Wohl seit Menschengedenken sinnieren die Menschen über die Intelligenz. Seit etwa anderthalb Jahrhunderten wird auch wissenschaftlich darüber geforscht, nachdem Handel und Verkehr mit anderen Völkern und Kulturen intensiver geworden sind und die Schöpfungstheorie durch den Darwinismus eine ernsthafte Alternative bekam. Seit dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts und in den letzten Jahren ist eine mögliche Verschiedenheit der Intelligenz zwischen Völkern immer wieder in die Schlagzeilen der öffentlichen Medien geraten und damit die Frage der Vererbung von Intelligenz. Dahinter stehen vornehmlich bildungspolitische Schlussfolgerungen mit gesellschaftlichen Auswirkungen.
Inzwischen ist die Literatur dazu unüberschaubar geworden und trotzdem gibt es keine verlässlichen Aussagen.
Die Zahlen für den erblichen Anteil schwanken zwischen 40% und 80%. Vertreter einer starken Vererbung streiten sich vehement mit Vertretern einer schwachen Vererbung. Es wäre müßig, noch etwas zu schreiben, was schon überall zu lesen ist. Hier soll es darum gehen, die Lücken der Intelligenzforschung aufzudecken, um letztlich die Nutzlosigkeit der Debatten zu entlarven, zumal im Hintergrund ein gefährliches Weltbild lauert.
Der Ausgangspunkt der Vererbungstheorie ist die Beobachtung von Korrelationen bei Intelligenztests, den sogenannten IQ-Tests, in der Zwillingsforschung. Die Korrelation ist höher bei eineiigen Zwillingen als bei zweieiigen Zwillingen und wiederum höher als bei gewöhnlichen Geschwistern und nichtverwandten Probanden, gesamt etwa zwischen 80% und 40%. Da hierbei die Umweltfaktoren kaum verschieden sind, bleibt nur die genetische Ausstattung als wahrscheinliche Ursache für die zunehmenden Unterschiede der Intelligenz bei abnehmender genetischer Übereinstimmung. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die Probanden aus derselben Kultur stammen. Genau das wurde in der Vergangenheit nicht berücksichtigt, weil die Probanden immer aus westlichen Kulturen rekrutiert wurden, so dass der kulturelle Einfluss schlicht vergessen und der genetische Einfluss zu hoch geschätzt wurde.
Die Grundannahme der Vererbung war bisher, dass der Phänotyp unmittelbar mit dem Genotyp verknüpft ist.
Die Begründung hierfür kommt aus der Genetik und der synthetischen Evolutionstheorie. In den Medien tauchen immer wieder Meldungen auf, dass das Gen für ein bestimmtes Merkmal gefunden wurde. Dummerweise sind diese Annahmen unbegründet, wie sich in den letzten Jahren herausgestellt hat. Der genetische Apparat ist sehr viel plastischer und komplizierter, seit sich die Epigenetik – entstanden in den 1980er Jahren – zwischen Genotyp und Phänotyp geschoben hat, indem sie eine variable und nicht vererbbare Regulation der Gene übernimmt. Es hat sich gezeigt, dass ein Gen verschiedene Genprodukte hervorbringen kann, gesteuert von physiologischen Mechanismen in Abhängigkeit von den Umweltbedingungen. Zudem können Gene an- und abgeschaltet werden mit Rückkopplungseffekten, ohne ihre Struktur zu verändern und es können ganze Gruppen von Genen gleichzeitig reguliert werden.
Der nächste Unsicherheitsfaktor ist die Tatsache, dass für Intelligenz keine Gene bekannt sind, was nicht sehr verwunderlich ist. Intelligenz ist keine monolithische Funktion, sondern ein Sammelsurium ganz verschiedener Einzelfunktionen, für die mit Sicherheit auch viele verschiedene Gene zuständig sind. In der Intelligenztheorie werden solche Funktionen als Faktoren bezeichnet, wobei mehrere Einzeltheorien mit verschiedenen Aufteilungen der Faktoren auf dem Markt angeboten werden Charles Spearmen postulierte eine allgemeine Intelligenz als g-Faktor zusammen mit spezifischen Intelligenzfunktionen als s-Faktoren, eine andere Theorie von Raymond Cattell kennt eine angeborene fluide Intelligenz zusammen mit einer kristallisierten Intelligenz infolge Bildung und gelerntem Wissen. Außerdem ist der Ansatz der Informationsverarbeitung zu nennen, unter anderen von Robert Sternberg. Eine jüngere Entwicklung stammt von Howard Gardner und wird als “Theorie der multiplen Intelligenzen” bezeichnet.
Bekanntlich kann man auch heute noch nicht in die Köpfe von Probanden schauen, um Intelligenz zu messen, trotz der modernen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung. Man ist darauf angewiesen, die äußerlich erkennbaren Ausdrucksformen der Intelligenz zu messen, vorrangig über die Sprache und prinzipiell auch über handwerkliche, gestische, mimische und körperliche Vermögen. Die Gestaltung der Intelligenztests ist folglich maßgebend für die zu erwartenden Resultate. Handicaps in den Ausdrucksformen, wie mangelnde Sprachkenntnisse oder Störungen, münden unmittelbar in die Testresultate. Genauso wichtig sind die Vermögen der Sinnesorgane für die Ausbildung der Intelligenz. Es liegt auf der Hand, dass Sehschwache oder Farbenblinde durch allgemeine Intelligenztests erheblich benachteiligt wären, sofern sie nicht ausgesondert werden. Die Intelligenztests erfordern also eine Vorauswahl der Probanden mit vergleichbaren Ausdrucksfähigkeiten, um überhaupt vergleichbare Resultate zu bekommen. Damit dreht man sich aber im Kreis, weil man ausschließen muss, was man eigentlich messen will!
Der Sinn der Intelligenztests ist nicht die Messung von Bildung und Wissen, sondern gerade die individuelle Intelligenz auf der “tabula rasa”.
Das heißt, die Intelligenztests setzen die Vererbung der Intelligenz bereits voraus. Gemessen werden nur die Unterschiede oder Varianzen zwischen den Individuen. Dabei ist die Korrelation selbst bei eineiigen Zwillingen immer geringer als 100%, in der Testpraxis etwa 82%. Das bedeutet, Intelligenz ist nie ausschließlich von den Genen bestimmt, denn selbst eineiige Zwillinge haben nicht genau identische Umweltbedingungen. Ein Fötus kann oben liegen, der andere unten im Uterus und dadurch in seiner Entwicklung eingeengt sein. Auch nach der Geburt können die Zwillinge nicht gleichzeitig und gleichmäßig versorgt werden. Die Art und Vielfalt der Umgebungsreize in den ersten Lebensjahren, auch der typischen Spielsachen, hat Einfluss auf die Entwicklung der Intelligenz. Gerade diese Unterschiede können erheblich sein zwischen den Kulturen, können aber nicht berücksichtigt werden, weil ihre Auswirkungen nicht genau bekannt sind.
In den USA hatten Afro- und Lateinamerikaner in der Vergangenheit meist einen um etwa 10% geringeren IQ als die weißen Amerikaner. Daher wurde 1972 ein IQ-Test entwickelt (BITCH-100), der die spezifische Sprache und Gewohnheiten der Afroamerikaner berücksichtigt. Logischerweise schnitten in diesen Tests die Weißen schlechter ab. Zwar werden IQ-Tests so gestaltet, dass kulturelle Tendenzen ausgeschlossen werden, versteckte oder unbewusste Differenzen können jedoch nie ganz vermieden werden. Die Mehrheitskultur in einer Bevölkerung hat daher immer Vorteile gegenüber den Minderheitskulturen, so dass bereits vorhandene Vorurteile gegenüber Minderheiten noch bestärkt werden.
Hier muss nochmal gefragt werden, was Intelligenz eigentlich bedeutet. Im allgemeinen Verständnis wird darunter hauptsächlich der Verstand als logisches, urteilendes und problemlösendes Denkvermögen eingeordnet. Intelligenz beinhaltet aber auch das Verhältnis des Individuums zur Welt, das ist die Vernunft. Intelligenz drückt sich in intelligentem Handeln aus, einschließlich dem sprachlichen Handeln als Reden. Oft genug zählt man Cleverness, List und sogar Gerissenheit zur Intelligenz. Das heißt, Intelligenz wird im praktischen Leben auch am Erfolg, an klugen oder glücklichen Entscheidungen gemessen. Das ist aber oftmals vom Zufall, von anderen Menschen, vom Zustand der Gesellschaft und von vielen anderen Dingen abhängig, nur nicht von der Vererbung.
Der neuseeländische Intelligenzforscher James Flynn hat festgestellt, dass die Resultate der IQ-Tests in den Industrieländern über die letzten Jahrzehnte immer höher ausgefallen sind, pro Jahrzehnt um etwa 3 Prozentpunkte. Diese Erkenntnis ist als Flynn-Effekt bekannt geworden. Die Begründung dafür wird in den bildungspolitischen, ökonomischen, kulturellen und technologischen Entwicklungen gesehen. Seit etwa dem Ende des vergangenen Jahrhunderts wird dieser Effekt nicht mehr beobachtet, im Gegensatz zu manchen Entwicklungsländern, die mit Verzögerung dieselben Tendenzen zeigen.
Man kann es so sehen: zwei Beine sind genetisch bestimmt, eine Abweichung wäre ein genetischer Defekt mit Behinderung. Sogar die Länge der Beine hat genetische Ursachen, insbesondere zwischen Mann und Frau. Folglich ist die Länge der Beine von den geschlechtsbestimmenden Genen abhängig, wobei sich die Varianzen der Geschlechter überschneiden, so dass manche Frauen längere Beine haben als Männer und sogar als besonders attraktiv gelten. Aber jedes Neugeborene muss das Laufen erst mühsam lernen und ständig üben. Im Durchschnitt können alle Menschen gleich gut laufen, aber bei intensivem Training in bestimmten Sportarten und in Zusammenhang mit anderen geeigneten Körpermerkmalen sind erblich bedingte Unterschiede in den Spitzenleistungen möglich. Kann man also sagen, dass die Fähigkeit des Laufens erblich ist und welche Konsequenzen oder welchen Nutzen hätte eine solche Aussage?
Das Fazit ist, dass die öffentliche Diskussion um die Vererbung von Intelligenz außerhalb der Intelligenzforschung selber völlig nutzlos ist und nur zu schwerwiegenden Missverständnissen und zu ideologischem Missbrauch verführt. Von der Vererbung der Verhaltensformen zum Rassismus ist nur ein kurzer Weg. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts haben wissenschaftliche Erkenntnisse, nämlich die Evolutionstheorie Darwins, durch Missverständnis, Überspitzung und politische Instrumentalisierung zu völlig falschen Schlussfolgerungen geführt und endeten in den größten Verbrechen an Menschen.
Photo: eliviskennedy, via flickr
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