Es ist nicht einfach, einen Einstieg in den Kosmos der Hofer Filmtage zu finden. Mein erstes Filmfestival war in Hof. Und die Hofer Filmtage sind das einzige Festival, dass ich regelmäßig mit einem sehr guten Freund besuche.
Auszubildende Anfang 20 waren wir, als wir von einem Filmfestival im bayerisch-sächsischen Grenzgebiet lasen. Wir fuhren hin im Herbst 1988, ohne genau zu wissen, ob das Festival überhaupt stattfindet oder wo. Wenig Geld hatten wir – zu wenig für ein Hotel, also nahmen wir ein Zelt mit. Da uns die Polizei das Zelten verbot, nächtigte Harald in einer Betonkrabbelröhre auf einem Spielplatz, ich in meinem alten Ford Fiesta. Ein echtes Abenteuer war das noch.
1989 und 1990 kam etwas dazwischen und wir blieben Hof fern, bevor wir es ab 1991 über zehn Jahre regelmäßig wagten. Drei Jahre nächtigten wir noch gemeinsam im Fahrzeug – mittlerweile im gebrauchten Fiat Panda – ZU ZWEIT im Fiat Panda. Das zum Schlafplatz umfunktionierte Vehikel war dann nachts auf dem Parkplatz der Hofer Freiheitshalle abgestellt. Aber in einem Jahr ging es nur begrenzt, da Thomas Gottschalk zu “Wetten dass” in die Hofer Freiheitshalle einlud – das einzige nennenswerte Kulturangebot neben den Hofer Filmtagen. Zur Zeit wird die Halle aufwändig saniert und umgebaut.
Wir hatten keine Wasch- oder Duschgelegenheiten und stanken wie mancher Obdachlose, nachdem wir mitten in der Nacht zum Schlafen kamen, um 7:00 Uhr am Morgen aufstanden, um nach Karten anzustehen.
Zwischenzeitlich verdienten wir das erste Geld und suchten eine preiswerte Unterkunft. Eine Pension im Osten von Hof wurde von einer alten Oma betrieben, die damit überfordert war. Das Haus befand sich im Umbau, der während unserer Jahre dort nie abgeschlossen wurde, und so lagerten abmontierte Deckenlampen auf Sofas und offene Wände warteten auf neuen Putz. Unsauber war es. In den Betten fanden wir fremde Schamhaare und dunkle undefinierbare Flecken, die wahrscheinlich Kaffee waren, aber nach etwas Anderem aussahen. Aber das Doppelbett kostete nur DM 40,00 für die Übernachtung mit Frühstück.
In den nächsten Jahren wechselten wir dann insgesamt zwei mal dauerhaft das Domizil. Wirklich gemütlich war es nirgendwo. Die beiden Pensionen haben den Vorteil der teilweise unmittelbaren Nähe zu den Abspielstätten; es ist dann im fortgeschrittenen Alter möglich, bei uninteressanten Filmen oder kartenlosem Status ein Nachmittagsschläfchen einzuschieben. Was uns dann jeweils wieder zum Ortswechsel animierte, war im ersten Fall eine schimpfende Zimmerwirtin, die wir nach unverhältnismäßig langer Fahrt durch Stau um 23:00 Uhr aus dem Bett klingeln mussen, obwohl sowohl im Hotel- und Gaststättenverzeichnis der Stadt Hof als auch am Eingangsschild stand, die Rezeption sei bis 23:30 besetzt.
Die Duschen gaben nur mit Glück und Mühe warmes Wasser ab. Harald sorge durch ein Versehen dafür, dass in einem Jahr die Dusche nicht richtig abgedreht war und das Wasser bis auf den Flur floss. Der Ärger der Zimmerwirtin war hier nachvollziehbar. Im nächsten Jahr wollten wir nicht wieder auftauchen wie die Bittsteller. Außerdem wurde das Haus – nicht wegen des Wasserschadens – renoviert und wir zogen um zu einem Wirt, bei dem wir uns immer fühlten als wolle er uns übers Ohr hauen. Bei Buchungen, die sich nicht über die gesamte Dauer der Hofer Filmtage zogen, berechnete er uns jeweils eine zusätzliche Nacht als Filmtage-Zuschlag. Dann mussten wir öfter feststellen, dass die Pension nicht voll mit Filmtagebesuchern ausbebucht war sondern teilweise mit Bauarbeitertrupps ergänzt war, die dort auf dem Weg in oder von der Tschechichen Republik waren. So hausten wir dort zum letzten mal 2004; seitdem waren wir nicht mehr gemeinsam in Hof – erst wieder 2009 und dieses Jahr.Vor den Filmen und dem Drumherum verliere ich noch einige Zeilen über die Organisation der Hofer Filmtage, die bei allem Wohlwollen nicht wirklich professionell ist. So wir die Internetseite kaum gepflegt. Erst am Wochenende vor Festivalbeginn waren Spielplan und Filmbeschreibungen online. Wer von außerhalb anreist, ist sehr unflexibel in Anreise und Planung. Vorbestellungen im Internet sind utopisch und werden von niemandem erwartet, da dieses Stadium des Dillentantismus irgendwie zum gewissen Charme dazu gehört.
Nun werden aber immer noch Karten verkauft, auf denen nur eine Filmnummer, der Wochentag und das Kino stehen – kein Filmtitel, keine Uhrzeit. Das alles änderte sich nicht seit unseren Anfängen. Lediglich ein Umbau des Central-Kinocenters in den späten 90er Jahren vom altmodischen und gemütlichen Kuschelkino im 70er-Jahre-Stil zum modernen sterilen Multiplex führte dazu, dass der Kartenverkauf von einem Kartenhäuschen im Eingangsbereich in einen Mehrzweck-Container in der Fußgängerzone verlegt wurde, wo die Schlangen der Kinogänger seitdem ungeschützt Wind und Wetter ausgesetzt sind. Oft sind Vorstellungen offiziell ausverkauft, weil Fachbesucher Karten vorbestellen, sich dann kurzfristig umorientieren und beispielsweise auf Filmparties gehen – und die ausverkauften Vorstellungen dann auch mal nur zu zwei Dritteln gefüllt sind. Bis einschließlich 2002 oder 2003 konnte man nur am frühen Morgen Karten für den jeweils aktuellen Film erwerben; zwischendurch konnte man mit viel Glück und Durchhaltevermögen an zurückgegebene Karten kommen oder mit noch mehr Glück und noch mehr Durchhaltevermögen vor ausverkauften Kinos doch noch auf freie Plätze lauern. Erst seit den Jahren danach war es möglich, ab 18:00 Uhr Karten für Vorstellungen des darauffolgenden Tages zu erwerben. Karten für spätere Tage gibt es bisher nicht. Jetzt – 2011 – ist es tatsächlich so, dass von Anfang an Karten für das komplette Filmfestival gekauft werden können. Das ist für die Hofer Filmtage eine Entwicklung, der vergleichbar mit dem Sprung von Stummfilm auf Tonfilm oder mit dem ersten Farbfilm ist.
In den Filmprogrammen sind keine Produktionsländer aufgeführt. Das erschwert zusätzlich die Auswahl an Filmen.
Die Retrospektive des Jahres ist dem britischen Regisseur David Mackenzie gewidmet. Wir entschließen uns bereits zu Hause, verstärkt Vorstellung von Mackenzie-Filmen zu besuchen – es würden sicher nicht die schlechtesten Filme sein.
Nun zum Filmtagebuch 2009 …
Wir arbeiten beide. Harald ist zweifacher Familienvater und möchte seine Familie nur begrenzt und sehr genau geplant alleine lassen. Wir brechen am Donnerstag, den 27. Oktober auf. Innerhalb von drei Stunden müsste die Fahrt eigentlich geschafft sein – denken wir. Ein Mittagshappen dauert länger als erwartet und diverse Dauerbaustellen auf der A3, bei denen ich mich nicht daran erinnern kann, wann sie nicht da waren, verzögern die Fahrt erheblich. Darüber hinaus ist der Landgasthof, wo wir 2009 übernachteten, am Donnerstag ausgebucht und wir müssen zunächst ein Ausweichquartier im von Hof ca. 30 km entfernten Selbitz heimsuchen, um unsere Schlüssel zu besorgen. Um kurz vor 16:00 Uhr sind wir am Kartencontainer und besorgen Karten für den Tag sowie eine Ration Kaffee.
Jetzt kommen die Filmbesprechungen. Nach Titel und Produktionsangaben gebe ich die Inhaltsangabe aus dem Katalog bzw. von der Festival-Internetseite wieder, kommentiere und vergebe Schulnoten von 1 bis 6.
17:00 Uhr im Scala
NAZI GORENG (Vorfilm aus Deutschland)
Die Welt des jungen Neonazis Jan ist etwas beschränkt, aber stabil. Zumindest, bis er auf der Flucht vor der Polizei in einem asiatischen Stripclub landet und dort einen Moment erlebt, der seine Welt ins Wanken bringt.
Sowohl Titel als auch Handlung sind mehr als dämlich. So ist es durchaus erstaunlich, dass die anwesende Drehbuchautorin das Klischee der immergeilen Asiatin gebraucht, die lasziv an der Stange tanzt und im Versteck vor der Polizeirazzia für den jungen Neonazi die Beine breit macht. Optisch und erzählerisch ist der Film allerdings durchaus reizvoll. Erzälht wird ohne Dialoge – ich hasse diese bebilderten Hörspiele, in denen alles durchgequatscht wird – und in gelungener Schwarz-weiß-Optik.
Note = 3
Von Stephan Rick, Deutschland 2011, DCP (Digitalprojektion), deutsche Originalfassung
Die aufkeimende Freundschaft der ungleichen Nachbarn David und Robert erfährt eine tragische Wendung, als David eine Frau anfährt und tödlich verletzt. Auf Drängen Roberts begeht er Fahrerflucht. Während Robert hofft, den neuen Nachbarn damit endgültig an sich binden zu können, wird David von Schuldgefühlen zerfressen. Als er Vanessa, die Schwester des Opfers, kennen lernt, glaubt er, seinen Fehler wieder gut machen zu können. Doch er hat nicht mit Robert gerechnet. Dieser ist bereit, alles zu tun, um seinen Nachbarn für sich alleine zu haben.
Manches ist schon sehr früh vorauszusehen. So ist David Reporter bei der örtlichen Zeitung und es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass David ausgerechnet von seinem Chefredakteur mit dem Fall von Fahrerflucht beauftragt wird. Auch als David die erste Begegnung mit der Schwester des Unfallopfers hat, ist es klar, dass er eine Beziehung mit ihr beginnen wird. Ebenfalls die Entwicklung von Nachbar Robert zum von Eifersucht geplagten Psychopathen kommt nicht wirklich unerwartet. Aber wir wollen nicht undankbar sein. Das Krimipsychogramm wird überwiegend spannend und überzeugend entwickelt und erzählt. Die schauspielerischen Leistungen sind sehenswert und die optische Gestaltung hat Kinoqualität. Leider ist Krimi in Deutschland fast ausschließlich Fernsehware und so ist es zu befürchten, dass dieser vom SWR produzierte Film im Dritten Programm zwischen Tagesschau und Regionalschau laufen wird, was sehr schade ist – eine Kinoauswertung wäre durchaus verdient.
Note = 2-
19:15 Uhr im Central
HOTEL DEUTSCHLAND 2
Dokumentarfilm von Stefan Paul, Deutschland 2011, HD-Video, deutsche Originalfassung
Ein postheroischer Streifzug durch die Neuen Länder. Über 20 Jahre ist es her, als die Mauer fiel, die mehr als ein Viertel Jahrhundert die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik getrennt hat. 1989 hat sich der Tübinger Dokumentarfilmer Stefan Paul auf den Weg gemacht in seine alte Heimatstadt Leipzig, um der Wende zuzuschauen, den Aufbruch aufzuspüren. In der Musikszene, unter Künstlern, auf der Straße, in Gesprächen: So entstand der Film HOTEL DEUTSCHLAND. 20 Jahre später ist Stefan Paul zurückgekehrt in den alten Osten der Republik. Wieder folgt er den Spuren des “Sprachkünstlers” Wolfgang “Zwieback” Krause aus Leipzig, der Ausschau hält, wie es speziell um die “blühenden” Kulturlandschaften bestellt ist, von denen Vereinigungskanzler Helmut Kohl seinerzeit schwärmte. “Die Zeit verging, die Kaltfront blieb”, sagt Zwieback in HOTEL DEUTSCHLAND 2 an einer Stelle im Film. Er ist unterwegs: Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt. Berlin, Leipzig, Dresden und Halle sind die Stationen. Eine musikalische Reise zwischen Früher- und Später-Zeit und Gedankensprünge voll visuellem Reiz, stiller Melancholie und präziser Erkundung des Neuen. Gespräche, Fetzen, Begegnungen, Vignetten von Lebensentwürfen: Einst und Jetzt.
Nun ja, Stefan Paul lässt uns sofort wissen, dass der Film nicht regulär ins Kino kommen wird sondern nur über ein paar Festivals und Gala-Vorstellungen tingeln wird, um für den Deutschen Filmpreis nominiert zu werden. Ansonsten geht es über den Umweg einer DVD ins Fernsehen. Einblicke in die Kulturgeschichte der DDR und des späteren Ostdeutschland sind teilwiese durchaus spannen. So manche(r) Künstler, Tänzerin oder Schauspieler scheint aber doch sehr versponnen zu sein und in einem Paralleluniversum fern unserer Galaxie zu leben.
Note = 3
Genug Zeit für ein ausgiebiges Abendessen. Denn Karten für Abendvorstellungen ohne Überschneidungen mit anderen Programmen gibt es nicht mehr.
0:00 Uhr im Central
DIE WARHEIT DER LÜGE
von Roland Reber, Deutschland 2011, DCP, deutsche Originalfassung
Ein Autor hält in einem unterirdischen Labyrinth zwei Frauen gefangen. Er will sie zu Grenzerfahrungen bringen, auf den “Gipfel”. Er foltert sie körperlich und geistig. Doch seine Methoden führen nicht zum gewünschten Ergebnis. Seine Verlegerin, eine undurchsichtige Frau, treibt ihn weiter und weiter. Die Folterungen werden immer bizarrer. Es werden Regeln aufgestellt, nur um sie gleich wieder zu brechen. Es scheint ein Kampf gegen die Zeit zu sein, denn eine Countdown-Uhr läuft unaufhaltsam gegen Null. Was geschieht dann? Der Autor sagt: “Grenzerfahrungen sind nur an der Grenze möglich. Aber wo ist die Grenze, wo der Zöllner?” Nichts scheint zu sein, wie es ist.
Vor zwei Jahren war der deutsche Amateurfilmer Roland Reber gemeinsam mit den drei Darstellerinnen, mit denen er zusammen lebt oder zu leben vorgibt, in Hof und stellte ein deutsches Softporno-Roadmovie vor, in dem die Sinn- und Lustsuche dreier phlegmatischer Motorradbräute durch absurd-künstliche Dialoge und echte Bumsszenen mit debilen Swingerclub-Mitgliedern aufgelockert wurde. “Die Orgasmen waren echt” durften wir damals auf der BILD-Schlagzeile lesen. Das kurbelte zwar die Eintrittszahlen und später den DVD-Verkauf an, aber die Darstellerin wurde aus der ARD-Klosterserie exkommuniziert, in der sie eine Nonne spielte und Fritz Wepper immer noch den Bürgermeister spielt. Gleich zu Beginn der Vorstellung fuhr eine der Darstellerinnen mit einem Motorrad vor die Leinwand, drehte extra das Gas auf und stänkerte das Kino mit Abgasen voll. Auf DVD nennt man das dann Bonusmaterial. Ein nicht unerheblicher Teil des Publikums verließ das Kino während des Films, ohne zurückzukommen, und die meisten Anderen lachten sich kaputt, was nicht unbedingt beabsichtigt war.
Aber was Reber & Co. mit einem Film beabsichtigen, ist sowiso schwer zu sagen. So wissen weder Regisseur Roland Reber noch zwei der drei Darstellerinnen, die auch am Drehbuch beteiligt sind, nicht, was sie mit diesem Film zum Ausdruck bringen wollen. Auf meine Fragen, für wen sie solche Filme drehen, für sich selbst oder für ein nicht zu fassendes Kinopublikum, was er denke, wer sich so etwas überhaupt anschauen solle, weiß Reber erst mal keine Antwort und schaut mich an wie die Kuh, wenn es donnert. Na ja, antwortet er dann, für ein Publikum, wir sind ja immerhin da, um diesen Film zusehen. Dabei ist ein Filmfestival wie dieses ein künstlerisches Biotop, bei dem sowohl Filmemacher als auch das Publikum gerne experimentieren können; im normalen Kinobetrieb dürfte bei dieser Inhaltsangabe kaum jemand 8 oder 9 Euro für eine Kinokarte ausgegen.
Und wer tatsächlich einen deutschen Folter-Porno der Marke SAW und Fortsetzungen http://www.moviepilot.de/movies/saw-2 oder HOSTEL http://www.moviepilot.de/movies/hostel-2 erwartet, ist selbst schuld und verdient es nicht besser. Zwar werden die beiden Frauen im Keller, diversen Verliesen und Käfigen eingesperrt, im Pranger und auf anderen Konstruktionen fixiert und einmal sogar mit dem Kopf unter Wasser gehalten (Darstellerin: Das war wirklich hart.) Das war es aber auch schon. Dazwischen sehen wir den Gastgeber gefühlte Stunden durch die Fabrikruine wandern.
Der Film ist in jeder Hinsicht dilletantisch erzählt und gespielt, mit viel Wohlwollen halbwegs professionell fotografiert und TOT-LANGWEILIG. Immer wieder versuche ich, meine Augen auszuruhen, werde aber von dämlichen Dialogen geweckt und zur Aufmerksamkeit genötigt. Der Darsteller des Buchautors (ebenfalls anwesend) ist wahrscheinlich gar nicht schlecht, agiert aber mangels kompetenter Regieanweisungen zwischen Hilflosigkeit und verpatzter Albernheit. Die beiden Folteropfer spielen meistens wie Schlafwandlerinnen, die irgendwo aufgeschriebene Texte ablesen. Anke Mönning, die Pornomaus und Ex-Fernsehnonne von vor zwei Jahren spielt als Verlegerin und Leiterin des Experiments im Hintergrund meistens wie eine Schaufensterpuppe, die an ihren Schauspielkollegen vorbei ins Leere glotzt und dies ab und zu mit hysterischem Gekicher und Winken unterbricht.
Nein, ich rege mich nicht auf. Hier gibt es genau so wenig etwas zum Aufregen wie die vermisste unfreiwillige Komik, die vor zwei Jahren das Machwerk erträglich machte. Vor vielleicht 15 Jahren war ein verhinderter Motorradrocker, der in wilder Ehe mit drei jüngeren Frauen lebt oder so tut als ob, vielleicht noch ein Skandal. Seit solche Gestalten aber jede zweite Nachmittagssendung zwischen Gerichts-Show und Bauern-tauschenden Schwalldiwall-Nannies bevölkern, sind sie nicht mehr skandalös sondern nur noch öde.
Grundsätzlich habe ich viel Respekt vor der künstlerischen Selbstverwirklichung von Filmemachern, insbesondere, wenn sie ohne Filmförderung und Beteiligung von Fernsehsendern einfach drauf los drehen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Allerdings sollte dies kein Selbstzweck sein sondern auch einen Reiz für das Kinopublum sein, was hier überhaupt nicht der Fall ist. Zum zweiten mal staunen wir über die Aussage, das Quartett könne von den Einnahmen aus diesen Filmen leben. Und wir vermuten beide erneut, dass dies nur mit Hardcore-Versionen auf DVD funktionieren kann, in denen die Kopulationen bzw. diverse Sado-Maso-Praktiken bis ins Detail gezeigt werden.
Vielleicht ist aber auch das gesamte Konzept vom Schauspielerinnen-Harem in der BILD bis zur Show mit Motorrad im Festivalkino nur ein mehr oder weniger gelungenes Marketingkonzept und dieses Quartett trifft sich nur zum Filmemachen und Fotoschießen und lebt zwischenzeitlich von Sozialhilfe. Sogar davor hätte ich einen gewissen Respekt.
Immerhin unterlässt es Reber im Gegensatz zu 2009, sich als internationaler Filmpreisträger diverser Underground-Festivals zu präsentieren. Das war wirklich bemitleidenswert.
Normalerweise verlasse ich bei so etwas das Kino vorzeitig, aber die Diskussion mit dem Filmquartett nehmen wir noch mit. Gepose bis zum Geht-nicht-mehr.
Note = 6. Wir können uns nur mit größter Anstrengung daran erinnern, bei den Hofer Filmtagen einen schlechteren Film gesehen zu haben.
Bettwärts dann. Um 3:00 Uhr liegen wir in den Betten. Selbitz ist Durchgangsstraße zu einer der wenigen übrig gebliebenen Fabriken in der Gegend – erzählt mir am nächsten Morgen der Wirt beim Frühstück – und während der gesamten Nacht donnert Lastverkehr durch die Ortschaft. Ständig wache ich wieder auf und bin nicht ausgeschlafen.
Freitag, 28. Oktober
Wir frühstücken, packen und fahren zu unserem diesjährigen Stammquartier in Wölbattendorf, um die Schlüssel zu besorgen und unser Gepäck unterzubringen. Dabei verfahren wir uns etwas und kommen in Zeitdruck. Die erste Vorstellung beginnt um 12:00 Uhr und wir möchten noch ein paar Eintrittskarten besorgen.
Wir frühstücken, packen und fahren zu unserem diesjährigen Stammquartier in Wölbattendorf, um die Schlüssel zu besorgen und unser Gepäck unterzubringen. Dabei verfahren wir uns etwas und kommen in Zeitdruck. Die erste Vorstellung beginnt um 12:00 Uhr und wir möchten noch ein paar Eintrittskarten besorgen. 12:00 Uhr im Casino SPREAD aus der David-Mackenzie-Retro
USA 2009, 35mm, englische Orginalfassung
Ein gut aussehender Möchtegern-Schauspieler verdankt sein Highlife im sonnigen L.A. den reichen Frauen, mit denen er schläft. Seine Welt gerät aus den Fugen, als er sich in eine hinreißende junge Frau verliebt, die ihm beim Abzocken ebenbürtig ist – eine Komödie.
Mackenzies einziger US-Film hat als Hauptdarsteller Ashton Kutcher, Kommödien-Prollstar und Ex-Gatte von Demi Moore. Wir sind nicht begeistert, behalten die Karten aber und sind angenehm überrascht. Ashton Kutcher, den ich ausschließlich als Darsteller mit limitiertem Schauspieltalent kenne, überzeugt als A***loch, das die Frauen sexuell und finanziell ausbeutet. Anne Heche spielt die Frau, die ihn in ihrer Millionenvilla aushält, und ist großartig. Trotz gelungener und sehenswerter Schauspielleistung bekommen alle Darsteller/innen die Schau von einem Ochsenfrosch gestohlen, der in der Schlussszene bzw. im Abspann eine tote Ratte hinunter würgt, bis auch der kahle Rattenschwanz verschwunden ist.
Note = 2
Mittagshappen im Filmtagecafé, welches früher Brasserie hieß. Hier kann man manchmal Stars und Sternchen und solche, die welche werden wollen, bestaunen. Bis 2004 musste sich hier nur jemand niederlassen und bekam sämtliche nicht-alkoholischen Getränke kostenlos (!) serviert. 2009 war in den Förder- und Sponsorentöpfen immer weniger Geld vorhanden und die Getränke waren zu bezahlen – nein, ich beschwere mich nicht; so, wie es davor war, zahlte ich die Rechnung nur über Umwege. Teller mit Kuchen, Puddingstückchen oder Minibrezeln konnten immer noch kostenlos leergegessen werden und wurden regelmäßig ausgetauscht. Neu war 2009, dass an jedem zweiten Tisch jemand mit Laptop saß.
Es ist fast leer. In früheren Jahren war um die Zeit alles voll.
14:30 Uhr im Central
von Urszula Antoniak, Niederlande / Dänemark, niederländische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, 35mm
Im Krankenhaus, jenem dunklen Bereich zwischen Leben und Tod, widmet sich Marian, eine strenge, vierzigjährige Krankenschwester mit Leib und Seele den Schwerkranken und Sterbenden und gibt ihnen – oft zum letzten Mal – die Wärme eines menschlichen Körpers. Ihre Hingabe treibt sie manchmal dazu, die Rolle des Erlösers zu übernehmen, indem sie den Leiden der Todgeweihten ein Ende setzt und sie zu einem friedlichen Ende führt. Für Marian sind diese Momente, die sie als letzte Intimität versteht, von größter Bedeutung. Außerhalb des Krankenhauses führt Marian, bestimmt von ihrem Wunsch nach Perfektion und Kontrolle, ein zurückgezogenes Leben. Doch manchmal lassen sie die Gefühle, die sie zu unterdrücken versucht, aus ihrer Routine ausbrechen: So trifft sie eines Tages in einem Bus einen Fremden, dem sie spontan in ein Videogeschäft folgt und der fortan ihre Phantasie beschäftigt. Als Marian den Mann wiedertrifft, teilt sie unfreiwillig eine voyeuristische Erfahrung mit ihm. Diese plötzliche Intimität stößt sie zunächst ab, um sie dann zu faszinieren und zu lähmen und ihr schließlich Angst zu machen. Mit ihren unterdrückten Gefühlen konfrontiert, begreift Marian, dass sie ihr Verlangen akzeptieren muss, egal wie hoch der Preis dafür ist …
Ein sehr unerfreulicher und unangenehmer Film. Zwischenzeitlich schlafe ich mehrfach ein, was leider auch daran liegt, dass der Film uninteressant erzählt wird. Zwei mal wache ich auf und erlebe eine Vergewaltigungsszene und eine Einstellung, in der sich die Krankenschwester Sperma aus dem aufgesammelten Vergewaltigungskondom über ihren entblößten und mit Schnittverletzungen entstellten Unterleib gießt. Das ist mir zu unappetitlich und ich verlasse das Kino, kehre noch rechtzeitig zum Gespräch mit der Regisseurin, die den Film wohl ihrem an Krebs verstorbenen Vater widmet. Was ich noch verpasste, ist eine Szene, in der dieser Mann, der eigentlich im Nachbarhaus wohnt, bei der Krankenschwester zu Hause onaniert. Diese Szene war wohl nicht gestellt sondern echt und bis zum letzten Tropfen Saft mitgedreht. Müssen wir so etwas sehen?
Note = 6
17:00 Uhr im Central
PERFECT SENSE
Von David Mackenzie, Großbritannien 2011, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, 35mm
Ein Koch und eine Naturwissenschaftlerin verlieben sich, während die Welt rund um sie her zusammenbricht – eine Science-Fiction-Romanze, positiv und lebensbejahend.
Im Internet steht als Produktionsland “D”, was natürlich nicht stimmt und nicht die einzige Ungereimtheit in Katalog und Internet ist.
Durch eine ominöse Seuche verlieren die Menschen weltweit nacheinander sämtliche Sinnesorgane, was zu menschlichen und zwischenmenschlichen Tragödien und und zum Ende der Zivilisation in bekannter Art führt. Großartig gespielt und überwiegend mitreißend erzählt unterhält der Stoff interessanterweise, ohne zu deprimieren oder zu schockieren.
Die Hauptrollen spielen Ewan McGregor, Eva Green (das erste Bond-Girl von James Bond Nummer 5 in CASINO ROYAL) sowie Ewen Bremner, der seinen Durchbruch gemeinsam mit McGregor in TRAINSPOTTING hatte.
Der unterhaltsame Umgang mit menschlichen Tragödien wird sich noch häufiger als eine Begabung dieses Regisseurs herausstellen.
Skurillerweise wurde dieser Film am Tag zuvor in einem der kleinsten Kinos gezeigt, war natürlich ausverkauft und wird in der Wiederholung im größten Kino des Kinocenters gezeigt. Das muss man auch begreifen.
Zwischenzeitlich haben wir genug Zeit für einen Fraß beim Billigchinesen, der mir schwer im Magen liegt, ohne satt zu machen.
19:15 Uhr im Central
SILVER TONGUES
von Simon Arthur, USA, DCP
Ein Pärchen reist von Stadt zu Stadt. An jedem neuen Ort wechseln die beiden ihre Identität. Sie werden von einem perversen Vergnügen an Veränderung getrieben, ohne Rücksicht auf Konsequenzen manipulieren sie Fremde, die ihren Weg kreuzen, spielen mit ihnen und verändern deren Leben für immer. Aber mit jedem neuen Auftritt gerät ihr hinterlistiges Spiel zunehmend außer Kontrolle. Eine Lüge führt zur nächsten und macht schließlich ein Entkommen unmöglich.
Das Psychodrama ist interessant erzählt und gut gespielt. Warum der Schotte allerdings dazu in den USA drehen musste, verstehe ich nicht.
Der Film wird in einer armseligen Digitalprojektion gezeigt, die nicht nur die einzelnen Zeilen auf der Leinwand sehen lässt sondern auch zu langsam abgespielt wird. Die Figuren agieren in leichter Zeitlupe und die Dialoge klingen, als ob sie von Betrunkenen vorgetragen werden. Mehrere Kinobesucher einschließlich mir wollen bescheid sagen, aber niemand weiß, wo der Filmvorführer steckt. Ein Mann, der sich mit Projektion auskennt vermutet ein US-amerikanisches NTSC-Format, das auf dem hier vorhandenen Digitalprojektor nicht richtig abgespielt wird. Nach einer halben Stunde wird die Projektion unterbrochen und kurz danach richtig fortgesetzt.
Als ich das später anspreche erklärt der Regisseur, die Filmrolle auf 35mm sei beim Transport verschwunden und durch einen Digitalträger ersetzt worden. So etwas kann vorkommen und ich nehme es niemandem übel, aber über so etwas muss das Publikum vorher von der Festivalleitung – also Ansagerin oder Ansager – informiert werden. So ist es mehr als unprofessionell und auch für den Filmemacher eine unschöne Erfahrung.
Note = 3
22:00 Uhr im Scala
YOU INSTEAD
aus der David-Mackenzie-Retrospektive, Großbritannien 2011, englische Originalfassung, 35mm
Eine energiegeladene romantische Punkrock-Komödie, die im Schlamm und Trubel eines Musikfestivals spielt – gedreht unter wahnwitzigen Bedingungen bei T in the Park, dem größten Festival in Schottland.
Am Vortag konnten wir erleben, was herauskommt, wenn ein paar deutsche Dilletanten drauf losdrehen und improvisieren. Hier erleben wir, wie ein paar britische Könner drauf los drehen und improvisieren.
Ausgerechnet beim T-in-the-park-Festival mit über 100.000 Besuchern wollten sie eine Romantikkomödie im Musikzirkus drehen, mussten feststellen, dass weder Drehplan noch Drehbuch unter diesen unkalkulierbaren Bedingungen eingehalten werden konnten und ließen der Ausgangssituation ihren Lauf.
Eine Musikerin und ein Musiker, die sich eigentlich nicht besonders mögen, werden von einem örtlichen Polizisten mit Handschellen aneinander gefesselt. Die Auftritte, die Bewegung auf dem Festivalgelände, der nächtliche Schlaf und auch Toilettengänge stellen bisher unbekannte logistische Probleme dar. Schließlich kriegen sie sich doch. Was banal klingt und eigentlich ist, wird mit Tempo, Spielfreude, elektrisierenden Musikeinlagen und skurillen Eindrücken aus dem Festivalbetrieb erzählt. Die beiden Darsteller spielen in je einer Band mit. Da mussten sie weder Musikern das Schauspielen noch Schauspielern das Singen beibringen. Die weibliche Hauptdarstellerin Natalia Tena spielte bei Harry Potter die freche Punk-Hexe Tonks.
Ein sehr lustiger Partyfilm, der einfach für gute Laune sorgt.
Note = 1
Mitternacht im Central
EXTINCTION – THE G.M.O.-CHRONICLES
von Niki Drozdowski (anwesend), Deutschland 2011, englische Originalfassung, DCP
Eine Handlung bleibt uns auf der Internetseite erspart. Im Katalog lesen wir von einem Retrovirus, welches ursprünglich als Werkzeug industrieller Gentechnik konzipiert war, außer Kontrolle gerät, für die Apokalypse sorgt und seine Opfer entweder tötet oder zu Mutationen aus Mensch, Tier und Pflanze macht. Hmmm, da war ich wohl im falschen Film. Hier gibt es keine Tier- oder Pflanzenmutanten. Das hier ist nämlich ein – Verzeihung, aber höflicher geht es nicht – banaler Zombiefilm für die Videothek und die Kaufhaus-Grabbeltische. Die Handlung erspare ich mir jetzt ebenfalls im Wesentlichen. Es werden halt Überlebende gesucht, Zombies erschossen und in einer verlassenen Militärbasis hausen sie. Fukushima sei Dank konnten wohl noch rechtzeitig explodierende Kernkraftwerke in die Handlung eingebaut werden, die mangels bedienender Menschen und funktionierender Kühlanlagen überkochen.
Die Handlung ist alles Andere als überzeugend und originell und wirkt durchgehend wie eine kölnisch-rheinische Version von 28 DAYS LATER. Die darstellerischen Leistungen sind in Ordnung. Ein Publikum der besonderen Art kann man immerhin mit gelungenen Make-up-Effekten und etwas Blutbad überzeugen. Aber die Gesichter der Zombies sehen eher aus wie vertrocknete Gurkenmasken und beim Erschießen gibt es computeranimierte Blutspritzer. Ausstattung und Szenen des menschenleeren Köln sind allerdings sehr gelungen und der Film hat Tempo. Neu ist, dass die Untoten akrobatisch sehr vielseitig sind, aus dem Stand über Mauern und Zäune hopsen und an Fassaden hoch klettern können. Gedreht wurde ohne Filmförderung und ohne Beteiligung von Fernsehsendern und unter diesem Aspekt verdient der insgesamt professionell gemachte Film Respekt. Mangels Schlaf döse ich ein paar mal weg, bekomme aber alles Wesentliche mit.
Gedreht wurde auf englisch, um den Film besser international vermarkten zu können, und so gibt es immerhin schon eine Vermarktung in Großbritannien.
Im ersten Drittel des Films schmiert die Digitalprojektion ab und es dauert einige Minuten zur Wiederherstellung. Danach müssen wir ein paar mal den Atem anhalten, weil das Bild still steht; das sind dann auch tatsächlich einige der spannendsten Momente dieser Vorstellung. Der Regisseur ist sehr unzufrieden, da nach der Reperatur die Farben sehr unecht auf der Leinwand erscheinen. Pech gehabt. So ist das eben mit Digitalprojetkionen. Entweder ein Kinobetreiber schafft sich die beste Digitalprojektion an die es gibt oder die einzige Alternative lautet 35mm.
Note = 4+
3:00 Uhr: Harald musste unbedingt noch auf eine Filmpartie gehen und mir den Schlaf rauben. Wir kommen in der Pension an und sind nicht die Letzten. Wenn jemand durch das Treppenhaus oder den Flur läuft, knarrt es laut. Benutzt jemand nebenan das Waschbecken, gluckert es Minuten lang in meiner Duschkabine. Das sind nicht optimale Bedingungen, aber ich schlafe zum Glück verhältnismäßig gut und lange.
Harald musste unbedingt noch auf eine Filmpartie gehen und mir den Schlaf rauben. Wir kommen in der Pension an und sind nicht die Letzten. Wenn jemand durch das Treppenhaus oder den Flur läuft, knarrt es laut. Benutzt jemand nebenan das Waschbecken, gluckert es Minuten lang in meiner Duschkabine. Das sind nicht optimale Bedingungen, aber ich schlafe zum Glück verhältnismäßig gut und lange.
Samstag, 29. Oktober
10:00 Uhr: Mist. Ursprünglich war der Plan, den Tag fast ausschließlich im schönsten Festivalkino, dem Scala zu verbringen. Vier Filme nacheinander sollten es sein. Beim Sortieren stellen wir fest, dass wir einen Film davon gar nicht und einen nur einmal haben, dafür einen Film dreifach und eine Karte für einen Sonntagsfilm, den wir nicht möchten. Es war wohl ein Fehler, der Frau im Kartenhäuschen das Filmprogramm mit meinen Markierungen zu geben, um ihr die Lauferei zu ersparen. Die Schuld liegt eindeutig bei uns; wir hätten sofort kontrollieren sollen. Es wäre aber sofort oder wenigstens eher aufgefallen, wenn auf den Karten der Filmtitel oder wenigstens die Uhrzeit eingetragen wären. So sind zwei unserer Wunschfilme ausverkauft. Die dritte Karte und die Einzelkarte tauschen wir um, eine Karte werde ich direkt bei einer Interessentin los. Nur mal so zum Vergleich: Beim EXGROUND-Festival in Wiesbaden steht das komplette Programm vier Wochen vor Festivalbeginn online. Seit 31. Oktober sind Karten erhältlich. Zugegebenermaßen sind es nur vier Festivalkinos an verschiedenen Standorten und weniger Filme an immerhin neun Festivaltagen. Aber es gibt nur an zwei Kinos Kartenhäuschen mit je einer Person drin. Sämtliche Karten sind mit Abspielstätte, Filmtitel und Zeit bedruckt. Das KANN nicht so schwer sein.
10:45 Uhr im Central
HALLAM FOE
10:00 Uhr: Mist. Ursprünglich war der Plan, den Tag fast ausschließlich im schönsten Festivalkino, dem Scala zu verbringen. Vier Filme nacheinander sollten es sein. Beim Sortieren stellen wir fest, dass wir einen Film davon gar nicht und einen nur einmal haben, dafür einen Film dreifach und eine Karte für einen Sonntagsfilm, den wir nicht möchten. Es war wohl ein Fehler, der Frau im Kartenhäuschen das Filmprogramm mit meinen Markierungen zu geben, um ihr die Lauferei zu ersparen. Die Schuld liegt eindeutig bei uns; wir hätten sofort kontrollieren sollen. Es wäre aber sofort oder wenigstens eher aufgefallen, wenn auf den Karten der Filmtitel oder wenigstens die Uhrzeit eingetragen wären. So sind zwei unserer Wunschfilme ausverkauft. Die dritte Karte und die Einzelkarte tauschen wir um, eine Karte werde ich direkt bei einer Interessentin los. Nur mal so zum Vergleich: Beim
aus der David-Mackenzie-Retro, Großbritannien 2007, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, 35mm
Ein halb verwilderter Teenager ist überzeugt, dass seine Stiefmutter seine Mutter umgebracht hat. Er läuft von zu Hause fort, um auf den Dächern von Edinburgh zu leben, und verliebt sich in ein junge Frau, die ihn an seine Mutter erinnert. Düstere romantische Komödie über das Erwachsenwerden.
Eine tragische Geschichte um einen armen jungen Mann mit erheblichen psychischen Problemen kann sehr öde und deprimierend sein. David Mackenzie schafft es aber mit überzeugenden Figuren, gelungenem trockenem Humor und erstklassigen Darstellern großartig zu unterhalten.
Jamie Bell (Durchbruch als Billie Elliot, derzeit in TIM UND STRUPPI als Computeranimation zu sehen) ist phänomenal. Psychische Störungen und auch noch eine Note Ödipus können bei einer falschen Bewegung schnell zum Karriereende führen und daher ist es auch noch extrem mutig, so eine Rolle zu spielen. Dass ausnahmslos alle schauspielerischen Leistungen sehenswert bis großartig sind, führe ich nicht zuletzt auf die Leistung des Regisseurs zurück.
Note = 1
Wir beschließen, um 14:00 Uhr in das Club-Gespräch mit David McKenzie zu gehen.
Harald kommt aber zu spät und das Kino ist voll, da geht er in einen französischen Film ins Nachbarkino und erlebt die unglaubliche aber leider alltägliche Situation, dass ein Kinobesucher während des Films angerufen wird und tatsächlich mit seiner Lebensgefährtin die Einkaufsliste für das Abendessen durchgeht. Überhaupt ist es schon eine Seuche, dass überall von Straßenverkehr bis Kinovorstellung telefoniert, gesurft und das Gesichtsbuch gepudert wird. Kaum ist im Festivalkino der Abspann am laufen, geht ein Sternenbanner an Mobiltelefonen an – sogar die Anwesenheit von Filmemachern ist kein Anlass zur Zurückhaltung. Der Film war wohl in Ordnung.
Sowohl die frühen Kurzfilme als auch das Gespräch mit David McKenzie sind sehr interessant. Er hat die Angewohnheit, Darsteller, die gerne improvisieren (z.B. Ex-Trainspotter Ewen Bremner), und Darsteller, die sich gerne direkt an das Drehbuch halten (Ewan McGregor), zu kombinieren, was interessante Impulse für die Dreharbeiten und den Film bringt. Er hat ein gutes Auge für Personen, Landschaften und interessante Situationen, was in seinen Filmen gut zur Geltung kommt. Obwohl er sehr talentiert ist und das offensichtlich weiß, bleibt er auf dem Teppich und ist sehr nett und symphatisch.
Ich lasse mir ein Autogramm in den Filmkatalog geben. 1994 war der Neuseeländer Peter Jackson mit einer Retrospektive und seinem damals aktuellen Film HEAVENLY CREATURES in Hof. Kate Winslet hatte hier ihr Filmdebut, bevor sie mit TITANIC zum Weltstar wurde. Ich bekam ein Autogramm von Peter Jackson. Außer den Fans schräger Horrorkomödien kannte ihn nur Wenige. Das änderte sich bald, denn wenig später begann er mit der Arbeit an der HERR-DER-RINGE-Trilogie. Wer weiß, welche Wege die Karriere von David McKenzie noch gehen wird. Vielleicht komme ich in 15 bis 20 Jahre wieder nach Hof und kann ich auch mit einem Autogramm von ihm etwas angeben. Da muss er herzlich lachen.17:00 Uhr im Scala
LA GUERRE EST DÉCLARÉE von Valerie Donzelli (auch weibliche Hauptrolle), Frankreich, französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, DCP
Ein junges glückliches Paar, Romeo und Juliette. Ihr kleines Kind, Adam. Eine starke Bewährungsprobe. Und die grandiose Liebesgeschichte einer kleinen Familie. Der Film erzählt die ebenso authentische wie romantische, autobiografische Geschichte eines modernen Liebespaares. Vor eine harte Bewährungsprobe gestellt, erklären die beiden Liebenden dem Feind ihres Glücks kurzerhand den Krieg und kämpfen ebenso kraft- wie humorvoll um ihr Happy-End.
Der ernsthafte und gut gespielte Film büßt leider Intensität durch erzählerische und optische Mängel ein. Eingeschobene Monologe einer Hintergrundstimme, welche die Handlung weiter erzählen (hier sind es gleich drei verschiedene Stimmen), zeugen eher von Momenten der Einfallslosigkeit. In einer Klinik sind geometrische Formen wie Dreiecke und Rauten an den Wänden zu sehen. Im Gespräch mit der behandelnden Ärztin sind die Eltern des krebskranken Jungen so zwischen Kamera und Wand platziert, dass die eckigen Tapetenelemente aus deren Köpfen herauszuragen scheinen. Das mag vielleicht eine optische Rafinesse in Bezug auf den Hirntumor des Jungen sein; allerdings verzichtet die Regisseurin sonst auf solche Stilmittel und es scheint eher eine Unaufmerksamkeit zu sein wie der sprichwörtliche Baum, der aus dem Kopf wächst und immer als Beispiel für fotografische Pannen gilt. Auch eine Szene, in der die Eltern plötzlich unmotiviert beginnen, sich im Stil eines Musicals etwas vorzusingen, wirkt eher etwas verunglückt.
Note = 3-
Zwischenzeitlich wollen wir in einen Dokumentarfilm gehen, kommen aber nach einem Zwischenstop im Eiscafé zu spät. Es ist noch genau ein Rasiersitz in der ersten Reihe zu erkennen, einige Leute sitzen auf den Treppen. Es ist unangenehm warm im Kino und ich bevorzuge es, an die frische Luft zu kommen.
Nach ein bischen Herumtrödelei gehe ich bei einem Italiener essen. Da im Restaurant alle Plätze besetzt sind, platziere ich mich draußen und werde zwischenzeitlich Zeuge einer Unterhaltung von vier Filmhochschul-Hobbits, die sich für die zukünftigen Herrscher der internationalen Film- und Fernsehwelt halten. Viele Jahre lang wurden unzählige Vorstellungen von Filmhochschülern mit ihren Übungs-Kurzfilmen und teilweise von ihren jubelnden Semesterkollegen beherrscht. Die filmischen Ergebnisse waren nicht selten grausam bis bemitleidenswert und die Selbstbeweihräucherung der Szene war oft unfreiwillig komisch. Inzwischen sind die Filmhochschüler seltener da, vielleicht auch, weil sich ein wachsender Teil des Publikums davon genervt fühlt.
Nun sitze ich hier im Freien und esse Ravioli mit Kürbisfüllung (trotz Herbst und Halloween gibt es in der kommerziellen Gastronomie außer den ein / zwei Süppchen immer noch zu wenig Gerichte mit Kürbis). Ha, der eine Student will Werbeprofi werden, die andere verlässt sich ganz auf die Einflüsse der Fernsehsender, die schon sehr früh in die Filmhochschule kommen und den Unterricht auf ihre Bedürfnisse der pilcherisierten Fernsehspielunterhaltung abstimmen möchten; und da bei der Romantikschnulze der Woche möchte sie hin, weil da wohl mit die besten Verdienstmöglichkeiten in Aussicht gestellt werden. Ein Dritter möchte sich künstlerisch entfalten, war bei einem Austauschseminar in Frankreich und ist ganz erstaunt, wie frei und selbstständig die Studenten hier filmisch experimentieren können. Und dann möchte er das wahre Leben verfilmen und hat die Idee eines dreizehnjährigen Mädchens, das seine sexuelle Unschuld versteigern möchte, um die Schulden der Eltern tilgen zu können. Gepose ohne Ende.
21:45 Uhr im Scala
BABYCALL
von Pal Sletaune, Norwegen / Deutschland, norwegische Originalfassung mit deutschen Untertiteln, 35mm
Anna und ihr achtjähriger Sohn Anders sind auf der Flucht vor Anders’ gewalttätigem Vater. Unter einer geheimen Adresse ziehen sie in ein riesiges Appartmenthaus. Anna hat schreckliche Angst, dass ihr Ex-Mann sie finden könnte, und kauft ein Babyphone, um den schlafenden Anders in Sicherheit zu wissen. Über das Babyphone hört sie seltsame Geräusche, die irgendwo aus dem Gebäude kommen. Anna glaubt, dass sie den Mord an einem Kind belauscht hat. Anders hat in der Zwischenzeit einen seltsamen dunkelhaarigen Freund gefunden, der kommt und geht wie es ihm beliebt. Weiß Anders’ Freund etwas über die Geräusche aus dem Babyphone? Wieso ist Blut auf Anders’ Zeichnung? Sind sie immer noch in Gefahr?
Etwas, von dem, was wir hier als Handlung sehen, ist ganz anders. Der Regisseur gibt uns bereits ganz am Anfang die Gelegenheit, etwas davon heraus zu finden, und fordert bis zum Schluss unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Manche Fragen bleiben offen und der Regisseur genießt unsere Ratlosigkeit. Im Gespräch auf der Bühne und im kleinen Kreis im Kinofoyer erzählt er von norwegischen Filmforen, in denen hunderte von möglichen Theorien über die Auflösung ausgetauscht werden. Wie Vieles aus Schweden, Norwegen oder Dänemark ist das hier ein Psychokrimi der Spitzenklasse.
Die weibliche Hauptrolle spielt Noomi Rapace, die Lisbet Salander aus den MILLENIUM-Filmen. Aufgrund von hessischer Filmförderung wurden diverse Szenen in einem Frankfurter Krankenhaus sowie auf einem Frankfurter Schulhof gedreht.
Es ist bereits ein Hollywood-Remake mit zuckerglasiertem Ende in Vorbereitung.
Note = 1
0:45 Uhr im Central
von Andreas Marschall, Deutschland, deutsche Originalfassung, DCP
Stella, die lange vergeblich versucht hat, sich an einer Schauspielschule zu bewerben, wird überraschend an der Privatschule “Matteusz Gdula” angenommen. Stella ist ehrgeizig, aber nicht sehr talentiert, was sie schnell zur Zielscheibe des Gespötts der anderen Schauspielschüler macht. Nur in der schüchternen Cecile, die in der Schule zu leben scheint, findet sie eine neue Freundin. Von ihr erfährt sie von Gdula, dem geheimnisvollen Gründer der Schule, der eine fragwürdige Schauspielmethode entwickelt hat. In den 70er Jahren kamen in seiner Theatergruppe mehrere Schüler ums Leben. Gdula brachte sich um, seine Methode wurde verboten. Als eine Schülerin spurlos verschwindet, vermehrt merkwürdige Geräusche aus dem geschlossenen, baufälligen Flügel der Schule dringen und die Lehrerschaft ihren Fragen zu Gdula und seiner Methode ausweicht, ahnt Stella, dass jemand Gdulas Lehre noch praktiziert. Und will auf jeden Fall daran teilnehmen. Selbst, wenn es sie das Leben kosten sollte…
Das klingt wie ein Dario Argento für Arme, ist aber ein wirklich spannender und interessanter Gruselkrimi. Inspirationsquelle sind die italienschen Genreperlen der 70er und frühen 80er Jahre. Der Regisseur scheint Einige davon gesehen zu haben, schwelgt in deren Stilmitteln und zitiert sie ausgiebig und hingebungsvoll von den ausgedehnten Kamerafahrten bis zur Ausstattung und der Filmmusik. Direktes Vorbild ist natürlich Argento´s SUSPIRIA, den er zwar audiovisuell nicht erreichen kann, schauspielerisch und inhaltlich allerdings kaum zu fürchten braucht. Hier ist es nicht wie bei Argento eine amerikanische Jungtänzerin (bei Argento sind es immer amerikanische Touristen, Tänzerinnen, Musiker oder Autoren, die in einen Morfall geraten) sondern eine deutsche Schauspielerin. Im letzten Drittel lässt der Film an Spannung etwas nach. Hier die Handlung um zehn oder zwanzig Minuten zu raffen, wäre nicht die schlechteste Idee gewesen. Allerdings überzeugt der Schluss nochmal, lässt er dem Publikum doch die Interpretation zwischen zwei möglichen Auflösungen.
Die Mordszenen sind sparsam, aber durchaus heftig und blutig gestaltet, hätten allerdings etwas abwechslungsreicher in der Wahl der Waffen und Todesarten sein können.
Die Digitalprojektion lässt vermuten, dass die Farbgestaltung besser hätte zur Geltung kommen können, aber mit dieser Projektionstechnik im Kino scheint leider nur Mittelmaß möglich zu sein.
Im Abspann bedanken sich die Filmemacher abschließend noch bei der Dreifaltigkeit des italienschen Genrekinos: Mario Bava, Dario Argento und Sergio Martino
Eine überaus positive Überraschung, die vermutlich leider direkt auf DVD herauskommen wird.
Note = 2
Harald, der eigentlich noch auf eine Party gehen wollte, hatte vor diesem Film bereits zwei Weizenbier getrunken und Teile des Films verschlafen. Auf die Party verzichtet er nun doch, da wir am Sonntag um 7:00 Uhr aufstehen und zurück nach Frankfurt fahren müssen. Harald´s Frau nimmt dort an einem Marathonlauf teil. Zum Glück wurde in der Nacht auf Sonntag auf Winterzeit umgestellt und wir haben immerhin eine Stunde mehr.
Fazit: Insgesamt war es ein vergleichsweise sehr sehr guter Jahrgang. Es gab einige positive Überraschungen, allerdings auch mehrere äußerst negative. Anspruch und Spektrum der Hofer Filmtage sanken in den vergangenen Jahre kontinuierlich in die Provinzialität und Bedeutungslosigkeit. In unseren Anfangsjahren gab es ein äußerst interessantes Angebot von Filmen aus Ländern wie Kanada, Australien, Neuseeland; die Regisseure, Darsteller/innen oder andere Teammitglieder waren oft da.
Damit ist das Film- und Künstlerspektrum aus den vergangenen Jahren leider nicht mehr zu vergleichen. Dieses Jahr war überdurchschnittlich gut, allerdings wurde der Schnitt erheblich durch die Anwesenheit und die Filme von David McKenzie gehoben.
Insgesamt war es ein vergleichsweise sehr sehr guter Jahrgang. Es gab einige positive Überraschungen, allerdings auch mehrere äußerst negative. Anspruch und Spektrum der Hofer Filmtage sanken in den vergangenen Jahre kontinuierlich in die Provinzialität und Bedeutungslosigkeit. In unseren Anfangsjahren gab es ein äußerst interessantes Angebot von Filmen aus Ländern wie Kanada, Australien, Neuseeland; die Regisseure, Darsteller/innen oder andere Teammitglieder waren oft da. Damit ist das Film- und Künstlerspektrum aus den vergangenen Jahren leider nicht mehr zu vergleichen. Dieses Jahr war überdurchschnittlich gut, allerdings wurde der Schnitt erheblich durch die Anwesenheit und die Filme von David McKenzie gehoben.
S. auch:
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2008
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Exground 21
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2009
Filmfestivals für Poser – Die Internationalen Hofer Filmtage 2009
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Nippon Connection, das japanische Filmfestival 2010
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfest 2010
Filmfestivals für Fortgeschrittene – EXGROUND 23 (2010)
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Nights 2010
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Nippon Connection, das japanische Filmfestival 2011
Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfestival 2011 Filmfestivals für Fortgeschrittene – Fantasy Filmfestival 2011http://www.readers-edition.de/2011/09/04/filmfestivals-fuer-fortgeschrittene-fantasy-filmfest-2011
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