss bald feststellen, dass der Schutz seiner nicht gerade pflegeleichten Schäfchenherde vor blutdürstigen Pelztieren eine nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes haarige, sondern auch lebensgefährliche Angelegenheit ist. Zumal wenn Louis XIV. aufgrund des herrschenden Männerüberschusses gerade den Nachzug von mehreren hundert heiratswilligen Jungfrauen gesponsert hat. Spätestens seit der GINGERSNAPS-Trilogie wissen wir, dass die wilden Wälder Kanadas das ideale Jagdrevier für mystische Raubtiere sind. Regisseur Philippe Gagnon hat sichtlich Spaß am derben Zeitkolorit jenseits des üblichen Kostümfilmplüschs.
Nichts wirklich Neues von der Monsterfront. Aber Ausstattung und Kameraarbeit sind sehr gelungen. Die Darsteller sind gut gelaunt und der Film ist ordentliche Unterhaltung.
Note = 3
15:00 Uhr, Kino 8
GET SHORTY, das Kurzfilmprogramm
Bis auf den schwedischen Zombiefilm von 29 Minuten (35 mm) ist alles in DCP
Ein Bohrer windet sich mit Präzision und Gänsehaut-Kreischen direkt zwischen die Augen ins Hirn – unser filmischer Auftakt bildet den Maßstab für die neueste Ausgabe unserer Kurzfilmrolle, die neben Comedy und Splatter auch Tiefgang und sensationelle Production Values bereithält. Etwa in der düsteren halbstündigen Dystopie THE UNLIVING. Fantastisch, in welch brillanten Tableaus uns der schwedische Zombiefilm schwelgen lässt und wie er mit einer originellen Story, blutigen SFX und viel Drama spielfilmreif überzeugt. … Im Anschluss gibt uns HE DIES AT THE END Regisseur Damien McCarthy erneut ein Rätsel auf. “Hickory” bezeichnet im Englischen eine Gattung von Bäumen aus der Familie der Walnussgewächse. Aha. Doch was bitte schön ist ein HUNGRY HICKORY? … Ratlos ist auch die Frau, die in DANCE WITH THE DEVIL unversehens in einen Wettlauf um Leben und Tod mit einem Untoten gerät: Was will der verweste Typ eigentlich – sie auffressen, als Erster ans Ziel kommen oder flirten? … Gespräche mit Toten zeigen ja gewöhnlich eher eine Tendenz zum Monolog. Ein solcher wird in SABRINA gehalten – über leicht verdorbene Beziehungsfragen. … Passend zum Hochsommer feiern wir mit euch die Rückkehr der bereits aus GET SHORTY 2003 bekannten, übelgelaunten Killertanne. Achtung, in BLOODY CHRISTMAS 2 – THE RISE OF THE CHRISTMAS TREES, bekommt sie Verstärkung! … Und nun kurz mal Schluss mit lustig: Der Gejagte in THE PEACOCK’S EYE kann sich am Ende eines verwirrenden Katz- und Mausspiels des Todes nicht erwehren. Zu virtuos und durchtrieben ist seine Jägerin in diesem poetischen Stop-Motion-Animationsfilm. … Durchtriebenheit ist Jesus im folgenden Short wohl kaum vorzuwerfen. Dafür aber seinem Jünger Judas. Der ultrablasphemische und sexuell aufgeheizte JUDAS & JESUS unterzieht das Neue Testament einer freimütigen Neuinterpretation. … Mit BLOOD SNOW sei es all den lauthals lästernden Gegnern der Splatterkultur einmal klipp und klar gesagt: “Es ist nur Kunst, große Kunst!” … Da kann nur noch BRUTAL RELAX eins draufsetzen: Wenn Herr Olivares zur ärztlich verordneten Stranderholung aufbricht, hält ihn nicht einmal eine Invasion schleimiger Meeresmonster vom Entspannen ab – zumindest solange seine Lieblingsmucke aus dem Walkman schallt!
Einige wirklich gute Beiträge gibt es. Im schwedischen Zombiefilm THE UNLIVING werden die Untoten am Leben gehalten, um sie als kostenlose Arbeitssklaven einzusetzen – eine wirklich bösartige Vision. Im deutschen Zeichentrickfilm JUDAS & JESUS sind fast alle Figuren Schafe. Leben und Sterben von Jesus Christus werden sehr eigenwillig und mit einigen schmutzigen Ideen interpretiert. BRUTAL RELAX ist purer Fun-Splatter.
Note = 2
17:15 Uhr, Kino 8
3D SEX UND ZEN – EXTREME EXSTASY
Hong Kong, Originalfassung (kantonesisch) mit deutschen Untertiteln, Real-3D
Nach all dem Mord und Totschlag, mit dem wir euch hier füttern, habt ihr euch mal eine echte Entspannung verdient. Was den Deutschen der SCHULMÄDCHEN-REPORT, den Galliern EMMANUELLE, ist dem Chinesen seine SEX AND ZEN-Reihe – eine wonneproppige Sexploitation-Schnitte, die jetzt mit großem Aufwand und einem kompletten chinesischen Playboy-Jahrgang vor historischer Kulisse zu neuem Glanz in 3D aufpoliert wurde. Ach ja, die Story um die experimentierfreudige Yuxiang, die, ein wenig frustriert ob ihres impotenten Gatten, ausgerechnet im berüchtigten Pavillon der ultimativen Ekstase beim sadistischen Sittenstrolch Prinz Ning landet, hat einen Touch Fantasy. Das ist unsere offizielle Entschuldigung, falls noch jemand fragt. Und nun dürft ihr die schicken Schätzchen dreidimensional auf anatomische Korrektheit studieren. Obendrein ist die erotische Mär vom tabulosen Rammel-Paradies ziemlich witzig – naturgemäß unter der Gürtellinie. Neben äußerst liebesbedürftigem Harems-Personal tummeln sich auch Freaks dämonischer Provenienz, was dem Ausdruck “chicks with dicks” eine neue teuflische Dimension verleiht. Und was den Festlandchinesen die Zensur schnöde verpixelt, räkelt sich für uns barfuß bis zum Scheitel. Das scharfe Kamasutra wird derweil um einen Dungeon erweitert, der aus dem legendären Titel EXZESSE IM FOLTERKELLER stammen könnte. Definitiv ein Anlass für ein, zwei kalte Bierchen.
Am Kinoeingang werden Erfrischungstücher ausgeteilt, was wirklich eine witzige Idee ist.
Den ersten SEX & ZEN sah ich vor Jahren mal. Das Prinzip ist einfach und wird beibehalten: Ficken und Foltern – Verzeihung für die drastische Ausdrucksweise – mit ein paar Kampfszenen und verrückten Filmfiguren in einer absurden Rahmenhandlung. Das ganze wird von hemmungslos überagierenden Darstellern vorgetragen und darf dieses mal sogar in 3D genossen werden. Zu den Höhepunkten zählen neben diversen sadistischen Quälereien eine Penistransplantation sowie ein Zwitter der mit seinem meterlangen Penis sogar ein Wagenrad stemmen kann.
Selten so gelacht bei diesem Festival.
Note = 2
19:30 Uhr, Kino 8
Ich habe die Wahl zwischen Zombies und Seuche und gehe in
THE DEAD
Großbritannien, Originalfassung (englisch), DCP
Die Wüste lebt … noch ein bisschen. Ein einsamer Mann schleppt sich durch die Einöde Afrikas. Einen Zombie mit zweifach gebrochenem Bein lässt er links liegen. Einen zweiten schaltet er mit einem gezielten Schuss in die Stirn aus. Ja, die Puristen unter euch werden jubeln: Die Untoten schlurfen wieder! Was THE DEAD in die ehrenvolle Nähe von George A. Romeros unsterblicher LIVING DEAD-Reihe rückt, ist der grimmige allegorische Subtext: Die von Zombiehorden ausgerotteten Hüttendörfer erinnern nicht zufällig an Bilder aus dem heutigen Kongo, Sudan oder Somalia. Schon in der Realität von Despoten, Warlords und Milizen ausgeblutet, wird der Kontinent auch in der Fiktion vom reichen Norden im Stich gelassen. Wer kann, lässt sich evakuieren – nur dass das letzte Flugzeug voller Weißer abstürzt. Fortan kämpft sich der einzige Überlebende Lieutenant Brian Murphy (Rob Freeman aus DER SOLDAT JAMES RYAN) ziellos durchs Niemandsland. Bis er auf Sergeant Daniel Dembele (Prince David Oseia, der Tom Cruise Ghanas) trifft: Der Deserteur ist auf der Suche nach seinem Sohn, der ein von Zombies angerichtetes Massaker überlebt haben soll. Dabei stellt die Beschaffung von Wasser, Essen und Benzin die beiden vor größere Schwierigkeiten als die Abwehr der Untoten: An Waffen hat es in Afrika noch nie gemangelt.
George R. Romero und seine Living-dead-Reihe hat mit dem hier ungefähr so viel zu tun wie Trüffel mit Schimmelpilzen und es jubelt wirlich so gut wie niemand.
Der Film ist inhaltlich, darstellerisch und erzählerisch einfach nur misslungen und auch noch langweilig. Immerhin sind die vereinzelten Fressszenen zwischen Autoreperatur und Zwischenstops in Dörfern relativ gut gelungen. Die Landschaftsaufnahmen könnten auch aus einer Sonntag-Abend-Abenteuer-Reportage im ZDF stammen. Die vereinzelten verbalen und visuellen Verweise an die Rolle des Westens im ausgebeuteten zun dzum Sterben zurück gelassenen Kontinent Afrika verpuffen, weil es dem Regisseur nicht gelingt, sie ausreichend auszuarbeiten.
Note = 6+
23:30 Uhr, Kino 1
Ursprünglich wollte ich in URBAN EXPLORER gehen, da hier der Regisseur angesagt war. Der musste aber kurzfristig absagen, daher verzichte ich auf das Heimvideo und entscheide ich mich für
SUICIDE ROOM
Polen, Originalfassung (polnisch) mit englischen Untertiteln, 35mm
Dominik dreht bald durch: Im Social Web kursieren Gerüchte und Gemeinheiten über ihn, und seine geldverliebten Eltern interessieren sich nicht für seine Probleme. Schließlich haben sie alles für seine Zukunft getan und ihren Jungen an der renommiertesten Eliteschule des Landes untergebracht. Dort wird der Psychoterror jeden Tag schlimmer, und Dominik (Newcomer Jakub Gierszal mit einer bemerkenswerten Performance) flüchtet sich in die virtuelle Welt. Als er Sylwia begegnet, die das Leben auch unerträglich findet und ihn in den SUICIDE ROOM mitnimmt, fühlt sich der Teenager endlich verstanden. Er lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein, das seine neue “Freundin” anzettelt, und steuert in seiner Sehnsucht nach Erlösung gradewegs auf den Abgrund zu. Filme, die in der virtuellen Realität spielen, stehen und fallen mit der Qualität ihrer animierten Sequenzen. Und da fehlt es oft an Sachverstand: Grafiken wirken wie aus dem letzten Jahrhundert oder zeichnen ein naives Bild von Online-Games, welches den geübten Zocker bloß müde lächeln lässt. Glücklicherweise trifft dies nicht auf den SUICIDE ROOM zu, der im Verlauf von Dominiks Geschichte mehr und mehr zum Zufluchtsort vor einer Gesellschaft wird, die Schicksale nur noch dann zur Kenntnis nimmt, wenn sie hochgeladen werden.
So so, das ist also entscheidend für die Festival-Verantwortlichen: Die Qualität der Computeranimationen in der virtuellen Realität. Die glaubwürdige Geschichte und die brillianten Darsteller scheinen nebensächlich zu sein.
Es fängt an, als Dominik aufgrund einer Wette und Mutprobe seinen Schulkameraden vor laufender Kamera küsst und diese Szene im Internet verbreitet wird. Als er mit eben diesem Schulkameraden Judo trainiert und überwältigt und am Boden fest gehalten wird, bekommt er auch noch einen Orgasmus, was die Gerüchte eskalieren lässt. Der Vollständigkeit halber bringt Dominik seine Eltern (Berufspolitiker und Managerin) auf einem Empfang in Verlegenheit, als er nicht mit der Tochter des Ministers ausgehen möchte sondern behauptet, schwul zu sein. Psychischer Verfall und Internetsucht werden im weiteren Verlauf spannend und ergreifend geschildert, wobei ich selbst die Computerszenen in der virtuellen Welt nicht für besonders gelungen halte.
Dieser Film wird vermutlich nie wieder das Licht einer deutschen Leinwand erleuchten und mit viel Glück im Nachtprogramm eines arte-Themenarbends landen.
Note = 1-
Montag, 29. August
15:00 Uhr, Kino 1
KILL LIST
Großbritannien, Originalfassung (englisch), 35mm
Der arbeitslose Ex-Soldat (und einstige Auftragskiller) Jay und seine Frau Shel haben Geldsorgen, unter denen die junge Ehe zu zerbrechen droht. Bei einem gemeinsamen Abendessen macht sein bester Kumpel Gal (ebenfalls Auftragskiller) Jay ein Angebot, das die finanzielle Situation der Familie entscheidend verbessern könnte: drei weitere “Hits”, die der Auftraggeber geradezu fürstlich entlohnt. Jay merkt schnell, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Todesliste handelt; und als sich bei einer Zielperson eine Kiste mit Snuff-Filmen findet, gerät seine Welt aus den Fugen und trudelt unaufhaltsam in den Untergang. KILL LIST macht es dem Publikum wahrhaftig nicht leicht. Wie schon Ben Wheatleys kongenialer Erstling DOWN TERRACE wechselt auch hier die Handlung unvermutet die Richtung und schert sich der Regisseur keinen Deut um Genrekonventionen. Puristen mögen das irritierend finden, aber genau daraus schöpft KILL LIST seine überraschende Wirkung. Wheatley verzichtet dieses Mal konsequent auf jede Form von Humor, und der Atem wird uns ein ums andere Mal stocken, wenn er seine Figuren unerwartet durch einen Albtraum aus exzessiven und barbarischen Gewalttaten jagt. KILL LIST ist ein unberechenbarer filmischer Bastard mit einem Ende, von dem sicherlich noch lange gesprochen wird.
Eine gute halbe Stunde dauert es, bis der Auftrag erteilt wird, und ich werde nicht ganz schlau daraus, was auch am schwer verständlichen schottischen Dialekt liegen mag. Während der Abarbeitung der Todesliste lernen wir einen Mann kennen, der Snuff-Videos vertreibt und Auftragskiller Jay um den Tod bittet. Später döse ich kurz weg und wache beim Beginn einer okkulten Prozession auf dem Acker auf; hier werden ein paar Menschenopfer gebracht und auch Auftragskiller Jay und seine Familie werden dran glauben müssen. Der Auftraggeber gehört ebenso zur Sekte wir Bester-Kumpel Gal´s Ehefrau.
Ratlos bin ich. Und über diesen Film – produziert mit Fördermitteln für besondere Low-budget-Projekte, kein Scherz – wird nur so lange auf dem Videothekenflur gesprochen wird, bis die letzten paar Exemplare gegen neue Grusel-Gülle für die unteren Regale ausgewechselt sein wird.
Note = 4
17:00 Uhr, Kino 8
END OF ANIMAL
Südkorea, Originalfassung (koreanisch) mit deutschen Untertiteln, DCP
Wer ist der merkwürdig unwirsche Fahrgast, der auf verlassener Straße zu der schüchternen und hochschwangeren Sunyoung ins Taxi dazusteigt? Und warum kennt er anscheinend alle intimen Details aus dem Leben des Fahrers und der jungen Frau? Als der mysteriöse Allwissende lauthals einen Countdown im Sekundentakt herunterzuzählen beginnt, wächst die Anspannung im engen Raum des Wagens, bis … bis plötzlich ein weißer Blitz einschlägt. Dann gibt das Auto und alles Elektronische den Geist auf. Kurze Zeit später erwacht Sunyoung im Taxi, mutterseelenallein. Was ist geschehen; wo sind die anderen? Auf ihrem Weg durch die karge Winterlandschaft weiß sie bald nicht mehr, wovor sie sich mehr fürchten soll – vor dem seltsamen Heulen und Knurren, das aus der Ferne ertönt, oder den zwielichtigen Zeitgenossen, denen sie begegnet? Und wie die Verzweifelte tappt auch der Zuschauer lange Zeit im Dunkeln über die Zusammenhänge dieser Postapokalypse, die in ihrer Rätselhaftigkeit an Michael Hanekes WOLFSZEIT erinnert. Jungregisseur Jo Sung-Hee beweist mit seinem von der Korean Academy Of Film Arts geförderten Spielfilmdebüt ein grandioses Gespür dafür, die kleinsten Details für intensive Stimmungen zu nutzen.
Endzeit-Soße, diesmal nach koreanischem Rezept. Fünf Figuren zähle ich – einschließlich ausgesetztem Hund. Sie suchen dann nach anderen Menschen, Essen, sonstwas.
Zuzuschauen, wie Farbe an der Wand trocknet, könnte nicht uninteressanter sein. Ich gehe nach 20 Minuten.
Schade. Korea gehört zu den interessantesten Filmländern. Ein solcher Filmstoff hätte wesentlich interessanter, reizvoller und professioneller verfilmt werden können. Hauptmotiv für die Auswahl dieses Autoren-Schnarchfilms scheint aber gewesen zu sein, dass es ein Endzeitszenario ist. Zombies, Seuchen, sonstige Endzeit und ein bischen Serienmord – mehr scheint für ein Genrefestival bald nicht mehr nötig zu sein.
Note = 6
19:15 Uhr, Kino 8
A LONELY PLACE TO DIE
Großbritannien, Originalfassung (englisch), DCP
Eigentlich sollte es ein sportlicher Kletterausflug in die schottischen Highlands werden. Doch für Alison und ihre Freunde nimmt der Tag eine überraschende Wende, als die fünf Bergsteiger in den gottverlassenen Wäldern einem Hilferuf folgen und auf ein halb vergrabenes Luftrohr stoßen. Was sie am anderen Ende erwartet, ist so schockierend, dass sie sich panisch auf den Weg zurück in die Zivilisation machen – aber jemand hat etwas dagegen, dass die Gruppe ihr Ziel erreicht. Meilenweit von jeder menschlichen Ansiedlung entfernt, wird die schweigende Bergwelt zum Zeugen eines verzweifelten Kampfes auf Leben und Tod … Regisseur Julian Gilbey, seit RISE OF THE FOOTSOLDIER erprobt im Umgang mit harten englischen Jungs, schickt seine Darsteller, allen voran die vortreffliche Melissa George, in A LONELY PLACE TO DIE durch einen Action-Parcours, der sich gewaschen hat. Getrieben von einem bombastischen Soundtrack und dynamischen Schnitten setzt die Kamera eine atemlose Hatz in Szene, bei der wirklich alles stimmt. Selten war ein britischer Thriller so geradlinig inszeniert, und wenn das brutale Spektakel in einem unerbittlich perfekten Showdown mündet, wird selbst der abgebrühteste Zuschauer mit Wucht in den Kinosessel gedrückt.
Aus dem Verlies mit Luftrohr befreien sie ein junges Mädchen. Auf der Suche nach Hilfe werden Einige von ihnen der Reihe nach erschossen oder stürzen ab. Wer da schießt, sind die Entführer und weiterhin mischen sich ein paar Auftragsmörder im Auftrag des Vaters ein. Die Gebirgslandschaft ist fantastisch fotografiert, wobei die Digitalprojektion ausnahmsweise gut ist. Der Film ist gut gespielt und mit Tempo und Dynamik inszeniert. Als sich der Schauplatz später in eine Kleinstadt verlagert und während eines Folklore-Festivals herumgeballert wird, lässt die Intensität nach. Es ist sehr schade, dass die Macher nicht ihren ursprünglichen Instinkten vertrauen und so weiter machen. Der Auftragnehmer des Vaters wird von Karel Roden gespielt, dem Prototyp für haken-nasige osteuropäische Verbrecher.
Note = 3
21:15 Uhr, Kino 1
SHAOLIN
China, Originalfassung (kantonesisch) mit englischen Untertiteln, 35mm
Nach dem grandios-dramatischen SHINJUKU INCIDENT und dem launig-sympathischen LITTLE BIG SOLDIER wird Jackie Chan tatsächlich noch zum Festivalstammgast! In seinem 100-xten Leinwandauftritt jedoch begnügt sich der mittlerweile 57-Jährige mit einer kleineren Rolle und überlässt die große Bühne Asiens Megastar Andy Lau – der seit FULLTIME KILLER und INFERNAL AFFAIRS nicht mehr vom Fantasy Filmfest wegzudenken ist. Und von Regisseur Benny Chan bekommen wir eine Martial-Arts-Tragödie Shakespeare’schen Ausmaßes voller Tücke, Verrat und mit einer guten Prise Humor vor die staunenden Augen gesetzt. China in den 1920er-Jahren: Lau spielt Warlord Hou Chieh, der mit seinen Verbündeten und seinem Volk noch rücksichtloser umgeht als mit seinen Feinden. Ein kleiner Lichtblick für die hungernde Bevölkerung ist ein Orden buddhistischer Kampfkunstmönche: die Shaolin. Natürlich bietet SHAOLIN atemberaubende Kampfchoreografien vor malerischer Kulisse und historischem Hintergrund. Doch darüber hinaus führt der Film mit seinen vielschichtigen Figuren in die zutiefst pazifistische Philosophie der Shaolin ein. Buddha sei gepriesen.
Die schauspielerischen Leistungen und die Kampfszenen sind tatsächlich atemberaubend. Störend sind gewisse Längen und etwas mehr Sozialkitsch als notwendig. Außerdem werden mehrere Pferde brutal zu Fall gebracht, von denen nach Genickbruch Einige in den Teigtaschen von Jackie Chan (als Koch des Klosters) landen dürften. Schön, ihn auf der Leinwand gesehen zu haben. Muss ich später aber nicht im Regal haben.
Note = 3
23:45 Uhr, Kino 8
THE MORTICIAN
USA, Originalfassung (englisch), Real-3D
Method Man vom Wu-Tang Clan als Charakterdarsteller – noch dazu in der Rolle eines einzelgängerischen Leichenbestatters? Genau als solcher streift der Rapper altmodisch gekleidet mit Melone und Hornbrille durch das Getto einer verfallenen Metropole, in der Gewalt und Elend regieren. Nachts widmet er sich mit Geschick und Akribie seinem Hobby – der Tierpräparation. Sein Tagesjob unterscheidet sich nur unwesentlich, wenn er penibel und völlig ungerührt Leichen säubert und für die Beerdigung herrichtet. An Nachschub mangelt es in der trostlosen Gegend nie. Der tätowierte Bauch einer ermordeten jungen Frau reißt den Bestatter aus seiner Routine: Was haben bloß der neue Mitarbeiter Noah, ein Ex-Knacki, der bedrohliche Gangster Carver und der eingeschüchterte Junge Kane mit der Sache zu tun? Erst nach und nach kommt Licht in die mysteriösen Ereignisse dieses Urban Noirs. Der verschrobene Pathologe muss sich entscheiden: Bleibt er weiter in beobachtender Distanz zu seiner Umwelt, oder schreitet er zur Tat …
Der Anfang ist nicht schlecht. Die eingefangenen Straßenzüge, die maroden Backsteinbauten entfalten eine morbide Atmosphäre, die aber schlagartig endet, als die ersten Dialoge gesprochen werden. Dann entwickelt sich ein Zwitter aus Endzeitmotiven wie KLAPPERSCHLANGE oder OMEGA-MANN, aus denen sogar ein John Carpenter zum Tiefpunkt seines künstlerischen Deliriums mehr heraus geholt hätte. Und würde der 70er-Jahre-Charlton-Hesten zwischen den Mülltonnen hervor springen und verlangen, dass man sich hier ein bischen mehr Mühe gibt, würde mich das auch nicht wundern. “Charakterdarsteller” Method Man spielt übrigens ständig mit dem gleichen Gesichtsausdruck wie auf dem Foto.
Dann schlafe ich ein, weiß nicht mehr genau, worum es geht, finde es aber sowieso uninteressant und fahre heim in mein Bett.
Note = 6
Dienstag, 30. August
15:00 Uhr, Kino 8
THE VETERAN
Großbritannien, Originalfassung (englisch), Digital
Traumatisiert und depressiv kehrt der junge Elitesoldat Robert von seinem Einsatz in Afghanistan in seine schäbige Londoner Wohnung zurück. Der Ton ist rau in der Nachbarschaft. Drogengeschäfte und Gangs bestimmen das Straßenbild und selbst Kinder fuchteln schon mit großkalibrigen Wummen herum. Höchste Zeit, dass jemand mal mit eiserner Hand durchgreift. Zunächst aber wird Robert (großartig: Toby Kebbell als unberechenbar tickende Zeitbombe) von einem dubiosen Regierungsbeamten (Brian Cox) beauftragt, vor Ort eine islamistische Terrorzelle auszuspionieren. Leider laufen die Dinge nicht wie geplant, und bald ahnt der pflichtbewusste Veteran, dass er in ein ganz übles Komplott geraten ist. Aber mit einem Mann wie Robert legt man sich besser nicht an. Wenn ihn tschetschenische Folterkommandos entführen, sticht er sich mit dem Messer den Weg frei, dass selbst Jack Bauer anerkennend durch die Zähne pfeifen würde. Sobald allerdings die Handlung dieses psychologisch subtilen Hochspannungswerks den Pfad des Antiterrorkampfs verlässt und seinen wortkarg leidenden Helden quasi emotional vernichtet zurücklässt, wird es bitter. Der Waffenexperte lädt kräftig durch und pumpt die nachbarschaftliche Mafia voll Blei …
Offensichtlich wird hier eine Blue-Ray abgespielt. Denn zwei mal erscheint in der Ecke unten links ein Fensterchen mit “Kapitel 2/13″ bzw. “Kapitel 3/13″. Das ist bestimmt keine künstlerische Freiheit des Regisseurs. Die Bildqualität ist entsprechend. Zwar sind keine Pixel oder Zeilen aus dieser Entfernung zu erkennen, bei grellen Farbunterschieden macht sich die Digitalprojektion sehr negativ bemerkbar. Kennt jemand das farblich verfremdete Marilyn-Monroe-Portrait von Andy Warhol? So sieht das Gesicht des Veteranen aus, als er in eine Bar kommt und von der Seite rot beleuchtet wird. Es tut mir in den Augen weh und ich gehe, um etwas Anderes zu unternehmen. Dabe ist der Film wahrscheinlich nicht so schlecht.
Ohne Bewertung.
17:00 Uhr, Kino 1
COLD PREY 3
Norwegen, Originalfassung (norwegisch) mit englischen Untertiteln, 35mm
Was die Amis können, haben die Norweger allemal drauf: ein ergiebiges Slasherfilm-Konzept mit mehreren Fortsetzungen auszuschlachten! Wobei “ausschlachten” wörtlich zu nehmen ist, wenn uns Teil 3 in die blutige Vorgeschichte des Hotel- respektive Krankenhaus-Metzgers blicken lässt. Und weil das Prequel ganz zum Anfang zurückkehrt, liefert es Fans manche Antwort und holt zugleich interessierte Neueinsteiger ins Boot. 1976: Was ist tatsächlich mit dem Jungen passiert, der in der Eröffnungssequenz von Teil 1 verschwand? Warum wurde das einsam gelegene Hotel seiner Eltern für immer geschlossen und aus den Landkarten getilgt? – Zeitsprung ins Jahr 1988: Eine Gruppe Twens macht sich zu eben jenem Hotel auf, um dann doch vor der Mutprobe zurückzuscheuen. Eine Runde Nacktbaden später – die Handlung spielt diesmal im Sommer – erwischt es sie selbstverständlich trotzdem. Denn COLD PREY 3 ist vor allem eines: die Zementierung des Mythos um den wortkargen, vernarbten Killer in der Kapuzenjacke … Mit Mikkel Brænne Sandemose nimmt der dritte Filmemacher auf dem COLD PREY-Regiestuhl Platz. Mit neuer Besetzung und neuen Perspektiven bringt er frischen Wind in die Reihe, behält aber die wesentlichen Markenzeichen bei: stimmungsvolle Bilder und ironiefreier Nervenkitzel.
Das Serienkiller- und Psychopathen-Genre wird hier nicht neu erfunden, aber es ist ordentliche, handwerklich gut gemachte Arbeit, die spannende Thriller-Unterhaltung bietet. Was will man mehr.
Note = 2-
19:15 Uhr, Kino 8
Der Ansager von der Festivalleitung erklärt diesen Film zu seinem Liebling. Er spricht das Publikum darauf an, dass ja so viele Leute so viele Filme so schlecht finden, aber trotzdem jedes Jahr wieder so viele Leute wieder kommen. Dieser Ansager scheint kritikunfähig zu sein. Vor einigen Jahren legte ich mich schon mal mit ihm an, weil wir ein Heimvideo, das direkt für die DVD-Regale produziert worden war, für damals € 8,00 vorgesetzt bekamen, bei dem ich die Pixel auf der Leinwand zählen konnte, was ich als Unverschämtheit bezeichnete. Der Mann ist durchaus in der Lage, die verstärkt vorgetragene Kritik an minderwertigen Filmen zur Kenntnis zu nehmen. Hoffentlich wird darauf reagiert werden.
Während der ersten Filmminuten ist die untere Untertitelzeile ausßerhalb der Leinwand. Mehrere Kinozuschauer – auch ich – gehen sich beschweren. Wir bekommen die Auskunft, dass gleich jemand gucken kommt und schon unterwegs ist. Die anderen Filmfestivals, auf die ich sonst gehe, sind rein ehrenamtlich organisiert und die Filmvorführer werfen ein Blick in den Projektor und auf die Leinwand, bevor sie den Projektionsraum verlassen. Aber das sind sie hier scheinbar gar nicht mehr gewohnt bei all den Digitalprojektionen.
KALEVET – RABIES
Israel, Originalfassung (hebräisch) mit englischen Untertiteln, 35mm
Wer sich diesen Film – den schwärzesten Genremix diesseits von SHALLOW GRAVE und ALICE CREED – entgehen lässt, verpasst eine Menge. Und muss vielleicht Jahre warten, bis das verwässerte US-Remake dazu inspiriert, doch mal das Original anzutesten. Denn die Studios werden sich auf RABIES stürzen wie tollwütige Hunde. In dem durch und durch überraschenden Slasher lauert der Tod zwar hinter jeder Ecke, aber grundsätzlich nicht dort, wo wir ihn vermuten. Das doppelbödige Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers erheben die beiden Debütregisseure Keshales und Papushado zur Kunstform. Die Story beginnt dramatisch: Ein Geschwisterpaar ist von zu Hause ausgerissen. Wie es scheint, ist das Mädchen einem Killer in die Hände gefallen und in ein Loch in einem entlegenen Waldstück gesteckt worden. Also zieht der panische Bruder los, um Hilfe zu holen. Schneller, als wir “Hänsel und Gretel” sagen können, werden nun die anderen Figuren eingeführt, die nicht unterschiedlicher sein könnten: ein Wildhüter, sein Hund, vier sexy Teenager, die sich auf dem Weg zum Tennis verfahren haben, zwei (leider wenig hilfreiche) Cops. Ihrer aller Wege kreuzen sich; viele von ihnen sterben. Und es gibt nichts, was sie retten könnte. Uns bleibt nichts, außer zuzusehen und uns zu freuen, dass das Filmland Israel uns diese Kostbarkeit geschenkt hat.
Wirklich nichts Besonderes, außer, dass der Film aus Israel stammt. Eigentlich werden sämtliche Klischees des Hinterwald-Serienmordes abgespult. Die jungen Leute, die sich verfahren. Der Hund, der getötet wird. Der Mörder, der die Leichen entsorgen will und sich benimmt wie ein Vollidiot. Nur, warum in diesem Waldgebiet Mienen einschließlich Warnschildern und Bärenfallen liegen, bleibt ungeklärt. Als Beitrag zum Nahost-Konflikt sehen es Manche sogar, dabei kommen keine Palästinenser vor und es spielt in einem Waldgebiet und nicht auf den Golan-Höhen. Vielen Leuten gefällt es und ich gönne es ihnen. Ich kann nicht viel damit anfangen.
Note = 3-
21:15 Uhr, Kino 8
SNOWTOWN
Australien, Originalfassung (englisch) mit deutschen Untertiteln, 35 mm
Der sechzehnjährige Jamie lebt zusammen mit seiner Mutter und zwei jüngeren Brüdern in einem kleinen Vorort der australischen Großstadt Adelaide. Es ist kein wirklich gutes Leben. Die Arbeitslosigkeit ist erschreckend hoch, und es gibt dem Anschein nach keinerlei Perspektive. Jamies Zuhause ist heruntergekommen, und um den Jungen herum regiert Gewalt und Hoffnungslosigkeit die Geschicke der Menschen. In diesem tristen Umfeld begegnet er John, der ihm wie ein rettender Engel vorkommt; wie der Vater, den er nie besessen hat und wie ein Beschützer, der seiner verzweifelten Familie wieder Halt gibt. Mehr und mehr wird Jamie zu Johns engstem Vertrauten und immer tiefer gerät der Jüngere in den dunklen Sog, der ihn hineinzieht in Johns Welt – in eine Welt voller Hass und Brutalität, voller Fanatismus und Anmaßung und in eine Welt des Todes als ständiger Begleiter. Denn Jamies vermeintlicher Retter ist John Justin Bunting – Australiens berüchtigtster Serienmörder. Die “Snowtown Murders” zählen zu den schrecklichsten Mordfällen auf dem fünften Kontinent. In den späten 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts schockten die elf auch als “Bodies in the Barrels Murders” bekannt gewordenen Abscheulichkeiten eine ganze Nation und warfen viele Fragen nach der Natur solcher Verbrechen und der Menschen dahinter auf. Justin Kurzel liefert in seinem preisgekrönten und größtenteils mit Laiendarstellern besetzten Regiedebüt SNOWTOWN eine detaillierte Interpretation der Ereignisse und wagt sich dabei auf filmisches Terrain vor, das nur wenige vor ihm beschritten haben. Langsam und beklemmend baut sich ein Szenario auf, dessen unterkühlte Ruhe den Zuschauer in der ersten Stunde noch in relativer Sicherheit wiegt, um unvermittelt in eiskalte Aggression umzuschlagen, deren bestialische Direktheit mit Wucht in die Magengrube trifft. Nicht umsonst wird Kurzels beeindruckendes Porträt eines absoluten Psychopathen von der internationalen Kritik mittlerweile irgendwo in der Schnittmenge zwischen Gaspar Noé, Gus van Sant und Pascal Laugiers MARTYRS verortet. Trotz aller Lobeshymnen bleibt SNOWTOWN ein gefährlicher, ein gewagter Film, der den Zuschauer in den Ring zieht und selbstbewusst zu einem Zweikampf herausfordert, um herauszufinden, wer der Stärkere ist. Ein faszinierend rohes und quälend nihilistisches Meisterwerk!
Als die Mutter fort muss, weil sie einen Termin hat, passt der Nachbar auf die Söhne auf und macht Unterwäsche- und Nacktfotos von ihnen. Die Mutter zeigt ihn an und lernt ungefähr zu dieser Zeit John Bunting kennen. Bunting und einige wenige Sympathiesanten beschließen, dass u.A. Kinderschänder eigentlich hingerichtet werden müssten. U.A. mit zerhackten Känguruh-Kadavern (widerlich, einfach widerlich) wird der Nachbar fort gemobbt. Als der älteste Sohn Jamie von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft sexuell missbraucht wird, werden die Pläne zur Lynchjustiz konkret und als erstes Übungsobjekt wird Bunting´s Hund erschossen (widerlich, einfach widerlich). Danach werden ausgerechnet ein örtlicher Junkie, den Jamie als Freund bezeichnet, und Jamie´s Vergewaltiger von Bunting & Co. ermordet. Der zweite Mord und weitere sind im Detail und recht sadistisch dargestellt. Im weiteren Verlauf werden nicht mehr nur Süchtige, Kinderschänder und andere mutmaßlich Unwerte ermordet sondern die Opfer werden wahllos ausgesucht und selbst vor einem geistig behinderten jungen Mann wird nicht zurück geschrekt. Trotzdem gehen diese Mordsequenzen spurlos an mir vorüber. Ich bin weder schockiert noch betroffen noch amüsiert (im Gegensatz zu wenigen Kinobesuchern). Das ist Schuld der Filmemacher und das nehme ich ihnen wirklich sehr sehr übel.
Einige Landschafts- und Stimmungsaufnahmen (z.B. bei Regen) abseits der Handlung sind recht gelungen.
Note = 6+
Mittwoch, 31. August
15:00 Uhr, Kino 1
I AM YOU
Australien, Originalfassung (englisch), 35mm
März 1999, Melbourne, Australien: Rachel Barber war eine begabte Tänzerin; ein kluges, hübsches und beliebtes Mädchen mit einem netten Freund. Nun ist sie verschwunden. Die Polizei wiegelt ab: Nun ja, 15-jährige Töchter reißen schon mal aus; immer mit der Ruhe … Die Eltern hingegen sind sicher: Rachel war das glücklichste Kind auf Erden, und es ist ihr etwas Furchtbares passiert. Als sie von Boyfriend Danny erfahren, das Rachel am Vorabend einen “Job” hatte, über den sie nicht sprechen durfte, beharren sie auf Nachforschungen und machen sich schließlich selbst auf die Suche. Wer ist die geheimnisvolle Person, die Rachel viel Geld versprochen hat? Simone Norths außergewöhnliches Thrillerdebüt bohrt sich heimtückisch ins Kleinhirn: Die Nackenhaare stellen sich auf, wenn wir zu ahnen beginnen, wie das Geschehene zusammenhängt. Der Film dringt in den Kopf eines einsamen, depressiven und letztlich abgrundbösen Teenagers vor, der eines Tages Phantasie und Realität nicht mehr auseinanderzuhalten vermag, Rachels Auslöschung eiskalt plant. Mit einer grandios zornig-verzweifelten Miranda Otto und Sam Neill als abgestumpft-taktierender Vater ist I AM YOU spitzenmäßig besetzt.
Eine Ballett-Tanzszene mit Rachel und ihrem Freund Manny (eigentlich Emanuel, nicht Danny) eröffnet den Film. Schnitt. Rachel und Manny liegen nackt in der Sonne. Er streichelt sanft und zärtlich ihren Oberschenkel und bewegt die Hand mit einer Bewegung, die auch eine Ballettbewegung sein könnte, nach oben bis zur Schulter. Diese kurze Tagtraum-Szene von vielleicht 20 Sekunden sagt mehr über das Verhältnis aus als 20 Seiten Dialogpassagen.
Parallel zum Rachels Verschwinden, der Suche nach ihr und der Bewältigung ihres Todes durch Familie und Freunde lernen wir eine junge, psychisch schwer gestörte Frau kennen, die an ihrem Übergewicht leidet, Rachel zu dem bewussten Job überredet und sie schließlich in ihrer Wohnung erdrosselt. Gespielt wird die Täterin von der Irin Ruth Bradley Parallel zum Rachels Verschwinden, der Suche nach ihr und der Bewältigung ihres Todes durch Familie und Freunde lernen wir eine junge, psychisch schwer gestörte Frau kennen, die an ihrem Übergewicht leidet, Rachel zu dem bewussten Job überredet und sie schließlich in ihrer Wohnung erdrosselt. Gespielt wird die Täterin von der Irin, die den Charakter sehr intensiv anlegt; der Zuschauer schwankt zwischen Abscheu, Furcht und Mitleid. Der Vater von Rachel wird übrigens von Guy Pearce mit der nötigen leidvollen Zurückhaltung gespielt, während Miranda Otto ihre Verzweiflung gekonnt bis zur Hysterie ausarbeiten kann. Sam Neill dagegen ist der abgestumpft-taktierende Vater der Täterin (nicht von Rachel). Aber der Autor dieses Programmheft-Textes scheint den Film nicht oder nur nebenbei ohne Aufmerksamkeit gesehen zu haben und sich anstattdessen beim Text aus einem Presseheft bedient zu haben.
Starke Leistung
Note = 1
16:30 Uhr, Kino 8
COLD FISH
Von Sion Sono
Japan, Originalfassung (japanisch) mit deutschen Untertiteln, DCP
Sion Sono, staatlich anerkannter Mindfuck-Experte und Autorität für exzessive Phantasmagorien (SUICIDE CLUB, LOVE EXPOSURE), hat uns wieder am Haken. Der katholischste aller japanischen Regisseure vergiftet uns abermals mit einem seiner wunderbar geistesgestörten Familienfilme, die vor Schuldkomplexen und Fetischfantasien nur so triefen. Das knöcheltief im Blut watende Duell “Softie gegen Sozialdarwinist” tischt mit liebevoller Hingabe die fiesesten menschlichen Abgründe auf, wenn der brave Familienvater Syamoto (Mitsuru SAMURAI ZOMBIE Fukikoshi), Inhaber eines Ladens für tropische Fische, in die Fänge des Fischmoguls Murata gerät. Der gewiefte Triebtäter wickelt den Naivling und seine Familie um den kleinen Finger, vernascht die schnuckelige Gattin (Megumi Kagurazaka aus 13 ASSASSINS) und stutzt sich die aufmüpfige Tochter zurecht. Als Shamoto schnallt, dass der joviale Gönner mit seinem Fisch- Discounter in Wahrheit einen durchgeknallten Sektenklub organisierter Verbrecher leitet, muss er bereits Leichen zu Fischfutter zerstückeln, während die ahnungslosen Frauen in der Hand von wahren Teufeln sind. Hinter der spleenigen Alltagsfassade lauern Monstrositäten und Missbrauch in allen Facetten: ein verführerischer Tauchgang in ein wüstes Haifischbecken der Unmoral, ein ätzendes Aquarium gefüllt mit Blut, Sex und Gewalt.
Diesen Film sah ich bereits Ende April bei NIPPON CONNECTION, dem japanischen Filmfestival. Ich würde ihn gerne noch mal gesehen. Aber Beginn ist wegen Überlänge schon um 16:30 Uhr. I AM YOU begann mit einer Lauflänge von 104 Minuten kurz nach 15:00 Uhr und COLD FISH, der nach Auskunft des Türstehers pünktlich begann, läuft also 20 Minuten. Vielen Dank.
Hier gebe ich meine Bewertung von Nippon-Connection wieder:
Auch dieser Film zeigt einige bizarre Morde, die Zerlegung und Entsorgung der Leiche im Wald. Der betreffende Serienmörder und seine Ehefrau haben die unangenehme Angewohnheit, potentielle Investoren anzulocken, zu vergiften, deren Bargeld in ihren Besitz zu bringen, die Leichen zu zerstückeln und die Überreste in Mülltonnenfeuern und örtlichen Gewässern zu entsorgen. Dabei zieht der Großhändler seinen kleinen Konkurrenten mit verlockenden Angeboten und späterer Erpressung in seine Verbrechen hinein, macht ihn zum Komplizen und versucht sich praktischerweise an einer sexuellen Beziehung mit dessen Ehefrau. Mit dem Geld finanziert sich der Verbrecher einen kleinen Harem von jungen sexy Angestellten, die als Geschäftsuniform knappe Tops und knappe kurze Höschen tragen, sowie ein kleines Wochenendhäuschen, das eine Mischung aus verfallener katholischer Rasthaus-Kapelle und der Behausung einer Texas-Chainsaw-Massacre-Familie sein könnte und in dem überaus detailreich die Leichenzerkleinerungen durchgeführt werden. Shamoto´s Ehefrau und Tochter wenden sich schnell vom Ehemann und Vater mit Versagerimage ab; die Tochter verdingt sich dann sehr schnell als Verkäuferin in vorher beschriebenen sexy Berufskleidung. Shamoto gehen dann die Nerven durch. Er wendet sich gegen seinen Konkurrenten und dessen Ehefrau, tötet zum Schluss sogar seine eigene Ehefrau, fast seine Tochter und sich selbst. Der Film ist in der Handlung, im Aufbau und bei den schauspielerischen Leistungen durchaus glaubwürdig und professionell. Die Kameraarbeit, die Ausstattung und Musik sind gelungen und Freunde des besonderen Serienmörderfilms bekommen viel Blut, Gekröse und Innereinen bei Mord, Leichenzerlegung und Selbstentleibung geboten. Eine DVD-Veröffentlichung scheint mir sehr wahrscheinlich zu sein, wobei ich aufgrund von blutigen Einzelheiten von einer Zeitersparnis von fünf bis zehn Minuten netto gegenüber dieser Kinoversion rechnen würde.
Bei NIPPON CONNECTION lief der Film auf 35mm.
Also gehe ich um 17:00 Uhr in Kino 1
STAKE LAND
USA, Originalfassung (englisch), 35 mm
Gory, Gory Hallelujah: Amerika ist vernichtet. Eine Vampir-Epidemie hat Uncle Sams Spielwiese in ein Schlachtfeld verwandelt. Überall wimmelt es von widerwärtigen Drecksviechern, die über jeden herfallen, der noch Puls hat und nicht schnell genug zum Waffenschrank kommt. Das schauerliche Ausmaß der Verluste lässt sich an den überall herumliegenden Leichen ablesen – ein trostloses Bild verlorener Menschlichkeit. Inmitten dieser Kriegswirren versucht ein Ex-Soldat, von allen schlicht “Mister” genannt, den Teenager und Waisenjungen Martin für den Kampf gegen die zombieähnlichen Biester fit zu machen. Gemeinsam wollen sie sich bis nach New Eden durchpfählen: ein angeblich sicheres Reservat im Norden Kanadas, in dem Martin Unterschlupf finden soll. Atmosphärische Bilder einer zerstörten Welt, ein saftiges Action und Bleigewitter, gute Auftritte von Genreschnittchen Danielle Harris und 80er-Ikone Kelly McGillis sowie ein Westernheld der Kategorie “cool-as-fuck”: Der Midnight Madness-Gewinner des Toronto Filmfestivals präsentiert sich als rundum gelungenes Endzeit-Roadmovie. Scriptautor und Hauptdarsteller Nick Damici und Regisseur Jim Mickle (MULBERRY STREET) heizen einem unlängst verwässerten Genre kräftig ein: Die Blutsauger in STAKE LAND zeigen sich in bester Tradition aggressiv und verfressen.
Eigentlich wie ZOMBIELAND, nur mit Vampiren anstatt Zombies, ohne gute Darsteller und ohne Humor. Die Bilder einer maroden Landschaft sind wirklich gelungen, wobei es möglicherweise auch nur nötig war, durch einen bestimmten Landstrich der USA zu fahren, ein paar Schilder dazu zu stellen und die Kamera drauf zu halten.
Elend klischeevoll, von den gefühlten 100 Radiopredigern bis zum Sektenvorsteher namens Jebedaia oder Zebekaia. Und langweilig ist er auch.
Note = 5
19:15 Uhr, Kino 1
LA ULTIMA MUERTE – DER LETZTE TOD
Mexiko, Originalfassung (spanisch) mit englischen Untertiteln, 35mm
Ein Jahrhundertsturm naht. Von der Umwelt abgeschnitten ist der Psychoanalytiker Jaime (Alvaro Guerrero aus AMORES PERROS) gerade dabei, seine abgelegene Hütte im Wald möglichst wetterfest zu machen. Da findet er im strömenden Regen einen kahl rasierten, bewusstlosen Mann. Doch auch nachdem der Fremde erwacht ist, lassen sich weder die mysteriösen Narben an dessen Körper erklären, noch was ihm solch heftige Schmerzen verursacht. Der Mann hat sein Gedächtnis verloren, kennt nicht einmal mehr den eigenen Namen. Entgegen aller Wetterwarnungen schlägt sich der Arzt mit dem Leidenden ins nächstgelegene Krankenhaus. Hier birgt der Routinecheck allerdings eine weitere Hürde: In der globalen Personendatenbank lassen sich keinerlei Informationen über den jungen Mann finden – er existiert nicht. Und das bleibt nicht die einzige Überraschung in dem mexikanischen Sciencefiction-Thriller, der mit bissiger Gesellschaftskritik den medizinischen Fortschritt und die rasante Perfektionierung weltweiter Überwachungsmethoden aufs Korn nimmt. Gut oder Böse, Opfer oder Held – in David Ruiz vielschichtiger Geschichte und dunkler Zukunftsvision haben derlei Kategorisierungsversuche ausgedient.
Tod, Wiederbelebung, Gehirnwäsche, falsche Erinnerungen, Organexperimente. Ein starker, ruhiger Wissenschaftsthriller. Leider verstand ich nicht alles und würde den Film auf jeden Fall noch mal ansehen. Einen deutschen Verleih bzw. DVD-Vertrieb gibt es noch nicht.
Note= 2
Zum Abschluss wieder ins große Kino mit 650 Plätzen. Im letzten Jahr muss es wohl diverse Probleme gegeben haben, da der Abschlussfilm in Kino 8 mit 350 Plätzen lief und noch sehr viele Leute in diese ausverkaufte Vorstellung wollten.
21:30, Kino 6 (fast ausverkauft)
ATTACK THE BLOCK
Großbritannien, Originalfassung (englisch), 35mm
Die Gegend um den Wyndham Tower- Apartmentblock im Süden Londons ist eine gefährliche Ecke. Wer hier wohnt, befindet sich gemeinhin am unteren Ende der sozialen Leiter, und das bitterarme Leben zwischen Drogen und Gewalt lässt wenig Raum für Träume. Auch der fünfzehnjährige Moses und seine vier Freunde lernten frühzeitig, sich zu behaupten – als Kleinkriminelle boxen sie sich durch die öden Tage auf den Straßen ihres Viertels. Gerade haben sie die junge Krankenschwester Sam überfallen und sie ausgeraubt, als plötzlich in der Nähe Lichtblitze einschlagen. Neugierig gehen die Kids der Sache auf den Grund und stolpern in einem alten Schuppen über ein äußerst unfreundliches außerirdisches Fellknäuel mit Zähnen. Schlimmer noch: Das Biest hat jede Menge gleichermaßen aufgebrachte Kollegen, und schon bald überfluten die extraterrestrischen Angreifer den Block. Zusammen mit einem durchgeknallten Drogenfreak, einem verplanten Dealer und der widerstrebenden Sam müssen Moses und seine Gang jetzt zu großkalibrigen Waffen greifen, um den monströsen Besuchern aus dem All zu zeigen, wer hier im Viertel wirklich das Sagen hat. Eine lange Nacht des Widerstands beginnt, und nicht alle werden sie überleben. Joe Cornish zieht in seinem Kinodebüt ATTACK THE BLOCK alle Register und haut uns ein vor Zitaten nur so strotzendes Überraschungs- Ei um die Ohren, dessen enormes Tempo kaum Zeit für eine Atempause lässt. Reminiszenzen an John Carpenters ASSAULT ON PRECINCT 13 und Walter Hills THE WARRIORS sind klar zu erkennen, wenn der schlagkräftige Trupp durch die nächtlichen Straßen hetzt. Aber Cornish hält die ausufernden Actionsequenzen und den anschwellenden Blutzoll in seiner cleveren Hommage souverän unter Kontrolle. Seine Ansammlung ungewöhnlicher Antihelden mit großer Klappe (übrigens auch unter Mitwirkung seines hier als Produzenten fungierenden Busenfreundes Edgar SHAUN OF THE DEAD Wright!) liefert eine gnadenlos mitreißende Vorstellung; trotz einer sehr realen und potenziell tödlichen Bedrohung ist kein Witz zu makaber, um nicht doch gerissen zu werden.
Der Ansager macht bereits wiederholt Anspielungen auf die aktuellen Ausschreitungen in Großbritannien mit angezündeten Autos und geplünderten Geschäften. Naja.
Im regulären Kinobetrieb würde ich mir das nicht unbedingt ansehen und wohl auch nicht auf DVD besorgen. Aber als Rausschmeißer beim Fantasy-Filmfest ist es genau das Richtige. Guter Partyfilm.+
Note = 2
Fazit: Ein verstärkter Trend zu Digitalprojektionen. Zombie-Auflauf mit Seuchensalat an Endzeitsoße, zum Nachtisch ein bischen Serienmörder-Kompott. Fertig ist das Fantasy-Filmfest-Menü. Das sollte in den nächsten Jahren wieder erheblich besser werden, gab es doch sehr frühen Jahren bis in die jüngere Zeit Filme, die sich nach dem Fantasy-Filmfestival zu Trendsettern entwickelten. Hatte doch auf einem sehr frühen Festival BRAINDEAD, ein Fun-Splatter-Frühwerk des späteren Herr-der-Ringe-Machers Peter Jackson Premiere. SAW hatten sie im Programm, BLAIRWITCH PROJECT, den Prototyp der Grusel-Mockumentary, RINGU, den modernen Klassiker des japanischen Horrorkinos, nachdem die Geister junger schwarzhaariger Frauen Standard im Gespensterfilm wurden, oder Wes Craven´s ersten SREAM-Film. Solche Innovationen blieben uns dieses Jahr erspart. Stattdessen verkommt das Festival zum Durchlauferhitzer für die Videothekenregale, während die die DVD-Anbieter froh und dankbar über das Etikett “Der Hit vom Fantasy-Filmfest” sind und das Programmheft mit Werbeankündigungen kommender Hits füllen. Perlen werden am Nachmittag oder in der Nacht versteckt und zur Hauptabendzeit kommt das Zombie-Seuchen-Endzeit-Haschee.
Schlussbewertung: akut verbesserungsbedürftig.
s. auch:
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2008
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Exground 21
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2009
Filmfestivals für Poser – Die Internationalen Hofer Filmtage 2009
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Nippon Connection, das japanische Filmfestival 2010
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2010
Filmfestivals für Fortgeschrittene – EXGROUND 23 (2010)
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Nights 2010
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Nippon Connection, das japanische Filmfestival 2011
Beim groben Überliegen des Textes stelle ich Abweichungen zum Text in meiner eigenen Datei fest.
Bei “Das Erbe der Valdemars 2″ (Freitag) in Absatz zwei wird ein Satz über den Darsteller des sinisteren Sektenanführers zwei mal angegeben, beide male mehr oder weniger unvollständig. Man wird aber daraus schlau.
Bei “I AM YOU” (Mittwoch, 31.) fehlt der Link zum Darsteller Guy Pearce und der Name der irischen Darstellerin Ruth Bradley wird unterschlagen.
Außerdem waren die Filmbesprechungen, die jeweils von der Internetseite des Fantasy-Filmfestes übernommen waren, kursiv und eingerückt angegeben, was im Eingabefenster von Readers Edition noch so eingegeben war, in der Endversion aber fehlt.