neues deutschland nach dem Relaunch – Informationsabend in Wanne-Eickel

Nach dem Ende des vom faschistischen Deutschland vom Zaune gebrochenen Zweiten Weltkrieges war ein neues Deutschland das Gebot der sogenannten “Stunde Null”. Dies sah auch die sowjetische Militäradministratur so. Nicht nur allgemein, sondern auch betreffs der Presse. In diesem Sinne erteilte sie bereits 1946 eine Zeitungslizenz für ein Blatt namens

neues_nd_stillehompress.jpgNach dem Ende des vom faschistischen Deutschland vom Zaune gebrochenen Zweiten Weltkrieges war ein neues Deutschland das Gebot der sogenannten “Stunde Null”. Dies sah auch die sowjetische Militäradministratur so. Nicht nur allgemein, sondern auch betreffs der Presse. In diesem Sinne erteilte sie bereits 1946 eine Zeitungslizenz für ein Blatt namens “Neues Deutschland”.  Das dann meist nur kurz “ND” geheißene Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) ging durchaus hoffnungsvoll und mit guten Leuten und ebensolchen, ehrlich gemeinten Vorsätzen in den Druck. Doch schon bald erstickten Parteidisziplin und Einflußnahme des “großen sowjetischen Bruders” journalistische Ansprüche mehr und mehr. Kritische Geister mussten ihren Hut nehmen. Das “ND” verkam mehr und mehr zu einem Propaganda- und Verkündigungsblatt der SED. Mit dem politischen Bankrott der DDR Ende 1989 sank auch der Stern des als “Neues Deutschland” einst so hoffnungsvoll und engagiert an den Start gegangenen “Zentralorgangans” abrupt. Was freilich nur folgerichtig war.

Neustart mit Blessuren

Dank engagierter Leute gelang dem arg in die Jahre gekommenen “Neuen Deutschland” abermals ein Neustart. Nun als linkes Blatt in der kapitalistischen Bundesrepublik Deutschland. Hineingeworfen ins kalte Wasser marktwirtschafter Verhältnisse. Auch Zerschlagungsversuche politischer und anderer Natur überstand das “ND” mit Blessuren.

nd-Relaunch 2011

Vor kurzem nun wagte das “ND” abermals etwas Neues: einen Relaunch gar, welcher das alte “Neue Deutschland” per eines aufgeräumteren und unter Einbeziehung einer Agentur zu einem luftigeren – wie man seitens der Zeitungsmacher hofft, ansprechenderem, Erscheinungsbild verhalf. So erblickte das “neue deutschland” (siehe Photo oben) das Licht der Welt.

Wie immer bei einem Relaunch einer Zeitung gibt es hernach von manchen Lesern Lob, während wiederum andere dem gewohnten Erscheinungsbild “ihrer” Zeitung arg hinterhertrauern.

“ND-UNTERWEGS” machte Station in Wanne-Eickel

Am Dienstag dieser Woche war der Geschäftsführer des frisch aufpolierten “neuen deutschland”, Olaf Koppe, im Rahmen der Gesprächsreihe “ND UNTERWEGS” im Ruhrgebiet, in Herne (Wanne-Eickel) zu Gast in der Geschäftsstelle von der Partei DIE LINKE, um u.a. über den Relaunch der Zeitung zu sprechen.

Ohnehin, so Koppe, sei ein neues Redaktionssystem notwendig gewesen, da habe man sich gleichzeitig entschlossen, einen Relaunch ins Werk zu setzen. So manchen Lesern (unter ihnen wohl vorallem jüngeren Menschen) sei das alte “ND” antiquiert vorgekommen. Umfragen hätte gar ergeben, dass der mit großen Buchstaben gedruckte Zeitungstitel “Neues Deutschland” (vielleicht wegen des fast erschlagend langen “Deutschland”) bei manchem implizierte, es handele sich um bei der sozialistischen Tageszeitung vielmehr um ein stock konservatives, wenn nicht sogar rechtes Blatt.

Das “nd” kommt nun luftiger daher

Nun, referierte der Geschäftsführer, weise das aufgefrischte Blatt eine höhere “Luftigkeit” auf. Überschriften sind nun mittiger. Bleiwüsten hat man den Kampf angesagt. Texte sollen nun bei den Leser Aha-Effekte auslösen. Allein das Umstellen des Zeitungstitels auf Kleinschreibung habe, da ist man sich sicher, die vorherige “Mächtigkeit” des Erscheinungsbildes “zurückgenommen”. Erste Leserreaktionen scheinen den Relaunch dann im Wesentlichen wohl auch zu goutieren: immerhin 80 Prozent positive Reaktionen wurden der Redaktion bislang bekannt. Ganze zwei Leserreaktionen seien besonders heftig und sehr negativ ausgefallen. Sie sollen noch näher und in Rücksprache mit den Einsendern analysiert werden.

Manch einem erscheint das “nd” allerdings noch immer “dröge”, anderen ist es “nicht frech genug”. Das ergab auch die Diskussion unter den Anwesenden der Gesprächsreihe “ND UNTERWEGS” am Dienstagabend in Wanne-Eickel. Unter ihnen Marcus Meier, der NRW-Korrespondent des “nd”, Jürgen Klute, Abgeordneter für DIE LINKE im Europäischen Parlament und Martin Budich, Bewegungsaktivist und Betreiber des Blogs “bo-alternativ”.

Informationen zum Blatt

Wenngleich im Moment eigentlich alle Zeitungen in Deutschland absatzmäßig zu “knabbern” haben: das “neue deutschland” als neben “taz” und “junge welt” sich explizit links verortendes Blatt hat es freilich noch einen Tacken schwerer. Hauptsächlich deshalb, weil es in den alten Bundesländern nun einmal kein eingeführtes Produkt ist. Zahlen machen dies deutlich: 35 000 Abonenten erhalten das “nd” im Osten Deutschlands, nur 2000 sind des im Westen. Dazu kommen noch einmal 300-500 verkaufte Exemplare in den alten Ländern. Viele Abonenten gingen verloren. Das Alter vieler Zeitungsbezieher übersteigt die Sechzig. Siebentausend bis achtausend “nd” gehen wöchentlich in den Einzelhandel. Am Wochenende sind es um 13 000 “nd”. In den deutschen Bahnhofsbuchhandlungen ist das “nd” fast flächendeckend zu kaufen.

Den Service, dass das “nd” bei den Abonenten bis 7 Uhr im Briefkasten steckt, kann derzeit nicht überall geboten werden. Dafür ist die Republik einfach zu groß und die jeweiligen Orte zu weit von Berlin entfernt, als dass die Zeitung von dort aus rechtzeitig zum Zielort gebracht werden konnte. Einzelne Kooperationen mit regionalen Vertrieben gab oder gibt es allerdings. Der Verlag arbeitet weiter daran. Die meisten Exemplare “nd” kommen deshalb heute noch mit der Post. Von den Einnahmen her will die Zeitung 2011 eine schwarze Null schreiben. Am Einnahmeproblem muss sich, erklärte der nd-Geschäftsführer, auf Gedeih und Verderb etwas zum Positiven verändern. Ein wenig hat auch an der Preisschraube drehen müssen, sprich: der Verkaufspreis wurde erhöht. Das “nd” kostet momentan als Bundesausgabe 1,50 Euro. Mitarbeiter entlassen, wie das andere Verlage machen, will die Zeitung nicht. Das “nd” gibt auch als kostenpflichtiges e-paper (für Abonenten gratis) und einer Online-Ausgabe. Hierüber – da geht es dem “nd” nicht anders als anderen Zeitungen – werden aber keine nennenswerten Einnahmen generiert. Andere Einnahmen kommen über einen Online-Shop herein.
Erstmalig hat das “nd” nun einen kleinen Werbespot in einige Programmkinos gebracht. Dieser läuft derzeit u.a. in der Dortmunder “Camera”, in Essen – insgesamt in 160 Kinos bundesweit.
Das “neue deutschland” gehört zu 50 Prozent der Föderativen Verlags-, Consulting- und Handelsgesellschaft mbH und zur anderen Hälfte der Partei DIE LINKE. Olaf Koppe: Der Partei sei man “in kritischer Solidarität verbunden”. Die Zeitung hat 92 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Produktion kostet jährlich 11,2 Millionen Euro.

Die Zeitung will keine Parteizeitung sein

Eines machte der nd-Geschäftsführer indessen klar: Keineswegs will man eine Parteizeitung sein. Hofberichterstattung wie zu Zeiten der SED will man nie mehr betreiben. Was sich durchaus auch in einer kritischen Berichterstattung über die Partei DIE LINKE widerspiegelt. Was wiederum manchen in der Partei hin und wieder offenbar bitter aufstößt und Kritk üben läßt. Einigen in der Partei, so hört man, gilt das “nd” deshalb – so absurd dies auch klingen mag – als “rechtsabweicherlisch”.

Jürgen Klute (MdEP für die LINKE) zu linkem Journalismus und über konservative Zeitungen, die seine Fraktion nicht links liegen lassen

Gewiss keine einfache Situation für eine Zeitung! MdEP-Jürgen Klute regte deshalb dann auch an, die Besitzverhältnisse des “nd” künftig, wenn möglich, anders zu ordnen. Nur wer spränge für die 50 Prozent von DIE LINKE als Nachfolger ein?

Den Stimmlosen eine Stimme geben

Der studierte Theologe Jürgen Klute dürfte, sich als Exeget verstehend, genau gewusst haben wovon er sprach, wenn er am Dienstag betreffs der Zeitungsgestaltung forderte, Glaubensbekenntnisse möglichst zu unterlassen, gleichzeitig jedoch ideologische Standpunkte deutlich zu machen. Ein schwieriger Balanceakt! Nichtsdestotrotz müsse das “nd” als sozialistische Zeitung wie eben auch linke Politik den Stimmlosen in der Gesellschaft eine Stimme geben. Journalismus müsse obendrein unbedingt “handwerklich sauber” sein. Nicht hinnehmbar, so Klute, sei “billiger Meinungsjournalismus” wie ihn seiner Meinung nach die “junge welt” betreibe. Was unterscheide dies denn noch von neoliberalem Meinungsjournalismus?

Der Linkspolitiker Jürgen Klute lobte Zeitungen wie die Financial Times Deutschland, taz und FAZ für die exakte Wiedergabe von Sachlagen und wegen deren deutlichen Abgrenzung in Sachen Meinung. Aus seiner parlamentarischen Arbeit berichtete Klute, dass vor allem konservative Zeitungen (hauptsächlich solche in Großbritannien) in anderen Ländern der EU (im Gegensatz zu den Verhältnissen in der BRD) sehr korrekt und auch ausführlich über linke Politik informierten und deshalb Linke genauso behandelten und zur Kenntnis nähmen wie Politiker aus bürgerlichen Parteien. Ignoriert würden jedoch von diesen Zeitungsredaktionen richtigerweise jegliche Dogmen- und Ideologiereitereien.

Letzteres sei ohnehin dumm und ätzend. Die Texte einer linken Zeitung müssten stets verständlich formuliert und gut recherchiert (was allerdings nicht billig ist) sein. Gesellschaftliche Prozesse sollten aus linker Sicht interpretiert werden. In der Sache müsse quasi immer wieder der Frage nachgegangen werden: Wie betrifft diese oder jene politische Entscheidung die kleinen Leute.

Ein informativer Abend in Wanne-Eickel über das veränderte Erscheinungsbild des “neuen deutschland”, wo aktuelle Fragen der politischen, wirtschaftlichen und der Medienpolitik erörtert wurden, die sich mit den Anforderungen an eine moderne linke Tageszeitung befassten.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*