“Ruß”: Buchpremiere in “Schlimmcity” – F. Zaimoglus neuer Roman

Der Stadtspiel “SchlimmCity” wartete gleich zu Anbeginn mit einem kulturellen Höhepunkt auf. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu (Romanerstling: “Kanak Sprak”), eine feste Größe der deutschen Gegenwartsliteratur, war für eine Buchpremiere und erste öffentliche Lesung aus seinem neuen Roman “Ruß” nach “SchlimmCity” in Mülheim an der Ruhr gekommen. Bizarr, aber gar nicht

presse_stille_schlimmcity_14_9_2011_15.jpgDer Stadtspiel “SchlimmCity” wartete gleich zu Anbeginn mit einem kulturellen Höhepunkt auf. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu (Romanerstling: “Kanak Sprak”), eine feste Größe der deutschen Gegenwartsliteratur, war für eine Buchpremiere und erste öffentliche Lesung aus seinem neuen Roman “Ruß” nach “SchlimmCity” in Mülheim an der Ruhr gekommen.

Bizarr, aber gar nicht unangenehm: Lesung in der LeerAnstalt

Die Autorenlesung fand in der LeerAnstalt, dem seit dessen Schließung 2010 aufgelassenen Kaufhof, statt. Im nun bis auf die zur Lesung eingebrachten Stühle und einem Podium weitesgehend leerer Raum, der nun ein bizarres, aber durchaus gar nicht unangenehmes, noch immer irgendwie an dessen bessere Zeiten und das Herumfluseln von Verkäufern und Käufern sowie die einst darin feilgebotenen Waren als Einkaufstempel erinnerndes Flair verströmt. Hinter dem Podest rot-weißes Absperrband und zwei an Säulen lehnende männliche Aufsichtspersonen. Was im Kopfe des Besuchers ganz bestimmte Bilder ablaufen läßt.

Feridun Zaimoglu wurde von Hubert Winkels präsentiert

presse_stille_schlimmcity_14_9_2011_6.jpgVorgestellt wurde Feridun Zaimoglu von dem symphatischen Literaturkritiker Hubert Winkels (Die Zeit, Deutschlandfunk, 3sat-Kulturzeit), einem exellenten Literaturkenner (auf dem Photo links) und kompenter und auch Laien verständlicher Vermittler von gutem Lesestoff an der Seite interessierter Leserinnen und Leser, der ebenfalls als Moderator des Abends und Gesprächspartner des Autors fungierte, den sein Naturell gewiss niemals verführte, Intellektualität und Wissen mit Arroganz herauszukehren.

Zaimoglus Affinität zum “Pott” befruchtete auch den Roman “Ruß”

Womit Winkels perfekt ins Ruhrgebiet und zu seinen Menschen passt, die das Herz unverstellt aber direkt auf der Zunge tragen. Wie übrigens auch Feridun Zaimoglu. Der Autor hat seit langem eine Affinität zum Ruhrgebiet. In den letzten zehn Jahren war er dort oft zu Gast. Und wo er, wie er mit Freuden bekundet, unterdessen einige Freunde gewonnen hat. Für den in Bolu am Schwarzen Meer in der Türkei zur Welt gekommenen, seit seinem Studium in Kiel wohnenden Zaimoglu, ist der Ruhrpott, das Ruhrgebiet mit seinen oft ineinander fließenden Kommunen, eigentlich die “Ruhrstadt”. Ein alter, immer einmal wieder auftauchende Vorschlag auch kommunaler Politiker, der bis heute – jedenfalls nicht auf dem Papier – so aber doch vielleicht in den Köpfen der “Ruhris” irgendwie Wirklichkeit geworden ist.
Vieles dort im Pott, bekundete Zaimoglu gestern abend in der LeerAnstalt – das Leben der überwiegend einfachen Menschen – der einfachen Frauen und Männer – sei ihm persönlich sehr vertraut. Ein Leben, das trotz sozialer und krisenhafter Eruptionen und schwieriger Arbeitsverhältnisse doch Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit versprühe.

Dicker “Lacküberzug” in Salzburg und von Mücken umflirrte Cocktailtrinker im Duisburger Innenhafen

Als krassen Gegensatz dazu nennt Zaimoglu verschmitzt lächelnd Salzburg. Eine Stadt, die ihm vielleicht bis heute nicht seine literarischen “Abwatschungen” verziehen hat. Das dort größtenteils stattfindende oder mit einer großen Portion Falschheit gespielte? Großbürgerliche mit dickem “Lacküberzug”, gibt der Schriftsteller zu, sei ihm suspekt. Er lacht und sagt: Man könne in Salzburg allerhöchstens “eine Wurst essen und weiterfahren”. Auflachen auch im Publikum.

Feridun Zaimoglu kam nicht umhin, süffisant hinzufügen, dass wenige Kilometer weiter von Mülheim, in Duisburg, wo u.a. sein neuer Roman “Ruß” in Ruhrort (man denkt sogleich an den ersten Schimanski-Tatort) spielt, Ähnliches zu erleben ist. Die dortige Innenhafen-Umgestaltung, ein Stück Gentrifizierung, wie in anderen Städtden auch dort wiederum verbunden mit der Vertreibung der Alteingessenen einfachen Wohnbevölkerung, und dem darauf folgenden “Installieren” von Wohlhabenderen. Feridun Zaimoglu: “Sie müssen da mal gesessen haben!” Er meint den Duisburger Innenhafen.”Bei Cocktails,

presse_stille_schlimmcity_14_9_2011_50.jpgumflirrt von Mücken”, sitzen (zeigen sich vielmehr) die sich für etwas Besseres haltenden Mitglieder der Gesellschaft. Borniert! Die dort errichteten Wohnhüllen erinnerten ihn von ihrer Form her an die Sparbüchsen (mit Henkel; ich besitze eine solche: Photo links), wie sie früher von Kreditinstituten an Sparer ausgeben wurden.

Zaimoglu, ein zweifach Abgebrochener

Zaimoglu, Hubert Winkels erfragte es für die Zuhörerinnen und Zuhörer, hat Humanmedizin und Malerei studiert. Gezwungenermaßen erfuhr man, denn Zaimoglus Eltern, die es aus kleinen Verhältnissen geschafft hatten, sich halbwegs zu “Vergroßbürgerlichen”, hätten für die Tochter vorgesehen, sie solle Diplomatin im Auswärtigen Amt werden. Er selbst sollte Arzt werden. Zaimoglu gehorchte brav. Die ZVS wies ihm einen Studienplatz in Kiel zu. Und der brave Sohn studierte. Doch er merkte schon bald: Das ist nichts für mich. Schließlich wendete er sich der Malerei und dann dem Schreiben zu. Was auf jedem Klappentext zu lesen sei, lachte Zaimoglu. Eigentlich müsste dort stehen, dass er ein zweifacher Studienabrecher sei…

Erzählen gelernt von den Frauen in der Familie

Das Erzählenkönnen, meint der Autor, verdanke er den Frauen in seiner Familie, der Großmutter, der Mutter, der Tante – die hätten ihm in seiner Kinderzeit viele alte Geschichten erzählt. Auch von der Krim, vom Kaukasus, wo die Familie Wurzeln hat. Zuhören sei überhaupt eine Basis für sein späteres “Verschriftlichen” von Erlauschtem. Auch, wenn es – bei seinem Erstling “Kanak Sprak” von Wut und Verzweifelung kündete.

Kino-Plot-taugliche Romansprache

Wenn Zaimoglu aus “Ruß” liest, dann – was sofort in den ersten Minuten offenbar wurde – merkte man, welch begnadeter, ja schauspielerisch-lautmalende Vorleser, besser: Interpret seiner von ihm ersonnen Verschriftlichten Geschichte er ist. Fast meint man, einem Film, mindestens aber einem Hörspiel, beizuwohnen. Kritiker Winkels spricht deshalb später sehr richtig von “Ruß” einem Kino-Plot. Sätze kommen darin vor, die Armin Rohde oder Joachim Król herausplästern könnte. Und man merkte, wie ehrlich begeistert der Seite für Seite das von Zaimoglu Gelesene mitlesende Hubert Winkels von diesem neuen Werk ist. Was einem als Teil des Publikums nicht anders ging. Das treffend Verschriftlichte, dazu der Sprachduktus Zaimoglus – das zusammen riss einen mit – wie vielleicht die unweit vom Ort fließende Ruhr – bei Hochwasser! Mitgerissen zeigte sich auch Zaimoglu von den wie die Faust aufs Auge passenden Analysen bestimmter “Ruß”-Textpassagen des Literaturkritikers Winkels. Weshalb der Autor ein paar Mal begeistert ein “Halleluja!” ausbrachte.

Die Trinkhalle als Ausgangspunkt für die Geschichte

Die für den Ruhrpott so typische Bude (Trinkhalle) samit deren sozialen Funktion, der Kiosk (Winkels machte den darob verwunderten Zaimoglu darauf aufmerksam, dass das Wort Kiosk aus dem Türkischen stammt), bildet den “Ausgangspunkt für eine rasante, einen ergreifende, fesselnde Geschichte, welche deren Held, den ehemaligen Arzt Dr. Rentz, durch den Ruhrpott, nach Warschau, bis auf die Großglocknerstraße und bis an die Grenzen seiner Liebes- und Leidensfähigkeit führt” (Information “SchlimmCity”-Beilage).

Zum ersten Mal spielt in einem Werk Zaimoglus die Türkei keine Rolle. Vielmehr spielt der “deutsche Moment als Selbstversuch”, der Ich-Versuch der Darstellung eines obsessiven Verhängnisses  eine gravierende Rolle. Letztlich geht es auch um das altestamentarische Rache und Vergeltung. Derlei Versuchungen ist Zaimoglus Held, der seine Ehefrau durch einen Mord verloren hat ausgesetzt. Was die Frage nach der Berechtigung  von Selbstjustiz aufwirft. Diesem Drang soetwas zu tun – der Held im Roman umrundet öfter mal das Essener Gefängnis, in welchem der Mörder seiner Frau einsitzt – wird Rentz wohl am Ende, so läßt sich vermuten, entkommen.

Denn es steht der Racheimpuls gegen eine neue Liebe. Dieser Rentz führt das “Leben eines Untoten” (Zaimoglu). Er hat ganz (man muss an Roger Willemsens Buch “Der Knacks” denken) auch einen Knacks. Man erkennt es allein schon daran, dass Romanheld Rentz – der die Urne mit der Asche seiner ermordeten Frau in der Wohnung bewahrt – immer mal wieder mit dem befeuchteten Finger in die Asche stippt, um so quasi seine Frau (ver)”kosten”.
Zaimoglu dazu: Immer muss auch das Vor-Leben einer Figur/Person zur Beurteilung herangezogen werden.
Zaimoglu besucht so einen Ort, eine Bude in Kiel, wo er auf Leute aus dem Viertel trifft. Dort beteiligte er sich einmal an einer harten Diskussion über einen freigelassenen Straftäter und der Frage, was man eigentlich mit dem machen müsse. Seine eigenen drastischen Äußerungen, sagte Zaimoglu hätten ihn damals sehr erschreckt: Eine Idee war geboren!

Sicher, bemerkte Kritiker Winkels, sei Zaimoglu beim Schreiben dieses spannenden, fraglos kriminologisch-juristische Aspekte enthaltenden Romans “Ruß”, auch sein Hang zu guten (hard boiled) Krimis, dem früheren Besprechen von “Tatort”-Filmen, zugute gekommen. Dennoch hat der Roman, dank eines Tricks, eine ganz andere Struktur und sei, so Hubert Winkels, eben kein Krimi. Dennoch aber so spannend wie ein solcher.

“Ruß wischen wir ab.” Sprache des Ruhrpotts

Die Sprache der Menschen im Roman, die saftigen, knallharten, humorvoll-witzigen ist in der Tat die Sprache des Ruhrpotts. Da geht es mit einem durch. Man möchte mehr davon. Weshalb es wohl unausweichlich sein wird, das Buch zu kaufen. Sätze der Art: “Es gibt Sachen, die wachsen sich zurecht.” Oder: “Ruß wischen wir ab.” Und zwar mit der Hand. Da ist wieder der Pott-Menschenschlag. Man ist widrige Umstände gewohnt. Da wird beherzt zugepackt. Der Versuch unternommen, die Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen.

Wie sich der Kreis von “Ruß” zu und in “SchlimmCity” schloss

Schon schließt sich der Kreis zu “SchlimmCity”. Ein Zufall zwar. Doch nichts anderes will doch das Projekt anstoßen: Wege aus der scheinbaren Ausweglosigkeit der Innenstadt, der jetzigen Situation der Menschen, zu finden. Und die betrifft beileibe nicht nur die Einwohner von “SchlimmCity”, pardon: Mülheim an der Ruhr.

Feridun Zaimoglus viel zu rasch zuendegegangene gestrige Lesung in der LeerAnstalt, die viel zu kurzen Gespräche (dieses Gefühl zeigt wie gehaltvoll und nachhaltig sie waren bzw. wirken werden) zwischen ihn, dem glänzenden “Verschriftlicher” und Textinterpreten und dem nicht weniger großartigen Hubert Winkels. Die Szenerie war irgendwie auch bizarr. Doch es passte. Alles!

Der erste Abend in “SchlimmCity” war gleich ein furioser Start. Ermunternd dazu, noch weitere Veranstaltungen in Mülheim an der Ruhr, respektive “SchlimmCity”, zu besuchen.

So angenehm benommen davon und von zwei Gläsern Premierensekt schwebte ich dann, getragen von an- und aufregenden Gedanken beseelt aus der LeerAnstalt hinaus und gefühlt (wie das wohl heutzutage neusprecherisch heißt) über “SchlimmCity” hinweg. Um Minuten später nächtens wieder wohlbehalten  in Dortmund zu “landen”. Zuhause fand ich noch lange keinen Schlaf. “Ruß”, den neuen Zaimoglu, sollte ich wohl schleunigst bestellen. Und lesen! Ich werde dabei ganz sicher Feridun Zaimoglus Stimme und dessen fast filmreife Wortinterpretation hören. Ganz sicher ein Gewinn. In jeder Hinsicht.

Dieser Link führt sie auf die Verlagseite von Kiepenheuer und Witsch. Diese enthält auch ein Video mit einer Lesung von “Ruß” vom Autor. 

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