Zeitpolitik ist wesentlich Raumordnungspolitik

Zum Ende der Raserei Die Entfernung von A nach B bestimmt (u.a.), wie lange wir brauchen, um die Distanz zu überwinden. Wir verlieren also offene Lebenszeit an gebundene „Reisezeit“, wenn die Orte häufig gewechselt werden müssen und weit auseinander liegen. (Welche Orte relevant/interessant sind, hängt vom Entwicklungsstand des Weltmarkts ab).

5877752217_68344cf9e5.jpgZum Ende der Raserei

Die Entfernung von A nach B bestimmt (u.a.), wie lange wir brauchen, um die Distanz zu überwinden. Wir verlieren also offene Lebenszeit an gebundene „Reisezeit“, wenn die Orte häufig gewechselt werden müssen und weit auseinander liegen. (Welche Orte relevant/interessant sind, hängt vom Entwicklungsstand des Weltmarkts ab). Wenn wir am Ort bleiben könnten, würden wir von diesem Zeitdieb nicht beraubt. Die gewonnene Mobilität wird also durch mehr „Fahrzeit“ erkauft.

Wenn wir einen Reise-Urlaub machen, dann bekommt die Reise an sich eine andere Qualität. Es kann sein, dass sie möglichst lange dauern soll. Das Ankommen/Zurückkommen ist dann nicht das Ziel, sondern gerade der Genuss des Weges bringt die Qualität. Berufspendler sehen das anders. Die Feuerwehr auf jeden Fall auch. Sie haben kein Auge für den Weg, er verschwendet nur ihre Zeit.

Wenn also die Distanz als Hindernis auftritt/gesehen wird, (nur) dann sind Bemühungen der Beschleunigung und Einebnung von Hügeln die logische Folge. Wir tun daher etwas für unsere Zeitsouveränität, wenn wir bestehende Raumordnung, das ist Raumteilung, in Frage stellen. Die Erforschung und Installation schnellerer Verbindungen, die Erhöhung der Taktzahl ist nicht (mehr) der richtige Ansatzpunkt für eine gute Zeitpolitik. Zeitbedarfe und Zeitregelungen sind der Raumordnung nachgeordnet, sie sind quasi z. gr. T. ihre Folgewirkungen. Die Entfernung und ihre Überwindungsanstrengung werden durch die Art der räumlichen Arbeitsteilung bestimmt.

Wir und die Politik sollten im 21. Jahrhundert nicht mehr für die Ausweitung von problemloser Zugänglichkeit sorgen, denn diese fragt sofort nach besserer „Erschließung“ und wie die Besuchsfrequenz erhöht werden könnte. (Sogar die Betrachtungszeit berühmter Gemälde im Museum wird heute derart massen-geregelt). Dadurch haben wir mit Verdichtung, Beschleunigung, „mehr in gleicher Zeit“ usw. zu tun. Kurz-horizontiges Effizienzstreben und Optimierungsdenken stehen noch im Hintergrund.

Eine Kehrtwende hin zur „Diskriminierung“ ist nötig (wie im Naturschutz), ohne dass Demokratie und prinzipielle Zugänglichkeit für alle auf der Strecke bleibt. Die Lösung wäre serielle Zugänglichkeit, also eine Steuerung mit dem eingebauten Stellglied „Wartezeit“. Ausschließliche Währung des Zugangs wäre nicht das Geld, sondern die Zeit. (Zeit mit Geld zu kaufen ist untersagt). Wer warten will, genug wartet, bekommt den Zugang zum ersehnten Ort. Wem das Warten „zu lange dauert“, der verzichtet letztlich und erspart sich häufig ganz die Anstrengungen des Weges hin zum anderen Ort. Diese Bewertungskehrtwende hätte enorme Auswirkungen auf unser Zeitverhalten. Zugangsengpässe wären also nicht automatisch Ärgernisse, sondern bewusste Steuerungshebel zu Befragung von Wertigkeiten.

„Fortschrittliche“ Stadtpolitik sollte somit den radikalen Schwenk zu einer wählerischen Haltung gegenüber Zugangserleichterungen (über Infrastrukturausbau, Dehnung von „Öffnungszeiten“) wagen. Ich weiß, dass fällt schwer, besonders den „Experten“. Ganz laut aufschreien werden die Verkehrsexperten.

Reibungsloser „Durchfluss von Strömen“, bessere Taktfrequenz etc. sind veraltete Qualitätsmaße, weil sie nur dem technischen Optimierungshorizont folgen. Der greift aber zu kurz. Die „mühelose Erreichbarkeit“ von Fernem sollte im ersten Schritt erschwert werden, der Fokus läge also wieder mehr bei dezentraler und Nah-Orientierung. Später ginge es darum, viele Wege überflüssig zu machen bzw. Entfernungen zu reduzieren. Stadtpolitik, Raumordnungs-, Wirtschaftspolitik, allgemeine Strukturpolitik würden endlich eine sinnvolle „Sparpolitik“ betreiben und so zum Zeitwohlstand beitragen.

Durch diese Art Strukturreformen erst bekämen wir eine wirkliche Chance aus der allgemeinen Hetze und Raserei herauszukommen.

Mir ist klar, dass es auch andere Quellen für die Zeitknappheit gibt, als die tradierte „Raumbewegung“, aber wesentlich bleibt sie.

Mir ist klar, dass diese Paradigmenwechsel nicht im städtischen Horizont verbleiben könnte, sondern fundamental und global begleitet werden müsste. D.h., der sakrosankte, liberale Mythos des bedingungslosen Marktzutritts und des freien Welthandels müssten endlich auf den Prüfstand, denn dieser undifferenzierte globale Anspruch produziert logisch immer wieder neue Atemlosigkeit und drängenden Tempozwang (Standortkonkurrenz, schnelle Kommunikation, trotz langer Wege).

Also eine andere „Raumnutzung“ ist auch hier die Voraussetzung und notwendige Flankierung für eine durchgreifende Zeitpolitik, sonst stieße diese eh bald an ihre Grenzen.

Photo: Degitakt, via flickr

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