Aus dem Heliand
Beginn der Bergpredigt
Da gingen als Begleiter mit dem gütigen Krist
solche Gesellen, wie er selber sich erkor,
der Mächtige, aus der Menge. Da standen die weisen Männer
gern um den Gottessohn, die guten Helden,
williglich, die wackern, trugen nach seinen Worten Begehr,
schwiegen und bedachten, was ihnen dieser Scharen König,
der Waltende, wollte mit Worten künden,
diesen Leuten zu Liebe. Da saß der Landeshirte
vor der Menge der Männer. Des Mächtigen Kind
wollte mit seinen Worten Weisheitssprüche viel
lehren die Leute, wie sie das Lob Gottes
ausbreiten sollten in diesem Erdenreich.
(Aus: Bender, Deutsches Lesebuch, Obersekunda, 1954, Felix Genzmer)
Analyse
Karl der Große hatte in drei sehr blutigen Kriegen die Sachsen unterworfen und diese wollten sich nicht so leicht vom alten Glauben abwenden. Da hatte sein Nachfolger, Ludwig der Fromme, die Idee, durch eine in germanischer Dichtkunst nachempfundene Heilslegende, die Seelen dieses Volkstammes zu gewinnen. Wahrscheinlich war es einer der Stammesgenossen der Sachsen, wohl ein mit Dichtung bewanderter Mönch, der den Auftrag dazu bekam, eine Bibeldichtung
des Neuen Testamentes zu schaffen. -
Leider ist der Name des Dichters nicht bekannt, der etwa um das Jahr 830 n. Chr. die altsächsische Ependichtung, den Heliand schuf. Nach den (leider nicht mehr in ganzer Vielzahl vorhandenen altgermanischen) Dichtungen, die aber meist aus der Edda nachzulesen sind, ist der Heliand die bekannteste germanische Dichtung, die christliches Gedankengut bringt und nicht mehr den germanischen Glauben an die alten Götter, wohl aber deren inniglichen Ton trifft. Der Ton ist von einer rührenden inneren Frömmigkeit, ganz entsprechend dem tiefen Empfinden der Germanen entgegenkommend und man erhoffte sich so, doch noch eine Missionierung der sich innerlich widerstrebenden Sachsen zu erreichen.
Neben den Wurzeln unserer europäischen Kultur, die oftmals mit jüdischer Frömmigkeit, griechischer Philosophie und römischer Gerechtigkeitsempfindung verknüpft wird, wie z.B. gestern, am 22.09. 2011 in der Rede Benedikts XVI. im deutschen Bundestag vernommen, sollte man den germanischen Anteil nicht vergessen, der z.B. in einer gewachsenen, hochentwickelten Dichtkunst zum Ausdruck kommt, die nicht nur mit dem Stabreim als einziger Kennzeichnung in Verbindung gebracht werden darf. Ebenso haben gewiss Kelten, Slaven und andere Völker ihren genetischen und kulturellen Beitrag
zu Europa (als geistiger und realer Heimat) gebracht, das sollte man nicht vergessen und gelegentlich auch in “Sonntagsreden” erwähnen. -
Im oben angeführten Beispiel ist nun sehr schön die Stabreimverwendung zu ersehen, aber auch der typisch epische Ton dieser Großdichtung des Heliand zu spüren, obwohl hier in heutiger Übersetzung dargeboten. Für den Forscher ist das Original sicherlich noch aussagekräftiger.
Klaus Grunenberg
Photo: birgitH, via pixelio.de
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