Benedikts Vortrag: Mit innerem Blinzeln zum Kreuz “gestrickt” (Kommentar)

Diskussionen über das Für oder Wider einer Rede des zu diesem Behufe eingeladenen deutschen Papstes im Deutschen Bundestag gab es im Vorhinein zuhauf. Verständlich. Und es dürfte sie – nachdem sie nun gestern gehalten wurde – auch im Nachhinein noch eine Weile geben. Ebenso verständlich. Alles halb so schlimm? Freilich

KlosterStiepel_7_2010_Stille 003.jpgDiskussionen über das Für oder Wider einer Rede des zu diesem Behufe eingeladenen deutschen Papstes im Deutschen Bundestag gab es im Vorhinein zuhauf. Verständlich. Und es dürfte sie – nachdem sie nun gestern gehalten wurde – auch im Nachhinein noch eine Weile geben. Ebenso verständlich.

Alles halb so schlimm?

Freilich werden unterdessen nun ,diejenigen welche die Papstrede gestern im Plenum des Deutschen Bundestages oder zuhause an den TV- oder sonstigen Empfängern angehört haben sagen: Was habt ihr denn, es war doch alles halb so schlimm – ach, was: es war sogar eine sehr gute Rede, die der Würde des Hohen Hause durchaus gerecht geworden ist. Und manchem Kritiker unter den Bundestagsabgeordneten wurde bereits gestern seitens TV-Kommentatoren oder Politikerkollegen fast schadenfreudig zugerufen: Da habt ihr etwas verpasst, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wirklich! Was ihr nur hattet? Selbst die anwesenden Abgeordneten der Partei Die Linke lauschten der Papstrede fast andächtig. Selbst die Linke Petra Pau, ihres Zeichens stellvertretende Bundestagspräsidentin, schüttelte dem Pontifex Maxmimus vor dem Plenarsaal brav die Rechte. Und – was ihr nun einige Genossinnen und Genossen böse hämisch ankreiden werden – sie machte dabei, ihr nun gewiss als  Untertänigkeit gegenüber Benedikt XVI. ausgelegte, vor ihm gleich hocharchtungsvoll mehrere Verbeugungen. So, wie ein Linken-Kommentar auf Facebook lautete, dass man Angst bekommen musste, ihr rötlich schimmerndes Pagenköpfchen tickte dabei auf dem harten Reichtagsfußboden auf…

Nein, schlimm war die Rede, die vielmehr ein rechtsphilosophischer Vortrag gewesen ist, beileibe nicht. Allerdings machte Joseph Ratzinger – von dem es betreffs der Rede ursprünglich geheißen hatte, er sei als Staatschef des Vatikan eingeladen – gleich zu Anfang seines Vortrags keinen Hehl daraus, dass die Einladung zur Rede im Bundestag ihm “als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt” gelte. “Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt.” Und ganz in diesem Sinne hatte sich der Heilige Vater “Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates” gemacht und via seines Vortrages den Anwesenden in der obersten demokratischen Volksvertretung der Bundesrepublik Deutschland vorgetragen.

Sachdienlicher Hinweis

Diesen sachdienlichen Hinweis Benedikts mochten manche der dem Papst gebannt Zuhörenden – Politiker wie sicher auch “normale” Fernsehzuschauer draußen an den Empfängern – womöglich im Verlaufe des Vortrages – vielleicht in Verzückung über das viele, durchaus Richtige und Wichtige des von ihm Gesagten (oder eingenommen von der Erscheinung des katholischen Kirchenoberhauptes) bald wieder vergessen haben. Doch tat man gut daran, das eben gerade nicht zu tun. Denn wie auch immer: Am Rednerpult des Deutschen Bundestages stand letztlich eben nicht der von regierungspolitischen Händen geschickt als Staatschef des Vatikan avisierte Politiker Joseph Ratziger, sondern der Papst. Und wie ein Politiker (noch dazu einer im Regierungsamt) immer bestimmte Interessen vertritt, so hat auch der Mann auf Petris Stuhl, Benedikt XVI., verständliche Interessen. In diesem Falle sind diese sogar politische und Interessen religiöser Natur. Was man während der Rede im Hinterkopf behalten musste: Sozusagen war ein immerwährendes, von Benedikt XVI. jedoch philosophisch bestens verschleiertes Schielen hin zum Kreuze heraushörbar.

Vortrag mit Gewinn

Aus dem Vortrag konnte ein jeder sogar durchaus Gewinn für sich selbst ziehen. Sollte allerdings die Rede-Einladung seitens der desolaten Merkel-Regierung mitten in der sich mehr und mehr eskalierenden Weltwirtschaftskrise auch mit der Hoffnung aufgeladen gewesen sein, sich Ablenkung von der Misere zu verschaffen, so muss dies nicht unbedingt auch gelungen sein. Denn der Papst schrieb mittels seiner Rede auch den Politikern so einiges ins Stammbuch.

Betreffs der Grundlagen des Rechts bezog sich Benedikt auf eine kleine Geschichte aus der Heiligen Schrift: “Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten?

Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: ‘Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen unterscheiden versteht’ (1 Kön 3,9)” Benedikt weiter: “Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker ankommen muss. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht der materielle Gewinn sein. Die Politik muss Mühen und Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, ohne den er überhaupt nicht die Mögllichkeit politischer Gestaltung hätte.”

Und an anderer Stelle: “Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers (…) Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik von heute stehen.”

So weit so gut. Wer wollte diesen wahren Worten widersprechen? Nur sollten wir uns befragen: Wo und bei welchen heutigen “Herrschern” finden wir dies “hörende Herz”, dass sich der junge König Salomon, damit sie das Volk regieren und das Gute vom Böse unterscheiden verstehen? Eine Kritik Benedikts also an herrschender Politik? Mag sein. Und wenn ja: zu recht.

Fragen an den Papst selbst?

Doch müsste sich Papst Benedikt XVI. nicht im Gegenzug dann selbst auch fragen lassen: Wo, Heiliger Vater ist dein “hörendes Herz”? In Bezug auf die seitens der Katholischen Kirche diskriminierten Homosexuellen, gegenüber den von katholischen Priestern sexuell missbrauchten und misshandelten Kindern und Jugendlichen,  den innerhalb der Romkirche benachteiligten Frauen und den durch HIV und Aids bedrohten Menschen in Afrika und anderswo, die du quasi zum Tode verurteilst, indem du ihnen den Gebrauch von Kondomen beim Geschlechtsverkehr untersagst?

Der Papst also ein Heuchler? Wie die von ihm gewissermaßen durch die Blume kritisierten Politiker, die stets von Humanismus, Menschenrechten und Demokratie schwadronieren; aber in wessen Abhängigkeit auch immer dann zu oft das ganze Gegenteil bewirken? Anspruch und Wirklichkeit – klaffen sie nicht auch hier auseinander? Oder schwang in des Papstes Worten doch ein leichtes schlechtes Gewissen mit, indem er von “schlechten Fischen” philosophierte. Wenngleich es wiederum auch so klang: Wo gehobelt wird, fallen eben auch Späne. Dass muss jeder für sich entscheiden, der die Papstrede gehört hat.

Natur, Rechtsentfaltung, Gewissen

Die Ausführungen des Ratzinger-Papstes zu Natur (einbegriffen der Notwendigkeit ökologischen Handelns), über “positivistisches Verständnis von Natur und Vernunft” (auch “Natur und Gewissen”), sowie die “vorchristliche Verbindung von Recht und Philosophie”, der “Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis hin zu unserem deutschen Grundgesetz mit dem unser Volk 1949 zu den ‘unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlicher Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt’ bekannt hat” waren hörenswert. Auch von der Art des Vortrags her. Hier ist der frühere Universitätsdozent (wie auch als Sachbuchautor) Ratzinger ohnehin in seinem Element.

Aber auch hier bleiben letztlich Fragen zurück, die sich wiederum an den Heiligen Vater richten ließen.

Die Fenster aufreißen

Benedikt kritisierte sicherlich zu recht “die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann” und deshalb “den Betonbauten ohne Fenster” gleiche, “in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen.” Benedikt meinte: “Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.”

Gut gegeben! Wer wollte das bestreiten. Aber wann reißt der Vatikan, respektive der Papst, die Fenster überhaupt endlich einmal auf? Bisher geschah das – wenn überhaupt – nur einen Spalt weit. Und es brauchte beinahe Jahrhunderte. Wenn der Papst gestern bezüglich der von ihm explizit gelobten ökologischen Bewegung, die immerhin “ein Schrei nach frische Luft gewesen” sei – wer wollte da widersprechen. Doch warum hört der Heilige Vater den Schrei nach frischer Luft in der eignen Kirche nicht und öffnet endlich das Fenster, um sie hinein zu lassen?

Die Kultur Europas

Ebenfalls mit Interesse anzuhören war Benedikts Erinnerung daran, dass “die Kultur Europas”, welche “aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entanden” sei. “Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.”

Unweigerlich kam einen an just dieser Stelle die derzeitige nicht ungefährliche Misere der Europäischen Union in den Sinn, die die Kultur Europas arg bedroht.

Der Schlusspassage von Benedikts Rede, die doch eher ein Vortrag (mit einem innerlichen Blinzeln zum Kreuz gestrickt) denn eine Rede gewesen ist, eigentlich ein jeder fordernd zustimmen: Auch heute könnten wir uns “letzlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.”

In diesem Sinne wäre spätestens an dieser ein donnerndes “Hallejuja!” auszubringen.

Der kleine Unterschied

Ein interessanter Vortrag. Durchaus! Zugegeben. In geschichtlicher und rechtsphilosophischer Hinsicht. Doch dieser wurde von einem Papst in einem Parlament gehalten und nicht von irgendeinem Referenten etwa – meinetwegen – an der Humboldt-Universität. Was im Endeffekt jedoch einen beträchtlichen Unterschied – auch was die Bewertung (und die dahinter mehr oder weniger verborgene kirchenmoralische Bedeutung) des Gesagten angehend – ausmacht. Papst Benedikt XVI. gilt als gewiefter, wenn nicht: schlitzohriger Ideologe. Demzufolge sagt er auch niemals etwas ohne Hintersinn. Inzwischen vermeidet der deutsche Papst sogar Missverständnisse wie noch bei der sogenannten “Regensburger Rede”, die damals besonders die Muslime, der er heute vormittag in Berlin traf, verärgerte.

Noch einmal: Benedikt sagte gestern im Deutschen Bundestag Bedenkenswertes und Substantielles. Allerdings immer mit einem inneren Blick auf ein imaginär im parlamentarischen Raume schwebendes Kreuz. Vor dem Bundestag referierte ein Religionsführer und eben nicht in erster Linie ein Vertreter eines Staates. Ein Präzedenzfall? Könnte sein. Und es ließte sich fragen: Müssten nun künftighin nicht auch Vertreter andere Religionen vor dem Bundestag sprechen dürfen?

Photo: Autor

Die Rede kann hier auf “welt.de” nachgelesen werden:

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*